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16.09.07Leser-Kommentare

Web 0.0 bei Ringier

Der Begriff Web 0.0 wurde von Handelsblatt-Journalist Thomas Knüwer geschaffen. Er bezeichnet die "Bewegung" einer Generation von Führungskräften, die sich von Berufs wegen auf das Internet einlassen sollte, sich diesem aber verweigert. Es von ihren Mitarbeitern bedienen lässt. Und dennoch Meinungen dazu hat. Ich glaube, Michael Ringier gehört auch dazu. Michael Ringier ist als Chef von Ringier der grösste Verleger der Schweiz. Er setzt weiterhin auf bedrucktes Papier.

Um Michael Ringier zu verstehen, müssen wir erst mal wissen, wie sein Tagesablauf aussieht. Er steht auf, geht ins Büro und liest. Zeitungen und Zeitschriften:

 

Ich habe morgens immer dieselbe Reihenfolge: zuerst «Blick», dann «Tages-Anzeiger», «NZZ» und dann selektiv ausländische Zeitungen und jede Menge Zeitschriften. Regelmässig kann ich nicht alle lesen, sonst wäre der Tag vorbei.

Was im Internet steht, interessiert ihn nicht, denn "kein Schwein interessiert das":

 

Im Internet wird zwar wahrscheinlich mehr kritisiert als in allen Zeitungen zusammen, aber kein Schwein interessiert das. Da gibt es Blogs und persönliche Homepages und weiß der Teufel was. Das findet aber niemand. Und deswegen werden wohl in Zukunft die Zeitung und die Zeitschrift diesen Platz stark für sich beanspruchen.

 

Das findet aber niemand? Nehmen wir als Beispiel die Boulevardzeitung Bild. Sucht man nach der bei google.de, erscheint als zweite Website bildblog.de, "Kritische Notizen über eine große deutsche Boulevardzeitung".

Er macht aber auch noch andere Dinge tagsüber. Der taz verrät er auf die Frage "Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?":

 

Ich muss viel repräsentieren. Ich reise viel. Das ist sehr spannend, vor allem, wenn Herr Schröder mitfährt. Aber das Schönste ist, dass ich Herr meines Terminkalenders bin. Ich habe wenig Sitzungen. Plötzlich ruft ein Chefredaktor an, sagt: "Hör mal, können wir da was besprechen?" Dann kann man das am selben Tag machen. Oder ich spaziere durch die Redaktionen, tauche mal auf und gehe mit jemandem einen Kaffee trinken.

Seltsam. Die Chefs, die ich kenne, trinken zwar auch Kaffee und haben Zeit für spontane Besprechungen. Aber die bedienen Blackberrys, lesen und schreiben Mails, lesen und schreiben Blogs, smsen, telefonieren, kurz, kommunizieren mit allerlei modernen Kommunikationsmitteln. Michael Ringier aber offenbar nicht. Er liest ausgedruckte Texte, er reist viel und er "repräsentiert".

Und wenn wir schon bei den ausgedruckten Texten sind, lesen wir mal, was Herr Ringier auf die Frage, ob er an die Zeitung aus Papier glaube, sagt (jene, denen das zuviel ist jetzt, können sich das ja ausdrucken):

 

Unbedingt. Sogar die Computerfreaks drucken doch dauernd irgendwas aus. Selbst meine Töchter lesen doch nicht am Computer. Die mailen sich, die schauen sich Videos an. Aber wenn sie wirklich was lesen wollen, muss es gedruckt sein. Dann ist die Zeitung natürlich auch für den Anzeigenkunden ein wunderbares Modell. Wir können dem Konsumenten im gedruckten Medium Anzeigen unterschieben, ohne dass es ihn stört.

Nein, eben nicht! Computerfreaks drucken sich NICHT dauernd irgendwas aus. Computerfreaks drucken sich NIE was aus. Sogar ich, der ich mich nicht als Computerfreak bezeichnen würde, drucke sehr sehr selten was aus. Aber ich habe den gesamten taz-Text eben am Bildschirm gelesen. Mit dieser Handlung gehöre ich nicht der Mehrheit an, das ist wahr. Aber es ist die Handlung der Zukunft. Bald wird die Technik Mittel erfinden, mit denen wir Online-Texte angenehmer lesen können. Und das wird nicht in hundert Jahren soweit sein, sondern in fünf oder in zehn. Michael Ringier ist da aber ganz anderer Meinung:

 

Außerdem ist das Lesen auf Papier wesentlich angenehmer als auf dem Bildschirmformat. Das kann keine Technologie der Welt ändern.

Und es geht weiter. Auf die Frage "Warum soll der Leser sich nicht selbst seine Informationen zusammenstellen?", ein Vorgang, den alle Menschen, die einen RSS-Reader verwenden, schon längst machen (und übrigens auch Offline-Menschen machen, in dem sie ausgewählte Medien konsumieren), sagt er:

 

Das hat noch nie wirklich funktioniert. Ich höre das seit 20 Jahren, aber durchgesetzt hat es sich noch nicht. Das ist ein ziemlich alter Hut.

Wie er zum Internet steht, ist seinen Aussagen zu entnehmen. Er spricht von "diesem unsäglich doofen Bildschirm", gibt aber zu, dass die Hoheit über den Journalismus verloren gegangen ist. Und zwar an "sonst was" und "weiß der Teufel was":

 

Es gibt Blogs, es gibt alles Mögliche, von Leser-Handy-Fotos bis zu sonst was.

Da gibt es Blogs und persönliche Homepages und weiß der Teufel was.

Bei Blick Online ist der Posten des Chefs seit Juli 2007 vakant, nachdem Samuel Reber bereits nach 90 Tagen Amtszeit wieder abdankte. Wundert sich darüber noch jemand, wenn von ganz oben solche Aussagen zu hören sind?

 

Im Internet finde ich ja meist nur, was ich suche. In der Zeitung finde ich Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mich interessieren.

Hä? Ist das auch auf Blick Online so? Geht man nicht da drauf, um etwas zu finden, das man gar nicht suchte? Bei solchen Aussagen kann man nur noch den Kopf schütteln.

Vielleicht sollte er mal das Leseverhalten seiner Töchter genauer analysieren:

 

Zu meinem Ärger lesen beide immer Zwanzig Minuten, die Gratiszeitung von der Konkurrenz, aber jetzt, Gott sei Dank, manchmal auch heute, unsere Abendzeitung.

Eine Online-Zukunft gibt es bei Ringier zurzeit nicht, auch wenn das von Ringier so kommuniziert wird. Die Wirtschafts-Gratiszeitung Cash Daily hat nämlich offenbar derart unterirdische Leserzahlen, dass die Zahlen bei der letzten WEMF-Auswertung gar nicht dabei waren. Und der Online-Auftritt von Cash Daily, angeblich sehr zukunftsweisend, ist hinter hohen Barrieren eingezäunt. Um überhaupt was zu sehen, muss man sich zuerst anmelden. Und ist man dann auf Inhalte gestossen, kann man sie nicht verlinken. Dass sich Leser freiwillig in ein Käfig begeben und dort brav Klicks produzieren, ist vermutlich die Vision der Cash Daily-Macher. Die Nutzer, von denen sich 31.500 neugierig genug waren, sich einen Account anzulegen, darunter auch ich und Peter, kommen vielleicht täglich wieder oder auch nie, wie ich.

Ein anderes Online-Projekt ist youme.net, ein auf die Deutschschweiz ausgerichteter Mix von Myspace und Youtube, an dem Ringier eine Minderheitsbeteiligung von 33 Prozent innehat. Vielleicht wird das mal richtig abheben. Vielleicht ist es aber auch ein Projekt wie Cash Daily. Mit vielen bezahlten Mitarbeitern, die mit mittelmässigen Inhalten User auf ihrer Seite halten möchten.

Zu diesem Artikel empfehlen wir auch unseren Artikel "Frank A. Meyer ist kein Dinosaurier".

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • andreas

    16.09.07 (10:47:11)

    Michael Ringier scheint ein sehr engstirniger Mann zu sein. Liegt wohl daran, dass ein offenbar auch sehr engstirniger Mann (Frank A. Meyer) sein Einflüsterer ist. Erinnert mich irgendwie ein den zweiten Herr-der-Ringe-Film. Ringier ist Théoden, Meyer ist Grima Schlangenzunge. Anyway. Michael Ringier sieht eine Unvereinbarkeit, wo keine ist. Warum kann er nicht gute Zeitungen und *gleichzeitig* gutes Internet machen? Dann würde er nämlich zweigleisig fahren, was etwas ist, was kluge Menschen tun. Schliesslich kann es ja auf einer Schiene auch mal schief gehen, was angesichts der Entwicklung des Blicks auch nicht allzu abwegig wäre. Woher die Lobeshymnen für Cash daily kommen, kann ich nicht begreifen. Denn ein journalistisch nicht allzu schlechtes Produkt (Cash) wurde durch ein miserables (Cash Daily) ersetzt. Dafür kriegt man es jetzt gratis, was aus einem miserablen Produkt bestenfalls ein schlechtes macht. Die Internet-Seite von denen habe ich persönlich noch nie gesehen (ausser die Startseite), was zwangsläufig heisst, dass dort die falsche Strategie gefahren wird. Newsletter? Wer abonniert heutzutage noch Newsletter? Dass seine Kinder 20 Minuten lesen, aber keinen Blick, den sie sicher gratis zur Verfügung hätten, sollte ihn mehr als alarmieren.

  • origami

    16.09.07 (17:44:27)

    Der Verlag Ringier macht ja eigentlich, zumindest in der Schweiz, alles falsch. Aber hier muss ich als Heavyuser des Internets Michael Ringier recht geben: Wenn ich soviel Kohle hätte, dass ich das meinen Mitarbeitenden und Geschätspartnern vorschreiben könnte und meine Texte zudem diktieren könnte, würde ich nur noch Briefe und Postkarten entgegennehmen und meinen Mailaccount schliessen. Ach, was wäre das für ein angenehmes Leben.

  • 16.09.07 (20:03:11)

    auch ich lese nie was direkt im internet. dafür haben wir bei HEUTE 12 praktikanten. die drucken mir 3x täglich das internet aus und legen es mir sortiert nach alphabet auf den tisch. ps: dieser kommentar wurde in wahrheit durch praktikant röbi t. verfasst.

  • Jean-Claude

    17.09.07 (12:09:29)

    Was derzeit auf dem Schweizer Printmarkt läuft - 5.Gratiszeitung, 4.Sonntagszeitung usw. - gibt Michael Ringier ja tatsächlich Recht. Was in zehn Jahren sein wird, weiss niemand. Ich glaube auch nicht an das Ende des Prints. Mein Beispiel ist immer das Medien-Fossil "Buch" : Noch nie wurden so viele Bücher gedruckt, gekauft und gelesen wie heute. Es ist kein Ende abzusehen. Trotz aller gegenteiliger Behauptungen. Dass, wie Ronnie Grob meint, in 5 oder 10 Jahren "neue Techniken" das on line-Lesen attraktiver machen als den Print, halte ich ebenfalls für hochgradig unwahscheinlich. Jedenfalls ist es keine Option, auf die man eine Strategie aufbauen sollte. Das spricht übrigens überhaupt nicht gegen Blogs - im Gegenteil. Die haben sich als eigene Medienform etabliert, ohne andere Medien zu verdrängen. Dass Ringier auf die so grandios herbeigeredete "Weltpremiere" mit Cash daily nicht näher einging, ist nachvollziehbar. Flops redet man zuerst eine Weile schön - und beerdigt sie dann leise. Dass hingegen die Leser mit dem voreilig stillgelegten CASH "extrem zufrieden waren", wie Ringier jetzt feststellt, war ihm wohl völlig neu. Er hat das vorher offensichtlich nicht gewusst und ist erst durch die massenweise empörten Leserreaktionen darauf aufmerksam geworden. Ein wenig spät für einen Verleger, der gern Wert darauf legt, am Puls der Zeit und "näher am Leser" zu sein als andere. Vielleicht sollte er etwas häufiger in seinen Redaktionen herumspazieren und Kaffee trinken. Dass CASH tatsächlich am Anzeigenvolumen und nicht an den Lesern scheiterte, hätte bei Ringier ja ein verschärftes Nachdenken auslösen können. Aber das wäre wohl etwas zu viel verlangt. So lange dauern die Kaffepausen ja nicht.

  • Murmel

    17.09.07 (16:11:14)

    Ja, das dachte ich auch mal, dass ich nie etwas am Computer lesen werde. Doch wie sieht's heute aus? Am Morgen schaue ich mir den Blick, den Tagi, 20 Min und die NZZ an und stelle oft fest, dass ich vieles bereits am Vortag gelesen habe (und das erst noch am Bildschirm). Ich habe mich daran gewöhnt, meine Lesegewohnheiten und mein Leseverhalten hat sich also verändert. Zudem kann man mit drücken der Ctrl Taste und dem Rädchen der Maus, den Text auf jeder Internetseite wunderbar vergrössern oder verkleinern (es gibt sogar Webseiten, die das Anpassen der Schriftgrösse anbieten z.b. Spiegel.de oder Zeit.de). Kann ich das bei einer gedruckten Zeitung? Nope. Sicher, es ist ein unglaublich gutes Gefühl, aufzustehen, eine Kaffee zu trinken und dabei die Zeitung zu lesen und wenn dann noch die Morgensonne in die Küche scheint ist's schon fast wie im Film. Aber dann bitte eine Zeitung, die eine gute Schreibe hat oder über Dinge berichtet, die fernab vom sogenannten Zeitungsmainstream sind. Meine Empfehlung hierbei: Die Zeit und Woz... und für Musikliebhaber: Rolling Stones und Spex... (nicht vergessen, auch Bücher sind eine gute alternative zur gedruckten Zeitung)

  • Jean-Claude

    18.09.07 (10:29:14)

    @Murmel, du meinst Zeitungen, die von Leuten gemacht werden, die wirklich schreiben können? Die Chefredaktoren haben, die sich nicht bloss als Contentmanager verstehen, sondern die tatsächlich etwas von der Welt da draussen begreifen? Von Journalisten, die ihre bequemen Drehstühle verlassen und mit interessanten Leute (nicht nur mit Managern, Funktionären, Politikern, Lobbyisten) reden. Die auch dort recherchieren, wo es etwas mühsam wird? Die beobachten, was hinter den Kulissen wirklich passiert -und es dann auch zu schreiben wagen? Von Journalisten, die nicht einfach von einander abkupfern? Von Journalisten, die nicht korrupt sind? Meinst du all diesen altmodischen Kram? Da kann ich nur sagen: 120% Zustimmung. Aber such mal diese Zeitungen und diese Journalisten in der Schweiz. Natürlich gibt es ein paar davon. Aber gemessen an dem gesamten Contentausstoss jeden Tag sind es erschreckend wenige. Ein Beispiel ist die ganze Blocherei der letzten Tage. Oder hast du begriffen, was da wirklich abgeht? Dass da Journalisten verschiedener Medien in korrumpierender Weise direkt involviert sind, haben die meisten Medien - natürlich - einfach unterschlagen. Dabei läge genau bei solchen Vorgängen für die Printmedien die Chance, um längerfristig neben dem Internet zu bestehen. Aber es geschieht das Gegenteil: eben das, was du beschreibst. Es bräuchte Verleger, die das nicht nur kapieren, sondern auch wollen - und können. Nur: Solange sich Journalisten willig für alles Mögliche einspannen lassen, was man von ihnen verlangt, haben sie nichts Besseres verdient. Und so lange Leser den Machern nicht immer wieder zurufen, um nicht zusagen: zubrüllen: Spinnt ihr eigentlich! Wofür hält ihr uns!, solange müssen sie halt schlucken was sie vorgesetzt kriegen.

  • Marc

    07.12.07 (11:15:24)

    Rupert Murdoch war auch mal die Meinung, er brauche das Internet nicht... ;-)

  • Jean-Claude

    07.12.07 (13:22:00)

    @Mar: Tja, das war Rupert Murdoch. Der konnte sich so einen Irrtum leisten. Er hats ja dann doch schnell gemerkt. Andere sind weniger schnell - und können sich das erst recht nicht leisten.

  • mds

    25.02.08 (21:10:22)

    Immerhin wird youme.net per Web 2.0 liquidiert: http://www.medienspiegel.ch/archives/001988.html

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