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10.03.09Leser-Kommentar

WAZ-Werbeidee: Bye-bye, Glaubwürdigkeit

Parteien sollen auf derWesten.de für 25.000 Euro plus Mehrwertsteuer prominente Werbeplätze kaufen – das Wörtchen "Anzeige" kommt in der Präsentation gar nicht erst vor.

WAZ-Präsentation: Kommunalwahl für den Arsch?[hide][/hide]

Es geht schon los mit der ersten Folie der Präsentation: Die WAZ NewMedia GmbH will Parteien Werbung für die Kommunalwahl verkaufen, passend dazu sitzt eine Frau mit heruntergelassener Unterwäsche auf dem Klo. Kommunalwahlen für den Arsch? Wählen mal so schnell nebenbei, auf dem WC? Was für eine Steilvorlage, "platte sexistische Attitüde", freut sich Linkspartei in der taz, "sexistisch und geschmacklos" finden es die Grünen. Mittlerweile lenkt auch derWesten.de-Chefin Katharina Borchert ein und nannte das Bild gegenüber news.de "total daneben".

Also alles wieder in Ordnung? Nein. Es kommt noch schlimmer.

Denn die angesprochenen Parteien sollen für 25.000 plus Mehrwertsteuer ein schönes Werbepaket buchen, dass ihnen für vier Monate prominenten Platz auf den Kommunalwahlen-Seiten von derWesten.de zusichert. Wie das aussehen soll, zeigt die Präsentation:

WAZ-Präsentation: Dieser Platz kostet 25.000 Euro ohne Mehrwertsteuer

Ein Klick auf das Parteilogo führt dann auf eine sogenannte "Microsite" innerhalb von derWesten.de, auf der die Nutzer eine Karte sehen und lokale Informationen über die ausgewählte Partei abrufen kann. Veranstaltungen, Ortsverbände, Nachrichten, Kandidatenliste, alles sehr praktisch und übersichtlich. Ein toller Service für die Leser, den sich derWesten.de von den Parteien bezahlen lassen will.

In der Präsentation fehlt das Wort "Anzeige" noch rein zufällig – auch wenn Borchert gegenüber news.de versichert, man halte sich an den Pressekodex und würde klar optisch zwischen redaktionellen und gekauften Inhalten trennen. Denken wir uns also das Wort "Anzeige" dazu. Leider macht es das keinen Deut besser.

Denn das Problem ist nicht so sehr die Kennzeichnung. Das Problem ist das Vertrauen der Nutzer, das man sich auf diese Art und Weise nachhaltig verspielt. Denn gehört es nicht zu den Aufgaben der Medien, über Kandidaten zu informieren? Wie unvoreingenommen bin ich gegenüber einer Nachrichtenseite, die mir links und unten auf dem Bildschirm Parteien und weitere Informationen präsentiert – und die von mir favorisierte Partei fehlt?

Glaube ich dann noch an eine ausgewogene Berichterstattung? Die Frage ist gar nicht, ob die Berichterstattung irgendwie gefährdet sein könnte, nur weil die Anzeigenabteilung einen Werbedeal eingefädelt hat. Es geht um den Eindruck bei den Lesern, die plötzlich viel über die Parteien vor Ort rausfinden können, die in der Lage und bereit dazu waren, Geld auszugeben, während die anderen Parteien auf diesen gut sichtbaren und viel Platz einnehmenden Flächen überhaupt nicht vorkommen. Informationsangebote für Leser gegen Geld? Das ist Werbung.

Warum kann derWesten.de nicht Informationen über die Parteien vor Ort für mich als Nutzer anbieten? Warum bietet man stattdessen zahlenden Parteien Werbeplätze an?

Schließlich handelt es sich bei Parteien um etwas vollkommen anderes als um x-beliebige Konsumgüter. Dass auf einem Nachrichtenportal neben den Auto-Testberichten Werbung für Reifen oder ein Modell der Konkurrenz gemacht wird: Klar. Dass finanzkräftige Parteien mehr Plakate in die Landschaft pflastern können: Klar. Womöglich lässt sich diese Form der Werbung, als "Anzeige" gekennzeichnet, auch hervorragend mit dem Pressekodex vereinbaren.

Aber dass sich auf einem Portal zur Kommunalwahl nur die Parteien mit Logo und weiterführenden Informationen wiederfinden, die dafür Geld ausgeben, kratzt an der Glaubwürdigkeit des journalistischen Angebots.

Bleibt nur zu hoffen, dass neben FDP, Linkspartei und Grüne auch die verbliebenen Parteien von diesem Angebot dankend Abstand nehmen.

Links:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • bulldrinker

    10.03.09 (18:29:55)

    Solange die Berichterstattung nicht vom Einkauf der Anzeigen der Parteien abhängig ist, ist alles in Ordnung!

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