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08.10.09Leser-Kommentare

Was gemeint ist mit: "Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein."

"Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein." - Dieser von deutschen Politikern wie Verlegern oft wiederholte Satz ist nicht nur unsinnig. Er sagt auch viel über diejenigen aus, die ihn mantraartig wiederholen.

(Bild: iStockphoto.com)"Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein."

Kaum ein Satz von Politikern und anderen Machtmenschen, der politikinteressierte junge Deutsche so auf die Palme bringen kann.

So inhaltlich falsch die unterstellte Prämisse ist - 'das Internet ist ein rechtsfreier Raum und muss gebändigt werden' oder 'manche 'Internetfreaks' wollen das Internet zu einem rechtsfreien Raum machen' -, so oft fällt dieser Satz. Meist von jenen, die mit dem Internet sonst nichts am Hut haben. Ignoriert wird dabei komplett, dass das Internet weitaus stärker reglementiert ist, als es offline das "reale Leben" ist.

"Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein."

Dieses Mantra vieler Journalisten, Verleger und Politiker, was bedeutet es? Was wollen die, die nicht einmal versuchen, intellektuell schwere Geschütze für ihre Sache aufzufahren, damit erreichen?

Ganz einfach:

"Das Internet darf nicht zu viel verändern. Wir müssen Veränderungen durch das Internet rückgängig machen."

Ein Beispiel:

Die Musikindustrie kann Filesharer urheberrechtlich geschützten Materials verklagen. -> kein rechtsfreier Raum

Sie kann aber Filesharing, das ihr altes Geschäftsmodell unterminiert, nicht verhindern. -> Das darf nicht sein

Was ist das Problem?

Das Internet verändert die Gesellschaft. Und zwar ganz wesentlich.

Private Handlungen (im Bsp.: Privatkopie) können ohne zusätzliche Kosten(!) in industriellen Größenordnungen (im Bsp.: Filesharing) betrieben werden. Das wiederrum basiert auf der digitalen Kostenstruktur. Und diese lässt sich nicht gesetzlich wegregulieren.

Diese neue Situation birgt immense Möglichkeiten. Aber eben auch Probleme für die, deren Geschäftsmodell auf einer anderen Kostenstruktur und den damit verbundenen wirtschaftlichen Möglichkeiten beruht.

"Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein."

Ein anderes Beispiel:

Die Verlage. Das Internet verschiebt ihre Produkte nicht einfach in die digitale Sphäre. Es zerbröselt und atomarisiert ihre Angebote (und letztlich auch sie selbst) und zerstört damit ihre Monopolstellungen, auf denen ihre Strukturen aufgebaut waren.

Auch hier passiert etwas, das weder gut noch schlecht ist, sondern einfach anders. Disruption. So tiefgehend, dass eine ganze Industrie aus den Angeln gehoben wird.

Das hat nichts mit rechtsfrei zu tun. Das ist ein Kampf der Geschäftsmodelle.

"Wir wollen aber nicht kämpfen. Wir wollen weiter oben sein. Wir wollen, dass sich nichts ändert. Dass alles so bleibt, wie es ist und wie wir es kennen."

Deshalb wird das Neue als 'rechtsfrei' bezeichnet. Die Freiheiten werden dämonisiert. Es wird Anarchie suggeriert, wo auf die ehemaligen Monopolisten wie Verleger und Rechteverwerter lediglich trifft, was anderenorts usus ist: Der freie Markt. Wettbewerb. Konkurrenz.

Auch jetzt, als Labelmanager, Verleger und Politiker langsam begreifen, dass sie sich doch mit dem Internet näher befassen und vielleicht zähmen müssen, was sie, und nur sie, bedroht, haben die meisten von ihnen die Tiefe der Veränderungen noch nicht erfasst.

Und das letztere trifft - leider - auch auf die deutschen 'Internet-Vordenker' zu.

Das einzige, was man dem Internet-Manifest etwa wirklich vorwerfen kann, ist lediglich, dass es an der eigentlichen Sache völlig vorbei geht.

Ein Manifest, für guten Journalismus in Zeiten des Internets, das sich hauptsächlich an die Verleger richtet: Das ist in etwa so, wie nach der Erfindung des Buchdrucks ein Manifest an die Mönche zu schreiben, in dem man ihnen nahelegt, sie müssten sich jetzt aber bitte mal richtig anstrengen und ihre handkopierten Bücher noch schneller fertigen, um Schritt zu halten.

Disruption bedeutet nicht nur Anfang, sondern auch Ende. Es werden auch Dinge enden und verschwinden.

Das Internet (bzw. die Gesellschaft als Ganze) wird in absehbarer Zeit ein Raum werden, der frei von großen Verlagen und Majorlabels sein wird. Weil sie Produkte des industriellen Zeitalters waren und auf seine ökonomischen Rahmenbedingungen angewiesen sind.

Diese Rahmenbedingungen sollen erhalten bleiben. Das Wegbrechen der industriell geprägten Geschäftsfelder ist das, was als "rechtsfrei" bezeichnet wird.

Das Beibehalten, das mit der Brechstange in die digitale Welt Hineinregulieren dieser überkommenen Gegebenheiten, wäre das Ende jeglicher Privatsphäre im Netz. Denn die digitale Kostenstruktur und das Vernetzen - die zwei Grundpfeiler der Veränderung - gelten nicht nur im Öffentlichen sondern auch im Privaten.

"Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein."

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.

Das war es nie.

Wer anderes behauptet, tut dies, um das Internet in einen bürgerrechtsfreien Raum zu verwandeln. Aus Gründen der Besitzstandswahrung.

---

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Kommentare

  • Christian

    08.10.09 (12:22:09)

    Sehr guter Artikel, nicht hinzuzufügen

  • Blaine

    08.10.09 (13:40:41)

    Vielen Dank für diesen Artikel!

  • Paul

    08.10.09 (13:59:25)

    Ein wirklich hervorragender Artikel! Den Kampf gegen das Internet wird mittelfristig selbst die stärkste Lobby verlieren.

  • robin

    08.10.09 (14:56:01)

    Zweiter schöner MW-Text in zweit Tagen. Schöner Lauf. Was kommt morgen?

  • Fränk

    08.10.09 (15:27:33)

    Ich gehe zwar mit der Grundaussage mit, finde aber die Bsp. der Musikindustrie nicht besonders gut. Während die Künstler ihre Musik freiwillig (gegen Kohle) dem Musikverlag zur Verfügung stellen, geben wohl nur die wenigsten auch ihr OK zum Filesharing. Die Rechte des Urhebers würden in diesem Fall verletzt werden. Das hat ja mit freier Marktwirtschaft nichts zu tun.

  • Britta Stahl

    08.10.09 (15:59:02)

    Die Regulierungen für das Internet sollten einfach straffer sein und dementsprechend verfolgt werden.

  • Paul Caspers

    08.10.09 (17:25:56)

    Super Artikel - lesen Sie dazu auch Social Publishing Neue Publikaitonstechnologien und die Veränderung des Publizierens http://www.doxtop.com/browse/61/f13a8b36/project-consult-newsletter---issn-1439-0809/social-publishing.aspx

  • Sascha

    08.10.09 (17:44:19)

    You made my day! Wenn ich das nur meiner andersdenkenden Familie verklickern könnte...

  • Michael Liebert

    08.10.09 (17:46:04)

    Sehr gut zusammengefasst! Regeln für ein friedvolles Zusammenleben braucht sicherlich auch die Netzgesellschaft. Nur lässt sich das wohl gar nicht mehr ohne weiteres auf Länderebene regeln. Es könnte sicherlich auch nicht schaden, das Thema Urheberrecht etwas intensiver zu beleuchten, aber Du hast Recht, die Floskel von rechtsfreien Raum ist widersinnig. Wenn bei einem Haustürgeschäft jemand übers Ohr gehauen wird, ist er selber Schuld. Oder er muss sich wehren, die Gesetze dafür gibt es. Passiert das selbe online, ist das böse Internet schuld...

  • max

    08.10.09 (19:22:46)

    Respekt. Gut geschrieben. Gut zusammengefasst. Gute Ansicht.

  • Bernd

    08.10.09 (22:02:35)

    Gut dass mal die doofe Ausage korrigiert wird, dass das Internet ein rechtsfreier Raum sein könnte. Natürlich war es das nie und wird es auch nie sein. Hier wird einfach eine "simple Aussage" getroffen weil das Internet wirklich enorme gesellschaftliche Umwälzungen mit sich gebracht hat mit denen eben diverse alte Geschäftsmodelle nicht mehr konkurrieren können. Natürlich gibt es Probleme - natürlich kann vieles im Internet kostenlos gefunden und heruntergeladen werden das eigentlich einen Wert hat der bezahlt werden sollte - aber in Summe hat doch das Internet völlig neu Geschäftsmodelle ermöglicht die gut davon leben können - die finanziell gut dastehen und expandieren. Inzwischen wäre ohne Internet ein Funktionieren fast aller Unternehmen gar nicht möglich. Ich nehme an das ist auch bekannt und vieles was da eben an den Möglichkeiten des Internets als "zu weitgehend" bemängelt wird halte ich für reine Rückzugsgefechte nach der Methode "Versuchen wir es eben weil uns nix besseres einfällt".

  • Björn Wilmsmann

    09.10.09 (00:48:21)

    Großartiger Artikel.

  • Michael

    09.10.09 (09:16:45)

    Die letzten paar Sätze treffen den Nagel auf den Kopf. Eine sehr schöne Zusammenfassung.

  • Marc

    09.10.09 (11:26:17)

    Klasse Beitrag. Beim Lesen hat sich mir die Frage gestellt, ob in Kürze wohl das industrielle Zeitalter enden wird. Auf bestimmte Produkte wird das wohl in der nahen Zukunft zutreffen, allerdings trifft es nur auf die Produkte zu, die digitalisierbar sind. Und die Hersteller dieser Produkte sehen nun wohl ihre Felle schwimmen...

  • Schtonk!

    09.10.09 (11:37:29)

    "Ignoriert wird dabei komplett, dass das Internet weitaus stärker reglementiert ist, als es offline das “reale Leben” ist." "Internet ist wichtiger als das richtige Leben", an den Satz musste ich denken. Er kam wohl hieraus: http://netzwertig.com/2008/05/09/bloggen-bis-zur-abmahnung-online-ist-wichtiger-als-das-richtige-leben/ Irgendwie muss ich bei dem dummen Satz immer an einen tobenden Gröfaz denken, der verkündet: "...ond ich soge oich, moinem toitschen Volke, das Internät dorf koin röchtsfroierrr Rrrraum soin!!!"

  • Farid

    09.10.09 (11:41:56)

    Das internet dient politikern als propagandawerkzeug und nicht zu letzt als wahlmanipulator im eigendlichen sinne. wer also behauptet das das internet kein rechtsfreier raum sein darf hat warscheinlich leider vergessen das genau diese behaupter das internet als solchen benutzen ........ ! viel spass noch !

  • K. Krämer

    09.10.09 (14:04:03)

    Im Bereich Aggregatoren und Suchmaschinen gibt es sehr wohl (und schon längst) großindustrielle Strukturen, die sich im Übrigen digital auch viel einfacher skalieren lassen - Google allen voran. Aber die lokale Multiplikation des alten Geschäftsmodells und seine Bündelung in Verlagskonzernen fällt weg, das ist korrekt.

  • Daniel

    09.10.09 (22:03:55)

    Also langsam kann ich es nicht mehr lesen, dieses ständige Majorlabel- und Verlage-Bashing und all die "Geht sterben"-Artikel. Der Vergleich mit dem Internetmanifest und den Kopisten geht völlig fehl. Den Verfassern des Manifests geht es ja nicht darum, dass Verleger ihre alten Pfründe sichern können. Ihnen geht es um guten Content. Genau darauf sollte der Blick gelenkt werden: Es geht online nicht um das physikalische Produkt wie die CD (die ich übrigens gerne und in Massen kaufe) oder das Zeitungs-Papier, sondern um die transportierten Inhalte und das "geistige Eigentum". Und im Umgang damit hapert es an einigen Stellen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Leider ist es oft ein Raum, der frei von Unrechtsbewusstsein ist. Hier muss sich die Online-Gesellschaft wohl noch verändern. Und zwar wesentlich.

  • Alex

    11.10.09 (13:18:46)

    Die meisten großen Verlage, Musiklabels etc. waren schon Anfang der 90ger Jahre im Internet vertreten. Die Musikindustrie kann zwar Filesharing nicht verhindern. Sie kann sich jedoch den Veränderungen der Zeit anpassen und attraktive Online-Musikangebote machen. Und während illegale Musikdownloads zurückgehen, wächst der Markt für legale Musikdownloads zweistellig. Noch etwas Grundsätzliches Private Handlungen (im Bsp.: Privatkopie) können ohne zusätzliche Kosten(!) in industriellen Größenordnungen (im Bsp.: Filesharing) betrieben werden. Das wiederrum basiert auf der digitalen Kostenstruktur. Und diese lässt sich nicht gesetzlich wegregulieren. Diese neue Situation birgt immense Möglichkeiten. Aber eben auch Probleme für die, deren Geschäftsmodell auf einer anderen Kostenstruktur und den damit verbundenen wirtschaftlichen Möglichkeiten beruht. Dieser Vergleich ist in der Form sehr fragwürdig. Die digitale Kostenstruktur ist sowohl für den privaten Filesharer als auch für das gewerbliche Label gleich. Der Unterschied ist: der private Filesharer vertreibt über das Internet etwas, wofür er in der Produktion nichts bezahlt hat. Das Musiklabel jedoch, mußte in Vorleistung gehen, ordentlich Geld investieren (Honorare, Tonstudio, Promo etc.). Das ist in etwa so, als würde man einen eBay-Verkäufer, der BlueRay-Player, die vom Laster gefallen sind vertreibt, mit einem eBay-Verkäufer, der BlueRay-Player im Großhandel einkauft und bei eBay weiterverkauft. Was mich noch interessieren würde: Kannst du " in absehbarer Zeit" etwas konkretisieren? Was stellst du Dir unter "in absehbarer Zeit vor"? 10 Jahre? 3 Jahre? 22 Jahre?

  • Jens

    13.10.09 (20:44:46)

    Na, im Prinzip hast Du recht, Marcel: Meist sprechen diese Satz, jene die nicht viel Ahnung vom Internet haben. Aber, mal ehrlich: Was gemeint ist, wissen wir doch auch, oder? Gemeint ist eigentlich: Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein. Gemeint ist: Wir dürfen nicht zulassen, dass urheberrechtlich geschütztes Material heimlich getauscht oder schwarz verbreitet wird.

  • Felix Nagel

    06.11.09 (19:30:16)

    Guter Text, aber 2 Anmerkungen: 1. Mit ein paar Formatierungen wäre er besser strukturiert. 2. Kostenstruktur könnte man ersetzen oder besser erklären. Vielleicht in dem man die Kopie als grundsätzlichen Fakt darlegt (sowas wie: Brief -> Postbote -> Brief beim Emfänger; Mail -> Kopie durchs Netz -> Empfänger erhält Kopie) Grüße und Danke Felix

  • Robert Redl

    19.11.10 (12:25:20)

    Danke für das Stichwort Disruption. Sehr denk-anregender Artikel. Erst nach einem Jahr gefunden, aber sehr froh darüber. Beste Grüße, Robert

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