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29.05.08

Warum friendfeed das nächste große Ding ist

FriendfeedFriendfeed ist das nächste große Ding. In den US-Blogs gibt es aktuell kaum ein anderes Thema mehr; außer der Instabilität von Twitter. In spätestens einem Jahr wird friendfeed auch in Deutschland einschlagen. Wir erklären, warum.

Friendfeed ist ein sogenannter Lifestreaming-Dienst in dem man die Feeds von seinem Blog, Twitter, SocialBookmarking-Dienst, flickr etc. aggregieren kann. Man kann anderen Leuten folgen und Stream-Einträge mit 'like' positiv bewerten und kommentieren. Außerdem kann man Feeds einzeln ausblenden, um so Lärm und Redundanzen zu mindern.

Als ich Anfang März diesen Jahres Friendfeed entdeckte, war es für mich déjà vu all over again. Wie bei Twitter hatte ich vorher kopfschüttelnd vermehrt davon in den einschlägigen US-Blogs gelesen, und dachte bei mir 'was für ein Mumpitz'. Wie bei Twitter nahmen die Begeisterungsstürme in den USA stetig zu. Wie bei Twitter erreichte ich irgendwann einen Punkt an dem ich mir sagte, 'was soll's, wenn es so viele intelligente Menschen so toll finden, muss was dran sein' und probierte es aus. Und wie bei Twitter wurde ich in einen Bann gezogen, der sich nur schwer Aussenstehenden erklären lässt.

Und ich bin davon überzeugt, dass Friendfeed wie Twitter mit einem Jahr Verspätung im deutschsprachigen Raum durchstarten wird. Friendfeed wird, wie einst vor ziemlich genau einem Jahr Twitter, aktuell vom Großteil der Blogger hier ignoriert, während die ridiculously early Adopter bereits am Rumhüpfen vorm Monitor sind. Es wird nicht lang dauern, bis die einschlägigen Blogger Artikel nicht unter 1000 Wörtern verfassen, warum Friendfeed der Untergang des Abendlandes ist oder in denen sie damit kokettieren, dass sie zu alt für diesen Sch**ss seien. Bis sie in einem Jahr alle einsteigen. Spätestens nächstes Jahr April, zur Re:publica, wird die Zeit von Friendfeed hier gekommen sein.

So weit meine Vision. Kommen wir zu den Argumenten. Butter bei die Fische, wertes Publikum.

Eine soziale Schicht

Friendfeed ist ein Lifestreaming-Dienst. So weit, so unspektakulär. Das Zusammenführen der ganzen online erstellten Inhalte über Feeds auf eine zentrale Seite wurde erstmalig 2005(!) von Suprglu eingeführt (erstmalig im Sinne von, dass man die Applikation nicht selbst aufsetzen musste). Die Weiterentwicklung von Suprglu wurde scheinbar unmittelbar nach dem Launch eingestellt. Auch ist Friendfeed nicht arm an Konkurrenten .

Was macht es nun so besonders?

Wie bereits oben beschrieben, ist Friendfeed keine karge Ablagehalde von Feeds und Links, sondern ein sozialer Spielplatz. Die Ebene der Kommentare auf Friendfeed erlaubt das Diskutieren außerhalb der Seite, die besprochen wird. Sinnvoll? Schon mal mit Freunden in der Kommentarspalte auf sueddeutsche.de über den Artikel philosophiert?

Das Interessante: Je länger man Friendfeed nutzt, desto mehr möchte man alles, was man zu einer Identität zusammengefasst wissen will und sowieso online publik verfügbar macht, auch dort streamen. Den Freunden und Bekannten, die dem Stream folgen, gibt man so eine Übersicht über alle Dinge, die man online veröffentlicht. Gleichzeitig entsteht eine zweite Ebene, auf der man in einem engeren beziehungsweise außerhalb des ursprünglichen Kontextes entstandenden Kreises über das jeweilige Sujet diskutieren kann.

In den USA gibt es bereits sehr hitzige Debatten bezüglich dieser Fragmentierung der Kommentare, für die bereits Auswege gesucht werden. Grundsätzlich ist diese Zersplitterung der Diskussionen nur natürlich. Filme werden auch nicht nur direkt vor dem Kino diskutiert.

friendfeed-meinstream

Spartanisch. Wie Google.

Aktiv und passiv, Zeitverschwender und Zeitersparnis

Friendfeed kann eine großartige Zeitvernichtungsmaschine sein. Und das ist auch okay. Man kann aber bei friendfeed auch 'mitmachen', ohne aktiv Zeit darauf zu ver schwenden. Wer anderenorts seine Onlinezeit verbringt und die Ergebnisse davon per Feed und/oder API ausgegeben werden (bloggen, twittern, Fotos auf flickr oder Videos auf Youtube hochladen etc.), kann auf friendfeed teilnehmen ohne dort zusätzlich Zeit reinzustecken.

Man kann es mit last.fm vergleichen. Einmal eingerichtet, läuft last.fm auch einfach im Hintergrund. Die Songs werden protokolliert und ein personalisiertes Profil entsteht.

So ähnlich ist das auch mit friendfeed. Man kann mittels 'Like'-Funktion und Kommentaren teilnehmen, oder man kann einfach nur seine Feeds reinlaufen lassen. Sofern die Aktivitäten anderenorts andere friendfeed-Nutzer interessiert, nimmt man am friendfeed-Geschehen teil ohne aktiv dabei zu sein. Durch diesen geringen Aufwand wird friendfeed, sobald es ein bisschen an Schwung gewonnen hat, erstaunlich vollständig sein.

Die deutsche Social-News-Szene

Kommen wir zu dem Grund, warum gerade der deutschsprachige Raum auf friendfeed gewartet hat, es nur noch nicht weiß.

Es gibt im deutschsprachigen Raum bis heute keinen Social-News-Dienst, der eine für den hießigen Raum vergleichbare Größe erreicht hat wie in den USA etwa digg. Der als digg-Klon gestartete Dienst yigg ist noch das größte Exemplar hierzulande. Aber auch dieser ist eher winzig. Zum Vergleich: während digg die Server von Seiten auf der Startseite zum Einsturz bringt, liefert yigg auf der Startseite den Bruchteil an Besuchern den ein prominenter Link auf einem großen Blog wie Spreeblick bringen kann. Es gibt hier keine Social-News-Seite die etwa einen Heise-Effekt verursachen könnte. Und auch die bei yigg jüngst angekündigte Beteiligung der Nutzer an den Werbeeinnahmen wird daran nichts ändern. Sie wird im Gegenteil das bereits massive Spamproblem eher noch steigern.

Der Nachteil fehlender großer Social-News-Seiten: Wenn man als neuer Blogger im deutschsprachigen Raum anfängt und wachsen möchte, ist man darauf angewiesen, dass die großen Blogger zufällig in der richtigen Laune sind, auf einen zu linken, falls sie einen vorher überhaupt entdecken. Es gibt keinen anderen Weg. In den USA gibt es mit digg, del.icio.us, stumbleupon& co eine gut funktionierende Social-Media-Infrastruktur. Abgesehen vom genannten yigg und dem deutschen Bookmarking-Dienst Mr.Wong existiert nichts in dieser Hinsicht in Deutschland. Und beide lassen es eher tröpfeln als Sturzbäche an Leuten über den Seiten auszukippen. Es gibt nun aber ein Bedürfnis nach Aggregation (und der damit verbundenen Gewichtung) und den Möglichkeiten für Neuentdeckungen (Man könnte auch sagen, dass die Blogosphäre mit funktionierenden Social News demokratischer werden würde).

Nun ist friendfeed nicht primär darauf ausgelegt, zu aggregieren und digg-Startseiten zu imitieren. Das heißt aber nicht, dass das mit den Datensätzen nicht geht und nicht sinnvoll sein kann.

Hier ist, was ich für möglich halte:

1. Wenn jemand wie Sascha Lobo auf Twitter 1500+ Leute erreicht und, sagen wir, das Gleiche würde auch auf friendfeed so sein, dann hat das einen ersten Schneeballeffekt für die ganzen importierten Links: Jeder dieser 'Freunde' auf friendfeed bekommt in der Regel jeden gebookmarkten oder anderswie importierten Link zu sehen.

Oder: Wenn 10 Leute einen Artikel bookmarken, per GoogleReader Shared Items weitertragen oder diggen etc. und jeder von ihnen 100 Leute hat, die ihm folgen und sich die Links anzeigen lassen, sind das 1000 Leute, die diesen interessanten Artikel zu sehen bekommen. Stimmt natürlich nicht ganz, weil es immer Überschneidungen gibt, aber lassen wir das mal weg.

Je nachdem wann und wie oft ein Link mit 'like' bewertet wird und/oder kommentiert wird, wird dieser Link dann zusätzlich nochmal hochgespült.

2. Zusätzlich zu diesen persönlichen Streams werden aggregierte Seiten entweder direkt auf Friendfeed oder über die Programmierschnittstelle (API) wie etwa das bereits gestartete friendfeedlinks realisiert werden. Die Daten sind einfach zu gut, um brach zu liegen. Auch für deutschsprachige Inhalte wird das möglich sein. Man stelle sich vor: Über den Umweg von friendfeed die im deutschsprachigen Raum neulich am meisten gebookmarkten Seiten auf del.icio.us, mr. wong und co. aggregiert sehen zu können. Oder das Gleiche für GoogleReader Shared Items.

Das alles ist dabei nicht das Primärziel der Nutzung von friendfeed, sondern fällt nebenbei ab. Während das Hochspülen von Seiten genau das Primärziel zur Nutzung von digg, yigg etc. ist. Dadurch und da das Hauptaugenmerk auf den persönlichen Streams liegt, kann man, so glaube ich, davon ausgehen, dass die negativen Effekte durch Gruppendenken, die dem digg-Konzept zu schaffen machen, hier eher minimiert auftreten.

API-Klassen für Internationalisierung

Als ich über friendfeed und dessen Internationalisierung nachdachte, wurde mir klar, dass es, um auch in anderen Ländern Erfolg zu haben, die jeweils lokal populären Webdienste unterstützen muss. Jetzt kann man die einzelne Unterstützung für 3000 Dienste anstreben, wie es einige der Mitkonkurrenten machen. Friendfeed hat sich aber bis jetzt auf die entscheidenden größten Dienste beschränkt. Das funktioniert im internationalen Kontext nicht. Es ist aber auch nicht ratsam, die angesprochen 15.000 Dienste zu implementieren.

Hier, was ich für friendfeed bzw. generell für Lifestreaming-Dienste für sinnvoll halte:

Für die verschiedenen Arten von Social-Media-Diensten werden jeweilige Programmierschnittstellen-Klassen definiert . Das heißt, man bietet dann eine jeweilige Programmierschnittstellen- bzw. API-Klasse für Bookmarkingdienste, Videoseiten, Fotoseiten, SocialNews-Dienste etc. an. Die Ausgabeform, ob nun als RSS-Feed oder anderweitig, muss dann nach einem bestimmten vorgegebenen Muster formatiert sein.

Die Dienste selbst haben ein Interesse daran, kompatibel zu sein, wenn das Lifestreaming an sich oder nur friendfeed populär wird. Über offene Standards wäre das dann auch in OpenSocial oder die Facebook-Plattform und andere möglichen Aggregatoren integrierbar. Das ist der einzige Weg, auf dem lediglich lokal dominierende Dienste in solche Systeme leicht integriert werden. Kein Dienst wird das deutsche Bookmarking, das spanische, das agyptische und etc. bei sich einzeln unterstützen können.

Diese Initiative kann von friendfeed aus geschehen. Lieber würde ich so etwas natürlich von der DataPortability Group ausgehend sehen.

What's next?

Friendfeed, glaube ich, fängt gerade erst an. Niemand weiß, wie es sich weiter entwickeln wird. Mit Rooms wurden eben erst thematisch abgrenzbare Streams eingeführt.

Friendfeed hat bereits jetzt einige gut durchdachte Features: Man kann bei Multiautorenblogs seinen Autorennamen angeben, um so nur die eigenen Artikel zu erhalten. Gut, nur für einen Bruchteil der Nutzer interessant. Schon spannender: Für Freunde, die man nicht zu einem Friendfeed-Account überreden kann, kann man Imaginary Friends anlegen.

Durchaus möglich, dass es zum Google der Social Networks (wohl eher des Social Media) wird.

Eine Suche etwa, die intelligent durch das SocialMedia-Dickicht führen kann? Sign me up.

Wie sich die Nutzbarkeit von friendfeed mit der Zunahme an Usern verändern wird, wird sich allerdings noch zeigen müssen.

Das Team

Wem all diese Argumente nicht reichen, dem sei noch gesagt, dass hinter Friendfeed Ex-Googlemitarbeiter stecken, die nicht nur für das Google-Motto, Google Mail und den ersten Prototypen von Google Adsense sondern auch unter anderem für Google Maps und deren API verantwortlich waren. Das Friendfeed-Team besteht aus Leuten die keine halben Sachen machen.

Fazit

Friendfeed macht Lifestreaming attraktiv. Je weiter das Social Web fortschreitet, desto mehr möchten Leute ihre fragmentierten Aktivitäten zumindest teilweise wieder zusammenführen. Auf friendfeed wird das auf einfache Art möglich. Außerdem fügt es eine weitere soziale Schicht durch die Kommentare hinzu. Man kann nur mit Bekannten deren Online-Fundstücke diskutieren.

Für den deutschsprachigen Raum könnte friendfeed außerdem nebenbei die erste wirklich große und relevant werdene Social-News-Seite werden. Ein Vakuum, das bis heute nicht zufriedenstellend gefüllt wurde. Das macht es für den hießigen Raum besonders spannend.

Aus diesen Gründen wird friendfeed langsam aber sicher auch im deutschsprachigen Raum Fuss fassen. Ich spreche hier nicht von Mainstream. In den Mainstream wird friendfeed erst in ein paar Jahren vordringen (so es denn..). Aber bei der webaffinen Bevölkerungsschicht, die auch Blogs regelmäßig liest, ist es nur eine Frage der Zeit, bis friendfeed hier einschlägt.

Mein Friendfeed-Account findet man hier .

Und nun kommen wir zu:

Die Wette

Viele werden mir in der Voraussage nicht zustimmen, dass Friendfeed das Zeug zum 'nächsten großen Ding' hat. Verständlich.

Mein Angebot: Ich werde nächstes Jahr wieder auf der re:publica in Berlin sein. Im Artikel vertrete ich die Meinung, dass Friendfeed spätestens dann das große Thema sein wird so wie es heute Twitter ist. Wer ebenfalls vorhat, auf der re:publica zu sein und anderer Überzeugung ist, kann mich in den Kommentaren herausfordern und gegen mich wetten. Ich nehme die Herausforderung mit dem originellsten Wetteinsatz (der dann für den jeweiligen Gewinner/Verlierer gilt) an. Game on!

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