<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

20.07.08

Warum es studiVZ in einem Jahr nicht mehr geben könnte

Facebook vs studiVZUngeachtet der Erfolgschancen von Facebooks Klage gegen seinen Nachahmer studiVZ ist der überraschende Schritt vor allem eines: Facebooks öffentliches Eingeständnis, dass studiVZ die große Hürde für die Expansion der Amerikaner in Deutschland darstellt. Facebook wird alles dafür tun, um diese Hürde aus dem Weg zu räumen.

Die Nachricht von Facebooks Klage gegen studiVZ vor einem kalifornischen Gericht kam im ersten Moment überraschend. So hat das Social Network aus dem kalifornischen Palo Alto seinen deutschen Nachahmer drei Jahre lang uneingeschränkt gewähren lassen. Bei näherer Betrachtung aber erscheint der Schritt völlig logisch. Wie Marcel gestern bereits erläutert hat, ist Facebooks Erfolg in Deutschland bisher eher bescheiden. Netzwerkeffekte halten den Großteil der studiVZ-Nutzer auf ihrer angestammten Plattform. Facebook könnte es darauf anlegen, sich durch die Klage in eine vorteilhaftere Position für eine mögliche Übernahme seines deutschen Konkurrenten zu begeben. Angeblich soll erst das Scheitern von Gesprächen zwischen der studiVZ-Mutter Holtzbrinck und Facebook der Auslöser für die nun feindliche "Annäherung" der Amerikaner sein.

Ungeachtet der juristischen Haltbarkeit von Facebooks Vorwürfen gegen studiVZ sowie eventueller Auswirkungen der Klage auf Holtzbrincks Vertrauen in studiVZ ist die aktuelle Entwicklung hauptsächlich eines: Facebooks Eingeständnis, dass es studiVZ ist, welches den US-Anbieter an der Expansion in Deutschland hindert. Gemutmaßt habe ich darüber schon im Januar, und durch seine jüngste Aktion gibt Facebook dies nun offen zu.

Kein anderes Social Network in Deutschland hat eine den Amerikanern derartig ähnliche Ausrichtung und Zielgruppe wie studiVZ, stellt damit aus Facebooks Sicht also einen ernstzunehmenden Wettbewerber dar. In dieser Rolle befindet sich einzig und allein studiVZ, das zusammen mit schülerVZ und meinVZ rund zehn Millionen Mitglieder im deutschsprachigen Raum versammelt. Facebook will an diese zehn Millionen User!

Nachdem sich Facebooks Wachstum in den USA, Großbritannien und Skandinavien - Gebiete, in denen sich der Dienst schnell viral ausbreiten konnte - verlangsamen, müssen neue Märkte her. Ein einwohnerstarkes, wohlhabendes, für die Werbeindustrie attraktives Land wie Deutschland kann Facebook nicht einfach links liegen lassen. Nach dem Deutschlandstart vor einem halben Jahr ging es der Dienst hierzulande eher langsam an. Man investierte nur minimale Mittel in die sprachliche Anpassung und das Marketing und wollte erst einmal testen, ob sich neue Mitglieder nicht ganz automatisch generieren ließen. Das war nicht der Fall. Daher holt Facebook jetzt Plan B aus der Schublade, der dort womöglich schon eine Weile gelegen hat und das Problem an der Wurzel anpacken soll: studiVZ.

Zugegeben, es ist eine gewagte These, aber die Chancen, dass studiVZ in einem Jahr noch als eigenständiges soziales Netzwerk existiert, sind gering. Da Facebook studiVZ öffentlich als Ursache für seinen Misserfolg in Deutschland ausgemacht hat, braucht es sich nicht mehr verstecken. Facebook wird alles tun, um seinen Nachahmer aus dem Weg zu räumen - was in diesem Fall eine Übernahme bedeutet. Letztlich hängt es am Holtzbrinck-Verlag, der große Hoffnungen in die studiVZ-Familie steckt, bisher aber außer in Form von Werbefläche für andere, hauseigene Angebote nicht von der 80 bis 100 Millionen Euro teuren studiVZ-Akquisition Anfang 2007 profitieren konnte.

studiVZ zu veräußern und zehn Millionen Nutzer (= potenzielle zukünftige Kunden) aus der Hand zu geben, ist mitnichten eine leichte Entscheidung. Bisher haben weder studiVZ noch andere soziale Netzwerke den goldenen Weg zur Monetarisierung der User gefunden. Gelingt dies eines Tages, wird der jeweilige Anbieter froh sein, geduldig investiert und einen langen Atem bewiesen zu haben, um dann endlich die Früchte seiner Saat ernten zu können. Doch wie nah ist studiVZ dieser Ernte? Womöglich weit weg, während die Gefahr sich umkehrender Netzwerkeffekte bei studiVZ steigt und die Zahl der Seitenaufrufe seit einiger Zeit rückläufig ist.

Man kann nicht sicher wissen, was passieren wird. Aber man kann die Anzeichen deuten und Schlüsse ziehen. Mein persönlicher Tipp ist, dass studiVZ innerhalb eines Jahres den Besitzer wechselt. Ob freiwillig, oder um millionenschweren Schadenersatzzahlungen an Facebook aus dem Weg zu gehen, ist dabei offen.

Wer von euch Mark Zuckerberg in Berlin (studiVZ-Sitz) oder Stuttgart (Holtzbrinck-Sitz) sehen sollte, darf gerne ein Foto machen und es uns schicken! Ihr werdet dann netzwertig.com-Ehrenleser!

Update: studiVZ reagiert mit Feststellungsklage

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer