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18.06.08

Warum eine Kulturflatrate desaströs wäre

musik-bachsonateDie Ära, in der wir für Musikaufnahmen direkt bezahlen, ist vorbei. Das schließt sowohl das Bezahlen für einzelne Kopien als auch sonstwie geartete Abonnementmodelle für Musikaufnahmen ein. Sollte sich eine sogenannte Kulturflatrate durchsetzen, käme mit ihr das Ende der Netzneutralität und damit ein enormer gesellschaftlicher Wohlfahrtsverlust.

Musiker sollten sich lieber damit abfinden: Wie in der Zeit vor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden sie ihren Lebensunterhalt mit Auftritten und dergleichen verdienen.

Im gestrigen Linkwertig zu einer Studie zum aktuellen Musikverhalten sagte ich zur Möglichkeit einer kostenpflichtigen Tauschbörse für jegliches Material:

Schade nur, dass das technisch nicht umsetzbar ist, ohne das komplette Internet umzukrempeln. Und deswegen (und aus anderen Gründen) wird das auch nie geschehen.

Auf Nerdcore.de greift René meinen Artikel auf und schreibt:

Natürlich wird genau das passieren, denn die Majors haben gar keine andere Wahl. Und warum das technisch nicht umsetzbar sein soll, weiß ich auch nicht. Na klar ist das machbar, auch ohne das Internet umzukrempeln: die Labels lizensieren ihren Content an die ISPs. Ich sehe keinen Grund, warum das nicht funktionieren sollte. Schwierig, na klar. Aber nicht möglich?

Dazu ein, zwei Gedanken von mir.

Kulturflatrate bedeutet, zusammengefasst, einen Abschlag auf den Internetzugang zu zahlen, mit dem P2P-Filesharing von urheberrechtlich geschütztem Material (zunächst mal Musik) finanziert und legalisiert werden soll.

Richtig ist, dass die Musikindustrie wahrscheinlich irgendwann innerhalb der nächsten fünf Jahre begreifen wird, dass ihr einziges Heil in der Kulturflatrate besteht, und sie diese irgendwann massiv per Lobby forcieren wird.

Klar ist allerdings außerdem, dass wir alle - as in: die Nutzer, die Konsumenten, die Hörer - dagegen sein müssen, weil damit in letzter Instanz das gesamte Internet, so wie wir es kennen, auf dem Spiel steht. Es würde einen gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsverlust bedeuten, der schlicht und ergreifend nicht hinnehmbar wäre.

Im Grunde finde ich es nicht "schade", dass es keine Kulturflatrate o.Ä. geben wird, sondern hoffe vielmehr, dass es soweit nicht kommt.

Lasst mich etwas ausholen.

Zunächst zu den aktuellen kulturellen Umständen

Zur allgemeinen Argumentation der Musiklabel: Filesharing urheberrechtlich geschützten Materials ist Diebstahl und kein Diebstahl zur selben Zeit. Es ist etwas, das auf einer anderen Ebene stattfindet. Um konkret zu werden: Das Verständnis, für Musikaufnahmen zu bezahlen, kommt aus einer nichtdigitalen Welt. Das funktioniert nicht im Internet. Zumindest nicht auf dem alten Weg.

Denn wo Kopien ohne zusätzliche Kosten erzeugt werden können, ist die einzelne Kopie ökonomisch wertlos (der einzige vom Markt akzeptierte Preis ist Null, wenn man das Produkt sowieso ohne Aufwand kostenlos bekommen kann). Kein heute 14-jähriger Teenager wird jemals Musikaufnahmen kaufen, zumindest nicht in dem Umfang, dass das Aufnehmen von Musik allein profitabel sein wird.

Damit ist das Bezahlen pro Kopie also hinfällig.

Die Kinder, die diese heute 14-jährigen Teenager irgendwann einmal haben werden, werden an den Zugang zu kostenloser Musik so gewöhnt sein, dass sie ungläubig dreinschauen werden, wenn ihnen ihre Großeltern von einer Zeit erzählen, in der Musiker mit simplen Musikaufnahmen Millionäre werden konnten.

Die technischen und gesellschaftlichen Implikationen einer Kulturflatrate

Da das Bezahlen pro Kopie hinfällig ist, soll es nun also eine Abgabe auf die Nutzung von P2P-Börsen beziehungsweise des gesamten Netzes richten? Was auf den ersten Blick wie die optimale Lösung aussieht, wäre ein Desaster auf allen Ebenen.

Fangen wir damit an, wer bezahlen soll. Will man damit das Trittbrettfahrerproblem des illegalen P2P-Filesharings abfangen, muss es eine Zwangsabgabe für alle sein, die einen Internetanschluss haben. Also auch für jene, die gar kein Interesse am Tausch von Musik haben. Äußerst fair.

Und wenn man einer Industrie die Gunst einer staatlich durchgesetzten Steuer genehmigt, welche Pandorabüchsen öffnet man denn bitteschön damit? Anders als staatlich geregelt ginge das nicht, denn: Der ISP, der einen günstigeren (weil abgabefreien) Zugang anbietet, hat einen Wettbewerbsvorteil.

Die nächste Frage ist die nach dem Verteilungsschlüssel . Auf welcher Grundlage verteilt man das eingenommene Geld?

Man kann nicht alle P2P-Börsen überwachen. Und selbst wenn, wären damit Musikblogs, Direktdownloads von privaten Servern und Angebote wie Rapidshare noch nicht erfasst. Man muss also beim Bezahlvieh und seinem Internet-Provider ansetzen. Und dort den kompletten Traffic scannen und analysieren.

Und wenn man dann einmal dabei ist, das bei Audio zu machen (was auf dem Level eigentlich schon gruselig genug sein müsste), was wird dann zwangsläufig passieren?

Genau, es klopft Hollywood an. Video wird dann auch gleich noch mit überwacht.

Irgendwann steht dann die gesamte Unterhaltungsindustrie vor den Toren. Warum auch auf Musik beschränken? Äußerst willkürlich.

Ugh. Damit wären wir dann bei den Pandorabüchsen.

Das wäre das Ende der Netzneutralität. Denn wenn man eh schon mal alles scannt, dann könnte man doch auch gleich ...

Man könnte dann zum Beispiel sagen, 'Schaut, wir bieten hier jetzt neben der herkömmlichen Kulturflatratemusik jetzt diese Alben mit Superduper-Premiummusik zum Vorzugspreis von yaddayadda an. Sharen dürft Ihr die übrigens nicht. Und ach ja, das sehen wir ja, falls Ihr das doch macht.' Die Anzahl an 'Premiummusik' könnte dann im Laufe der Zeit auch wieder weiter zunehmen.

Einmal Premium, immer Premium: Ist die Netzneutralität erstmal weg, werden dafür zahlende Anbieter wie SpOn etc. schneller und zuverlässiger an den DSL-Kunden ausgeliefert, als etwa all die kleinen Internet-Tagebücher Blogs. Endlich ginge es nicht mehr um Qualität und Grassroots, sondern wieder um Geld und Macht.

Kulturflatrate. Für eine flache Kultur von morgen.

Von weiteren Problemen, wie ich sie etwa vor einiger Zeit auf meinem privaten Blog beschrieb, haben wir da noch gar nicht geredet:

Folge des Ganzen: Ein gesetzlich abgesichertes Verwertungsmonopol, das von der Musikindustrie geformt und geleitet wird. Denn alles was kein allumfassendes Monopol ist, also etwa wie auch immer geartete Abomodelle, benötigt DRM und sind damit Totgeburten.

Jeder, der zum Beispiel die deutsche Verwertungsgesellschaft GEMA schon einmal auch nur von weitem erleben durfte, dem dürfte es bei dem Gedanken an eine Kulturflatrate, die zwangsweise von so einer Gesellschaft organisiert werden müsste, eiskalt den Rücken runterlaufen.

Ich wüsste gern, wie die Befürworter einer Kulturflatrate diese Argumente wegzaubern. Abgesehen vom "Musiker wollen auch von etwas leben"-Argument fällt mir nichts ein, was für die Kulturflatrate spricht. Hint: Das wollen die Musiker sicher, aber weder gehört das staatlich geregelt, noch haben sie ein Recht, zu bestimmen, auf welche Art sie ihren Lebensunterhalt verdienen dürfen, wenn der Markt es nicht rechtfertigt. Und mit Musikaufnahmen ist die Geschichte vorbei.

Kein Grund, die gesamte Gesellschaft und ihre größte Errungenschaft der letzten Jahrzehnte - das Internet - deswegen in Geiselhaft zu nehmen.

Die Musikindustrie und ihre Verwandten sind Dinosaurier, die in ihrem verzweifelten Kampf gegen den Untergang selbst davor nicht zurückschrecken, sich mit ihren Klauen mittels Gerichtsklagen in den Geldbörsen Minderjähriger  festzukrallen. Wie sehr wird es wohl diese zutiefst von Skrupeln und gesundem Menschenverstand befreite Industrie interessieren, ob sie mit ihren Bestreben der aktuell florierenden Entwicklung des Internets ein jähes Ende setzen?

Mit Netzneutralität beginnt und endet alles, was wir am Internet lieben (Freiheit, Web2.0, Blogs etc.). Eine Kulturflatrate wäre das Ende der Netzneutralität.

The shape of things to come

Musiker und Musiklabel: Wenn Ihr am Markt teilnehmen wollt (= Musik als Produkt gegen Geld verkaufen), dann fügt Euch auch seinen Spielregeln, und heult nicht rum, wenn es nicht so läuft, wie Ihr Euch das vorstellt. Könnte ja jeder kommen.

Gegen die vollständige Subventionierung eines gesamten Industriezweigs werde ich mich mit Händen und Füßen wehren, und da werde ich nicht der Einzige sein.

Die Zukunft von Vollzeitmusikern sieht, nach einer kurzen Periode, in der man auch allein von den Aufnahmen leben konnte - eine Anomalie in der Menschheitsgeschichte, wenn man so will -, wieder so aus, wie es die Jahrhunderte davor auch schon war:

It's back to live. End of story.

-

Disclosure:

Musik-Plattenbau

Foto einer Ecke meines Wohnzimmers

(Foto am Anfang des Artikels von jrossol)

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