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17.10.08

Warum E-Reader das gedruckte Buch verdrängen werden

Das Schreckgespenst Digitalisierung gehe um auf der Frankfurter Buchmesse, so Spiegel Online. In einem Artikel auf Spiegel Online werden die, deren Geschäftsmodell auf Papier basiert, beruhigt. Zu unrecht.

Amazon Kindle, Sony eBook, Holz

Zunächst werde ich mich mit dem Artikel auf Spiegel Online, der mit bisweilen eigenartigen Argumentationen aufwartet, beschäftigen. In einem zweiten Artikel werde ich einen Ausblick, E-Reader und die Buchbranche betreffend, geben, den ich für realistisch halte.

Die Sorge der Buchhändler:

Auch in der Musik- und Filmbranche habe der Umbruch von analogen zu digitalen Darreichungsformen katastrophale Auswirkungen gehabt. Der Wandel werde die Buchbranche nun verzögert, aber mit ähnlicher Wucht treffen.

Das ist nicht allzu weit hergeholt. Vielleicht noch etwas früh. Aber der Wandel wird kommen. Ich schätze, dass es die Buchbranche innerhalb der nächsten fünf Jahre treffen wird. Abhängig ist das davon, wann ein massenkompatibler E-Reader den Markt erreicht. Der Amazon Kindle ist es zumindest in der ersten Generation noch nicht.

Spiegel Online-Autor Christian Stöcker meint dagegen, dass das nicht passieren wird. Das ist Stöckers Argument:

Die Menschen werden nicht vor Elektronikmärkten Schlange stehen, um sich für Hunderte von Euro digitale Buch-Anzeiger zu kaufen. Folglich werden sie auch nicht anfangen, in Scharen illegale Digitalkopien von Büchern aus dem Netz herunterzuladen

Warum sie das nicht tun werden, erklärt er nicht. Er nimmt zunächst an, dass E-Reader immer Hunderte Euro teure Geräte bleiben werden. Und dass niemand sie deswegen kaufen wird. Beides ergibt keinen Sinn. Aufgrund der rasanten Weiterentwicklung fällt wenig über einen längeren Zeitraum schneller im Anschaffungspreis als elektronische Konsumgüter. Selbst wenn die tatsächlich brauchbaren E-Reader teuer bleiben: Stöcker scheint völlig außer acht zu lassen, dass sich auch hohe Anschaffungspreise amortisieren, wenn die digitalen Versionen künftig angeschaffter Bücher entsprechend günstiger sind als ihre Papierversionen. Dass sie das aufgrund von extrem niedrigeren Herstellungs- und Distributionkosten irgendwann sein werden und eigentlich bereits sein müssten, liegt außer Frage .

Und man kann auch nicht seine Büchersammlung digitalisieren und dann endlich all die Titel in den Urlaub mitnehmen, die man schon immer mal lesen wollte. Was schade ist, denn das wäre wirklich mal ein Mehrwert.

Das hätte in der Tat Mehrwert. Und wenn die Verlage wöllten, könnten sie dabei helfen. (Und wer hält mich davon ab, mir illegal die digitalen Versionen bereits erstandener Bücher herunterzuladen?)

Und es ist tatsächlich teilweise auch ohne die Verlage möglich, legal E-Books kostenlos herunterzuladen und die eigene Bibliothek damit ohne Zusatzkosten zu digitalisieren. Denn zumindest Bücher die mittlerweile Public Domain sind, kann man kostenlos in digitaler Version von diversen Sites herunterladen. Und das sind immerhin die meisten Klassiker (zumindest in der Originalfassung, Übersetzungen selbst unterliegen wieder neu dem Urheberrecht). Das ist auch nicht gerade wenig. Kostenlose Bücher, die in der Public Domain liegen, findet man zum Beispiel auf:

Das ist noch kein einziges Mal perfekt und selten bequem zu handhaben. Aber es ist ein Anfang. Und es zeigt, was mit gut zu handhabenden, weit verbreiteten E-Readern möglich sein wird: Ohne zusätzliche Kosten permanenter und vor allem bequemer Zugang zum Wissen der Menschheit - abgesehen von den letzten durch das Urheberrecht geschützten Jahrzehnten. Einem Spon-Autoren mag das keine paar hundert Euro wert sein, vielen anderen dürfte der bequeme Zugang zur geballten Ladung Wissen und Kultur diesen Preis wert sein.

Stöcker erkennt zumindest, dass E-Reader nicht im klassischen Kindle-Format kommen müssen:

Gefährlich wird es fürs gedruckte Buch erst dann, wenn aus Handys oder Mini-Notebooks wirklich tragbare Multi-Medien-Spieler geworden sind, faltbar, mit wochenlanger Akkulaufzeit und überragenden Displays. Wenn Bücherlesen ein Abfallprodukt wird, bequemer Bonusnutzen eines Gerätes, das man ohnehin besitzt.

Was ihm entgeht ist, dass dieser Wandel bereits stattfindet und nicht in der fernen Zukunft liegt. Mit dem iPhone kann man bereits Texte gut lesen, auch wenn ich darauf keine ganzen Bücher konsumieren wöllte. In Japan werden Mobiltelefone aber bereits von vielen zum mobilen Lesen eingesetzt .

Warum das Lesen zum Abfallprodukt wird, bleibt mir schleierhaft. Wahrscheinlich ist Stöcker alles suspekt, was nicht auf Papier gedruckt und von dort konsumiert wird.

Der Nutzen von Kindle und Co. besteht derzeit vor allem darin, dass sie Platz sparen - mit entsprechender Speicherkarte aufgebohrt kann so ein notizblockkleines Gerät ganze Bibliotheken reisefertig machen. Aber wer braucht das? Wer würde dafür zahlen? Zumal auch E-Bücher der Buchpreisbindung unterliegen werden.

Warum hinterfragt der Autor nicht die von ihm vorausgesetzte Tatsache, das E-Bücher dank Buchpreisbindung so viel kosten sollten wie ihre Papierausgaben? Hat Stöcker und eigentlich bereits sein müssten, liegt außer Frage oder warum will er die veränderte Kostenstruktur zwischen physischem Produkt und Datei nicht benennen?

Auf heise ist zu lesen :

Bei den Buchpreisen, so Dr. Pascal Zimmer von Libri, werde man sich an die Empfehlung vom Börsenverein des deutschen Buchhandels halten. Dieser hatte vor zwei Wochen klargestellt, das aus seiner Sicht die in Deutschland herrschende Preisbindung auch bei E-Books gilt. Die Verlage würden somit den Preis für die E-Books vorgeben, der aber durchaus günstiger als der für die gedruckten Ausgaben sein könnte.

Man erwägt also zumindest die (ökonomisch sinnvolle) Alternative, die Ebook-Versionen günstiger anzubieten.

Am Ende fallen Stöcker neben der Tatsache, dass er Bücher nur in Extremsituationen voller Sand und Eiscreme liest, glücklicherweise mehr Argumente ein, als die unsinnige Haptik des Papiers:

Das Buch hat noch ein langes Leben vor sich. Nicht nur, wie in diesen Tagen vielerorts zu lesen ist, weil Papier so schön raschelt, nicht wegen Goldschnitt, Ledereinbänden, charmanten Buchhändlerinnen und haptischen Qualitäten. Sondern weil es keinen Strom braucht, nicht kaputtgeht, wenig kostet, einfach zu bedienen ist - und ohne Hilfsmittel perfekt funktioniert.

Zum Haptik-Argument kann ich nur sagen, dass ich jedes Mal verwundert bin, wenn Angehörige der schreibenden Zunft meinen, Partei für das Papier ergreifen zu müssen. Sie scheinen stolzer auf das Papier zu sein,das sie verbreiten, als auf das Wort, das sie darauf drucken. Auch wenn das Argument bei Büchern besser greift als bei Zeitungen, hält es nur bedingt stand: Spätestens bei Sachbüchern ist die Haptik des Papiers dem Preis-Argument der günstigeren E-Book-Varianten nicht gewachsen.

Das Einzige, was gegen einen E-Reader mit lang haltendem Akku und robustem Gebäude spricht, ist das Vorstellungsvermögen eines Spiegel Online-Schreibers. Es gibt Armbanduhren, die hunderte von Metern unter Wasser noch funktionieren und da soll es nicht irgendwann E-Reader geben können, die es mit  Sand und einer Woche Dauerlektüre aufnehmen können? Bitte.

Es läuft immer auf das Selbe hinaus: Die Frage ist nicht ob, sondern wann. Erfolgreiche E-Reader werden kommen. Und sie werden die gedruckten Bücher nicht vollständig verdrängen, zumindest nicht sofort. Was sie allerdings mit ihrem Erfolg grundlegend verändern werden, ist das Geschäftsmodell der meisten Verlage und Buchhändler.  Und darum geht es leider immer, wenn von der Haptik und den Vorzügen des Papiers geredet wird: Der drohende Verlust von Sicherheiten und Pfründen.

Wie dem auch sei, eine wahrscheinlichere Zukunft, als dass unsere Kinder und Enkel E-Reader, wie von Spon vermutet, nur unter Zwang und mit der Kneifzange anfassen, damit werde ich mich in einem weiteren Artikel zum Thema befassen. Bleiben Sie dran.

(Foto: jblyberg )

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