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17.04.07Leser-Kommentare

War Fax-Affäre eine PR-Aktion?

Heute stehen vor dem Militärgericht 6 in St. Gallen, zuständig für die Abteilungen Ter Reg 4, Inf Br 7, Pz Br 11, LVb Uem/FU 1, LVb Inf 6, LVb FULW 34 und für die deutschsprachigen Angehörigen der Armee im friedensfördernden Einsatz, seit 8:30 Uhr die Journalisten Christoph Grenacher, Sandro Brotz und Beat Jost. Angeklagt sind sie, weil sie ein "klassifiziertes Dokument der Führungsunterstützungsbasis der Armee" publizierten. Der Tages-Anzeiger schreibt:

 

Den Journalisten wird vorgeworfen, die Sicherheit der Schweiz gefährdet zu haben. Die Tat kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden.

Nach einer ersten Anhörung im Mai 2006 verteidigte der Angeklagte Sandro Brotz, gemäss persoenlich.com vorbestraft wegen Veröffentlichung geheimer Dokumente, sein Handeln als "journalistisch richtig und politisch wichtig". Seine im Gespräch gestellte Frage "Ja, sind wir denn in Swaziland?" ist nicht unberechtigt, denn die Bedeutung der Militärjustiz in einem Land, dessen letzte militärische Auseinandersetzungen aus dem Jahr 1847 (Sonderbundskrieg) stammen, sei dahingestellt. Auch der Präsident des Schweizer Presserats, Peter Studer, stellte diese am 13.04.2007 in Frage.

Noch etwas skuriller macht die Geschichte ein Artikel mit dem Titel Dichtung und Wahrheit in der «Fax-Affäre», der gestern im Inland-Teil der NZZ erschienen ist. Im Lead heisst es:

 

Drei Journalisten des «Sonntags-Blicks» hielten das Land mit einer Fax-Botschaft aus Ägypten zum Narren.

 

Schenkt man dem Text von Simon Gemperli Vertrauen, so haben wir es also heute mit der Situation zu tun, dass drei Journalisten vor Militärgericht stehen, die zwar ein als geheim klassifiziertes Dokument veröffentlicht haben, welches aber

 

keinen Nachrichtenwert hatte und nur Informationen enthielt, die aus Zeitungen und dem Internet abgeschrieben worden waren.

Im Fax seien praktisch die gleichen Angaben wie im Artikel der Washington Post vom 02.11.2005, welcher von Blick und SonntagsBlick zitiert wurde.

Blenden wir doch mal zurück zum Tag der Veröffentlichung im SonntagsBlick, dem 08.01.2006. Der Originaleintrag bei blick.ch hat unterdessen ein neues Datum erhalten. Dick Marty bezeichnete den Fund als "Knüller" und für die Süddeutsche Zeitung als "Scoop". Er freute sich, dass die Nachricht nun offziellen Charakter habe, weil sie von einer Regierung stamme. Aufschlussreich auch:

 

Der Inhalt des Schreibens aus Kairo deckt sich jedoch im Wesentlichen mit einem Bericht, den Marty knapp zwei Monate vorher, am 22. November, dem Europarat zugeleitet hatte. Darin zitierte der ehemalige Tessiner Staatsanwalt ausführlich aus der «Washington Post» und einem Bericht von Human Rights Watch. Zudem schilderte er, wie er mit dieser Organisation Kontakt aufgenommen und Informationen ausgetauscht habe.

Haben wir das richtig verstanden?

1. Leitet Dick Marty dem Europarat einen Bericht zu (abgesandt am 22.11.2005)

2. Fängt der Schweizer Geheimdienst mit dem Abhör-Systems "Onyx" einen Fax aus Ägypten ab, der einen nahezu identischen Inhalt hat wie der Bericht von Dick Marty (gemäss SonntagsBlick abgesandt am 10.11.2005, eingefangen am 15.11.2005)

3. Veröffentlicht der SonntagsBlick den Inhalt des Fax als "Beweis" (08.01.2006) und wird von allen möglichen Medien weltweit zitiert.

CIA-Gefängnisse in Europa4. Geben die Autoren Sandro Brotz, Beat Jost und Dick Marty (gemäss amazon.de) ein Buch mit dem Titel CIA-Gefängnisse in Europa heraus (April 2006). Das Vorwort zum Buch schreibt der unterdessen entlassene SonntagsBlick-Chefredaktor Christoph Grenacher. Der Blick meldet in seiner Rezension:

 

"Fax-Affäre" - Jetzt kommt das Enthüllungsbuch. Es liest sich wie ein Krimi.

5. Erhebt der Auditor des Militärgerichts 6 Anklage wegen Verletzung militärischer Geheimnisse (06.02.2007).

6. Findet die Verhandlung in St. Gallen statt (17.04.2007). Vor dem Gebäude demonstrieren Mitglieder der Mediengewerkschaft Comedia, Vertreter der Gruppe Schweiz ohne Armee und der Jungsozialisten. Das Urteil wird heute Nachmittag oder Abend erwartet.

Was bleibt nun von diesem "Knüller" Anfang 2006? Horaz schrieb dazu, noch vor Christus:

 

Parturient montes, nascetur ridiculus mus

Es kreißen die Berge, zur Welt kommt nur ein lächerliches Mäuschen

Eigentlich kann ich nicht mal mehr ein Mäuschen erkennen. Dafür eine gelungene Aktion, die viel Aufmerksamkeit und einige Buchverkäufe nach sich gezogen hat. Dass SonntagsBlick-Journalisten gerne Bücher im eigenen Blatt propagieren, war uns auch schon mal im September letzten Jahres aufgefallen.

Und wieso hat die Story dennoch so eingeschlagen? Vermutlich dank den Schlagworten "böse USA", "geheime Dokumente", "CIA", "spektakulärer Fund im Intercity", "Staat als Spion" und einigen anderen Triggern. Wollen wir mal annehmen, dass Christoph Grenachers Absetzung als Chefredaktor nichts mit dieser Geschichte zu tun hatte.

Auf schlapphut.ch hat sich gegen Zivilpersonen anklagende Militärgerichte ein überparteiliches Komitee mit dem Titel "Freie Medien statt militärische Sondergerichte" gebildet. Dort ist die Anklageschrift (pdf) nachzulesen, das Geheimfax (jpg) einzusehen. Dazu sind Stellungnahmen von verschiedenen Medienschaffenden verpdfisiert. Die in trauerschwarz gehaltene Site schliesst mit einem schönen Zitat von Stewart J. O. Alsop, das wir hier gerne wiedergeben:

 

Die Presse muss die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewisse Leute nicht die Freiheit haben, alles zu tun.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Martin

    17.04.07 (15:55:10)

    schlapphut.ch Holder of domain name: Brotz Sandro Postfach CH-8000 Zürich Switzerland

  • Ronnie Grob

    17.04.07 (17:36:08)

    Sehr interessant. Interessant auch, warum der Verteidiger der Journalisten auf Freispruch plädierte: Verteidiger Matthias Schwaibold hatte seine Forderung nach einem Freispruch unter anderem damit begründet, dass der Fax-Inhalt bereits durch Medienberichte in den USA bekannt gewesen. (20min.ch) Nun denn, die Journalisten sind freigesprochen (was wohl kaum jemand falsch finden wird). Statt Busse zu zahlen, erhalten sie je 20'000 Franken. Ist das Schmerzensgeld?

  • AllenMaryanne25

    13.07.10 (13:44:06)

    If you want to buy a car, you will have to get the credit loans. Moreover, my brother commonly uses a sba loan, which seems to be the most useful.

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