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16.05.13Leser-Kommentare

Wandel in der Berliner Startup-Szene: Neue Branchenlieblinge setzen auf Substanz statt Vorschusslorbeeren

In der Berliner Startup-Szene läuft die Konsolidierung. Gleichzeitig treten bisher wenig beachtete Anbieter in den Vordergrund, die durch Substanz und Problemlösungsqualitäten punkten.

BerlinAnfang Januar beschrieb ich die Zäsur, vor der aufblühende Berliner Startup-Szene im Jahr 2013 stehen würde. Nach Jahren der Euphorie wächst der Druck auf die Protagonisten der Hauptstadtbranche, die in sie gesteckten, aus dem allgemeinen Hype resultierenden hohen Erwartungen hinsichtlich Nutzerwachstum, wirtschaftlicher Erfolge und des ein oder anderen Exists zu erfüllen. Gerade der Fokus vieler Akteure auf kritische Masse benötigender Apps zieht Fragen zur Nachhaltigkeit und Monetarisierung nach sich , die 2013 beantwortet werden müssen.

Rund viereinhalb Monate nach dem Beitrag lässt sich konstatieren, dass der Sektor tatsächlich in Bewegung gekommen ist und sowohl erste Konsolidierungsanzeichen erkennen lässt als auch einige vielversprechende Anbieter ins Rampenlicht befördert hat, die hinsichtlich ihres wirtschaftlichen Potenzials und ihrer Problemlösungsqualitäten neue, für die Hauptstadt sehr wichtige Akzente setzen. "Ob die nach außen hin sichtbarsten Vertreter der neuen Berliner Gründerwelle – von Amen, Readmill und Wunderlist über Loopcam, EyeEm und Moped bis Gidsy, Klash oder Toast – alle in einem Jahr in heutiger Form noch existieren, ist fraglich. Einige werden es schaffen, andere nicht", so lautete meine Prognose im Januar. Mit der durch Promi-Investoren wie Ashton Kutcher finanziell unterstützten, aber erfolglosen Jungfirma Gidsy wird zumindest eines der genannten Unternehmen nicht mehr länger die Fahne für die Berliner Startupwirtschaft hochhalten. Im April wurde der P2P-Marktplatz für Aktivitäten, Events und Kurse vom aus Zürich stammenden, auch in Berlin ansässigen Wettbewerber GetYourGuide übernommen. Im Gegensatz zu Gidsy konzentriert sich GetYourGuide auf die Vermittlung von Touren, Ausflügen und Attraktionen professioneller Anbieter. Was unsexy klingt und durch das uninspirierte, wenig zeitgemäße Design nicht aufregender wird, entwickelt sich gerade zu einer echten Erfolgsstory, die dank der Berliner Verankerung des juristisch in der Schweiz angesiedelten Unternehmens auch auf die deutsche Hauptstadt abfärbt. Zehn Millionen Dollar Umsatz erwirtschaftete das Team um CEO Johannes Reck im vergangenen Jahr. Bei der jüngsten Investitionsrunde sollen schwergewichtige Geldgeber Schlange gestanden haben, was bei europäischen Startups selten vorkommt. Den Zuschlag erhielten schließlich die beiden US-Venture-Capital-Firmen Spark Capital und Highland Capital Partners Europe, die 14 Millionen Dollar in das Unternehmen pumpten.

Unterdessen geht es bei anderen der bisher im Mittelpunkt des Berliner Startup-Booms stehenden Anbieter ebenfalls voran: 6Wunderkinder schaltete vor wenigen Wochen die kostenpflichtige Premium-Version seines Aufgabenmanagers Wunderlist scharf und unterstreicht damit seinen Willen, endlich die Kasse klingeln zu lassen. Amen kämpft mit einer neuen App zumindest nach außen hin wacker darum, nach einem Schnelldurchlauf des kompletten Hypezyklus endlich ernst genommen zu werden. Dem Fotosharing-Service EyeEm gelang es, sich zeitweise im US-App-Store vor dem Konkurrenten Instagram zu platzieren. Mittlerweile hat sich die Lage wieder "normalisiert", die Berliner befinden sich derzeit in keinem Land in den Top zehn der Foto-Apps. Die Zukunft von EyeEm, das vor zweieinhalb Jahren sein Debüt gab, sowie zahlreicher anderer Berliner Social-Apps bleibt somit weiterhin vage. Dass dieses Segment kein Selbstläufer ist, belegt neben dem fehlenden Durchbruch von Gidsy auch das Ende von BuddyBeers, ein grundsätzlich nett gedachter Service, der das Ausgeben eines Biers in Bars und Kneipen rund um den Globus erlauben sollte. Wie die Macher in einem Abschiedsposts verklausuliert erklären, haben sie die Lust an ihrem Projekt verloren. So ist das in Berlin, wo an jeder Ecke Ablenkung lauert.

Doch es gibt andere junge Firmen der Stadt, die im Augenblick garantiert nicht einfach aufgeben werden: Dazu gehört motain, das Zwei-Mann-Startup hinter der überaus beliebten Fußball-App iLiga , die 100.000 App-Downloads täglich verzeichnet, Cash Flow positiv ist und mit zehn Millionen Dollar frischem Wagniskapital im Rücken das nicht unrealistische Ziel verfolgt, zur größten internationalen Fußball-Community im digitalen Raum aufzusteigen.

Auch bei Ramin Far, dem Gründer des Produktvergleichsportals Versus IO, kann man sich vorläufig wohl sicher sein, dass er nicht das Handtuch wirft. Eine simple, für 18 Sprachen umgesetzte und auf eine echte Problemlösung ausgerichtete Idee beschert seinem Dienst derzeit 2,2 Millionen eindeutige Besucher pro Monat, die unter anderem durch Google-Suchen wie dieser zu dem Portal finden. Die im Kontext von Produktvergleichen guten Monetarisierungsmöglichkeiten durch Werbung und Affiliate veranlassten gerade diverse Geldgeber, Versus IO 2,8 Millionen Dollar Kapital für das weitere Wachstum bereitzustellen.

Und wo wir bei signifikanten Finanzierungsrunden sind: Mit dem Wissenschaftlernetzwerk ResearchGate hat ein schon längere Zeit als Zugpferd der Berliner Szene auftretendes Startup erneut eine größere Summe aufgenommen, bereitgestellt von PayPal-Mitgründer Luke Nosek.

Allein auf die Zahl signifikanter Kapitalspritzen zu schauen und dies als aussagekräftigen Erfolgsindikator zu werten, ist freilich nicht ratsam. Blickt man jedoch auf die Art der Startups, die in den letzten Monaten VC-Millionen angeboten bekamen, dann entsteht der Eindruck, dass sich Geldgeber verstärkt auf die Unterfangen konzentrieren, die funktionierende, schon heute statt vielleicht in drei Jahren Umsatz generierende Businessmodelle vorweisen können, und die darauf abzielen, existierende Bedürfnisse der Nutzer zu befriedigen, anstatt erst neue zu schaffen. Grundsätzlich können beide Strategien funktionieren. Berlins Websektor benötigt derzeit vor allem mehr Substanz, geht es doch darum, Alleinstellungsmerkmale über den vergänglichen Status als kostengünstiges Gründungspflaster für partyfreudige Hipster hinaus zu etablieren.

Summa summarum begann das Jahr gut für Berlin. Hoffen wir, dass sich die Trends der ersten Monate 2013 fortsetzen, und dass es auch häufiger zu Know-how-getriebenen Übernamen technischer Startups durch US-Webgiganten kommt, wie zuletzt geschehen beim Kauf des Cloudsoftware-Herstellers peritor durch Amazon. Auch das hilft dem Standort, seinem bisher nicht nicht ganz verdienten Ruf als Europas Antwort auf das Silicon Valley gerecht zu werden. /mw

(Foto: Flickr/onnola, CC BY-SA 2.0)

Kommentare

  • Christian

    16.05.13 (16:11:07)

    Das ist (mal wieder) ein gut recherchierter und aussagekräftiger Artikel, der den Status quo exzellent beschreibt - danke!

  • Martin Weigert

    16.05.13 (20:02:39)

    Ich danke!

  • Robert Frunzke

    23.05.13 (06:34:09)

    "[...] Blickt man jedoch auf die Art der Startups, die in den letzten Monaten VC-Millionen angeboten bekamen, dann entsteht der Eindruck, dass sich Geldgeber verstärkt auf die Unterfangen konzentrieren, die funktionierende, schon heute statt vielleicht in drei Jahren Umsatz generierende Businessmodelle vorweisen können, und die darauf abzielen, existierende Bedürfnisse der Nutzer zu befriedigen, anstatt erst neue zu schaffen. [...]" Klingt für mich nach althergebrachter und oft kritisierter Copycat-Kultur -- nach Venture-Capital, dass sich auf schon funktionierende Businessmodelle konzentriert, und wenn man schon nicht mehr günstig ins Original investieren kann, dann versucht man eben bei der Kopie günstig was zu reißen. Wir wissen ja auch, dass im IT-Sektor der Erste am Markt nicht immer der Gewinner sein wird. Deshalb lohnt sich oft auch die Kopie. Und auch bei den angesprochenen Startup-Beispielen sehe ich irgendwie nur wenig Substanz. Mag an meinen Vorstellungen liegen...

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