<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

02.01.13

Wachablösung: Die Dotcom-Generation wird alt

15 Jahre beeinflussten Personen, die im Zuge des Dotcom-Booms online gingen, die Evolution des Internets. Während die Pioniere immer nostalgischer werden, machen ihnen die Jüngeren ihre tonangebende Rolle streitig.

Ende der 90er Jahre erlebte das Internet mit dem Dotcom-Boom seinen kommerziellen Durchbruch. In den seitdem vergangenen rund 15 Jahren stellten maßgeblich die Personen die Speerspitze der Netzwirtschaft und -kultur dar, die entweder kurz vor, während oder in den Jahren unmittelbar nach der ersten Dotcom-Welle die Faszination der Onlinewelt für sich erkannten. Aus ihnen wurden Gründer und Startup-Geschäftsführer, Website-Betreiber, Investoren, Entwickler und Designer, Blogger, Journalisten, Netzaktivsten oder ganz einfach leidenschaftliche Geeks, die jeden potenziell wegweisenden Service und jede App mindestens einmal kurz ausprobieren mussten, um inneren Frieden zu finden. Anderthalb Jahrzehnte kontrollierte diese "Dotcom-Generation" weitgehend das Netz.

Der Begriff "Dotcom-Generation" ist dabei natürlich nicht mehr als ein abstrahierendes Hilfsmittel. In Wahrheit handelt es sich um mindestens zwei Generationen, die eint, ungefähr zeitgleich ihre ersten Gehversuche im Internet gemacht zu haben, und die zu diesem Zeitpunkt das Kindesalter und die Pubertät bereits hinter sich gelassen hatten. Anders als heute stellte das "World Wide Web" damals noch kein Spielzeug für die ganz Jungen dar. Laut ARD/ZDF-Onlinestudie waren im Jahr 1997 13 Prozent der 20- bis 29-Jährigen und 12,4 Prozent der 30-bis 39-Jährigen in Deutschland gelegentlich im Netz, aber nur 6,3 Prozent der 14- bis 19-Jährigen - und entsprechend noch weniger der unter 14-Jährigen. Dreiviertel der deutschen Webnutzer waren zwischen 14 und 39 Jahre alt. Sie sind das, was ich als Dotcom-Generation bezeichne, wobei man sie freilich auch "Desktop-Generation", "Tastatur-Generation" oder "ISDN-Generation" nennen könnte. Die Digital Natives kommen

Diese Dreiviertel der hiesigen Internet-Early-Adopter sind heute zwischen 29 und 54 Jahre alt. "Alt" ist dabei das entscheidende Stichwort. Denn genau das werden sie (was den Autor dieses Artikels mit einschließt, der 2013 die 30er Marke erreicht). Gleichzeitig stellt die nachrückende Generation die bisher unangefochtene Position der Dotcom-Pioniere als Macher und Meinungsführer im Digitalen in Frage. Seit 2010 sind laut ARD/ZDF-Onlinestudie 100 Prozent der 14- bis 19-Jährigen in Deutschland zumindest gelegentlich im Netz. Junge Leute, die zur Dotcom-Euphorie gerade das Laufen lernten oder im Sandkasten spielten, die den Umgang mit dem Netz aber so selbstverständlich verinnerlichten wie Schreiben und Lesen. Echte "Digital Natives" also, welche die ganz frühen Tage des Netzes maximal aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen.

Snapchat als Zeichen des Wandels

Während die Generation-Dotcom reift, Familien gründet, ergraut, das Tempo verringert und sich gelegentlich nach den guten alten Zeiten sehnt, avancieren die in den 90er Jahren Geborenen zu neuen Trendsettern, die zunehmend die Agenda im Web diktieren. Das bisher deutlichste Indiz dafür: Snapchat, die US-App, mit der Nutzer mittels sich selbst zerstörender Fotos und Videos untereinander kommunizieren. Techblogger und -journalisten, Branchenexperten und Beobachter staunten nicht schlecht, als sie Ende 2012 erfuhren, dass Snapchat-Nutzer täglich beachtliche 50 Millionen "Snaps" verschicken. Die treibende Kraft für den Erfolg dieser lange Zeit von der Branche wenig beachteten App: Teenager.

Unbemerkt von den etablierten Kennern und Analysten des Netzgeschehens hat sich Snapchat unter Heranwachsenden vorrangig in den USA zu einer populären Methode entwickelt, um Smartphone-Schnapschüsse und -Kurzvideos auszutauschen, die anders als bei Facebook, Instagram und WhatsApp keinen dauerhaften Bestand haben. Anekdoten wie diese beschreiben, wie Snapchat mittlerweile bei US-Teens ähnlich intensiv genutzt wird wie Instagram. Kein Wunder, dass sich Instagram-Besitzern Facebook dazu gezwungen sah, in der Rekordzeit von zwölf Tagen mit Poke einen eigenen Snapchat-Konkurrenten zu programmieren und zu veröffentlichen. Mit mäßigem Erfolg.

Ob Snapchat als eigenständiges Produkt dauerhaft überleben können wird, bleibt abzuwarten. Doch dies ändert nichts an der Tatsache, dass Teenager abseits der von der Branche eingetretenen Pfade eine App rund um ein neues Kommunikationskonzept zu einem Hit gemacht haben, welche theoretisch irgendwann von allen Altersgruppen ins Herz geschlossen werden könnte. Die üblichen Early Adopter, Blogkoryphäen und Vordenker, die aus Experimentierfreude und Neugier sonst immer als erste auf einen neuen Hype aufspringen, werden in die für sie ungewohnte Rolle der "Early Majority" verwiesen. Sofern sie überhaupt etwas mit Snapchat anfangen können.

Auch im Falle der extrem populären Messenger-App WhatsApp gibt es Grund zur Annahme, dass es die 14- bis 19-Jährigen waren, welche die Anwendung zuerst für sich entdeckten. Offizielle Angaben gibt es dazu von dem US-Unternehmen zwar nicht, aber auch WhatsApp gelangte erst 2012 ins mediale Rampenlicht - was ein Indikator für die verspätete Wahrnehmung innerhalb der Netzwirtschaft darstellt. Den Durchbruch erlangte der in vielerlei Weise eigenwillige Service nämlich schon deutlich früher. Eltern von Teenagern schilderten mir, dass ihre Zöglinge WhatsApp zum Teil bereits seit zweieinhalb Jahren verwenden. Smartphones besitzen heutzutage die meisten Jugendlichen, genutzt werden sie mit Prepaid-Karten. Bei üblichen neun Cent pro SMS lässt sich da durch den Einsatz von WhatsApp viel Geld sparen.

Netzpioniere werden nostalgisch

Nicht nur die Tatsache, dass Jugendliche den nicht mehr ganz so jungen Vertretern der Dotcom-Generation zunehmend die Rolle der Trendsetter streitig machen, ist ein Zeichen für die bevorstehende Wachablösung, sondern auch die Nostalgie, mit der erfahrene Netzmenschen auf die digitale Vergangenheit blicken. "The Web We Lost" von Entepreneur Anil Dash (Jahrgang 1975) sowie "2013: Das Web zurückerobern" von Spreeblick-Blogger und re:publica-Mitveranstalter Johnny Haeusler (Jahrgang 1964) sind zwei in den letzten Wochen vieldiskutierte und von Online-Apologeten fleißig verbreitete Texte, in denen die Autoren den Tagen eines offeneren, weniger von geschlossenen Ökosystemen dominierten Internets nachtrauern. Während inhaltlich viel Wahres in den Werken zu finden und das Eintreten für ein demokratisches, freies, nicht kaputt kommerzialisiertes Web löblich ist, so untermauern die Artikel dennoch das Bild einer ergrauenden Dotcom-Generation, deren Vorstellungen und Ziele rund um das Web sich deutlich von dem unterscheiden, was die Touch-Generation - wie ich heutige und künftige Teens bezeichnen würde - vom Netz will.

Die Auswirkungen des Nachrückens der jungen Digital Natives bei gleichzeitig zunehmender Nostalgie der Dotcom-Generation wird auf verschiedene Weise die nächsten Jahre im Netz beeinflussen: Das "Netz-Establishment" wird sich anstrengen und anpassen müssen, um seinen Einfluss nicht zu schnell schwinden zu sehen. Alternde Blogger, Journalisten und Netztheoretiker, deren Gedankenmodelle und Idealvorstellungen sich zu stark von denen der Jüngeren unterscheiden und zu wenig Anpassungsfähigkeit aufweisen, müssen unweigerlich zu einer Legitmitätskrise führen. Sukzessive werden die heute 14- bis 19-Jährigen einen Teil der Meinungsführerschaft übernehmen. Egal ob sie dorthin mit ihrem eigenen Blog, innerhalb eines größeren Redaktionteams, mit Tweets, Facebook-Status-Updates, Instagram-Fotos oder Snaps gelangen. Oder auf ganz anderen Wegen.

Eine neue Gründer-Generation

Der Generationenwechsel wird auch die Gründerszene betreffen. Glücklicherweise ist der Mythos, Startup-Entrepreneure mit idealen Erfolgschancen dürfen nicht älter als 25 Jahre sein, mittlerweile widerlegt. Doch der Altersunterschied zwischen den frühen Internetpionieren und den heute und künftig Startups gründenden Studienabgängern oder Studienabbrechern nimmt zu. Die Gründer von Facebook (Mark Zuckerberg), Instagram (Kevin Syström), Airbnb (Brian Chesky), Box (Aaron Levie), Dropbox (Drew Houston) und Groupon (Andrew Mason) steuern alle auf die 30 zu oder passierten diesen Meilenstein kürzlich. Die Snapchat-Macher Evan Spiegel (22) und Bobby Murphy (24) sind schon etwas jünger. Weitere "Grünschnäbel" werden folgen. Ihnen fehlt das Wissen und die Erfahrung der bisherigen Internetmacher. Dafür verfügen sie über den direkteren Draht zur nachrückenden Webgeneration und die gesunde Naivitiät und Flexibilität, für deren Beibehaltung ihre etwas älteren, milliardenschweren Vorbilder aus dem Silicon Valley sich schon deutlich stärker anstrengen müssen.

Der Veteranen-Status allein reicht nicht mehr

Die Wachablösung geschieht nicht von heute auf morgen, sondern sukzessive und ohne, dass dabei die Erlebnisse und Werte der bisherigen Netzelite auf einen Schlag irrelevant werden. Doch sie muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass ihre eine Dekade oder länger währende Webexpertise, ihre Kenntnisse im Browser-Upload von HTML-Dateien zu Geocities sowie ihr heutiger Always-On-Modus nicht mehr unbedingt dazu ausreichen, um die Evolution der digitalen Sphäre mit ähnlichem Nachdruck mitgestalten zu können wie einst. Das Emporkommen von WhatsApp und Snapchat erfolgte ohne ihr Zutun oder ihre Einflussnahme, während der von ihnen intensiv bevölkerte Microbloggingservice Twitter von Teens noch immer vernachlässigt wird. Und auch Facebook steht bei den Unter-20-Jährigen nicht mehr so hoch im Kurs.

Nichts im Leben ist natürlicher als der Prozess des Nachrückens junger Generationen. Im Internet, als Kommunikationsmittel für die breite Masse selbst noch ziemlich jung, erfolgt dieser aber erstmalig. Das macht ihn so spannend und gleichzeitig herausfordernd für alle Dotcom-Veteranen, für welche die Rolle als Wegbereiter, Mitgestalter und Innovatoren bisher wie eine Selbstverständlichkeit wirkte. Doch das ist sie nicht.

(Foto: Flickr/husin.sani, CC BY 2.0)

Ein Dank geht an @martinlindner und @vilbi

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer