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27.09.11

VZ-Chef Clemens Riedl zum Relaunch: "Jeder unserer Nutzer ist auch bei Facebook"

Am Mittwoch schickt die VZ-Gruppe ihre überarbeiteten Social Networks in einer Testversion ins Rennen. Die Unterteilung in drei separate Plattformen sowie das VZ-Branding bleiben bestehen.

 

In der vergangenen Woche hatten wir es angekündigt: Der Relaunch der VZ-Netzwerke, der den anhaltenden Niedergang von studiVZ, meinVZ und schülerVZ stoppen soll, stand unmittelbar bevor. Heute Morgen ist es soweit: Im Laufe des morgigen Tages wird das Berliner Unternehmen die Testversion seiner überarbeiteten Plattform freischalten. Gestern gaben mir VZ-Chef Clemens Riedl und zwei Mitglieder des Produktteams via Skype einen Einblick in die neue VZ-Version.

Das vielleicht Wichtigste vorweg: Wider Erwarten haben sich die Hauptstädter entschieden, weiterhin auf drei separate Netzwerke zu setzen. Auch Branding und Corporate Design bleiben größtenteils erhalten. studiVZ und schülerVZ behalten ihre Namen, aus meinVZ wird freundeVZ (ein Namensvorschlag, über den bereits vor dem Launch von meinVZ Anfang 2008 spekuliert wurde).

Mitglieder sprachen sich gegen Zusammenschluss und Namensänderung aus

Wie Geschäftsführer Riedl mir erläuterte, stand sowohl eine Fusion der drei Netzwerke als auch eine Umbenennung zur Debatte. Präventiv hatte man sich dafür auch die Domain vz.net für 52.000 250.000 Dollar gesichert. Doch die intensive Marktforschung und Befragung der existierenden Mitglieder habe ergeben, dass diese sowohl die Dreigliedrigkeit als auch die Namen nicht verlieren möchten.

Der Relaunch, an dem 70 Entwickler und Produktmanager ein Jahr lang gearbeitet haben, umfasst sowohl eine radikale Erneuerung des technischen Fundaments als auch für User sichtbare, optische sowie funktionelle Veränderungen. Entwickelt wurde die neue Plattform mit Hilfe von Google Web Toolkit, wodurch in Zukunft schnelle Anpassungen und die Einführung neuer Features möglich werden. 700 Server verrichten bei den VZ-Netzwerken ihre Arbeit, bewahren 200 Terabyte an Daten und eine Milliarde Fotos.

Primäres Ziel: Nutzerschwund beenden

VZ-Boss Riedl machte im Gespräch keinen Hehl aus dem primären Zweck des Relaunches: die laut seinen Angaben noch 9,8 Millionen Nutzer, die sich mindestens einmal monatlich bei einem der drei Dienste einloggen, zu halten. "Alle unsere Nutzer sind bei Facebook", zeigte sich Riedl einsichtig. Es gehe also nicht darum, in irgendeiner Form Facebook Konkurrenz zu machen. Stattdessen wolle man Anwendungsszenarien ermöglichen, die von dem einstigen Vorbild und Wettbewerber vernachlässigt werden. "Wir setzen nicht auf Content, sondern konzentrieren uns weiterhin auf die Kommunikation der Nutzer. Mit dem Relaunch liefern wir dafür State-of-the-Art-Technologie", sagt Riedl.

So will sich VZ von Facebook abgrenzen

Die drei Netzwerke erhalten zukünftig unterschiedliche Funktionalität

In Zukunft werden die drei Netzwerke spezifische Bedürfnisse der Zielgruppe erfüllen, sich also im Feature-Umfang unterscheiden. schülerVZ richtet sich an 10- bis 19-Jährige und stellt die Kommunikation mit Mitschülern und Freunden, die Organisation der Freizeitgestaltung sowie das Entdecken von zielgruppenspezifischen Angeboten in den Mittelpunkt. Bei studiVZ, das Studenten zwischen 19 und 29 Jahren anspricht, dreht sich alles um das Kennenlernen von Kommilitonen an der Uni bzw. innerhalb der Studienrichtung, die Organisation des Studentenlebens sowie die Kommunikation über Studieninhalte. Die Kernzielgruppe von freundeVZ sind junge Erwachsene zwischen 19 und 29 Jahren, die über die Plattform ihre Freizeitgestaltung organisieren, Leute am selben Ort kennenlernen und mit Freunden und Gleichgesinnten kommunizieren sollen.

Gang in die Nische

"Vertikalisierung" nennen die Berliner ihre themenspezifische Positionierung abseits vom auf die breite Masse ausgerichteten, viele unterschiedliche Use Cases abdeckenden Facebook. Man könnte es auch als Gang in die Nische bezeichnen. Eine wichtige Neuerung ist in diesem Zusammenhang das Themen-Feature, das die bisherigen Gruppen ablöst und laut Riedl an Google Circles erinnert - allerdings sortiert nach Themen. Die Funktion soll die intensive Kommunikation mit kleinen Gruppen rund um beliebige Themen erlauben - entweder öffentlich oder in einem kleinen Kreis.

"Niemand hier will ein Mark Zuckerberg sein"

In unserem Skype-Gespräch gaben sich Riedl und seine Teamkollegen betont demütig: "Niemand hier will ein Mark Zuckerberg sein. Wir kennen das Ziel der Reise auch selbst noch nicht". Wichtig sei es daher, die Ausgestaltung des Dienstes gemeinsam mit den Nutzern voranzutreiben. Deshalb habe man auch die Bezeichnung "Testversion" gewählt - über einen Link in der linken Navigationsleiste kann diese aktiviert, aber auch wieder verlassen werden. Wer die Testversion ausprobiert, wird regelmäßig um Feedback und Bewertungen gebeten. "Der Nutzer steht im Mittelpunkt", fasst Clemens Riedl die Marschrichtung zusammen. Die Abschaltung des Parallelbetriebs der alten und dann finalisierten neuen Fassung ist für das zweite Quartal 2012 geplant.

In den letzten Monaten war häufiger von einem Mitarbeiterschwund bei den VZ-Netzwerken zu hören. Laut Riedl hätten einige Angestellte das Unternehmen verlassen, manche auch nicht freiwillig. Allerdings habe es sich um "nichts Dramatisches" gehandelt. Tatsächlich suche man weiterhin nach Unterstützung, vor allem im Engineering-Bereich.

Mein Fazit

Gibt es neben Facebook Raum für Nischenanbieter mit Fokus auf der Kommunikation rund um spezifische Themen? Garantiert. Das Streben in diese Nischen und die klar kommunizierte Positionierung als Ergänzung zu Facebook kann durchaus zu einer Stabilisierung der seit langem sinkenden Nutzerzahlen führen - wenn auch womöglich auf einem noch niedrigeren Niveau als heute. Gleichzeitig bleibt die Marke VZ für alle, die den Dienst nicht (mehr) aktiv nutzen, ein gebranntes Kind.

Fraglich ist, ob sich mit der Strategie das Umsatzwachstum (30 Millionen Euro im vergangenen Jahr, Steigerung von 30-40 Prozent und positives EBITDA in der ersten Jahreshälfte 2011 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum) aufrecht erhalten lässt. Wahrscheinlich nicht. Nischen zu belegen, heißt auch, (vorerst) den Traum von Größe und das Streben nach Milliarden von Seitenaufrufen aufzugeben. Aber letztlich haben die Berliner gar keine andere Wahl.

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