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29.11.13Leser-Kommentare

Vorbereitung auf veraltete Anforderungen: Warum unser Schulsystem der Netzwelt hinterher hinkt und wie sich das ändern ließe

Das Schulsystem bereitet junge Leute auf Anforderungen des Industriezeitalters vor. Dabei müssten Schüler heute eigentlich ganz andere Dinge lernen.

Schule

Thomas Jakel ist Mitgründer von Wonderpress und Co-Blogger auf OneDayProfits . In seinem letzten Artikel auf netzwertig.com berichtete er über digitales Nomadentum und seine Fahrradreise von Berlin nach Indien.

Unser Schulsystem ist nach wie vor weitestgehend auf die Anforderungen der Industrialisierung ausgelegt, die Arbeitskräfte für die Bedienung von Maschinen brauchte. Diese Arbeitskräfte sollten vor allem eines gut können: Anweisungen korrekt befolgen. Also hat unser Schulsystem genau diese Art von Anforderungen aus der Wirtschaft erfüllt: Einen Massenbetrieb, der jährlich tausenden Arbeitskräfte ausspuckt, die darauf trainiert sind pünktlich zu einer vorgegebenen Zeit am Arbeitsplatz zu erscheinen, möglichst gut und präzise Anweisungen befolgen können und die Autoritäten und das System nicht allzu oft in Frage stellen. Die gesamte Ausbildung im Massenbetrieb ist, mit einigen Ausnahmen, darauf ausgerichtet. Angefangen in den Grundschulen, bis hin zur Universität. Aber es gibt ein Dilemma: Die die Basis unseres Bildungssystems darstellende Annahme, dass der Arbeitsmarkt künftig weiterhin zu Hauf Arbeitskräfte braucht, die vor allem zum präzisen Befolgen von Anweisungen ausgebildet sind, ist zumindest kritisch zu hinterfragen. Was hat sich getan, dass die Grundannahmen, auf denen unser Schulsystem basiert möglicherweise nicht mehr so gelten wie früher? Viel. Sehr viel sogar.

Automatisierung und veränderliche Erwerbskarrieren

Die Welt ist vernetzter und in vielen Bereichen auch automatisierter geworden. Wofür früher hunderte Menschen an Fließbändern notwendig waren, um beispielsweise Autos zusammen zu bauen, können heutzutage Industrieroboter viele Arbeitsschritte selbständig übernehmen. Wo früher lediglich die Dame am Schalter das Boarding Ticket ausstellen konnte, ist der online Check-In und das Ausdrucken des Boarding Tickets an einem Automaten am Flughafen für die meisten von uns völlig normal geworden. Wo früher der Taxifunk das Sagen hatte, braucht es heute nur noch eine direkt mit dem Taxifahrer kommunizierende Taxi-App. Und wo es mal hunderte Buchläden gab, existieren inzwischen vor allem große Ketten und Amazon. Nach der Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland kann durch das Internet inzwischen auch digitale Arbeit ohne weiteres und selbst von Privatnutzern ans andere Ende der Welt ausgelagert werden. Die Welt hat sich dramatisch verändert.

Die Folge: Die meisten Menschen, die heute unser Schulsystem verlassen, können nicht mehr damit rechnen, dass sie ihr Leben lang für einen Arbeitgeber tätig sein werden. Sie können auch nicht mehr damit rechnen, dass sie ohne weiteres einen Job finden, für den sie qualifiziert sind – selbst wenn sie wissen, wie man pünktlich ist und Anweisungen befolgt. Das Abitur ist wohl schon länger kein Garant mehr für einen Job mit Zukunftsperspektive. Das Studium übrigens auch nicht. Ich habe mir sagen lassen, dass das mal anders war. Vor der Netzwelt. In einer Welt, an die ich mich kaum noch erinnern kann.

Das falsche Versprechen der Schule

Selbstverständlich sind das subjektive Eindrücke, die durch meine Beobachtungen und Gespräche mit anderen Menschen geprägt sind. Aber dennoch kann ich mich dem Eindruck nicht verwehren, dass unser Bildungssystem junge Menschen nicht ausreichend darauf vorbereitet, wie ‚die Welt da draußen‘ funktioniert und wie sie in ihr erfolgreich sein können. Unsere Schulen vermarkten ein Versprechen, das sich heute von Politik und Wirtschaft kaum einlösen lässt: „Wenn Du gut in der Schule bist, dann bekommst Du mal einen guten Job, der Dich und Deine Familie ernährt.“ Dieses Versprechen wird, wenn vielleicht auch nicht klar ausgesprochen, den Schülern zumindest unterschwellig kommuniziert. Vielleicht liegt diese Art der Kommunikation durch die Lehrer und das Schulwesen auch daran, dass dieses Versprechen zumindest für viele verbeamtete Lehrer galt oder gilt. Mein Gefühl ist, dass es für die meisten Schulabgänger anders aussieht. Sie sind ungenügend vorbereitet auf die Anforderungen des Marktes und die Herausforderungen einer sich schnell wandelnden Wirtschaft.

Denn, heutzutage wird es weniger wichtig nur Anweisungen folgen zu können. Das können die Arbeiter in den Fabriken Chinas oder die Software Entwickler in Bangalore auch. Und sie sind vermutlich genauso motiviert wie unsere Schulabgänger in Deutschland, verlangen aber nur einen Bruchteil des Stundenlohns.

Was jedoch viele Absolventen nicht ausreichend mitbringen, weil sie es in der Schule nicht geübt haben und es im Laufe der Schulzeit sogar regelrecht abtrainiert wurde, sind Fähigkeiten, wie Kreativität, lösungsorientiertes Denken, Teamgeist und die praktische Anwendung von Unterrichtsstoff. Von der Fähigkeit Begeisterung für ein Gebiet zu entwickeln und sich in dem Gebiet eigenständig Wissen anzueignen ganz zu schweigen.

Aber genau diese Fähigkeiten werden, neben einer Vielzahl weiterer Schlüsselqualifikationen, immer wichtiger. Denn es bleibt nicht zu erwarten, dass sich der Grad der Veränderungen in unserer schnelllebigen Netzwelt in nächster Zeit verringern wird. Eher nimmt  das Tempo noch zu. Also ergibt es Sinn, die Schüler auf ein dynamisches Spielfeld vorzubereiten, anstatt so zu tun, als wäre man immer noch in einem weitestgehend statischen Umfeld, in dem die Regeln des Industriezeitalters gelten würden.

Vermittlung praktischer und andersartiger Wissensgebiete

Man könnte mehr praktisches Wissen vermitteln, ohne dabei auf essentielle Unterrichtsstoffe verzichten zu müssen. In vielen Fällen ist es eher eine Frage davon, wie die Unterrichtsinhalte aufbereitet sind. Muss es schnöde sein, oder geht es auch praktisch? Ist es möglicherweise sinnvoll, dass sämtliche Inhalte mit einem konkreten Projekt oder einer praktischen Problemlösung verknüpft sind und unter dem Gesichtspunkt der praktischen Anwendbarkeit gelehrt werden? Und welche Inhalte würden ins Curriculum noch passen? Gesunde Ernährung, mehr Sport und vielleicht Entspannungsübungen, Meditation oder andere Methoden, mit denen man wirkungsvoll dem Leistungsdruck begegnen und den Stress abbauen kann, der viele Schüler und Studenten plagt? Wie wäre es mit einer Einführung in Projektmanagement, den verantwortlichen Umgang mit Geld, einer Einführung in praktische Werkzeuge im Internet? Und warum nicht auch eine Einführung in Methoden, die Schülern den Schulalltag aber auch das Miteinander erheblich erleichtern würden, wie zum Beispiel Gedächtnistechniken, Speedreading und Methoden aus dem Bereich der Kommunikation? Vielleicht würde man damit etwas über das Ziel hinausschießen aber ich glaube es wären Schritte in die richtige Richtung. Anstatt alles und jedes vorzugeben, würde das Vermitteln von Methoden dazu führen, dass sich die Schüler selbst weiterentwickeln können.

Von der Netzwelt lernen

Unser Schulsystem, mit einigen Ausnahmen von besonderen Schulformen, setzt auf Strategien, die überholt sind. Und wenn man sie mit den Grundpfeilern der Netzwelt vergleicht, dann wird dies nur noch offensichtlicher. Während die Stärke der Netzwelt vor allem auch aus ihrem partizipativen Charakter herrührt, verläuft der Unterricht in den meisten Schulen und Universitäten weiterhin als Frontalunterricht. Während im Internet das Teilen von Inhalten groß geschrieben wird, unterstützt die Schule mit seinem Notensystem und dem künstlichen Aufbau von Wettbewerb, gewollt oder ungewollt eher das ‚für sich behalten‘. Das Internet ist demokratisch, mit all dem Chaos und den Shitstorms, die manchmal dazu gehören. Der Klassenraum wird in der Regel eher autokratisch regiert. Im Internet gilt eher das Prinzip Lernen durch Scheitern. An der Schule ist Scheitern wiederum nicht so gern gesehen. Eine Beta-Version der Mathematikklausur gibt es nicht.

Dies sind nur einige der Unterschiede, die einem ins Auge stechen, wenn man sich den Unterschied zwischen Klassenraum und Netzwelt anschaut. Ich glaube, dass der Klassenraum einiges von der Netzwelt lernen könnte, wenn vielleicht auch nicht alles. Aber angesichts der Tatsache, dass jährlich tausende Absolventen in die ‚Arbeitswelt‘ entlassen werden und nach zwölf, dreizehn oder sogar noch mehr Jahren der Schule und des Studiums keine Ahnung haben, was sie mal machen sollen, was sie interessiert, was sie begeistert und in welchem Bereich sie sich entfalten möchten, ist ein klares Signal, dass es an der Zeit ist, anderen Ansätzen eine Chance zu geben.

Es gibt sicherlich verschiedene Modelle, die man ausprobieren kann, um unser Bildungssystem umzustellen und fit zu machen, für die neuen Herausforderungen.

Klar ist jedoch, dass etwas geschehen muss. Eine Alternative zum aktuellen Bildungssystem muss sich der Tatsache stellen, dass die Annahmen, auf denen das alte Bildungssystem basierte, nicht mehr gegeben sind. Und es muss Fragen beantworten, die sich als Konsequenz dessen unweigerlich stellen. Unter anderem:

  • Wie können Schüler Dinge im Zusammenhang lernen, so dass das Wissen nicht wertlos wird, sobald sich der Kontext verändert?
  • Wie können grundlegende Prinzipien gelehrt werden, die auch in einer sich schneller verändernden Welt wahr bleiben?
  • Wie können essentielle Fähigkeiten, die eine praktische Relevanz im Alltag haben, stärker in den Unterricht einfließen?
  • Wie kann man eine Lernumgebung schaffen, die darauf setzt, dass Kinder von Natur aus neugierig sind und die natürliches Lernen und den Spaß am Lernen unterstützt?

Noch eine abschließende Anmerkung: Meine Meinung ist stark geprägt und subjektiv. Viele der Gedanken wurden und werden regelmäßig von Vordenkern auf dem Gebiet Bildungswandel geäußert. Mit Sicherheit ist das Thema nichts Neues. Dennoch bin ich immer erstaunt, wie beharrlich an dem ‚alten‘ System festgehalten wird. Es gibt sie, die interessanten und vielversprechenden Ansätze, um das Bildungssystem wettbewerbsfähiger zu machen und junge Menschen besser auf die Zukunft vorzubereiten. Und Letztendlich sind wir diejenigen, die diesen Wandel einfordern müssen. Indem wir abstimmen, alternative Bildungsformen schaffen und unterstützen und indem wir Schulen unterstützen, die bereit sind, neue Wege zu gehen und Experimente zu wagen.

Über den Autor:

Thomas Jakel ist Mitgründer von Wonderpress und Co-Blogger auf  OneDayProfits . In seinem letzten Artikel auf netzwertig.com berichtete er über digitales Nomadentum und seine Fahrradreise von Berlin nach Indien.

(Foto: Students at school, Shutterstock)

Kommentare

  • Georg

    29.11.13 (19:27:16)

    An Gymnasien fällt auch auf, dass die Schüler anscheinend in erster Linie zwei Dinge beherrschen sollen (oder zumindest ihre Lernzeit nur auf diese Sachen verschwenden sollen): Mathe und die zweite Fremdsprache, was auch immer da gerade ausgewählt wurde oder zur Wahl stand. An diesen Fächern scheitert es auch am meisten, während z.B. das Englisch-Niveau, welches an Schulen vermittelt wird, eigentlich zu gering ist, um damit in die Arbeitswelt einsteigen zu können. Aber statt sich Gedanken um Inhalte zu machen, mischt die Politik lieber die Schulsysteme gut durch und wechselt regelmäßig die Dauer, die ein Kind die Schulbank drücken muss.

  • Tadeusz

    02.12.13 (07:09:25)

    Danke für diesen Artikel. Er trifft einen sehr wichtigen Punkt unserer Gesellschaft. Jedoch ist unser Schulsystem eher wie ein riesiger Öltanker, welcher seinen Kurs nur sehr langsam ändern kann, mit Änderungen ist erst sehr spät zu rechnen und dann sind diese nur marginal. Es muss also in das System mehr Flexibilität rein. Bei großen und eingefahrenen System ist dies jedoch nur sehr schwer möglich. Evtl. ist hier sogar das größte Problem der Lehrer selbst, wenn ich da so an meine Schulzeit denke. Recht haben Sie aber in jedem Fall, die Bildungspolitik ist in ihrer Bedeutung nicht hoch genug zu setzten in unserer Gesellschaft. Hier passiert viel zu wenig.

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