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20.05.14Leser-Kommentare

Von werbefrei bis dezentral: 5 gescheiterte Visionen für das Web, die trotzdem Zukunft haben

Geschäftsmodelle, die auf Werbung verzichten, gelten ebenso als Heilsbringer für ein freies, gesundes Internet wie dezentrale Serverstrukturen, HTML5, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Open Source. Doch obwohl Erfolge sich in Grenzen halten, muss man die Hoffnung nicht aufgeben.

Visionen

Das Internet und die darauf aufbauenden Dienste haben sich in den 20 Jahren ihrer kommerziellen Existenz rasant entwickelt. Doch während die Evolution in machen Bereichen so schnell ging, dass unaufmerksame Milliardenunternehmen der Branche innerhalb kürzester Zeit von Marktführern und Trendsettern zu Artefakten aus einer vergangenen Zeit wurden, steht der Fortschritt an anderer Stelle still: Manche Geschäftsansätze und technischen Konstrukte gelten in der Theorie gemeinhin als Wegbereiter und Bewahrer eines freien, demokratischen, effektiv funktionierenden Netzes, konnten sich in der Praxis jedoch nie in dem dafür erforderlichen Maße durchsetzen.

Die folgenden fünf Beispiele leiden alle unter dem Problem, dass sie teilweise seit Dekaden als Ideallösungen angepriesen werden, aber noch immer auf ihren Durchbruch warten. Betrachtet man das Glas als "halb leer", handelt es sich um fünf gescheiterte Visionen für das Web. Aus optimistischer Sicht hingegen erscheint es angebracht, die genannten Punkte als Ansporn und Aufgaben für die Zukunft zu verstehen. Denn manchmal schlagen Projekte und Initiativen deshalb fehl, weil die Zeit noch nicht reif war. 1. Skalierende Geschäftsmodelle ohne Anzeigenfokus

"The best minds of my generation are thinking about how to make people click ads". Diese Feststellung des frühen Facebook-Mitarbeiters Jeff Hammerbacher genießt mittlerweile einen gewissen Kultstatus - zumindest in Kreisen, in denen die Dominanz des Geschäftsmodells Werbung bei führenden Internetgiganten kritisch betrachtet wird. Die Zweifel sind durchaus berechtigt, denn die stetige Notwendigkeit zur Rücksichtnahme auf Anzeigenkunden und deren Bedürfnisse zwingt Webfirmen regelmäßig zu Entscheidungen, die nicht im Interesse der Nutzer liegen. Der Fokus auf Werbekunden ist auch die maßgebliche Ursache für exzessive, für das reibungslose Funktionieren eines Services nicht erforderliche Datensammelei. Dennoch schlugen bisher die meisten Versuche, reichweitenstarke, werbefreie Anbieter abseits der Segmente E-Commerce, SaaS und Cloudstorage zu etablieren, fehl - insbesondere im Social Web. Aktuellstes Beispiel hierfür ist App.net.

2. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bei gleichzeitiger Benutzerfreundlichkeit

Seit den Snowden-Enthüllungen muss man eigentlich nicht mehr erklären, warum eine effektive Verschlüsselung der Onlinekommunikation Vorteile hat. Dummerweise galt bis vor kurzem die Faustregel: Je sicherer, desto höher die Barrieren und desto schlechter der Komfort. Ganz beseitigt ist dieses Dilemma bis heute nicht, auch wenn eine wachsende Zahl an Startups und Diensten daran arbeitet, hohe Datensicherheit mit Simplizität und Anwenderkomfort zu verbinden. E-Mail-Anbieter und Messaging-Services mit eingebauter Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sind zwar noch immer Nische, lassen aber beachtliche Fortschritte erkennen, was ihre Zugänglichkeit auch für weniger versierter User angeht. Allerdings gilt weiterhin: Die Netzriesen verzichten durchweg auf diese besonders konsequente Art der Encryption. Sie sind deshalb technisch dazu in der Lage, private Nutzerdaten einzusehen oder weiterzugeben. Bedenkt man, wie neugierig Geheimdienste und Ermittlungsbehörden sind, ist dies eigentlich ein unhaltbarer Zustand.

3. Web-Apps statt nativer Apps

Desktop und PC werden von mobilen Geräten abgelöst. Dadurch verlieren auch klassische Websites und Webanwendungen an Bedeutung, denn native Apps fassen und fühlen sich für User meist besser an. Diese Entwicklung hat Vorteile, etwa die bei den App-Ökosystemen von Apple, Android und Windows Phone integrierten Bezahllösungen. Gleichzeitig entstehen aber Gatekeeper, die den App-Machern ihre Moralvorstellungen und Regeln aufdrängen, und die für jede Transaktion eine heftige 30-prozentige Provision berechnen. Deshalb wäre es aus Sicht des Erhalts eines freien Internets wünschenswert, wenn anstelle von separaten, über App Stores verbreiteten Programmen HTML5-basierte Browser-Anwendungen hoch im Kurs stünden. Doch trotz frühem HTML5-Engagement von Größen wie Facebook und einer stetig voranschreitenden Leistungsfähigkeit von Web Apps dominieren derzeit native Apps die Smartphone- und Tablet-Welt.

4. Dezentrale Serverstrukturen

Eine Infrastruktur, bei der viele verschiedene, nicht von einer Instanz kontrollierte Server ein Gesamtnetzwerk bilden, sind in einigen Punkten dem zentralisierten Ansatz überlegen: Sie weisen keinen "Single Point of Failure auf", lassen sich schwerer zensieren/abschalten und sie könnten Nutzern eine Kontrolle über ihre eigenen Daten geben, die bei einem zentralisierten System nicht gewährleistet wird. Dort besitzt der Betreiber die Hoheit über alles, was von Anwendern auf den Servern hinterlassen wird. Viele Peer-to-Peer-Plattformen sind dezentral aufgebaut, gleiches gilt für das Bitcoin-Protokoll. Im Markt der auf die breite Masse der Endanwender ausgelegten sozialen Netzwerke aber sind jegliche Versuche der Etablierung von dezentralen Lösungen gescheitert, darunter auch das relativ prominente Projekt Diaspora.

5. Open Source statt proprietär

Open-Source-Software erlaubt es der Öffentlichkeit, den Quellcode einzusehen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Speziell seitdem bekannt ist, wie weit die NSA geht, um ihre ungezügelte Neugier zu stillen, profitieren Projekte mit Open-Source-Ansatz auch von ihrer Eigenschaft, durch Sicherheitsexperten und die Allgemeinheit auf eventuelle Hintertüren abgeklopft werden zu können. Bei Closed-Sourced-Anbietern bleibt Usern dagegen nichts anderes übrig, als auf das Wort der Macher zu vertrauen, dass keine Backdoors eingebaut sind. Insofern spricht im Jahr 2014 eigentlich mehr denn je für Anwendungen und Dienste auf Open-Source-Basis. Dummerweise spielt Open Source im kommerziellen Internet (und in der Software-Geschichte generell) eine untergeordnete Rolle. Die wenigsten Onlinefirmen legen ihren Code offen, auch wenn sie für ihre Technologie selbst auf zahlreiche Open-Source-Elemente zurückgreifen. Eines der erfolgreichsten Open-Source-Unterfangen, nämlich Android, wird von seiner "Wächterin" Google zunehmend kontrolliert. Und als jüngst die fatale Lücke in der offenen Verschlüsselungssoftware OpenSSL die Webwelt erschütterte, zeigte sich, dass diese zwei Jahre lang unentdeckt blieb. Das lag auch an daran, dass sich nur wenige, obendrein von Spenden abhängige Entwickler OpenSSL in Vollzeit widmen konnten. Ressourcenknappheit und Geldmangel sind für die meisten Open-Source-Projekte die Regel und ein entscheidendes Hindernis im Wettbewerb mit proprietären Anbietern. /mw

(Foto: Pretty young woman with laptop sitting on cloud, Shutterstock)

Kommentare

  • Lukas Rosenstock

    20.05.14 (11:38:30)

    Schöne Auflistung! Diese 5 Argumente ziehen allerdings kaum bei der Masse an Nutzern, dort zählen Netzwerkeffekte und User Experience / Design! Dies gilt dadurch auch für die Gründer und Investoren neuer Startups die auf Wachstum setzen und das kann man niemandem vorwerfen. Den "Geeks" als Early Adopters kann man hingegen vorwerfen, dass sie sich in Kleinigkeiten verlieren, z.B. wird gemeckert dass Threema nicht Open Source und dass App.net nicht dezentral ist oder es wird endlos über Details von Web Standards und Protokollen diskutiert. Sollte man nicht stattdessen jeden Schritt in eine der 5 Richtungen begrüßen? Die einzigen die das vielleicht einigermaßen gut machen ist das IndieWebCamp. Für jetzt bleiben die Ansätze in einer technisch spannenden und liebenswerten aber für die große Masse kommerziell uninteressanten Nische.

  • mspro

    20.05.14 (17:09:01)

    Du scheinst meinen rp-talk noch nicht gesehen zu haben. ;) https://www.youtube.com/watch?v=WqHCerTUqtU

  • Martin Weigert

    20.05.14 (17:51:04)

    Lustigerweise doch... Was hab ich übersehen?

  • mspro

    20.05.14 (18:08:15)

    Ich dachte, ich hatte gezeigt, dass "kontrolle über die eigenen daten" und "dezentralität" konfliktierende ansprüche sind.

  • Martin Weigert

    20.05.14 (22:26:56)

    Das hast du sicher getan. Deshalb bevorzuge ich Texte: Dort kann man sich gar nicht erst einbilden, Multitasken und mehrere Sachen gleichzeitig machen zu können. Wie beim Streamen eines Vortrags. Zum Sachverhalt: Durchaus möglich. Wobei - im Vergleich zu "Zentralität" - der Grad der Kontrolle aber je nach Kontruktion größer ausfallen könnte, oder? Beim Filesharing sind ja meine Dateien auch nur abrufbar, während ich online bin.

  • MellorityReport

    21.05.14 (01:03:43)

    Der Aussage, dass "Open Source im kommerziellen Internet (und in der Software-Geschichte generell) eine untergeordnete Rolle" spielt, kann ich nicht zustimmen. Man nehme die Seite netzwertig.com - Sie läuft auf einem Open-Source-Betriebssystem Linux über einen Open-Source-Webserver (Apache) - wie die meisten Webseiten dieser Welt. Dabei benutzt sie mit PHP eine serverseitige Programmiersprache, die ebenfalls frei verfügbar ist und von einer Community weiterentwickelt wird. Das gleiche gilt für das verwandte Blogsystem Wordpress, das 100% Open Source ist und als CMS für viele der kommerziell erfolgreichsten Webseiten der Welt dient. Clientseitig nutzt netzwertig.com frei verfügbare Frameworks wie jQuery (quasi Industriestandard). Die Seite wird von den meisten Nutzern in einem Browser, der zu einem großen Teil von der Open-Source-Gemeinde weiterentwickelt wird, betrachtet (Firefox oder Chrome / Chromium), betrachtet. Dabei setzt der Browser Webstandards und -sprachen um (HTML, CSS, Javascript), die u.a. das W3C durch viel Input der Open-Source-Gemeinde festlegt. Die Geschichte des Internets und gerade auch die erfolgreicher Software und Programmiersprachen ist ohne Open Source absolut nicht denkbar.

  • mspro

    21.05.14 (01:08:42)

    Stimmt. Man darf auch nicht vergessen: Apple, Google, Facebook sind die größten Open Source Kontributoren weltweit.

  • Martin Weigert

    21.05.14 (09:23:51)

    Deswegen schreibe ich ja auch: "Die wenigsten Onlinefirmen legen ihren Code offen, auch wenn sie für ihre Technologie selbst auf zahlreiche Open-Source-Elemente zurückgreifen". Also: Ja, natürlich kommt haufenweise Open Source zum Einsatz. ABER: Die eigentliche Software, die damit geschrieben wird, ist in nahezu allen Fällen Closed Source.

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