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15.08.11

Von Perlentauchern, Walen, Haien & Exoten: Warum deutsche Startups in den Medien nicht auftauchen

Auch deutsche Publikumsmedien haben mittlerweile die Bedeutung der Internetwirtschaft erkannt. Der Fokus ihrer Berichterstattung liegt aber auf den führenden US-Anbietern. Gegenüber deutschen Startups herrscht noch immer ein ausgewachsenes Desinteresse.

 

Theodossios Theodoridis ist freier PR-Berater in Hamburg und auf die Arbeit mit Web-Startups spezialisiert. Mehr über den Autor am Ende des Artikels.

Auf eines kann man sich in Deutschland verlassen: Es wird einem nicht nur bei der Gründung eines Startups möglichst viel schwer gemacht - nein, auch danach.

Wenn die ersten Erfolge da sind und man den Weg in die Öffentlichkeit mittels PR-Arbeit sucht, kann man einiges erleben. Zum Beispiel, dass der Satz „Die Zukunft liegt im Internet“ endlich (wenn auch einige Jahre zu spät) in den meisten Wirtschafts-, Digital-, und Technik-Redaktionen deutscher Publikumsmedien angekommen ist - jedoch kaum jemand über die zukünftigen Protagonisten berichten möchte. Zumindest nicht, wenn sie aus Deutschland kommen.So meine Erfahrungen, die ich bei der Pressearbeit für Startups gesammelt habe. Um es auf den Punkt zu bringen: Man begegnet einer betonharten Skepsis und einem ausgewachsenen Desinteresse an neuen, deutschen Unternehmen. Selten habe ich das bei anderen Themen oder Produkten in dieser Form erlebt. Es kostet unglaublich viel Zeit und Ausdauer, diese Hürden zu überwinden.

In diesem Beitrag soll es also darum gehen, mit wie wenig Wohlwollen und mit welch großen Vorbehalten man in Deutschland Startups auf Journalistenseite begegnet. Außerdem möchte ich beispielhaft zeigen, dass Medien in den USA besser mit ihren Startups umgehen und deutsche Redaktionen sich hieran ruhig ein Beispiel nehmen können.

Deutsche Startups - „suspekt“ und „bald eh nicht mehr da“

In den ersten Anläufen stößt man, wie gesagt, auf recht wenig Interesse, über ein junges Internetunternehmen zu berichten. Wenn man mit einzelnen Redakteuren spricht, bekommt man sogar ein wenig den Eindruck, dass nahezu jedes deutsche Startup in die Kategorie „suspekt“ und „bald eh nicht mehr da“ fällt.

Auch exponentielles Wachstum und Nutzerzahlen von mehreren Hunderttausend beeindrucken Redakteure nur wenig. Schließlich können Facebook, Google & Co. Nutzerzahlen in Millionenhöhe vorweisen. Dass aber aus den Hundertausenden eines Startups schnell einmal mehrere Millionen weltweite Nutzer werden, können sich nur die wenigsten Redakteure vorstellen. Schade, denn genau das passiert regelmäßig. Auch in Deutschland.

Mediale Starthilfe für Startups - in Deutschland verpönt

Die bloße Tatsache, dass ein Startup aus Deutschland kommt, weckt bei den meisten Redakteuren… nun, eher keine Heimatgefühle. Lieber schauen hiesige Redaktionen über den Tellerrand. Sehr weit über den Tellerrand. Mit Vorliebe in Richtung USA - und dort am liebsten auf „Big Player“ wie Google, Facebook & Co.

Die „Liebe“ zu den Big Playern geht sogar so weit, dass Süddeutsche.de den Unternehmen Facebook, Apple (iPad) und Twitter eigene Rubriken im Digital-Bereich (siehe Reiter) eingerichtet hat - eigene Themenbereiche, für einzelne (US-)Unternehmen bei Süddeutsche.de? Irgendetwas stimmt da doch nicht.

Aber zurück zu den Startups. Wenn doch einmal ein junges Webunternehmen vorgestellt wird, dann ist es in der Regel eines der frisch „gehypten“. Aus den USA, versteht sich.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Über den Tellerrand zu schauen, ist per se gut, keine Frage. Aber in Deutschland scheint man das richtige Maß hierfür verloren zu haben. Es wird in meinen Augen zu oft und zu weit über den Tellerrand geschaut. Und dabei wird das, was vor einem auf dem Tisch steht, mitunter gekonnt ignoriert.

Gern wird hier das Argument angeführt, dass „die Szene sich nun mal im Valley tummelt“ und in Deutschland keine derart erfolgsversprechenden Startups zu finden sind.

Mit Verlaub, wie auch? Wenn kaum jemand diese Unternehmen beachtet, sie sich anschaut, sich mit ihnen auseinandersetzt? Oder anders gesagt: Den Mut hat, seinen Lesern auch mal einen vielversprechenden Nobody und Newcomer aus den eigenen Landen vorzustellen? Dabei gibt es genügend deutsche Startup-Perlen.

Im Gegensatz zur hiesigen Presselandschaft haben US-Medien offenbar weniger Probleme damit, jungen und hoffnungsvollen Unternehmen aus dem eigenen Land eine „Starthilfe“ zu geben - ganz im Gegenteil. Wenn ein Konzept begeistert, dann wird es vorgestellt. Ja, wir wissen alle: Amerikaner und US-Medien sind generell begeisterungsfähiger. Na, und? Daran ist im Falle von Startups nichts Verwerfliches oder übertrieben „Werbliches“. Solange man dabei journalistisch arbeitet.

Dass das geht, kann man bei einigen Online-Magazinen nachlesen – und ich spreche hier nicht von der einschlägigen Tech-Presse, sondern von der sogenannten Publikumspresse. Bestes Beispiel: Die New York Times - sie hat eine eigene Rubrik nur für Startups. Und auch die Los Angeles Times hat hierfür eine Rubrik , in der regelmäßig frische Startups vorgestellt werden. Sogar das Forbes Magazin sorgt sich um sie und gibt ihnen 10 Tipps, welche millionenschweren Fehler sie auf gar keinen Fall machen sollten. Das Ganze findet im Forbes-Blog von Martin Zwilling statt.

Und wie sieht es bei den großen deutschen Online-Medien aus? Süddeutsche.de, Spiegel.de, Stern.de? Im Großen und Ganze: Fehlanzeige.

Immerhin FAZ.net versucht es wenigstens - mit dem Blog Netzökonom. Allerdings dominieren hier wieder einmal Google, Apple, Facebook & Co. (siehe Tag-Cloud). Schade, eine vergebene Chance. Einzig* die Wirtschaftswoche hat einen Gründerraum eingerichtet. Das ist lobenswert, für die zunehmende Bedeutung dieses Wirtschaftsthemas aber immer noch zu wenig. (*Wer weitere deutsche Positiv-Beispiele kennt, darf sie gerne in den Kommentaren nennen)

Das „Oh, ein Wal!-Problem“

Wie kann man also das Phänomen der „Unlust“, nach thematischen und unternehmerischen Highlights in den eigenen Landen zu suchen, am besten beschreiben?

Hier ein Vorschlag: Indem man Journalisten generell als Perlentaucher betrachtet. In unserem Fall sind es solche, die sich beim Tauchgang gern einmal von einem riesigen oder außergewöhnlichen Tier ablenken lassen. „Oh, ein Wal!“, „Oh, ein weißer Hai!“, „Oh ein kleiner Exot“... Sie beobachten und berichten. Die großen Tiere und bunten Exoten sind ja auch irgendwie spektakulär. Einen wichtigen Teil ihres Jobs vernachlässigen sie aber dabei: Das Tauchen nach Perlen. In unserem Fall: nach einheimischen Startups.

Zugegeben, nach Perlen zu tauchen, ist mühselig. Zumal es genügend miese Muscheln auf dem Meeresgrund gibt, die einem den Spaß verderben können. Doch so leid es mir tut, werte Journalisten, es gehört nun einmal zum Job - keiner wirft Euch Perlen hinterher.

Obwohl - eigentlich geschieht genau das. Unzählige PR-Leute (gute wie schlechte) werfen Journalisten reichlich Themen und neue Startups zu. Auch hier sind wieder viele thematische „Miesmuscheln“ und nur wenige Austern mit Perlen dabei. Man muss sie aber immerhin nur noch öffnen und hineinschauen. Doch selbst das scheint den meisten Medienvertretern zu mühselig zu sein. Schade, gehört doch auch das zum Job. Oder nicht?

Gern wirft man hier die Argumente in die Runde: Keine Zeit. Keine „Man-Power“. Dann sollte man die Vorauswahl und Recherche vielleicht hungrigen Volontären und Praktikanten geben?! Vielleicht lernen sie es besser, sich in dieses zunehmend wichtiger werdende Wirtschaftsthema einzuarbeiten.

Und noch ein Vorschlag, wenn es an Zeit und Man-Power mangelt: Wie wäre es mit Kooperationen zwischen Publikumsmedien und bereits etablierten deutschen Tech-Blogs? Sie haben sich die notwendige Expertise und Leserschaft bereits erarbeitet. Ich glaube ernsthaft, dass beide Seiten davon profitieren können.

Ich weiß, Journalisten lassen sich nur ungern vor den „PR- und Propaganda-Karren“ spannen. Verständlich. Das ist aber keine Legitimation (und wenn doch - eine äußerst paradoxe), in den Internet- und Wirtschafts-Redaktionen nahezu ausschließlich über Unternehmen wie Google, Facebook, Apple & Co. zu berichten. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat.

Es wäre schön, demnächst einmal zu lesen: „Oh, eine deutsche Perle“. Oder anders gesagt, liebe Journalisten, es wäre schön, einmal zu lesen „Wir sagen „Ja!“ zu deutschen Perlen.“

Über den Autor

Theodossios Theodoridis ist freier PR-Berater in Hamburg. Er ist spezialisiert auf Öffentlichkeitsarbeit und Produkt-PR in den Bereichen Entertainment, Lifestyle & Web. Zu seinen Startup-Referenzen gehören Jimdo und Mikestar . Vor seiner Zeit als freier Berater arbeitete er auf Agentur- und Unternehmensseite. Zuletzt war er acht Jahre PR Manager beim Games Publisher Eidos/Square Enix.

(Foto: Flickr/invervegas; CC-Lizenz)

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