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15.04.14

Von Eric Schmidt bis Marc Andreessen: Wenn Tech-Koryphäen die Zukunft vorherzusagen versuchen

Wenn Schwergewichte aus der Internet- und Technologiebranche in die Glaskugel blicken, bekommen sie viel Aufmerksamkeit. Doch man sollte ihre Worte nicht zu ernst nehmen.

Eric Schmidt

Googles ehemaliger CEO und derzeitiger Verwaltungsratschef Eric Schmidt ist für seine kühnen Prognosen bekannt. Mal liegt er richtig, mal nicht. Sein wohl "berühmtester" Irrtum war die selbstbewusste Prophezeiung im Dezember 2011, dass im Sommer 2012 die Mehrzahl der in den Läden stehenden Fernsehgeräte mit der Google-TV-Software-Plattform ausgerüstet sein würde. Dazu kam es nie, denn aus dem ambitionierten TV-Projekte wurde ein Flop.

Der Patzer von Schmidt ist ein Lehrstück dafür, dass die von Firmenlenkern und Branchenkoryphäen gerne praktizierte Kunst der vollmundigen Vorhersagen grundsätzlich mit viel Vorsicht betrachtet werden muss. Erst recht deshalb, weil der Mensch darauf programmiert zu sein scheint, den Worten eines Schwergewichts aus Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft eine besondere Bedeutung zuzumessen, ohne ihre Motive zu hinterfragen. Und so landen die Prophezeiungen von Schmidt und anderen im Rampenlicht stehenden Unternehmern und Bossen aus der Technologiewelt meist besonders prominent in den Schlagzeilen.

Streben nach sich selbst erfüllenden Prophezeiungen

Es ist unwahrscheinlich, dass der hochintelligente Google-Chairman damals tatsächlich davon ausging, mit Google TV trotz der bis dato schon durchwachsenen Resonanz tatsächlich innerhalb eines halben Jahres den gesamten Fernsehmarkt einnehmen zu können. Eher wird die Aussage ein kalkulierter Versuch gewesen sein, mit der Darstellung massiven Selbstbewusstseins Beobachter, Partner und TV-Hersteller zu der Überzeugung zu bringen, dass es sich bei der Software tatsächlichum das nächste große Ding handelt, um daraus Google strategische Vorzüge und ein vorteilhafteres Verhandlungsklima zu verschaffen.

Marc Andreessen

Schmidt ist nicht der einzige, der seinen Einfluss und die Aufmerksamkeit der Weltpresse dafür nutzt, um mutige Behauptungen über künftige Entwicklungen aufzustellen und damit vielleicht gar eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu landen. Netscape-Erfinder und Silicon-Valley-Topinvestor Marc Andreessen ist ein besonders fließiger Prophet. In jüngster Zeit kündigte er unter anderem den Durchbruch von Bitcoin, den kompletten Untergang des stationären Handels schon in sehr naher Zukunft sowie das zehn- bis hundertfache Wachstum des Nachrichten- und Journalismusgeschäfts an.

Dauer-Propheten haben wenig zu verlieren

In die Rolle eines Fließband-Orakels zu schlüpfen, hat für Andreessen nur Vorteile: Allein aufgrund der schieren Masse an von ihm gezeichneten Zukunftsvisionen sichert er sich den ein oder anderen Volltreffer. Zudem ist er über seine Investmentfirma Andreessen Horowitz an unzähligen Startups und Diensten beteiligt, die auf verschiedene Weise in den Segmenten aktiv sind, um die sich seine Glaskugel-Analysen drehen. Andreessen weiß, dass seine von ihm dieser Tage oft per Twitter ausführlich ausgeführten Darlegungen von hunderten Bloggern, Journalisten, Investoren-Kollegen, Firmenchefs und Gründern gelesen, verbreitet und verinnerlicht werden. Eine durchdacht platzierte, polarisierende Vorhersage von ihm kann da eine eine kraftvolle Eigendynamik entwickeln und zu Projekten oder gar Startup-Ideen führen, die dann wiederum von Andreessen mit Wagniskapital unterstützt werden. Ganz generell lohnt es sich für den Entrepreneur und Investor, im Gespräch zu bleiben, immerhin herrscht unter US-Geldgebern ein heftiger Konkurrenzkampf um die attraktivsten Startups.

Prognosen sind auch nur Worte

Weder bei Schmidts noch bei Andreessens unerschrockenen, gewagten Vorhersagen weiß man genau, zu welchen Teilen sie sich aus Überzeugung, strategischer Berechnung und spontanem Impuls speisen. Sicherheitshalber empfiehlt es sich aber, immer alle Auslöser in Betracht zu ziehen. Gleiches trifft zu, wenn Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner erklärt, dass in drei bis fünf Jahren der Schutz des geistigen Eigentums als Voraussetzung für Vielfalt allgemein akzeptiert sein wird, oder wenn Microsoft-Ventures-Boss Rahul Sood eine Wette darauf eingeht, dass eines von neun kürzlich bei der Microsoft Demo Night in Berlin vorgestellten Startups eine Milliarden-Firma wird.

Beschlagene Vorstandschefs und Kenner der Materie verfügen zwar einerseits über bessere, marktnahe Informationen, um treffende Prognose zu machen, sind aber andererseits an die Interessen ihrer Organisationen gebunden, wodurch die Vorhersagen ihre Objektivität verlieren. Die Qualität ihrer Analysen variiert deshalb so stark wie die jeder anderen, halbwegs mit der IT-Industrie vertrauten Person. Sie kann ins Schwarze treffen wie einst Steve Jobs' selbstbewusste Ankündigung der Post-PC-Ära, oder sich als im Nachhinein peinliche Fehleinschätzung herausstellen. Ex-Microsoft-Chef Steve Ballmer, der 2007 das iPhone verspottete, kennt das Gefühl.

Im November verkündete Eric Schmidt, dass es in zehn Jahren keine Zensur mehr geben werde. Mehr als geraten ist das nicht. Aber hoffen wir, dass er Recht behält. /mw

(Fotos: Eric Schmidt 2011, Shutterstock; Marc Andreesen, WikimediaCC BY 2.0)

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