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11.12.08

Von der Unfähigkeit zu lernen

Die Entscheider in jedem Wirtschaftszweig, dessen Geschäftsmodelle direkt vom Internet betroffen sind, weigern sich seit Jahren, zu lernen, zu verstehen, zu überleben. 

netzwertig.com fordert 'Lebenslanges Lernen' für Eliten und EntscheiderIn den USA steht mit der Tribune Company einer der größten Verlage (LA Times, Chicago Tribune) vor der Insolvenz. Am 8. Dezember diesen Jahres hat die Tribune Company Gläubigerschutz beantragt.

Bei Jeff Jarvis bin ich auf einen Artikel von Clay Shirky, unter anderem außerordentlicher Professor an der NYU, auf Boing Boing gestossen. In diesem weist er im Licht der Tribune-Misere noch einmal darauf hin, dass die Krise, in der sich die Printbranche befindet, kein plötzlich und unerwartet auftauchender Umbruch ist, wie es viele oft behaupten.

Er verweist auf einen Artikel, in dem er 1995 (Neunzehnhundertfünfundneunzig) über die kommenden Veränderungen geschrieben hat, die durch die grundlegenden, ökonomischen Verschiebungen mit dem Internet für die alteingessenen Printgeschäftsmodelle entstehen.

Er schreibt heute über diesen Artikel von Mitte der Neunziger:

Es hatte nicht viel gebraucht, um zu erkennen, dass unbegrenzte, perfekte Kopiermöglichkeit, gepaart mit globaler Erreichbarkeit und Grenzkosten von Null Print langsam in die gleiche Lage einer späten Dampflok versetzt.

Und als das offensichtlich geworden war, haben wir es gesagt, wieder und wieder, die ganze Zeit. Wir haben es in der Öffentlichkeit gesagt, wir haben es privat gesagt. Wir haben es gesagt, als die Verleger uns als Designer anheuerten, wir sagten es, wenn wir als Berater beauftragt wurden, wir sagten es umsonst. Wir waren lästige Motherfucker mit unserem Gerede über das Ende der Nachrichten auf Papier. Und weißt Ihr was? Die Leute, die ihren Lebensunterhalt mit dem Drucken von Nachrichten verdienen, haben zugehört, und dann entschieden, dass sie uns nicht glauben.

Über die Geschwindigkeit dieser Veränderung und die Fähigkeit, diese zu erkennen und zu reagieren, sagt Shirky:

Diese Veränderung ist eher, wie einen Gletscher aus zehn Meilen Entfernung auf einen zukommen zu sehen und dann zu entscheiden, sich nicht zu bewegen.

Die Unfähigkeit, einfachste Umstände zu lernen und zu akzeptieren, ist schon bei der Musikindustrie absolut bemerkenswert. Besonders wenn man bedenkt, von welchen Zeiträumen wir hier mittlerweile reden.

Es passt nicht in's eigene Weltbild, deswegen kann und darf es nicht wahr sein.

Dass das Gleiche ebenfalls in der Printindustrie/Journalismusbranche der Fall ist, ist nach wie vor nur schwer nachzuvollziehen. Die Branche, deren Aufgabe es ist, die Welt zu verstehen und verständlich zu machen, versteht die eigene Situation nicht einmal ansatzweise. Und statt das zu ändern, verschließt man einfach die Augen:

Die Verlage aber glauben, dass das schlimmste, was man mit Problemen tun kann, ist, sie zur Kenntnis zu nehmen. Wenn man auf einen Abgrund zurast, muss man sich vor allem die Augen zuhalten

Selbst heute, Ende 2008, gibt es in Deutschland nicht ein großes Medienunternehmen, in dem der Vorstand den Aussagen und prognostizierten Konsequenzen zustimmen würde, die Clay Shirky 1995 gemacht hat und deren Auswirkungen sich jetzt auf dramatische Weise in den USA bewahrheiten. Dabei ist das alles so lang so offensichtlich, dass es schmerzt.

Ein weiteres Beispiel von der Sorte, bei der sich nicht nur Michael Masnick von Techdirt wundert , ob die Vorstände in der - dieses Mal - Unterhaltungsindustrie morgens aufwachen und planen sich selbst in den kollektiven Fuß zu schiessen:

Hollywoodstudios haben in den USA itunes und Netflix' Downloadstore dazu gezwungen, diverse Filme aus dem Programm zu nehmen, weil diese bald im TV laufen. Der Grund: Rechtfertigung schaffen für die hohen Lizenzzahlungen, die die TV-Sender für die Ausstrahlungen bezahlen. Diese würden wegfallen oder sinken, wären die Filme leicht über Downloadstores verfügbar. Gleichzeitig stehen die Filme auf physischen DVDs zum Kauf und Verleih. Und sind illegal herunterladbar über diverse Tauschbörsen.

Man könnte mit dem Aufzählen solcher Beispiele sehr lang so weitermachen.

Wir leben in Zeiten, in denen man eigentlich permanent "holy shit" vor sich hin murmeln müsste, wenn die permanent zu beobachtende Inkompetenz nicht mittlerweile abgestumpft hätte.

So unfassbar ist das Handeln in allen Industriezweigen, deren Geschäftsmodelle direkt vom Internet betroffen sind. Einfachste ökonomische Zusammenhänge werden einfach komplett ausgeblendet.

Stattdessen: Ignoranz, Arroganz und ein Vertrauen auf die eigenen Lobbyverbände und als letzte Notlösung die Regierung, die notfalls eingreifen soll. Nur reicht eben nicht einmal das. Was Einigen langsam klar werden dürfte.

Markt bedeutet eben nicht nur unverschämt hohe Renditen sondern auch Untergang, wenn man sich nicht an Veränderungen der Umwelt anpassen kann oder will.

Wo kommt diese Uneinsichtigkeit her? Und vor allem: wie viele Unternehmen und ganze Wirtschaftszweige müssen untergehen, bis sich in den oberen Etagen etwas ändert? Oder wird man künftig einfach immer auf staatliche Hilfe hoffen, wenn man den Markt nicht mehr versteht?

Die Regierungsvertreter tun sich schließlich auch selbst recht schwer mit diesem völlig neuen Internet. Dem Gletscher, der auf uns alle 'zurast'. Mit ein wenig Lobbyhilfe lässt sich sicher für jeden vom Untergang bedrohten Wirtschaftszweig ein Bailout-Paket schnüren oder gleich eine Steuer einführen lassen, wenn die dummen Konsumenten weigern, sich die minderwertigen Produkte andrehen zu lassen?

Augen öffnen

Wenn sich das eigene Weltbild auf den Kopf stellt, dann ist das nicht gerade trivial. Ich habe in den letzten Jahren mit zunehmender Beschäftigung mit der Materie 'Internet' und den damit einhergehenden Erkenntnissen eine 180°-Wendung meiner Meinung zu vielen Themen (z.B. Filesharing urheberrechtlich geschützten Materials) durchgemacht. Wenn vieles, von dem man seit seiner Kindheit glaubte, dass es in Stein gemeißelte Gesetzmäßigkeiten wären, auf einmal nicht mehr stimmt, dann ist das hart und oft schmerzhaft.

Ich stelle auch immer wieder in den Kommentaren hier auf netzwertig.com fest, dass wir uns zwar alle einig darin sind, dass das Internet sehr vieles sehr grundlegend verändert. Aber sobald man anfängt, konkrete, ausgesprochen schwerwiegende Veränderungen anzusprechen, werden einmal angelernte Ansichten, was richtig und was falsch ist, verbittert verteidigt, ohne die veränderte Umgebung einzubeziehen. Argumente spielen dann oft leider schnell eine untergeordnete Rolle. Denn wie schwer wiegen schon die Argumente von jemanden, der etwas vorschlägt, das moralisch oder aktuell gesetzlich falsch ist?

Was tun?

Seth Godins Herangehensweise an das Verstehen veränderter Umgebungen entspricht ziemlich genau der meinen:

Wir bleiben stecken, weil wir glauben, dass die Regeln unseres Ökosystems permanent und transferierbar sind. Tatsächlich sind sie fast immer temporär und selten transferierbar.

Meine Herangehensweise heute ist einfach: Schau Dir die Regeln des neuen Ökosystems an. Ergeben sie Sinn? Ist es möglich, dass sie sich einbürgern werden? Wenn sie das tun, was passiert dann Dir?

 

Wenn von den eigenen Ansichten die Zukunft eines Unternehmens abhängt, dass aufgrund von Veränderungen in seiner Umwelt langsam den Bach runtergeht, dann sollte man vielleicht irgendwann einmal über den eigenen Schatten springen, drei Schritte zurückmachen und die Wahrnehmung der eigenen Situation auf den Prüfstand stellen. Und/oder Experten um Hilfe bitten, die seit Jahren vorhersagen, was jetzt eintritt. Und auf sie hören. Und wenn man das alles nicht kann, zurücktreten.

Die einzige Alternative dazu ist: versagen und untergehen.

Zum Abschluss noch ein Shirky-Zitat, das zwar in einem anderen Zusammenhang entstand, aber auch hier passt:

Wenn du das gleiche Problem seit einer langen Zeit hast, dann ist es vielleicht kein Problem. Vielleicht ist es ein Fakt.

(Foto: iboy_daniel)

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