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11.12.08Leser-Kommentare

Von der Unfähigkeit zu lernen

Die Entscheider in jedem Wirtschaftszweig, dessen Geschäftsmodelle direkt vom Internet betroffen sind, weigern sich seit Jahren, zu lernen, zu verstehen, zu überleben. 

netzwertig.com fordert 'Lebenslanges Lernen' für Eliten und EntscheiderIn den USA steht mit der Tribune Company einer der größten Verlage (LA Times, Chicago Tribune) vor der Insolvenz. Am 8. Dezember diesen Jahres hat die Tribune Company Gläubigerschutz beantragt.

Bei Jeff Jarvis bin ich auf einen Artikel von Clay Shirky, unter anderem außerordentlicher Professor an der NYU, auf Boing Boing gestossen. In diesem weist er im Licht der Tribune-Misere noch einmal darauf hin, dass die Krise, in der sich die Printbranche befindet, kein plötzlich und unerwartet auftauchender Umbruch ist, wie es viele oft behaupten.

Er verweist auf einen Artikel, in dem er 1995 (Neunzehnhundertfünfundneunzig) über die kommenden Veränderungen geschrieben hat, die durch die grundlegenden, ökonomischen Verschiebungen mit dem Internet für die alteingessenen Printgeschäftsmodelle entstehen.

Er schreibt heute über diesen Artikel von Mitte der Neunziger:

Es hatte nicht viel gebraucht, um zu erkennen, dass unbegrenzte, perfekte Kopiermöglichkeit, gepaart mit globaler Erreichbarkeit und Grenzkosten von Null Print langsam in die gleiche Lage einer späten Dampflok versetzt.

Und als das offensichtlich geworden war, haben wir es gesagt, wieder und wieder, die ganze Zeit. Wir haben es in der Öffentlichkeit gesagt, wir haben es privat gesagt. Wir haben es gesagt, als die Verleger uns als Designer anheuerten, wir sagten es, wenn wir als Berater beauftragt wurden, wir sagten es umsonst. Wir waren lästige Motherfucker mit unserem Gerede über das Ende der Nachrichten auf Papier. Und weißt Ihr was? Die Leute, die ihren Lebensunterhalt mit dem Drucken von Nachrichten verdienen, haben zugehört, und dann entschieden, dass sie uns nicht glauben.

Über die Geschwindigkeit dieser Veränderung und die Fähigkeit, diese zu erkennen und zu reagieren, sagt Shirky:

Diese Veränderung ist eher, wie einen Gletscher aus zehn Meilen Entfernung auf einen zukommen zu sehen und dann zu entscheiden, sich nicht zu bewegen.

Die Unfähigkeit, einfachste Umstände zu lernen und zu akzeptieren, ist schon bei der Musikindustrie absolut bemerkenswert. Besonders wenn man bedenkt, von welchen Zeiträumen wir hier mittlerweile reden.

Es passt nicht in's eigene Weltbild, deswegen kann und darf es nicht wahr sein.

Dass das Gleiche ebenfalls in der Printindustrie/Journalismusbranche der Fall ist, ist nach wie vor nur schwer nachzuvollziehen. Die Branche, deren Aufgabe es ist, die Welt zu verstehen und verständlich zu machen, versteht die eigene Situation nicht einmal ansatzweise. Und statt das zu ändern, verschließt man einfach die Augen:

Die Verlage aber glauben, dass das schlimmste, was man mit Problemen tun kann, ist, sie zur Kenntnis zu nehmen. Wenn man auf einen Abgrund zurast, muss man sich vor allem die Augen zuhalten

Selbst heute, Ende 2008, gibt es in Deutschland nicht ein großes Medienunternehmen, in dem der Vorstand den Aussagen und prognostizierten Konsequenzen zustimmen würde, die Clay Shirky 1995 gemacht hat und deren Auswirkungen sich jetzt auf dramatische Weise in den USA bewahrheiten. Dabei ist das alles so lang so offensichtlich, dass es schmerzt.

Ein weiteres Beispiel von der Sorte, bei der sich nicht nur Michael Masnick von Techdirt wundert , ob die Vorstände in der - dieses Mal - Unterhaltungsindustrie morgens aufwachen und planen sich selbst in den kollektiven Fuß zu schiessen:

Hollywoodstudios haben in den USA itunes und Netflix' Downloadstore dazu gezwungen, diverse Filme aus dem Programm zu nehmen, weil diese bald im TV laufen. Der Grund: Rechtfertigung schaffen für die hohen Lizenzzahlungen, die die TV-Sender für die Ausstrahlungen bezahlen. Diese würden wegfallen oder sinken, wären die Filme leicht über Downloadstores verfügbar. Gleichzeitig stehen die Filme auf physischen DVDs zum Kauf und Verleih. Und sind illegal herunterladbar über diverse Tauschbörsen.

Man könnte mit dem Aufzählen solcher Beispiele sehr lang so weitermachen.

Wir leben in Zeiten, in denen man eigentlich permanent "holy shit" vor sich hin murmeln müsste, wenn die permanent zu beobachtende Inkompetenz nicht mittlerweile abgestumpft hätte.

So unfassbar ist das Handeln in allen Industriezweigen, deren Geschäftsmodelle direkt vom Internet betroffen sind. Einfachste ökonomische Zusammenhänge werden einfach komplett ausgeblendet.

Stattdessen: Ignoranz, Arroganz und ein Vertrauen auf die eigenen Lobbyverbände und als letzte Notlösung die Regierung, die notfalls eingreifen soll. Nur reicht eben nicht einmal das. Was Einigen langsam klar werden dürfte.

Markt bedeutet eben nicht nur unverschämt hohe Renditen sondern auch Untergang, wenn man sich nicht an Veränderungen der Umwelt anpassen kann oder will.

Wo kommt diese Uneinsichtigkeit her? Und vor allem: wie viele Unternehmen und ganze Wirtschaftszweige müssen untergehen, bis sich in den oberen Etagen etwas ändert? Oder wird man künftig einfach immer auf staatliche Hilfe hoffen, wenn man den Markt nicht mehr versteht?

Die Regierungsvertreter tun sich schließlich auch selbst recht schwer mit diesem völlig neuen Internet. Dem Gletscher, der auf uns alle 'zurast'. Mit ein wenig Lobbyhilfe lässt sich sicher für jeden vom Untergang bedrohten Wirtschaftszweig ein Bailout-Paket schnüren oder gleich eine Steuer einführen lassen, wenn die dummen Konsumenten weigern, sich die minderwertigen Produkte andrehen zu lassen?

Augen öffnen

Wenn sich das eigene Weltbild auf den Kopf stellt, dann ist das nicht gerade trivial. Ich habe in den letzten Jahren mit zunehmender Beschäftigung mit der Materie 'Internet' und den damit einhergehenden Erkenntnissen eine 180°-Wendung meiner Meinung zu vielen Themen (z.B. Filesharing urheberrechtlich geschützten Materials) durchgemacht. Wenn vieles, von dem man seit seiner Kindheit glaubte, dass es in Stein gemeißelte Gesetzmäßigkeiten wären, auf einmal nicht mehr stimmt, dann ist das hart und oft schmerzhaft.

Ich stelle auch immer wieder in den Kommentaren hier auf netzwertig.com fest, dass wir uns zwar alle einig darin sind, dass das Internet sehr vieles sehr grundlegend verändert. Aber sobald man anfängt, konkrete, ausgesprochen schwerwiegende Veränderungen anzusprechen, werden einmal angelernte Ansichten, was richtig und was falsch ist, verbittert verteidigt, ohne die veränderte Umgebung einzubeziehen. Argumente spielen dann oft leider schnell eine untergeordnete Rolle. Denn wie schwer wiegen schon die Argumente von jemanden, der etwas vorschlägt, das moralisch oder aktuell gesetzlich falsch ist?

Was tun?

Seth Godins Herangehensweise an das Verstehen veränderter Umgebungen entspricht ziemlich genau der meinen:

Wir bleiben stecken, weil wir glauben, dass die Regeln unseres Ökosystems permanent und transferierbar sind. Tatsächlich sind sie fast immer temporär und selten transferierbar.

Meine Herangehensweise heute ist einfach: Schau Dir die Regeln des neuen Ökosystems an. Ergeben sie Sinn? Ist es möglich, dass sie sich einbürgern werden? Wenn sie das tun, was passiert dann Dir?

 

Wenn von den eigenen Ansichten die Zukunft eines Unternehmens abhängt, dass aufgrund von Veränderungen in seiner Umwelt langsam den Bach runtergeht, dann sollte man vielleicht irgendwann einmal über den eigenen Schatten springen, drei Schritte zurückmachen und die Wahrnehmung der eigenen Situation auf den Prüfstand stellen. Und/oder Experten um Hilfe bitten, die seit Jahren vorhersagen, was jetzt eintritt. Und auf sie hören. Und wenn man das alles nicht kann, zurücktreten.

Die einzige Alternative dazu ist: versagen und untergehen.

Zum Abschluss noch ein Shirky-Zitat, das zwar in einem anderen Zusammenhang entstand, aber auch hier passt:

Wenn du das gleiche Problem seit einer langen Zeit hast, dann ist es vielleicht kein Problem. Vielleicht ist es ein Fakt.

(Foto: iboy_daniel)

Kommentare

  • Herbert Braun

    11.12.08 (17:41:14)

    Ich fürchte, das Problem ist weniger, dass die Verleger nicht an den Umbruch geglaubt haben, sondern dass sie einfach keine Idee haben, wie man unter den veränderten Umständen genug Geld für ein paar hundert Redakteure und den administrativen Wasserkopf verdienen soll. Vermutlich geht es ganz einfach nicht. Was war nochmal das Geschäftsmodell für eine Online-Nachrichten-Site? Auch die mehr oder weniger erfolgreichen Branchenriesen wie Spiegel online zehren von der Substanz der Print-Redaktion. Wahrscheinlich läuft die Zeit der Verlage einfach ab und es wird nichts Größeres übrig bleiben als Kleinkollektive wie Techcrunch und Spreeblick - unter zahllosen wenig oder gar nicht bezahlten Einzelkämpfern.

  • Sven Drieling

    11.12.08 (18:00:36)

    Vielleicht liegts daran, dass die Zeitungsverlage ihre Aufgabe nicht darin sehen, zu beobachten, Entwicklungen zu erkennen und darüber zu schreiben, sondern sich darauf optimiert haben einen möglichst großen Gewinn zu erwirtschaften. IMHO liegt ein Lösungsschritt zur Finanzierung von Medien im Internet, insbesonders Zeitungen, darin sich erst einmal vom Ziel endlos hoher Gewinne zu trennen und auf eigene, gute, investigativ recherchierte Inhalte zu setzen. Damit erzeugt man Aufmerksamkeit und erhält auf Dauer mehr Leser, Seitenaufrufe und Einnahmen. @Herbert Braun "Wahrscheinlich läuft die Zeit der Verlage einfach ab und es wird nichts Größeres übrig bleiben als Kleinkollektive" Ging mir auch schon mal durch den Kopf. Ich glaube aber nicht, dass das Eintritt. Sowohl Verlage als auch Kleinkollektive stehen ja von Image her für eine bestimmte Qualität, Inhalte und Bekanntheitsgrad und das hilft auch weiterhin großen Verlagen möglichst viele Leser und mehr Leser zu erreichen als es kleineren oder einzelnen Bloggern möglich ist. Das Internet bietet Neuen aber auch die Möglichkeit auf die Größe der jetzige Verlage heranzuwachsen. Wenn Google eigene, redaktionelle Inhalte erstellen würde oder Amazon als Verlaug eigene Bücher veröffentlichen würde hätte man das vielleicht schon.

  • Marcel Weiss

    11.12.08 (18:07:01)

    @Herbert Braun: "Auch die mehr oder weniger erfolgreichen Branchenriesen wie Spiegel online zehren von der Substanz der Print-Redaktion." Das liegt aber doch in weiten Teilen daran, dass etwa die Werbung dem Medienkonsum noch nicht gefolgt ist. Wir haben nach wie vor eine starke Diskrepanz zwischen der Zeit, die viele Menschen im Netz verbringen, und dem was davon von der Werbung überhaupt wahrgenommen wird. Man kann die Reichweiten sicher nicht eins zu eins übersetzen, aber das Internet ist in den Werbeetats stark unterrepräsentiert. Was die Verleger angeht: Schwachsinn, wie die Nationale Initiative Printmedien und das so unsinnige wie hartnäckige Haptik-Argument lassen eher Schlimmes erahnen für die nahe Zukunft. Ich befürchte ja, dass in den nächsten Jahren vermehrt eine Zeitungssteuer oder ähnliches in Dtl. gefordert werden wird. Das wird eine Geldvernichtungsmaschine par excellence. Daneben glaube ich, dass es natürlich eine Nachfrage nach qualitativ aufbereiteten Nachrichten und Hintergrundberichten im Netz gibt, und damit in irgendeiner Form auch ein funktionierender Markt im Netz entstehen wird. Dafür helfen würde auch zB schon, es den Leuten noch einfacher zu machen, ihre Infos online leichter zu bekommen und zu konsumieren. Dazu gehören zb auch (werbefinanzierte) Volltextfeeds. Nur-Überschriften-Feeds etwa sind schlicht Murks. ;) "Wahrscheinlich läuft die Zeit der Verlage einfach ab und es wird nichts Größeres übrig bleiben als Kleinkollektive wie Techcrunch und Spreeblick - unter zahllosen wenig oder gar nicht bezahlten Einzelkämpfern." Das muss nicht zwangsläufig zu einer schlechteren Gesamtlage führen. Im Gegenteil: Kleine Teilnehmer die mit einander konkurrieren, können für eine bessere Informationslage sorgen als große, träge Hierarchien. In den USA hat man das in den Bereichen Politik und Technologie/Internet in den letzten Jahren bereits beobachten können.

  • Marcel Weiss

    11.12.08 (18:27:12)

    @Sven Drieling: "Das Internet bietet Neuen aber auch die Möglichkeit auf die Größe der jetzige Verlage heranzuwachsen." Ja, und zwar leichter als jemals zuvor. Zwar nicht auf die gleiche Größe (die ich für in vielen Fällen aufgebläht halte), aber von der Relevanz her, ja. Passend zum Thema: "What's black and white and completely over? It's newspapers." http://www.buzzmachine.com/2008/12/11/no-freaks/

  • Herbert Braun

    11.12.08 (18:34:38)

    @2:"Sowohl Verlage als auch Kleinkollektive stehen ja von Image her für eine bestimmte Qualität", die aber durch Controller-gesteuerte Panikmaßnahmen offenbar gerade ziemlich den Bach runtergeht. Allerdings gebe ich zu, dass die These vom Ende der Verlage ein bisschen überspitzt war. @3: "Schwachsinn, wie die Nationale Initiative Printmedien": tut mir als Print-Redakteur auch weh. Ich hätte gern eine nationale Initiative Qualitätsjournalismus (aber ich wüsste nicht, wieso die Politik daran Interesse haben sollte). "das so unsinnige wie hartnäckige Haptik-Argument": ist IMHO nicht generell unsinnig, im Nachrichtenbereich aber schon. "Daneben glaube ich, dass es natürlich eine Nachfrage nach qualitativ aufbereiteten Nachrichten und Hintergrundberichten im Netz gibt", nur geht momentan die Entwicklung in die andere Richtung (siehe die Debatte über "Online schlechter" bei Niggemeier neulich. Das so massiv kritisierte RP-Online ist z.B. eines der erfolgreichsten Online-Portale). "Nur-Überschriften-Feeds etwa sind schlicht Murks." Hm, worauf könnte sich das beziehen? :-)

  • Marcel Weiss

    11.12.08 (18:46:46)

    @Herbert Braun: "nur geht momentan die Entwicklung in die andere Richtung (siehe die Debatte über “Online schlechter” bei Niggemeier neulich. Das so massiv kritisierte RP-Online ist z.B. eines der erfolgreichsten Online-Portale)." Nur weil das Eine erfolgreich ist, sollte man nicht denken, dass etwas anderes nicht erfolgreich sein kann. Mit dieser Argumentation hätten längst von FAZ über Süddeutsche bis FR usw. usf. aufgeben und die Bild-Schiene fahren müssen, weil die Bild um Größenordnungen mehr Auflage hat als sie. Ich finde auch, dass es nicht hilft, sich das Publikum als dumme Klickschafe vorzustellen. Das unterstelle ich Dir nicht. Aber ich finde, dass diese Implikation immer in diesen Diskussionen durchscheint. Als ob die Leute am Kiosk nach Qualität schauen und am Rechner dann das Hirn ausschalten würden.. "Hm, worauf könnte sich das beziehen? :-)" Hehe, soll ich's hier sagen? :)

  • Jan

    11.12.08 (22:49:07)

    @Herbert Braun: "Was war nochmal das Geschäftsmodell für eine Online-Nachrichten-Site? Auch die mehr oder weniger erfolgreichen Branchenriesen wie Spiegel online zehren von der Substanz der Print-Redaktion." Das ist meines Wissens so nicht korrekt. Spiegel Online schreibt schwarze Zahlen. Und Chip Online verdient seit einiger Zeit mehr Geld mit Werbung als die gedruckte Chip, siehe hier. Und test.de von der Stiftung Warentest verdient seit vielen, vielen Jahren Geld mit dem bezahlten Abruf einzelner Inhalte. Das ist übrigens eines der wenigen Beispiele, wo Paid Content funktioniert. Und warum ist das so? Weil die Rahmenbedingungen stimmen: interessanter, einmaliger Inhalt, starke Marke, zielgruppengerechtes Angebot, angemessener Preis. Wäre die Stiftung Warentest Teil der Filmindustrie, gäbe es die Testberichte erst ein dreiviertel Jahr nach dem gedruckten Heft, sie wären nur 24 Stunden lesbar und würden pro Stück 9,99 Euro kosten. Ich halte nichts von der Litanei, dass man online kein Geld mit Inhalten verdienen kann. Man muss allerdings auf die Wünsche der Kunden hören. Und das würde beispielsweise im Fall der Filmindustrie bedeuten: Alle Filme können spätestens zum Kinostart ebenfalls im Internet heruntergeladen werden. Ich darf sie mir so oft und so lange ansehen wie ich will. Und ich will nicht mehr als meinetwegen drei Euro dafür bezahlen. Aber solche Angebote gibt es nicht. Es gibt sie einfach nicht. Und es wird sie wohl auch so bald nicht geben. Deshalb, Marcel: Ein sehr engagierter Beitrag, den ich in vielen Punkten unterschreiben kann. Aber abgesehen von der Genugtuung in einigen Jahren, es besser gewusst zu haben, wird der leider nichts bringen. Aber wahrscheinlich wolltest Du Dir nur einfach mal Deinen Frust von der Seele schreiben. Mir geht es jedenfalls manchmal so ;-)

  • Martin Weigert

    12.12.08 (00:18:56)

    Ich glaube, ein nicht zu unterschätzender Faktor sind die Strukturen der betroffenen Organisationen und Branchen. Es ist eben nicht so, dass jeder zur gleichen Erkenntnis kommt. Da existiert ein bunter Strauß an Visionen, Vermutungen, an Furcht, an Erwartungen und auch an Experimentierfreudigkeit. Nur lässt sich das in Unternehmen mit vielen hundert oder tausend Mitarbeitern (oder mehr) eben gar nicht so leicht durchsetzen. Entweder blockiert einer alles, oder es kommt zu Teilinitiativen in die richtige Richtung, die aber von anderer Stelle im Unternehmen nicht unterstützt oder sogar torpediert werden. Was ich sagen will: Manchmal ist es leichter gesagt als getan, Dinge zu verändern, wenn dabei viele Leute ins selbe Boot geholt werden müssen und zudem Verlustängste (Macht, Geld, Status) reinspielen. Die Unternehmen, die eine große, globale Organisation integriert und strukturiert leiten und trotzdem allen Angestellten Freiheit in ihrer Entscheidung lassen, sind hier die großen Gewinner. Aber das ist eine Kunst.

  • Andreas Goeldi

    12.12.08 (01:24:01)

    Man braucht nur wieder mal den Klassiker "The Innovator's Dilemma' von Clayton Christensen zu lesen um zu verstehen, dass das alles ein ganz normaler Teil des technischen Fortschritts ist. Kurz zusammengefasst: Diese Konzerne versäumen eine angemessene Reaktion auf das Internet nicht, weil sie zu doof und unbeweglich sind oder weil sie nicht zuhören wollen, sondern weil sie gar nicht wirklich reagieren können. Ihre alten Businessmodelle und Strukturen sind so gestrickt, dass sie fast keine Chance haben, sich auf die neue Welt einzustellen. Es ist in Technologiemärkten ziemlich selten, dass eine dominante Firma einen Shift zu einer neuen Technologiegeneration in einer dominanten Position übersteht. Die meisten Player gehen gar ganz unter (vgl. Grossrechner-Ära vs. PC-Welle vs. Internet-Zeitalter). In den Medien war die technische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten recht langsam, aber das Internet ist eine disruptive Welle, die den alten Riesen kaum eine Chance lässt, weil die neuen Strukturen der Medienwelt fundamental anders sein müssen. So eine Veränderung kann kaum eine Firma schaffen. Um sich wirklich zu veränden, müssten diese Firmen erst willentlich durch ein tiefes wirtschaftliches Tal durch, und das macht kein Manager freiwillig -- man muss ja auch an seinen Bonus denken, und der wird nächstes Jahr bestimmt, nicht in zehn Jahren, wenn man wieder aus dem Tal rauskommen würde. Ich habe beruflich jahrelang klassische Medienunternehmen in dieser Frage beraten, und das war immer äusserst frustrierend. Obwohl alle wussten, dass sie sich verändern müssen, hat am Schluss doch immer wieder das alte Businessmodell Priorität gekriegt. Enorm viele gut ausgedachte Online-Initiativen wurden gestoppt, weil sie das alte (immer noch profitablere) Kerngeschäft bedroht hätten. Das werden diese Firmen so lange machen, bis sie wirtschaftlich plötzlich von einem Kliff fallen (wie jetzt z.B. Tribune). Und darum werden wir unweigerlich erleben, dass die meisten heutigen Medienkonzerne nicht überleben werden. Aber man muss auch mal das Positive sehen: Es wäre ja auch langweilig, wenn immer die gleichen Unternehmen in einer Branche erfolgreich wären. Spezifisch zur Zeitungswelt verweise ich da gern noch auf meinen alten Artikel hier: http://netzwertig.com/2007/08/11/zeitungen-ohne-papier-geht-das-finanziell-ueberhaupt/

  • Marcel Weiss

    12.12.08 (02:16:31)

    Jan, tatsächlich war Frust die Hauptantriebsfeder für diesen Text. Mich verlässt in der Hinsicht auch langsam schlicht die Geduld. Weil ich genau weiß, dass wir den gleichen Blödsinn besonders in Deutschland in den nächsten Jahren wieder und wieder hören werden. Wahrscheinlich hast Du recht, Andreas. Ich sehe da auch ein, wie es viele nennen, Massaker auf die Medienunternehmen zukommen. Nur trifft es nicht nur die, sondern die gesamte Unterhaltungsbranche. So eine disruptive Welle quer über mehrere Wirtschaftszweige, und jeder, der sich nur ansatzweise damit beschäftigt hat, hat es kommen sehen. Naja, wahrscheinlich muss es wirklich so kommen, wie es kommen wird. :)

  • Florian Steglich

    12.12.08 (09:18:38)

    Ich sehe das ähnlich wie Martin und Andreas: Die Opfer des Paradigmenwechsels können nicht wirklich anders. Und der Paradigmenwechsel (auch so ein Klassiker: "Die besten Forscher versuchen nun zunächst, die anomalen Entdeckungen mit dem alten Paradigma zu vereinbaren und so die Wissenschaft wieder auf sicheren Grund zu stellen." - man ersetze 'Forscher' und 'Wissenschaft' entsprechend) wird auch in diesem Fall nicht unwesentlich darum stattfinden, weil die Vertreter des alten Paradigmas aussterben. Clay Shirky sagt das ja ganz ähnlich auch selbst: "The price of information [...] will continue to fall [...], and when it does whole categories of currently lucrative businesses will be either transfigured unrecognizably or completely wiped out, and there is nothing anyone can do about it." Aus der Politikwissenschaft kenne ich das als Pfadabhängigkeit. Vom einmal eingeschlagenen Weg kann man aufgrund von Strukturen, Prozessen und getroffenen Entscheidungen nicht beliebig abweichen, die letzte Abzweigung hat man verpasst, die nächste kommt erst noch (sieht so aus, als käme sie genau jetzt). Um mal Shirkys Bild abzuwandeln: Man sieht da nicht einen sich bedrohlich nähernden Gletscher und flieht nicht, sondern geht auf dem bekannten Pfad weiter in Richtung der nächsten Weggabelung, jedenfalls solange der Proviant reicht (wenn’s steil wird, muss man eben etwas Ballast abwerfen). Einige sehen die Weggabelung vielleicht bereits, andere nicht. In diesem Sinne paßt es zum Pfad, die Politik um Unterstützung bitten, und es paßt zum Pfad, zwar Onlineredaktionen aufzubauen, aber die Reichweitenvorstellungen aus dem Print mit PI-Orgien nachzuahmen. Kurz: Für die Hilflosigkeit der Unternehmen habe ich Verständnis, mehr jedenfalls als für die Ignoranz vieler 'Medienschaffender', die ausschließlich Print schaffen wollen, oder ausschließlich Radio für Radios, oder ausschließlich Fernsehen für Fernsehgeräte.

  • DonDahlmann

    12.12.08 (09:26:22)

    Was Andreas Göldi sagt, kann ich in Sachen Projekte bestätigen. Ich habe vor drei Jahren für eine Verlagsgesellschaft mal einen Vortrag gehalten, daraus entwickelte sich die lose Verabredung zu einem Projekt, was dann am Ende nicht umgesetzt wurde. Nicht, weil es schlecht gewesen wäre, sondern weil das Management nicht davon zu überzeugen war, sich wenigstens teilweise neu zu positionieren. Innovationslosigkeit ist aber keine Sache, die rein auf die Medienbranche beschränkt wäre. Ein Blick auf die Automobilbranche macht klar, dass es dort teilweise noch viel schlimmer geworden ist. Weswegen diese Branche ja ebenfalls zu Recht untergeht.

  • Daniel Niklaus

    12.12.08 (12:23:23)

    Für das Branchenblatt Viscom durfte ich 2004 einen Ausblick auf das Jahr 2010 machen. Hauptaussagen; Das Internet verdrängt massiv die Druckereien. Weil Verlage mit dem Druckgeschäft zu stark verflochten sind, werden einzelne untergehen. Die meisten Druckereien werden vom Markt weggefegt. Nur wenige, dafür erfolgreichere, Druckereien stemmen sich gegen den Trend. Interessant waren die Reaktionen. Sicher 10 Druckereien/Verlage riefen mich an und meinten, dass ich wohl recht habe, aber sie sehen keine Möglichkeit etwas zu ändern, weil sie ja noch genügend Geld verdienen und von den Kleinbeträgen im Internet schlicht nicht leben können.

  • Oliver Springer

    12.12.08 (15:43:27)

    Sehr gute Analyse! Man könnte übrigens einige Parallelen zur Finanzkrise und insbesondere zur Krise in der Autoindustrie ziehen, denke ich. Soll heißen: Das ist absolut kein Spezialproblem der Medienwirtschaft. Es soll keiner sagen, man hätte es nicht kommen sehen können. Allerdings stimmt es in der Tat nachdenklich, dass gerade die Branche der Welt-Erklärer letztlich sich selbst so wenig zugehört hat. Der Gedanke mit dem einmal eingeschlagenen Pfad ist interessant und lässt sich meiner Ansicht nach auch auf das Problem, dass "paid content" keine große Rolle im Onlinegeschäft spielt, anwenden. Ich bin fest davon überzeugt, dass es auch anders hätte kommen können. Es hätte sich auch so entwickeln können, dass hochwertiger Content allgemein kostenpflichtig ist. Dass sich die Umsonst-Mentalität bei der Usern so durchgesetzt hat, liegt sicher auch in der Unfähigkeit etwa der Medienwirtschaft, sich rechtzeitig auf die neue Zeit einzustellen. Vielleicht ist es noch noch nicht zu spät bei den Tageszeitungen. Vielleicht könnte jetzt noch eine gewise Gewöhnung an Bezahlmodelle erreicht werden. Dann dürfte ein "Online-Abo" allerdings nicht fast genauso viel wie eine Print-Abo der jeweiligen Publikation kosten. Aber sagen wir mal 3 € / Monat für das Premiumangebot einer Tageszeitung und 8 € für das Premiumangebot aller Titel des Verlages könnten glatt attraktiv sein, sofern diese Angebote für den Nutzer sehr einfach und nutzerfreundlich gestaltet würden.

  • Francis, Infopirat

    12.12.08 (20:51:13)

    Erstklassiger Artikel, Marcel. Wenn Du mehr Interesse an der generellen Problematik hast, dann empfehle ich Dir sehr mal folgendes Buch zu lesen: "Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" von Jared Diamond (http://www.amazon.de/Kollaps-Warum-Gesellschaften-%C3%BCberleben-untergehen/dp/3596167302), oder eben die entsprechnde Englische Orignalausgabe. Zwar bezieht sich das Buch eher auf ökologische Fragen (Diamond ist Geographie-Professor und Pulitzer-Preisträger), die wichtigste Frage in dem Buch ist aber: Wie reagiert eine Gesellschaft auf ihre Probleme? Nicht abschrecken lassen von dem etwas reisserischen Cover. Keine apokalyptischen Horror-Szenarien - ein wirklich gutes und wissenschaftliches Buch. *** Hast Du ne Amazon Wunschliste? Link gerne auch per Mail an mich. Ist ja bald Weihnachten, gelle ;-)

  • Daniel Niklaus

    14.12.08 (11:16:04)

    Dieser Artikel veranlasste mich über uns selbst nachzudenken und komme zum Resultat: wir Techno-Snobs.

  • Daniel Niklaus

    15.12.08 (09:36:46)

    Etwas näher betrachtet, hat die Tribune-Gruppe wohl ein ganz anderes Problem. Ein Druckbrancheninsider machte mich soeben auf folgendes Aufmerksam: ich weiss nicht, ob dieses Beispiel wirklich so aussagekräftig ist. Natürlich haben die Verlagshäuser und Zeitungen in den USA ein Ertragsproblem. Nur hat die Insolvenz der Tribune-Gruppe andere Ursachen. Das Unternehmen wurde von einer „Heuschrecke“ übernommen, welche diesen Deal zu 100% fremdfinanzierte. Wie üblich wurde diese klitzekleine Summe der von 7 Mia. $ der Tribune-Bilanz zugeschlagen. Mit anderen Worten: da wurde das, was noch an Substanz vorhanden war innert kürzester Zeit unter einem Schuldenberg begraben. Wenn man sich in den USA rumschaut, so sind dort die meisten Verlagshäuser, welche heute wirtschaftlich schlecht dastehen, von sogenannten „Investoren“ geschwächt worden: Übernahme fremdfinanziert, Anstieg der Verschuldung, mehr Schuldzinsen zahlen, Sparen, Leistungen kürzen, wenn es Gewinne gibt die „Investoren“ glücklich machen.

  • Marcel Weiss

    15.12.08 (19:17:38)

    @Oliver Springer: Dass Nachrichtenangebote im Netz kostenlos sind, hat systemimmanente Gründe. Das hat nichts mit irgendeiner ominösen "Gratismentalität" zu tun. - @Francis: Danke für das Angebot. :) Aber das kann ich nicht annehmen. - @Daniel Niklaus: Fandest Du Deinen Artikel so gehaltvoll, dass Dir der Trackback-Link nicht gereicht hat und Du das zusätzlich noch in die Kommentare setzen musstest?

  • Daniel Niklaus

    15.12.08 (19:23:07)

    ohh sorry, hab den nicht einmal gesehen. kannst ihn gerne löschen. Mein Fehler.

  • Oliver Springer

    16.12.08 (16:16:20)

    @Marcel: Systemimmanente Gründe - für den inzwischen eingetretenen Stand lässt sich das diskutieren, doch das System hätte sich meiner Ansicht nach auch ganz anders entwickeln können. Woraus leitest Du ab, dass Nachrichtenangebote kostenlos sein müssen? Ehrlich gesagt sehe ich nicht, dass hochwertiger Journalismus so zu finanzieren ist. Derzeit können die Zeitungen online nur so viele Inhalte bieten, weil es noch den Print-Bereich gibt. Müssten die Onlineredaktionen alleine stehen, sähe es anders aus. Innerhalb einer Verwertungskette verschiedene Erlösmodelle zu verfolgen, kann durchaus sinnvoll sein. Doch wenn einzelne Segmente dieser Kette wegfallen, beeinträchtigt das die weiteren Glieder der Kette. Bei Film und Fernsehen ist das Problem ähnlich. Einfach nur die alten Modelle zu verteidigen, reicht nicht bzw. würde den Fortschritt bremsen. Doch an die Stelle der alten Modelle müssen neue treten, wenn Umfang und Qualität des Contents erhalten bleiben sollen.

  • Marcel Weiss

    16.12.08 (16:49:51)

    @Oliver Springer Du blendest die Eigenschaften des Netzes völlig aus (und ein bisschen ist auch Wunsch Vater des Gedankens, oder?). siehe hierzu unter anderem: New York Times sagt Adieu zu paid content New York Times’ TimesSelect endet heute - zu recht Umsonstkultur im Internet zu großen Teilen systemimmanent

  • Daniel Niklaus

    16.12.08 (17:52:36)

    Schöne Überschrift: von der Unfähigkeit zu lernen ;-) Wer glaubt, dass irgendwann erfolgreich wieder Texte im Netz hinter verschlossenen Türen erfolgreich verkauft werden, hat seinen Verstand verloren. Unser Kunde Infonline-med stört sich wohl kaum daran, dass er mit seinem verlorenen Verstand seit Jahren gutes Geld verdient. Zugegeben eine Nische, aber eine sehr erfolgreiche Nische. @Marcel Was hältst du davon, dass es nicht "die Eigenschaften" des Netzes sind, sondern vielmehr wie wir daran gewöhnt wurden. Immer vor Augen halten, dass für 160 Zeichen auf dem Handy täglich Millionen von Euros verSMSlet werden. Erinnern wir uns auch an Videotext, da wurden bis zu 10 Franken/Mark die Stunde fürs Chatten bezahlt. @Oliver Springer Eine Zeitung gibt ca. 50% der Kosten für Print, Material und Vertrieb aus und etwa 50% für Redaktion und Verwaltung. Die einen 50% holen sie mit Inseraten heraus, die anderen mit Abo und Einzelverkauf. Fallen also die Print, Material und Vertriebskosten weg, reicht theoretisch die Werbefinanzierung.

  • Marcel Weiss

    16.12.08 (18:07:35)

    @Daniel Niklaus Meine Argumente zu diesem Thema stehen sehr ausführlich dargelegt in den verlinkten Texten.

  • Martin2

    16.12.08 (21:17:07)

    Interessanter Artikel. Ich verstehe nicht warum es keine vernünftigen Micropaymentlösungen für online-Angebote gibt. Für einen interssanten Artikel wäre ich sicher bereit bis zu 50 Cent zu zahlen. Oder auch mehr. Aber auch nur dann, wenn die Transaktion benutzerfreuendlich und ohne größeren Zeitaufaufwand geschehen würde. Aber solange die Gewinnausschhüttungen unter 50% z.B. bei Handypament liegen, lohnt sich das kaum für den Anbieter des online-Angebots. (Warum liegt die so niedrig? Wenn jemand dazu Informationen wäre ich für ein paar informative Links dankbar.) Insgesamt wird in dieser Diskussion der Printbereich zu sehr auf den reinen Informationsgehalt reduziert. Verbraucherinfos bekomme ich im Netz sicher einfacher und besser, aber kluge Kommentare und gut recherchierte Artikel nicht unbedingt.

  • Daniel Niklaus

    17.12.08 (09:08:03)

    Um 1996 war Micropayment das Top Thema. Firmen die darin Lösungen anboten, gehörten zu den vielversprechendsten "Aufsteigern". Als dann der Goldrausch los ging, überboten sich alle mit "gratis" Inhalte, so dass sämtliche Bezahlangebote wegen Erfolglosigkeit im Nirwana versanken. Erst später erschienen mit Click&Buy und Paypal wieder ernst zu nehmende Teilnehmer auf dem Radar. Warum alles gratis? Ich habe da eine etwas andere Erklärung. Es geht in erster Linie um Gewöhnung. Wenn man die Leute von Anfang an erzieht, dass 160 Zeichen 20 Cent kosten, dann kann man diesen Preis sehr lange durchziehen, selbst dann wenn es ein paar Mitbewerber gibt. Im Internet wurden aber von Anfang an allgemeine News gratis angeboten. Warum News gratis? Weil in erster Linie die Provider ihre Portale pushten. AOL & Compuserve boten ja nicht wirklich etwas gratis an. Die Leute bezahlten schön brav ihre Internetzugangsgebühren. T-Online und bluewin (Swisscom) heizten diesen Trend weiter an. Auch sie lancierten Portale mit News und verdienten mit Telefonkosten und Abogebühren. Da konnte man für die Kundenbindung ruhig Inhalt frei zur Verfügung stellen. Das auch noch andere Surfer die Seiten besuchten - war ein angenehmer Nebeneffekt, um Werbung zu verkaufen. Als zum Portalhype Wettbewerber wie Pointcast auf dem Markt erschienen, hatten die Verlage jede Chance verpasst, um an dieser Situation noch etwas zu ändern. Sie waren gezwungen ebenfalls Inhalte frei zur Verfügung zu stellen oder im Internet aussen vor zu bleiben. Wird das immer so sein? Wer weiss, ich bin gespannt. Vor allem wenn das E-Book kommt, hätten die Verlage nochmals eine ernsthafte Chance für Payed Content.

  • Oliver Springer

    17.12.08 (17:56:23)

    @Marcel: Das sind gute Argumente in den verlinkten Texten. Den kann ich auch im Wesentlichen zustimmen. Systemimmanent ist aber ein großes Wort. Es hat sich halt so entwickelt. Um noch einmal auf ein anderes Medium zu schauen: Warum ist Pay-TV in einigen Ländern erfolgreich, in anderen nicht? Mit Blick auf Deutschland könnte man die Argumentation für den Online-Bereich übernehmen und sich so erklären, warum Pay-TV nicht genügend Abonnenten findet. Doch schaut man dann in andere Länder, müssen einem Zweifel kommen. Für die Auffindbarkeit lassen sich für Bezahlangebote Lösungen finden. Das sind gut lösbare Probleme. @Daniel: Die Kostenverteilung ist im Onlinebereich eine andere, das stimmt. Ich kann mir eine Menge Produkte vorstellen, die künftig ebenfalls über Werbung finanziert werden könnten. Ob das eine positive Entwicklung ist, möchte ich infrage stellen. Vor ein paar Tagen habe ich auf CNN einen Bericht über eine Schule in den USA gesehen, in der der Lehrer gesponserte Mathe-Tests verwendet, weil kein Geld dafür da ist, das zu bezahlen.

  • Marcel Weiss

    17.12.08 (23:30:03)

    @Daniel Niklaus: Der Vergleich mit SMS wird nicht besser, indem man ihn wiederholt. SMS und Nachrichten im Netz haben genau ein was gemeinsam: Sie bestehen aus Text. Die Dynamiken und Rahmenbedingungen dagegen sind grundverschieden und nicht einmal ansatzweise vergleichbar. Es geht _nicht_ um antrainiertes Verhalten und Sichtweisen. Lesenswert hierfür könnten die von mir im obigen Kommentar verlinkten Texte sein. Sie sind anklickbar und frei verfügbar und können in dieser Frage weiterhelfen. Allerdings muss man lesen können. @Oliver Springer: Pay-TV ist zumindest ein besserer Vergleich als SMS, hinkt aber auch. Weil zB das konkurrierende Modell Free-TV nicht davon profitieren kann, dass andere Free-TV-Programme direkt darauf verweisen und linken können. Eins der Hauptargumente ist,, dass wenn Du für Inhalte Geld verlangst und allen, die nicht zahlen, den Zugang verwehrst, Du eine Marktlücke schaffst, die jemand anders füllt. Immer. Selbst wenn Du leidlich profitabel bist, wie TimesSelect, schaffst Du mit dem Verschließen Platz für andere, weil die Aufmerksamkeitsströme nicht zu Dir fließen können und sich stattdessen andere Ziele suchen. Wenn sie es dich finden können, dann kannst Du mit Werbung fast immer mehr verdienen, als mit der Paywall, wie eben bei TimesSelect. Das hat alles nichts mit Mentalität zu tun. Es geht hier schlicht um Umwelt- bzw. Marktgegebenheiten und -dynamiken.

  • Daniel Niklaus

    17.12.08 (23:43:07)

    Weil bei dir offenbar wenig Spielraum für andere Sichtweisen vorhanden ist, nimm bitte meine Beiträge nicht mehr als Antworten auf deine Meinung, sondern mehr als andere mögliche Sichtweise für weitere Leser hier. (sollte dein Ego keine Querdenker ertragen, lass es mich per Mail wissen und ich unterstehe mich in Zukunft bei dir zu kommentieren)

  • Marcel Weiss

    17.12.08 (23:52:59)

    Daniel, es gibt selten einen Kommentar von Dir, in dem Du mir nicht widersprichst. Das ist auch völlig okay und normal (es gab auch Zeiten, da hast Du mir fehlende Recherche, Vorurteile usw. vorgeworfen, das fand ich nicht so toll.). Okay und normal ist dann aber auch, dass ich darauf, wenn ich Zeit und Lust dazu habe, antworte und eingehe. (Du hast mich nebenbei auch oben direkt angesprochen "@Marcel Was hältst du davon, dass es nicht “die Eigenschaften” des Netzes sind, sondern vielmehr wie wir daran gewöhnt wurden.") Ich habe den Eindruck, das Du gern widersprichst, es aber nicht magst, wenn andere auf Deine Argumente eingehen und Dir wiederrum widersprechen. Ich bin auf Deine Argumente bzw. Deinen Vergleich eingegangen. Du bezeichnest mich lieber als Snob oder versuchst meine Überschrift hier, auf mich umzumünzen.

  • Daniel Niklaus

    18.12.08 (00:21:59)

    Also mit Snob habe ich mich persönlich gleich an erster Stelle gestellt: Auch ich gehöre zu den Besserwissern, die dort ihre schlauen Kommentare abgeben Klar diskutiere ich gerne und etwas Provokation bringt durchaus Würze. Besonders bei Leuten wie dir. Denn ich bin Überzeugt, dass du Potential hast, wenn du den Mut hast deine eigene Komfortzone zu verlassen und auch andere Sichtweisen annimmst. Welche du anschliessend gerne als Blödsinn verwerfen darfst. Um das mit der fehlenden Recherche ein für allemal aus der Welt zu schaffen; ich hatte diesen Eindruck nach dem Lesen deines Artikels. Wenn ich dir unrecht tat, bitte ich dich (nochmals) um Entschuldigung. Entgegen allen Regeln noch ein drittes Thema in einer Antwort... Ich habe alle deine verlinkten Artikel gelesen. Und es hat gute Gründe darunter, denen ich zustimme. Diese Gründe reichen aber alleine nicht aus. Es gibt genügend Beispiele, wo Payed Content sehr gut funktioniert. In einer Nische wie bei Infonline-med. Das ist ein Clippingdienst der für das Gesundheitswesen in der Schweiz individuell die News zusammen stellt. Die Firmen bezahlen sehr anständige Beträge dafür. Das Versprechen was hinter der Bezahlwand kommt, reicht völlig aus. iTunes - Musik & Videos The web and digital media have generated an overabundance of content Das mag wohl stimmen. Trotzdem gibt es immer noch ein Monopol auf qualitativ guten Filminhalt. Ein Blockbuster kostet nun mal über 10 Mio. Youtube Erfolg hin oder her, für einen guten Film sind die Leute immer noch bereit zu bezahlen. Und wenn man auch jeden Song gratis downloaden kann, gibt es immer noch eine grosse Menge an Leuten, die bereit sind legal Geld dafür auszugeben.

  • Stephan

    18.12.08 (08:59:15)

    Ein wirklich sehr guter Artikel! Ich will einfach dem Autor gratulieren! Viele Grüße und streitet ihr sich nicht! :)

  • Sven

    07.01.09 (13:45:17)

    Nun, es deutet wirklich alles auf eine Fehlinterpretation bzw. gänzlich fehlenden Interpretation der Umweltsignale hin. Selbstverständlich werden Printmedien nicht aussterben, jedoch haben sie sich einer mächtig gewordenen Wettbewerbskraft gegenüber zu stellen: die Substitution durch das Internet. Somit wurde allem Anschein nach auch Micheal E. Porter nicht zugehört, der seit Jahren predigt den Wettbewerb eines Unternehmens bewusst weitsichtig zu fassen und nicht nur auf die engste Konkurrenz zu minimieren. Selbstverständlich kann man sich als Außenstehender anders über die tatsächlichen Umstände mutmaßen, sich zugleich allerdings nur anmaßen die einzige Wahrheit zu kennnen. Eine Anmerkung noch aus der Kategorie "die Fähigkeit zu lernen": Es heißt Am 8. Dezember dieses Jahres und nicht diesen Jahres. Man sagt ja auch nicht "das Spielzeug diesen Kindes" oder "die Farbe diesen Fensters"

  • Internet

    21.04.09 (11:51:15)

    Ich glaube, ein nicht zu unterschätzender Faktor sind die Strukturen der betroffenen Organisationen und Branchen. Es ist eben nicht so, dass jeder zur gleichen Erkenntnis kommt. Da existiert ein bunter Strauß an Visionen, Vermutungen, an Furcht, an Erwartungen und auch an Experimentierfreudigkeit. Nur lässt sich das in Unternehmen mit vielen hundert oder tausend Mitarbeitern (oder mehr) eben gar nicht so leicht durchsetzen. Entweder blockiert einer alles, oder es kommt zu Teilinitiativen in die richtige Richtung, die aber von anderer Stelle im Unternehmen nicht unterstützt oder sogar torpediert werden. Was ich sagen will: Manchmal ist es leichter gesagt als getan, Dinge zu verändern, wenn dabei viele Leute ins selbe Boot geholt werden müssen und zudem Verlustängste (Macht, Geld, Status) reinspielen. Die Unternehmen, die eine große, globale Organisation integriert und strukturiert leiten und trotzdem allen Angestellten Freiheit in ihrer Entscheidung lassen, sind hier die großen Gewinner. Aber das ist eine Kunst.

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