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12.08.14

Vom MP3-Sammler zum Streamer: Wie sich mein digitaler Musikkonsum in acht Jahren komplett gewandelt hat

Wie Millionen andere war ich einst verrückt danach, MP3s herunterzuladen und meine digitalen Musiksammlung zu erweitern. Doch dann kam das Streaming und veränderte alles.

MusikIn den Jahren rund um den Milleniumwechsel hatte ich ein großes Hobby: MP3s herunterladen. In der Wohnung der Eltern gab es plötzlich eine DSL-Flatrate (mit einer nur manchmal erreichten Spitzengeschwindigkeit von 1 Mbit/s im Downstream). Tauschbörsen wie Napster und Soulseek machten den Bezug der Titel so einfach wie nie. Software-Player wie Winamp und tragbare MP3-Abspielgeräte lösten Walkman und CD-Player ab. Mein thematischer Fokus lag vor allem auf seltenen Vinyl-”Rips” aus dem Bereich der elektronischen Musik. Das hieß, dass ich schon manchmal viele Stunden mehr oder wenig geduldig darauf wartete, bis der einzige User mit dem entsprechenden Stück mal wieder online war. Unglaublich langsame Uploadgeschwindigkeiten sorgten für zusätzliche Verzögerungen. Dennoch wuchs meine MP3-Sammlung zu Beginn des neuen Jahrtausends schnell an, angetrieben auch vom Tauschen ganzer Festplatten mit Freunden sowie dem gelegentlichen Kauf von MP3s (in meinem Fall bei Beatport).

Doch dann, etwa 2006 oder 2007, war der Höhepunkt der MP3-Sammelei erreicht. Noch immer begab ich mich auf die Jagd nach seltenen Perlen. Doch parallel kam eine Alternative auf: das Streaming. Bei YouTube tauchten immer mehr Musikvideos und von Nutzern hochgeladene MP3-Dateien auf. Erste Startups erlaubten es Nutzern, ihre Musiksammlungen in die Cloud zu laden und dort mit Freunden zu tauschen. simfy fing so an, noch in einer rechtlichen Grauzone agierend, bevor es auf das Flatrate-Modell schwenkte. Dienst wie Ezmo und Mediamaster boten ähnliche Services. 2007 erhielt ich einen ersten Blick auf die damals noch im geschlossenen Beta-Stadium befindliche frühe Version von Spotify. Ein Jahr später bekam ich Zugang. Plötzlich konnte ich legal Millionen von Titeln streamen. Parallel erschien SoundCloud auf der Bildfläche.

Es war in diesem Zeitraum, als das Wachstum meiner MP3-Sammlung anhielt. Mein Interesse daran, Musikstücke lokal abzuspeichern, nahm ab. Es erschien mir plötzlich als zu umständlich und auch nicht mehr sonderlich praktikabel, da ich Musik nun auch auf dem Smartphone hören wollte. Nach und nach schob ich, auch aus Speicherplatzmangel, meine MP3-Sammlung auf eine externe Festplatte ab. Da ich zunehmend von den Möglichkeiten des ortsunabhängigen Arbeitens Gebrauch machte und keine Maßnahmen getroffen hatte, um für den Fernzugriff einen Heimserver einzurichten, ließ meine emotionale Bindung zu den Musikdateien auf der Festplatte immer mehr nach.

Vor zweieinhalb Jahren legte ich mir ein Ultrabook zu, dessen Festplatte wirklich mini war. Nochmals trennte ich mich von einigen zehn Jahre zuvor in mühseliger Klein-, Sortier und Verschlagwortungs-Arbeit angelegten MP3-Ordnern. Ein paar schob ich in die Cloud zu Box, als es dort 50 Gigabyte gratis gab. Die angesprochene Festplatte verstaubt irgendwo. Ich habe ehrlich gesagt gar keine Ahnung mehr, wo sie ist. Mittlerweile zahle ich zehn Euro pro Monat für Spotify, meine restliche Beschallung erhalte ich von SoundCloud und YouTube. MP3s spielen in meinem musikalischen Alltag keine Rolle mehr. Als es vor einigen Tagen wieder einmal Zeit war, das Arbeitsnotebook auszutauschen, markierte das für mich auch das Ende einer Ära: Ich verzichtete ganz darauf, die wenigen verbliebenen Gigabytes an Musik auf das neue Gerät zu ziehen. Das Kapitel des Konsums händisch zusammengetragener lokaler Musikdateien ist für mich geschlossen. Vier Jahre früher, als der Branchenbeobachter Bob Lefsetz kürzlich prognostizierte. Er geht davon aus, dass das Thema MP3 spätestens 2018 Geschichte sein wird. Meiner Meinung nach eine realistische Prognose.

Der streamingbasierte Musikkonsum hat eine Reihe von Vorteilen und natürlich auch den ein oder anderen Nachteil. Kritiker des Streamings monieren insbesondere die fehlende Portabilität der Musiksammlung über verschiedene Anbieter hinweg, die Abhängigkeit von einem funktionierenden, hinreichend schnellen Internetzugang sowie die nicht perfekte Soundqualität. Ein Blick auf die Transformation meines eigenen digitalen Musikkonsums in den zurückliegenden 14 Jahren signalisiert mir, dass all diese Faktoren für mich am Ende keine Hindernisse darstellten, sukzessive zum Streaming überzugehen.

Innerhalb von ungefähr acht Jahren hat sich mein Musiknutzungsverhalten komplett gewandelt. Zugleich wurde ich von einem User, der beim Thema des unautorisierten Downloads von Musik eine lockere Haltung hatte, zu einem regelmäßigen “Kunden” der Musikindustrie (in den 90ern, als Jugendlicher, gab ich übrigens fast mein gesamtes Taschengeld für CDs aus. Dann aber kam das MP3-Format...).

Diese Entwicklung zu rekapitulieren, verdeutlicht mir, dass das beste Mittel gegen Piraterie tatsächlich die Bereitstellung von leistungsfähigen legalen Alternativen darstellt. Ein bisschen wehmütig werde ich natürlich angesichts meiner eigenen Schilderungen dazu, wie lieblos ich zuletzt mit meiner Musiksammlung umging. Doch im Endeffekt ist es wie mit allen Gegenständen und Erinnerungsstücken, von denen man sich nicht trennen möchte, obwohl sie im Keller verstauben: Es schmerzt viel weniger, als man glaubt. Besonders dann nicht, wenn man guten Ersatz bekommen hat. /mw

Foto: Happy girl dancing at home while listen music with headphones, Shutterstock

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