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24.09.14

Visitenkarten: Eine "Erfolgsgeschichte" des Widerstands gegen Technologie

In einer Zeit, in der jeder Mensch ein Smartphone mit sich herumträgt, erscheinen Visitenkarten wie ein Relikt aus der Vergangenheit. Doch an ihrer Popularität und Akzeptanz als Standard des Kontaktaustauschs hat sich bis heute trotz zahlreicher Startup-Vorstöße wenig geändert.

VisitenkarteDie derzeit sehr in den Medien präsente Taxibranche gehört zu den Bereichen des analogen Lebens, deren Vertreter den bisher intensivsten Widerstand gegen “Eindringlinge” aus dem Internetsektor leisten. Um die bisherigen Konventionen und Strukturen dieses Gewerbes aufzubrechen, müssen die neuen Akteure selbst auf faule Tricks und aggressivstes Geschäftsgebaren setzen.

Die Frage, ob es überhaupt einen anderen Alltagsbereich gibt, in dem Jungfirmen aus dem Netz auf so massive Herausforderungen treffen wie im Individualbeförderungs-Segment, könnte man fast mit “nein” beantworten. Doch in mindestens einer anderen Sparte tun sich Protagonisten aus dem Web noch schwerer - und das ohne ein über Jahrzehnte entstandenes Kartell, das sich ihnen mit aller Kraft in den Weg stellt: Ich spreche von Anbietern, die versuchen, die Visitenkarte zu ersetzen. Seit einer gefühlten Ewigkeit kann man Startups zu diesem Thema kommen und gehen sehen - doch auch 2014 ist die Visitenkarten-Übergabe ein elementarer Bestandteil von Besprechungen, Veranstaltungen und geschäftlichen Zusammentreffen. Einst war ich optimistisch, was die schnelle Ablösung der Business Card angeht. Viel zu optimistisch, wie sich später herausstellte. Meinen anfänglichen Boykott der Karte gab ich im Jahr 2011 auf. Nicht, weil ich die kleinen Papierkärtchen so toll finde und ordentlich in einen Rolodex einsortiere, sondern weil die Kartenübergabe einfach noch immer am schnellsten über die Bühne geht und ich es leid war, jeder und jedem meine Philosophie zu erläutern.

Viele Vorstöße gab es, die Visitenkarte abzulösen, doch keiner trug Früchte: Sie hießen Hashable, Bump, Cardcloud - und wurden mangels Resonanz verkauft oder geschlossen. Das hindert allerdings immer wieder neue Gründer nicht daran, es mit den gleichen alten Mitteln zu versuchen. Gerade ging der deutsche Dienst Nimple an den Start. Die Chancen auf Erfolg sind (leider) minimal.

Das größte Problem aller Apps war und ist nicht die technische Umsetzung sondern das Erzielen einer kritischen Masse. Nur ein Dienst, der auf mindestens der Hälfte aller Smartphones präsent ist, kann bei kontaktfreudigen Menschen ein Zufriedenheitsniveau erzielen, das sie dazu bewegt, dieser Lösung treu zu bleiben. Wenn aber bei mehr als jedem zweiten Gesprächskontakt eine Ausweichlösung erforderlich ist, weil dieser eine spezifische Anwendung nicht nutzt, wird es schwierig mit der dauerhaften Nutzerbindung.

Ein zusätzlicher Faktor, der Startups im Weg steht, ist der rituelle Prozess der Kartenübergabe. Gerade in Asien wird dieser Vorgang regelrecht zelebriert: Mit zwei Händen überreicht einem die gerade kennengelernte Person das Kärtchen, welches man dann kurz zu studieren hat, bevor die Konversation forgesetzt wird. Aber auch im deutschsprachigen Raum helfen die Karten bei der Orientierung und Einordnung der Wichtigkeit des Gegenüber. Dass das Konzept der Visitenkarte mit Smartphones eigentlich viel effektiver umgesetzt werden könnte und dass mutmaßlich viele entgegengenommene Karten schnell im Papierkorb landen, sind Argumente, die zwar bei rationaler Betrachtung überzeugen, aber die die emotionale und formelle Komponente außer Acht lassen. Das ist der Grund, warum die Visitenkarte einfach nicht verschwinden will.

Für mich besteht nach wie vor kein Zweifel daran, dass die kleinen Karten eines Tages doch der Vergangenheit angehören werden. Ich bin allerdings mittlerweile vorsichtig, was den Zeithorizont angeht.

Derzeit gibt es einige interessante Entwicklungen, die hier eine Rolle spielen könnten: So besitzt das iPhone 6 einen NFC-Chip. Zwar kann dieser vorläufig nur für Apple Pay genutzt werden. Sollte Apple das aber ändern, würde dies App-Entwicklern neue Möglichkeiten der lokalen Vernetzung einräumen (ich hatte die Bedeutung von NFC für Visitenkarte-Apps in diesem älteren Artikel 2011 beschrieben). Auch die Popularität und Akzeptanz von Bluetooth Low Energy kann positive Auswirkungen auf Anwendungen haben, welche die Funktechnik für Networking-Dienste nutzen. Letztlich könnten auch neuartige, smarte Adressbuch-Apps wie etwa der amerikanische Dienst Humin , der in Deutschland mit der Telekom kooperiert (und von Nutzern einiges an Vertrauen erfordert), für einen langsamen Wandel der Normen sorgen. Speziell dann, wenn sie Kontaktaustausch-Features erst dann hervorheben und ausbauen, nachdem sie eine kritische Masse an Nutzern erreicht haben.

Am besten aufgestellt sind aber die Anbieter der führenden mobilen Betriebssysteme, also Apple und Google. Würden sie eine "Visitenkarten-Funktion" ab Werk integrieren, die idealerweise mit einer einzigen Steuerungsgeste (zum Beispiel ein Sprachkommando) den Kurzdistanz-Austausch von Kontaktdaten zwischen zwei Smartphones erlaubt - und das plattformübergreifend - DANN würde dies tatsächlich eine der Visitenkarte ebenbürtige Lösung darstellen.

In Ländern, in denen Geschäftskultur informell abläuft und in denen die Visitenkarte maximal als notwendiges Übel betrachtet wird, ist ihre Ablösung wohl eine Frage der Existenz einer ominpräsenten, für den Prozess ähnlich wenig Zeit in Anspruch nehmenden und allgemein als Standard akzeptierten Alternative. In Regionen aber, in denen Hierachien und Rituale eine große Rolle spielen, dürfte die Barriere zur Ablösung der Business Card nochmals höher sein. /mw

Foto: The hands of man and Woman exchaninge business cards, Shutterstock

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