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04.03.13

Virtuelles Zuhause: Das Ende von Heimweh

Wer längere Zeit die Heimat verließ, verspürte früher leicht Heimweh. Doch das Internet und etwas Training beseitigen dieses Gefühl heute. Stattdessen verspüren wir häufiger Fernweh.

Ich habe in der Vergangenheit mehrfach meine Sympathie für das digitale Nomadentum und meine diesbezüglichen Erlebnisse beschrieben. Während mein derzeitiger, insgesamt dreimonatiger Japanaufenthalt ins letzte Drittel geht, komme ich unweigerlich in eine nachdenkliche Phase. Ein Aspekt des temporären Arbeitens in einem Land fern der Heimat ist mir dieses Mal ganz besonders aufgefallen: Das komplette Fehlen des Gefühls, welches man gemeinhin als "Heimweh" bezeichnen würde.

Natürlich vermisse ich Familie und Freunde zu Hause. Aber nicht so, dass ich deswegen zu irgendeinem Zeitpunkt ein Unbehagen darüber verspürte, nicht in ihrer Nähe sondern 8000 Kilometer weit entfernt zu sein - an einem Ort, an dem ich bis auf ein paar lose Online-Branchenkontakte bei meiner Anreise niemanden kannte. Ich weiß aus der Vergangenheit, dass mir bei anderen längeren Reisen zumindest gelegentlich und insbesondere in der Anfangszeit durchaus der ein oder andere emotionale Gedanke an die heimischen Gefilde kam. Und als ich vor zwei Jahren mit meiner damaligen Freundin sechs Monate in Thailand verbrachte und von dort aus arbeitete, konnte ich mehrfach beobachten, wie sie kurze Phasen von ausgeprägtem Heimweh durchmachte. Sicherlich spielt die Persönlichkeit und das individuelle Bedürfnis nach physischer Nähe zu Familie und Freunden sowie nach einer gewissen "Verwurzelung" an einem Ort eine Rolle dabei, ob lange Aufenthalte auf der anderen Seite der Erde ab und an auf das Gemüt schlagen. Ein zweiter Faktor ist die Erfahrung: Je häufiger man ein derartiges Unterfangen vollzieht, desto routinierter wird man dabei und desto weniger anfällig ist man für damit verbundene negative Emotionen. Man hat Ähnliches eben schon mehrere Male erlebt und weiß, wie sich die Stimmungslage im Zeitverlauf entwickelt.

Der entscheidende Faktor für das in meinem Fall festzustellende Ende des Heimwehs ist jedoch - wenig verwunderlich - das Internet. Zuhause ist für mich nicht mehr nur meine eigene Wohnung, meine Stadt oder mein Land - sondern Zuhause ist für mich überall da, wo ich mein Notebook, Smartphone oder Tablet anwerfe, meine Facebook-Freunde, Skype-Kontakte und Twitter-Follower sehe und wo mich beim Öffnen des Browsers die gewohnte Startseite begrüßt. Dort, wo ich meine üblichen RSS-Feeds abrufe, über Spotify meine persönlichen Playlisten anhöre, heimische Fernsehinhalte wie etwa Nachrichten streame und per WhatsApp auf dem Smartphone mit Freunden chatte. Egal ob ich mich gerade in der U-Bahn in Tokio, am Strand in Thailand oder irgendwo in Berlin befinde.

Natürlich freue ich mich auch wieder auf meine Wohnung und einige der Annehmlichkeiten, die mit den eigenen vier Wänden verbunden sind. Doch neben diesem physischen Zuhause ist in den letzten Jahren für mich ein virtuelles Pendant entstanden, welches das Gefühl von Heimweh zu einem Relikt der Vergangenheit und das Reisen für längere Zeit - auch ohne Begleitung und an noch so kulturell andersartige Orte - zu einer deutlich weniger weitreichenden Entscheidung macht, als es das noch vor 40 Jahren war. Mal abgesehen davon, dass ich meinen Job ohne das Internet ohnehin nicht ausüben würde, bin ich nicht sicher, ob sich mein gleichaltriges Ich 1975 oder 1985 für mehrere Monate in ein fernes Land begeben hätte - wissend, dass der einzige Kontakt mit der Heimat ein kurzes, teures Ferngespräch einmal pro Woche oder noch seltener sein würde.

Dank des Internets können heute sehr viel mehr Menschen zumindest theoretisch für längere Zeit ihre angestammte Umgebung verlassen, ohne von einem unerträglichen Gefühl des Vermissens der Heimat geplagt zu werden.

Psychologen und Soziologen wissen besser als ich, welche Bedeutung eine vertraute Umgebung für das langfristige Wohlbefinden von Menschen hat. Ich zweifle auch gar nicht an dieser. Speziell in schwierigeren Lebenslagen oder wenn unerwartete Schicksalsschläge eintreten, erweist sich die physische Nähe zur Familie und zu langjährigen Freunden als essentiell für viele. Doch interessant finde ich, wie eine Mischung aus Training und technischen Möglichkeiten dafür sorgt, dass sich tatsächlich an jedem Ort mit Internet- und Stromversorgung ein Zuhause-Gefühl "einschalten" lässt. Egal welche Sprache die Menschen um einen herum sprechen, welche Gerichte sie kochen und welches Klima herrscht.

Insofern erscheint die Vision von Airbnb-Gründer Brian Chesky weniger unrealistisch, als sie womöglich im ersten Augenblick klingt: Er glaubt daran, dass Menschen eines Tages nicht mehr dauerhaft an einem Ort leben sondern nomadenartig von Haus zu Haus reisen werden. Sicherlich passt diese Vorstellung gut zu den unternehmerischen Zielen des Wohnungsvermittlers, weshalb sie sich vielleicht doch nur als naiver Wunschtraum des US-Startups entpuppt. Wenn ich jedoch mein eigenes Verhalten beobachte, so möchte ich ein derartiges Zukunftsszenario in einer Welt, in der menschliche Arbeit weitgehend von Maschinen übernommen wurde und wir alle mehr Zeit für Welterkundungen haben, zumindest nicht als völlig absurd abtun. Speziell deshalb nicht, weil mich statt Heimweh stattdessen nun immer häufiger das Fernweh packt. /mw

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