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20.04.12

"Virtuelles Gedächtnis": Evernote erreicht Milliardenbewertung

Der bei strukturierten, ordnungsliebenden Menschen populäre Onlinenotizbuchdienst Evernote wirkt manchmal wie der Fels in der hektischen Silicon-Valley-Brandung. In einer neuen Finanzierungsrunde wird das profitable Unternehmen erstmals mit einer Milliarde Dollar bewertet - und betritt damit einen elitären Club.

 

Auf dem Weg zur absoluten Dominanz gibt es für an Endanwender gerichtete Webstartups ein ganze Reihe wichtiger symbolischer Meilensteine. Einen besonderen, weil nicht alltäglichen markiert das Erreichen einer Bewertung von einer Milliarde Dollar. Nur vergleichsweise wenige Firmen gelangen an diesen Punkt: Die Mehrheit der Startups zeigt nicht genug wirtschaftliches Potenzial und Popularität bei Anwendern, um von Investoren mit einem zehnstelligen Dollarbetrag bewertet zu werden. Andere Anbieter wiederum lassen sich aufkaufen, bevor sie diese magische Marke erreichen. Instagram wird für immer ein Grenzfall bleiben, weil es Tage vor der Milliarden-Akquisition durch Facebook "nur" mit 500 Millionen Dollar bewertet wurde.

Wie der Fall Instagram zeigt, ist die Annäherung an den sogenannten "Billion Dollar Valuation Club" nicht zwangsläufig an sprudelnde Umsätze geschweige denn Gewinne gekoppelt. Dennoch bedeutet die Aufnahme in diesen elitären "Club" in der Regel, dass der jeweilige Anbieter zu mächtig geworden ist, um noch zurück in die totale Bedeutungslosigkeit zu fallen. Zu den gereiften Startups, die laut Urteil der Kapitalgeber mehr als 999 Millionen Dollar wert sind, gehören unter anderem Twitter, Airbnb, Square, Spotify und Dropbox.

In diesen Tagen steigt ein weiterer bekannter Onlinedienst in die kleine Riege der Milliarden-Startups auf: Evernote, der bei vielen netzwertig.com-Leserinnen und -Lesern beliebte Notizbuchservice, der sich auch gerne als "virtuelles Gedächtnis” bezeichnet, hat laut US-Medienberichten eine Finanzspritze über 100 Millionen Dollar erhalten - bei einer Bewertung von einer Milliarde Dollar. Insgesamt pumpten Investoren bisher fast 200 Millionen Dollar in das Unternehmen aus dem kalifornischen Mountain View.

Evernote unterscheidet sich vom typischen Valley-Startup

Während diese Summen nach typischer Silicon-Valley-Überhitzung klingen, hebt sich Evernote in einigen Punkten von seinen milliardenschweren Nachbarn ab. So handelt es sich im Gegensatz zu Airbnb oder Square nicht um eine noch blutjunge Firma, sondern eher um ein gereiftes Startup: Evernote wurde bereits im Jahr 2002 von dem in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsenen IT-Experten Stepan Pachikov gegründet und ist ein damit ein echtes Urgestein im Netz. Fünf Jahre später rekrutierte das Unternehmen den heutigen CEO Phil Libin als seinen neuen Chef. Libin verordnete Evernote eine komplette Neuentwicklung. Mitte 2008 ging die erste Version des Dienstes, wie wir ihn heute kennen, ins Netz.

Abgesehen von dem vergleichsweise hohen Alter und der Führung durch einen extern hinzugezogenen Vorstandsvorsitzenden unterscheidet sich Evernote auch hinsichtlich der Unternehmensphilosophie von anderen, hoch bewerteten Shooting-Stars der kalifornischen Weblandschaft: "Wir bauen eine Firma, die 100 Jahre Bestand haben wird", unterstrich Libin die langfristige Orientierung von Evernote jüngst in einem Interview. Klares Ziel sei ein Börsengang, aber erst in einigen Jahre. Eilig scheint er es nicht zu haben, und von einer Übernahme durch ein anderes Unternehmen hält er nach eigener Aussage wenig.

Evernote versprüht im Vergleich zu dem hohen Tempo anderer Anbieter aus dem Silicon Valley eine ruhigere, weniger gehetzte Stimmung. Fast vier Jahre nach dem Relaunch sind 27 Millionen User bei dem Dienst registriert, dessen Team 160 Angestellte zählt. Beides erscheint im Angesicht des Wachstumstempos manch anderer US-Startups wenig, hat aber auch zur Folge, dass Evernote seine Expansion entspannter und sorgfältiger planen kann. Allerdings sei angemerkt, dass ein Großteil der User erst 2011 den Weg zu dem Onlinenotizbuchdienst fanden.

Durchdachte Freemium-Strategie

Charakteristisch für Evernote ist die hohe Loyalität und Begeisterung der Nutzerschaft für den Dienst. Detaillierte Erfahrungsberichte und Lobeshymnen finden sich an vielen Stellen im Netz. Das Unternehmen setzt auf ein Freemium-Modell und macht sich dabei die Leidenschaft der Kernzielgruppe für das akribische Organisieren von Dokumenten und Daten in der Cloud zunutze: "Von den Kunden, die Evernote ein Jahr nutzen, sind schon acht Prozent Abonnenten. Und von den Kunden, die Evernote seit drei Jahren nutzen, zahlen 23 Prozent. Wir sind nicht darauf angewiesen, Kunden sofort zum Zahlen zu drängen. Wir wollen, dass sie Evernote lange nutzen. Dann haben wir den Rest ihres Lebens Zeit, um Geld zu verdienen", so beschrieb Libin im vergangenen Jahr im Gespräch mit Spiegel Online seine Philosophie. Dies Rechnung scheint aufzugehen: Das Unternehmen ist seit einiger Zeit profitabel. Auch das erklärt, wieso Evernote bei all der Hektik in der US-Startupwelt zumindest nach außen hin so viel Ruhe ausstrahlt.

Gut möglich, dass sich dies mit den frischen Mitteln zur Expansion aber ändert. Denn es ist wahrscheinlich, dass Phil Libin die Marke von 100 Millionen Nutzern erreichen möchte, bevor Evernote seinen hundertsten Geburstag feiert.

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