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08.07.13 10:28, von Gastautor

Virtuelle Räume: Warum sich US-Bürger Sorgen machen sollten

Wenn man in der aktuellen Debatte um die Abhöraktionen von NSA und GCHQ die Oberfläche verlässt, dann erkennt man ein besonders besorgniserregendes Muster: Virtuelle Räume werden eng gemacht.


Fabian Heuser war fünf Jahre mit politischer Kommunikation beschäftigt, arbeitet drei Jahre in der Digitalwirtschaft (tape.tv, Wooga) und kann sich Berlin ohne seine Freiräume nicht vorstellen.

Evgeny Morozov beschreibt im Kapitel „Less Crime, More Punishment“ seines aktuellen Buches, wie John Dewey bereits vor 100 Jahren über moralische Räume räsoniert hat. Diese moralischen Räume lassen genau den Platz, den man braucht, um Argumente neu aufzulegen und Streitfragen vor neuen Hintergründen erneut zu diskutieren. Das verschafft der Gesellschaft die notwendige Geschmeidigkeit, um sich neuen Herausforderungen anzupassen.

In der heutigen Situation kommt Daniel Rosenthal aber zu dem Schluss, dass das Absuchen der Datenströme nach Gefahrenmustern festgelegten Kriterien folgt (PDF). Diese digitalen präemptiven Muster – zementiert in Algorithmen - tun jedoch so, als wäre jedes Gesetz und jede Straftat fix und bis in alle Ewigkeit richtig. Mit der Auslagerung des Abwägens und Räsonierens über moralische Fragen und ethische Handlungen in Algorithmen und Datenbanken zerstört man die virtuellen Räume, ohne deren Äquivalente wir in der physischen und moralischen Welt nicht mehr wandlungsfähig wären.

„Moralische Gesetze lassen eben genug Platz für Reibung, Reibung erzeugt Spannung, Spannung schafft Konflikte und Konflikte produzieren Veränderungen“, schreibt Morozov. Und hier liegt die Krux: Wenn britische und US-amerikanische Regierungen das Gefühl bekommen, sie müssen die virtuelle Räume so dicht machen, dann offenbaren sie damit, dass sie Veränderungen verteufeln und dem öffentlichen Diskurs misstrauen. Sie belauschen und kontrollieren ihre Bürger nicht, sie ersticken die Möglichkeit zur Entfaltung.

Daraus ergeben sich zwei Schlussfolgerungen: Frank Schirrmacher hat Unrecht, wenn er möchte, dass Deutschland in diesen Wettbewerb einsteigt. Ein Wettbewerb gegen die Kreativität und gegen DIY mit Mitteln der kreativen digitalen Wirtschaft ist ein End Game. Auf der anderen Seite hat Sigmar Gabriel Recht, wenn er Deutschland eine Sonderstellung beim Thema Datenschutz beschaffen will. Kreativität und Veränderungen brauchen Räume – jeder weiß das, aber für das Netz müssen sie erst noch erkämpft oder geschaffen werden.

Angela Merkel hat zum Teil Recht, Stichwort Neuland. Allerdings geht es im Neuland nicht um neue Welten oder Kontinente, sondern um die neue globale, vernetzte Öffentlichkeit. Auch hier brauchen wir geschützte Räume - dieses Mal um vom Kulturkonsumierenden wieder ein Stück weit zum Kulturräsonierenden zu kommen.

Über den Autor:

Fabian Heuser war fünf Jahre mit politischer Kommunikation beschäftigt, arbeitet drei Jahre in der Digitalwirtschaft (tape.tv, Wooga) und kann sich Berlin ohne seine Freiräume nicht vorstellen.

Illustration: Fractal City series, Shutterstock

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Kommentare: Virtuelle Räume: Warum sich US-Bürger Sorgen machen sollten

Ohje, beim Namen "Evgeny Morozov" ist mir das Weiterlesen vergangen ;-) Und meine Kristallkugel berichtet mir auch gerade, dass der Typ in den nächsten Wochen und Monaten ganz viel medialen Auftrieb haben wird. Ich tauche währenddessen lieber unter, denn soviel zeitgeistlich-prosaisches Geschwafel-Schwätz verträgt mein dünnes, zartes Nervenkostüm nicht mehr.

Diese Nachricht wurde von Robert Frunzke am 09.07.13 (03:33:09) kommentiert.

Mein letzter Kommentar mag seltsam klingen, aber Morozov schreibt noch sehr viel seltsamere Dinge: „Moralische Gesetze lassen eben genug Platz für Reibung, Reibung erzeugt Spannung, Spannung schafft Konflikte und Konflikte produzieren Veränderungen“, schreibt Morozov. Da schreibt er in einem Satz soviel Unsinn, wie überhaupt nur möglich! "Platz für Reibung"? "Reibung erzeugt Spannung"? "Spannung schafft Konflikte"? Und "Konflikte produzieren Veränderungen"? Ja also wirklich, nicht eine einzige dieser Aussagen ist wahr, oder ergibt auch nur annäherungsweise eine sinnvolle Schlussfolgerung. Morozov kann Wortbrei. Und manchmal sollte man wenigstens versuchen, das zu verstehen, was man zitiert. Und wenn es nicht zu verstehen geht, dann sollten die Alarmglocken läuten, zumindest sollte man das dann nicht zitieren. Denn, "Reibung erzeugt Spannung"! Jawoll!

Diese Nachricht wurde von Robert Frunzke am 09.07.13 (03:47:26) kommentiert.
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