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19.06.13

Vine: Twitter macht seine Microvideo-App in wenigen Monaten zum Hit

Innerhalb weniger Monate hat Twitter seine Microvideo-App Vine zum Erfolg gebracht. Dabei lässt sie Wünsche offen.

Als Twitter Anfang des Jahres seine Microvideo-App Vine veröffentlichte, äußerte ich mich kritisch zu dem Vorhaben . Dennoch vermutete ich, dass es dem Internetunternehmen aus San Francisco gelingen würde, viele Anwender in den Bann von Vine zu ziehen - selbst wenn dessen praktischer Nutzen den Idealzustand nicht erreicht. Wie damals beschrieben geht es Twitter mit Vine nicht darum, ein möglichst perfektes Werkzeug zum schnellen Anfertigen und Verbreiten von Smartphone-Clips bereitzustellen. Im Vordergrund steht für die Kalifornier das Erreichen einer emotionalen Bindung der Nutzer und die Schaffung eines Suchtzustandes, um dem Gespann Instagram-Facebook Aufmerksamkeit zu stehlen und den eigenen Lock-in-Effekt zu vestärken. Die Rezeptur dafür unterscheidet sich von der eines bis ins letzte Detail durchdachten Videosharing-Tools. Beleg dafür: Statt die Länge von Clips frei zu gestalten, beschränkt Twitter die Dauer von "Vines" auf maximal sechs Sekunden. Für den Aufnehmenden in vielen Situationen unzureichend, aber besonders in geloopter Form sehr viral. Und das ist Twitters Ziel.

Bereits einige Monate nach dem Debüt muss man Twitter beglückwünschen: Innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit hat der Microbloggingdienst aus San Francisco Vine etablieren können. Die Rechnung ist also aufgegangen. Die App belegt Spitzenplätze in Apples App Store, ist mittlerweile in Tweets präsenter als Instagram, wird von internationalen Promis bevölkert und profitiert von einigen besonders häufig im Web herumgeschickten Vine-Clips wie diesem von den aktuellen Massenprotesten in Brasilien. Journalisten wie der sich gerade in Istanbul aufhaltende Zeit-Korrespondent Lenz Jacobsen verwenden Vine, um schnell visuelle Eindrücke und Randbeobachtungen im Bewegtbildformat zu verbreiten. Obendrein ist mir in Podcasts und Gesprächen bereits mehrfach die Verwendung des App-Titels in Verbform begegnet: "Ich muss das schnell vinen". Auf Deutsch klingt dies augrund der unmittelbaren tonalen Nähe zum "Weinen" (noch) recht albern, in anderen Sprachen klappt das besser. Vine stillt ein Bedürfnis, wenn auch mangelhaft

Twitter hat bei der Bewerbung und Bekanntmachung von Vine ganze Arbeit geleistet, auch wenn es im Gegensatz zu einem Neuling freilich stark von seiner existierenden Marke, seinen Kontakten in die Medienszene und einer unmittelbaren Integration von Vines in Tweets profitieren. Die Resonanz der Anwender auf Vine zeigt auch: Die Nachfrage nach einem Bewegtbild-Pendant zu Instagram war vorhanden, wovon vor Vine bereits mobile Video-Apps wie Viddy und Socialcam ausgingen. Bei der Umsetzung setzten sie jedoch falsche und teilweise für Anwender unschöne Schwerpunkte.

Mit Vine ist Twitter der Befriedigung des Bedürfnises der mobilen Smartphone-Anwender nach einer Möglichkeit zum "Quick & Dirty"-Sharing von Videos so nahe gekommen wie bisher kein anderer Anbieter. Ähnlich wie die Existenz des deutlich professioneller und formeller wirkenden Flickr die Foto-App Instagram nicht am Aufstieg hinderte, spielt auch YouTube in einer anderen, gefühlt ernsthafteren Liga, um Vine in die Quere zu kommen. Daran änderte auch die Lancierung der meines Erachtens nach äußerst praktischen App YouTube Capture nichts, deren Spezialität ebenfalls Schnelligkeit und Einfachheit beim Upload ist.

Sechs Sekunden sind zu wenig

Mein großer Kritikpunkt an Vine ist abgesehen davon, dass ich generell meine Probleme damit habe, wie Twitter mit immer mehr eigenen Apps seinen Fokus verliert, die Länge, oder besser gesagt die Kürze von Vines. Ich halte sechs Sekunden für zu wenig, um eindrucksvolle Momente festzuhalten. Besonders deshalb, weil man für die Aufnahme im Vorfeld bereits wissen muss, wann das entscheidende, im Clip im Mittelpunkt stehende Ereignis eintritt. Während meines Istanbul-Aufenthalts in der vergangenen Woche konnte ich dieses Dilemma abermals erleben. Manchmal mögen sechs Sekunden genügen, als permanentes Limit finde ich sie aber problematisch. Die zwölf Sekunden, die der für das App.net-Ökosystem geschaffene Vine-Klon Climber als Maximalgrenze ansetzt , machen einen enormen Unterschied. Wünschenswert wäre außerdem die Option, längere Clips aufnehmen zu können, um im zweiten Schritt den besten Abschnitt auszuwählen.

Twitters 140-Zeichen-Limit wurde zu Anfang ebenfalls in Frage gestellt, hat sich jedoch im Endeffekt als guter Kompromiss herausgestellt - auch wenn man nur darüber spekulieren kann, wie sich der Service bei einer größzügigeren oder noch engeren Begrenzung entwickelt hätte. Das Unternehmen scheint davon auszugehen, mit sechs Sekunden erneut ein Optimum gefunden zu haben. Überzeugt bin ich davon aber nicht, auch wenn ich es grundsätzlich verstehe, warum die Maximaldauer von Microvideos in der Aufmerksamkeitsökonomie beschränkt wird: Wenn User wissen, dass maximal sechs, zehn oder zwölf Sekunden ihrer Zeit "gestohlen" werden, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie sich eine Aufnahme auch sofort anschauen. Das ist besonders den Clips zuträglich, die Belanglosigkeiten zeigen und keinen tieferen Sinn oder Nachrichtenwert besitzen.

Glaubt man der Gerüchteküche, wird Facebook seine aufgekaufte Foto-Sharing-Anwendung Instagram in sehr naher Zukunft mit Videofunktionalität ausstatten. Das kann natürlich völlig daneben gehen, weil es den fokussierten Use Case des Dienstes erst einmal völlig aufweicht. Ich hoffe aber darauf, dass Instagram-Videos nicht ebenfalls das Sechs-Sekunden-Limit verwenden. Damit würde diese Zeitspanne gewisserweise zum Standard erhoben. Das aber ohne, dass User Gelegenheit bekamen, selbst ein Wörtchen über die ideale Länge mitzureden. /mw

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