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28.05.12Leser-Kommentare

Videochat als Unterhaltung im Hintergrund: Der visuelle Stream

Diverse Webdienste preisen Videochats mit mehreren Teilnehmern an. Glaubt man den Machern des US-Angebots OoVoo, entwickeln speziell junge Menschen völlig neue Nutzungsmuster rund um Gruppenvideogespräche.

Wenn man sich Tag ein, Tag aus mit den verschiedenen Facetten der digitalen Gesellschaft befasst, kommt es nur noch selten vor, dass einen Schilderungen über Anwendungsszenarien von modernen Online- und Kommunikationstechnologien verwundern. Ausnahmen bestätigen jedoch wie immer die Regel. Als ich kürzlich diesen Beitrag über "Ambient Video" las, wollte ich erst gar nicht glauben, dass das in dem Text beschriebene Einsatzgebiet von Videochats tatsächlich in der Realität anzutreffen ist. Andererseits: Niemand wusste vor Twitter, dass Millionen Menschen einmal Gefallen darin finden werden, kurze 140-Zeichen-Botschaften zu publizieren und zu konsumieren.

Mittelpunkt des Artikels ist der junge New Yorker Videochat-Anbieter und Skype-Konkurrent OoVoo. Dieser ermöglicht über einen Desktop-Client für PC und Mac sowie mobile Apps für iOS und Android Bewegtbildgespräche zwischen bis zu zwölf Personen gleichzeitig. Beachtlich ist dabei nicht nur, dass der in Europa bisher wenig bekannte Dienst bereits seit 2007 existiert und stattliche 46 Millionen registrierte Nutzer vorweisen kann - 60 Prozent davon unter 25 Jahren - sondern auch, auf welche Art die junge Anwenderschaft den Service einsetzt:

Zumindest nach den Worten von OoVoo-Chef Robert Jackman beschränkt sich die Nutzung von OoVoo nämlich nicht auf Videogespräche mit einem klaren Zweck sowie einem definierten Anfang und Ende. Stattdessen lassen viele OoVoo-Nutzer die Applikation auf ihrem Rechner ganz einfach permanent im Hintergrund laufen. Die bis zu zwölf Chatteilnehmer beschäftigen sich nebenbei mit anderen Dingen - entweder vor dem Rechner oder ganz woanders in der Wohnung - und tauchen nur gelegentlich vor ihrer Webcam auf.

Wie ein Instant Messenger, der während der gesamten Onlinenutzung aktiviert ist, oder ein stetig dudelnder Fernseher, verbinden sich OoVoo-Nutzer zu einer Videokonferenz mit Freunden, die einfach m Hintergrund läuft. Im Vordergrund steht nicht ein konkretes Gesprächsthema sondern die Schaffung eines Kollektivgefühls trotz räumlicher Distanz.

Nun sollte man OoVoo-Chairman Jackmans Aussage sicherlich nicht blind glauben. Angesichts der großen Zahl an Services zum Durchführen von Videochats und -konferenzen - von Skype über FriendCallerTango und Face Time bis zu Google Hanoguts - hat er ein Interesse daran, OoVoo vom Wettbewerb abzugrenzen und die Allgemeinheit davon zu überzeugen, dass Videokonferenzen mit bis zu zwölf Personen tatsächlich eine Nachfrage bedienen beziehungsweise bei Anwendern zu neuen Verhaltensmustern führen.

Gleichzeitig erscheint der Gedanke, dass gerade Digital Natives, die mit dem Internet aufgewachsen sind und einen Zustand der absoluten Isoloation von der Außenwelt weder kennen noch schätzen, sich über ihre Webcams zu permanenten Videkonferenzen zusammenschließen, nicht abwegig. Gehört das gelegentliche Alleinsein für ältere Generationen noch zu den natürlichen Zuständen des Lebens, ist vorstellbar, dass junge Menschen schlicht kein Interesse mehr daran haben, mit sich und ihren Gedanken alleine zu sein - weil sie es gar nicht anders kennen und vielleicht auch gar nicht können. Soziale Netzwerke, Instant Messenger, Chatdienste und Videokonferenzen werden als Werkzeuge herangezogen, um auch dann eine Atmosphäre der Geselligkeit zu schaffen, wenn sich Personen an unterschiedlichen Orten befinden.

Der erwähnte Artikel zitiert auch eine Google-Sprecherin, die bestätigt, dass der Konzern bei seinem Videochat-Feature Hangouts ähnliche Anwendungsmuster beobachtet. Insofern ist das, was im Text als "Ambient Video" bezeichnet wird, also womöglich mehr als eine Wunschvorstellung von OoVoo. Inwieweit es sich lediglich um einen vorübergehenden Trend einer traditionell experimentierfreudigen jugendlichen Anwenderschaft handelt oder aber um den Beginn einer völlig neuen, dauerhaften Art der Kommunikation, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Der Gedanke, dass Menschen beim Betreten ihrer Wohnung umgehend eine Videokonferenz starten, dann aber erst einmal in der Küche Essen kochen und später im Vorbeigehen kurze Dialoge mit gerade präsenten Freunden führen, wirkt einerseits suspekt, andererseits aber auch wie die logische Fortsetzung der textbasierten Streams, in die sich Nutzer in Scharen bei Facebook, Twitter und anderen Diensten ein- und ausklinken.

Kommentare

  • assi

    28.05.12 (17:18:45)

    Das ist dann wie das Wohnzimmer der WG. Manche hängen den ganzen Tag da rum, andere haben besseres zu tun...

  • Martin Weigert

    29.05.12 (05:02:30)

    Passende Analogie.

  • boyan

    14.06.12 (11:13:59)

    Hallo, hier ist ein tolles tool für video konferenzen, keine registrierung oder download erforderlich und noch dazu kostenlos. meetingl.com

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