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21.06.13Leser-Kommentar

Video für Instagram: Facebook beweist, dass es Risikobereitschaft nicht verlernt hat

Die Erweiterung von Instagram um Video mag trivial erscheinen. Doch Facebook setzt mit dem Schritt die Popularität eines seiner wichtigsten Assets aufs Spiel. Es ist diese Risikobereitschaft, die das soziale Netzwerk überhaupt erst groß gemacht hat.

instagramvideoAm Ende war es kein Newsreader, den Facebook am Donnerstagabend in San Fancisco präsentierte, sondern eine Videofunktion für Instagram. Auch dabei handelte es sich um keine große Überraschung, Gerüchte zu entsprechenden Plänen kursierten schon seit längerem im Netz. Nun also sind die 130 Millionen aktiven Anwender der Foto-Sharing-App für iPhone und Android in der Lage, bis zu 15 Sekunden lange Videos in ihrem Stream zu publizieren und diese zuvor mit Filtern zu verschönern. Der Begriff "Foto-Sharing-App" verliert damit natürlich seine Gültigkeit.

Mir persönlich gefällt der Vorstoß, auch wenn es sich um eine Nachahmung von Twitters Microvideoapp Vine handelt. Wie vor zwei Tagen erläutert halte ich Vines Sechs-Sekunden-Limit für zu kurz. Ob die von Facebook gewählten 15 Sekunden einen Optimalwert darstellen, oder ob die Mehrzahl der Clips am Ende doch deutlich kürzer ausfällt, wird sich relativ schnell herausstellen. Für die Monetarisierung ist die gewählte Dauer aufgrund ihrer Kompatibilität mit TV-Werbespots eindeutig förderlich. Gut finde ich Video für Instagram auch ganz einfach deshalb, weil ich die App ohnehin gelegentlich nutze und es praktisch ist, Schnappschüsse und Bewegtbilder aus einer Anwendung heraus erstellen und verbreiten zu können. Akzeptanz ist nicht garantiert

Allerdings gehöre ich in keiner Weise zu den aktivsten Instagram-Anwendern, weshalb meine persönliche Bewertung keine große Rolle spielt. Entscheidend ist, wie die Instagram-Community und ihre besonders fleißigen Protagonisten auf die Neuerung reagieren. Fakt ist nämlich: Foto- und Videosharing sind zwar verwandte Vorgänge, aber dennoch in ihren Rahmenbedingungen und auch aus Sicht der konsumierenden Betrachter unterschiedlich genug, um Nutzer von Instagram vor eine ungewohnte Situation zu stellen: Plötzlich erscheinen in ihrem Feed nicht mehr stilisierte Fotos von Belanglosigkeiten, die dank ihrer Inszenierung doch irgendwie nett anzusehen sind, sondern auch Videos von Belanglosigkeiten, denen es weitaus schwerer fällt, ihre Irrelevanz zu verbergen. Es ist damit in keiner Weise garantiert, dass die Erweiterung, so harmlos sie klingen mag, von allen Usern angenommen wird. Erste kritische Stimmen sind bereits zu vernehmen.

Operation am offenen Herzen

Facebook geht mit Video für Instagram also ein nicht zu unterschätzendes Risiko ein. Im Gegensatz zu den diversen, weitgehend erfolglosen Produktinitiativen der unmittelbaren Vergangenheit, die in keiner signifikanten Art und Weise in die gewohnten Anwendungsmuster der Facebook-Gemeinde eingriffen, operiert das soziale Netzwerk dieses Mal am offenen Herzen eines seiner für die künftige Geschäftsentwicklung wichtigsten Angebote. Auch wenn es noch kein Geld einbringt, stellt Instagram einen wichtige Eckpfeiler in Facebooks mobiler Strategie dar. Anders als das blau-weiße Kernprodukt wird Instagram von seinen Usern nicht nur als Selbstverständlichkeit oder gar notwendiges Übel angesehen, sondern als unterhaltsame Angelegenheit, bei der sich eine gewisse Leidenschaft noch lohnt. Mit der Lancierung von Videos setzt Facebook diesen Status der einstigen Foto-App aufs Spiel. Es nimmt in Kauf, dass sich ein Teil der Nutzer über die Veränderung beschwert, in der Hoffnung, einen anderen, größeren Teil noch stärker für den Service begeistern zu können.

Sicherlich wirkt Facebook einfallslos, wenn es wenige Monate nach dem Debüt von Vine ein sehr ähnliches Angebot veröffentlicht. Andererseits darf man nicht vergessen, dass auch Twitter geloopte Microvideos nicht erfunden hat. Loopcam und Cinemagram existierten schon zuvor (nebenbei erwähnt glaube ich nicht an eine lange Halbwertszeit von Loops, weshalb ich froh bin, dass Instagram darauf verzichtet).

Facebook wagt wieder etwas

Objektiv betrachtet halte ich es für wichtig, dass das soziale Netzwerk seine Komfortzone verlässt und Vorstöße wagt, bei denen es gewinnen, aber auch verlieren kann. Dies hat Facebook zu dem Milliardennetzwerk gemacht, das es heute ist. Doch mit zunehmender Größe und der Rechenschaftsschuld gegenüber den Aktionären läuft das Unternehmen Gefahr, bequem zu werden und sich in taktischen und strategischen Entscheidungen von der Furcht vor davonschwimmenden Fellen leiten zu lassen. Eine erfolgreiches Produkt im wichtigsten Zukunftsmarkt Mobile aufzubohren und neu zu definieren, ist das Gegenteil dieses auf Dauer gefährlichen Agierens. Facebook wagt wieder etwas. Das kann zwar auch in die Hose gehen. Die Botschaft des kalifornischen Unternehmens ist aber eindeutig: Facebook scheut sich auch heute nicht davor, weitreichende Risiken einzugehen. Diese Eigenschaft ist Grundvoraussetzung dafür, die nächsten Jahren weiterhin die Oberhand im sozialen Netz behalten zu können. /mw

Kommentare

  • Joerg

    21.06.13 (12:42:37)

    Die Vermischung von Foto und Video im Stream finde ich auch am problematischsten. Ein Filter, der auf Wunsch die Videos aus dem Stream nimmt bzw. so etwas in der Art wäre gut, wenn auch von FB vielleicht nicht gewollt. So könnte der Nutzer entscheiden, was er will.

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