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20.01.14Leser-Kommentare

Vertrauensverlust: Das Ende der allwissenden Fachleute

Ein Professor beklagt, dass Experten von Laien im Internetzeitalter nicht mehr der notwendige Respekt entgegengebracht wird. Was er nicht bedenkt: Schuld daran sind die Experten selbst.

ExperteDas Expertentum stehe vor dem Ende, stellt der US-Professor Tom Nichols in einem längeren Beitrag beim konservativen US-Onlinemagazin The Federalist mit einigem Bedauern fest. Und wer soll schuld sein? Zu einem großen Teil natürlich das Internet, das jedem die Möglichkeiten einräume, eine im schlimmsten Fall äußerst uninformierte Meinung für alle Welt sichtbar zu publizieren. Verlierer dieser Entwicklung sind nach Ansicht Nichols die Fachleute. Menschen, die sich über Jahre oder Jahrzehnt spezielles Wissen angeeignet haben, das jetzt jedoch von x-beliebigen Laien öffentlich in Frage gestellt werden könne. Personen, die noch dazu fordern, dass ihre Perspektive in der Diskussion das gleiche Gewicht erhält wie die von Experten. Fragt man Nichols, ein Unding. Nun lohnt es sich nicht, auf jede Provokation von Vertretern der mit dem Internet und seinen partizipativen Eigenschaften fremdelnden alten Elite einzugehen. Aber Nichols spricht einen interessanten Aspekt an, der - so vermute ich - zahlreiche mit einer Vielzahl von akademischen Abschlüssen, Titeln und Arbeits- sowie Lebenserfahrung bekleideten Menschen vom Fach im digitalen Zeitalter ab und an auf die Palme bringt: Dass ihr sich mühselig erarbeiteter Status heute viel weniger respektiert wird; dass sich User bei Twitter, in Foren oder in Blogs das Recht einräumen, sie auf Basis einer Zehn-Sekunden-Reflektion sowie einer dünnen bis nicht vorhandenen Faktenlage in Frage zu stellen oder zu kritisieren.

Irritation darüber, dass andere die eigenen Meriten einfach ignorieren, ist nur menschlich, und erstreckt sich bis in den privaten Bereich. Wer leidenschaftlich und sehr bekömmlich kocht, wird ohne Scham vorgetragene Ratschläge von für ihre fehlenden Kochkünste bekannten Freunden vielleicht negativ auffassen. Wer sich intensiv mit Vereinsfußball beschäftigt, reagiert mitunter allergisch auf Kollegen, die keinen Hehl aus ihrem Desinteresse für diese Sportart machen, sich dann aber nicht vor besserwisserischen (und augenscheinlich absurden) Kommentaren zum letzten Championsleague-Spiel scheuen.

Nichols' Verärgerung über die durch die Kakophonie und Tendenz zu Implulsäußerungen in sozialen Medien fast zwangsläufig auftretende Abwertung von Expertenurteilen ist durchaus verständlich. Doch ich glaube, er sucht die Verantwortung bei den Falschen. Nicht das Internet oder der unwissende, der Illusion von Kompetenz erliegende Laie sind das Problem, sondern das angeknackte Vertrauen der Öffentlichkeit in Fachleute. Die Zeiten, in denen die Analysen der formellen Kenner maximal von anderen Fachleuten angezweifelt wurden, sind - sofern es sie überhaupt jemals gab - vorbei, weil die Fachleute sich zu oft geirrt haben. Die Öffentlichkeit hat gelernt, dass ein Dr. oder ein Prof. vor dem Namen genauso wenig den Wahrheitsgehalt einer wissenschaftlichen Feststellung oder einer scheinbar fundierten Prognose garantiert wie Dekaden in einer bestimmten Branche. Der Verlust von Respekt oder Ehrfurcht gegenüber diesen Personen ist die natürlich Folge. Erst recht, wenn sie den Anschein geben, eine eigene Fehlbarkeit komplett auszuschließen.

Die Debatte um den Klimawandel ist ein ideales Beispiel. Während das eine Lager von der vom Menschen verursachten Erderwärmung überzeugt ist und allerlei Studien und wissenschaftliche Arbeiten zum Beleg dieser These vorweisen kann, zweifelt das andere Lager an der Verantwortung des Menschen an den aktuellen Klimaveränderungen und präsentiert Untersuchungen, die diese Haltung belegen sollen. Es finden sich also Experten auf beiden Seiten. Doch beide Parteien können nicht gleichzeitig recht behalten. Entweder ist der Mensch schuld am Klimawandel oder nicht. Für Außenstehende heißt das: Einige der Fachleute sind auf dem Holzweg. Trotz beeindruckender Lebensläufe und erreichter fachlicher Meilensteine liegen einige der Spezialisten zwangsläufig daneben. Da kritische Laien nicht beurteilen können, wer recht hat und wer sich irrt, bleibt ihnen nur, generell den Schlüssen der Fachpersonen mit Skepsis gegenüber zu treten. Denn immerhin besteht so etwas wie eine 50-prozentige Chance, dass sie der falschen Fährte folgen. Nachtrag: Marcel Weiss verweist in den Kommentaren auf einen Artikel, der tatsächlich sehr eindeutig aufzuzeigen scheint, wie die überwältigende Mehrheit der seriösen wissenschaftlichen Arbeiten den vom Menschen verursachten Klimawandel bestätigen. Demnach werden Laien bei diesem Thema vor allem durch Desinformation und politische Manipulation durch Schein-Experten verunsichert.

Auch die weltweite Finanzkrise von 2008 hat das Vertrauen der Menschen in das Expertentum zerstört. Denn die Zahl der Wirtschaftsgurus, die den Crash kommen sahen, war trotz - im Nachhinein - einer Vielzahl von Warnsignalen gering. Die Atomkatastrophe von Fukushima wäre ein weiteres Beispiel: Wie viele unterschiedliche Bewertungen und Folgenabschätzungen waren nicht in den Tagen, Wochen und Monaten nach dem Unglück in den Medien zu vernehmen. Das Spektrum reichte von "Alles nur halb so schlimm" bis zu Ankündigungen einer globalen Nuklearverseuchung. Wie sollen Max und Maria Muster beurteilen, wem sie glauben können und wem nicht? Woher sollen sie wissen, wer von der Atomlobby bezahlt wird, wer mit Anti-Atomkraft-Fundamentalisten sympathisiert und wer tatsächlich unabhängig objektive, wissenschaftlich belegte Schlüsse zieht? Es ist unmöglich, weshalb der einzige Ausweg darin besteht, Experten grundsätzlich erst einmal anzuzweifeln.

Das Internet ist mitverantwortlich dafür, dass das Expertenwesen heute stärker in Frage gestellt wird als im vergangenen Jahrhundert. Denn es liefert eine bislang nicht gekannte Transparenz über das, was Fachleute zu beliebigen Themen von sich geben. Diese Transparenz wiederum lässt den Glaube in das Expertenwesen erodieren, weil sie schwarz auf weiß zeigt, dass Kenner der Materie auch nur mit Wasser kochen. Dass Experten von Laien quasi blind geglaubt wurde, nur weil sie lange genug Karriere gemacht und in der formellen Bildung alles erreicht haben, war ein Fehlzustand, der in der Digitalära korrigiert wird. Für Spezialisten bedeutet dies, dass sie häufiger mit Widerworten rechnen müssen - auch schräg von der Seite. Es ist ihre Aufgabe, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass man sie, ihre Arbeiten und ihre Erkenntnisse ernst nehmen sollte. Irgendwann einmal eine renommierte Universität besucht zu haben und später für die richtigen Institutionen tätig gewesen zu sein, reicht in der heutigen, von allseitigem Wandel und dem Hinterfragen vieler Konventionen und Strukturen geprägten Zeit nicht mehr aus, um sich uneingeschränktes Gehör zu verschaffen. Schlecht ist das aber nicht. /mw

(Foto: Doctor or pharmacist holding or recommending a product, Shutterstock)

Kommentare

  • Carsten Pötter

    20.01.14 (10:21:45)

    Ich möchte Dir nicht unbedingt widersprechen. Ich denke Nichols' Argument drückt sich in diesem Satz aus: Remember: having a strong opinion about something isn’t the same as knowing something. Und da muss ich ihm zustimmen.

  • Marcel Weiß

    20.01.14 (12:24:13)

    "Die Debatte um den Klimawandel ist ein ideales Beispiel. Während das eine Lager von der vom Menschen verursachten Erderwärmung überzeugt ist und allerlei Studien und wissenschaftliche Arbeiten zum Beleg dieser These vorweisen kann, zweifelt das andere Lager an der Verantwortung des Menschen an den aktuellen Klimaveränderungen und präsentiert Untersuchungen, die diese Haltung belegen sollen. Es finden sich also Experten auf beiden Seiten." Die Debatte über den Klimawandel ist ein denkbar schlechtes Beispiel: http://www.slate.com/blogs/bad_astronomy/2014/01/14/climate_change_another_study_shows_they_don_t_publish_actual_papers.html

  • Sven Busse

    20.01.14 (14:48:54)

    Ich stimme zu, dass Experten nicht davon ausgehen sollten, dass man ihre Meinung einfach so akzeptiert. Wenn Laien einem Experten nicht blind vertrauen, sondern auch alternative Publikationen oder Diskussionen verfolgen, ist das toll. Wenn sie aber unfundiert kritisieren oder kommentieren, kann ich darin keine Schuld der Experten erkennen. Man kann auch von einem Laien erwarten, dass er seine Meinung mit Fakten unterfüttert.

  • Martin Weigert

    20.01.14 (16:49:34)

    @ Carsten Da möchte ich auch nicht widersprechen. @ Marcel Danke, das ist in der Tat ein sehr guter Link, bei dem es schwierig ist, die Eindeutigkeit objektiv zu widerlegen. Daraus ergibt sich dann eine verwandtes Problem der Expertenwelt: Die gezielte Unterminierung der Arbeit von Fachleuten durch Desinformation und politische Manipulation mittels Schein-Experten. Dennoch bleibt Laien meist nichts anderes, als generell skeptisch zu sein. Oder darauf zu warten, dass sich jemand die Mühe macht wie James Lawrence Powell. @ Sven Busse Das Problem ist, dass Laien oft nicht beurteilen können, ob ein Experte tatsächlich ein Experte ist. "Man kann auch von einem Laien erwarten, dass er seine Meinung mit Fakten unterfüttert." Wie realistisch ist, dass dies passiert? ;)

  • michael wolf

    20.01.14 (20:30:02)

    wer als angestellter und beauftragter Wissenschaftler nicht den "Konsens" (menschgemachte Klimaerwärmung) vertritt, stellt sich heute krass ins Abseits und riskiert Renomme, Aufträge, Einladungen und seinen Job. Das ist der Grund für den grossen Konsens. Ich für meinen Teil glaube den mutigeren unabhängigen Wissenschaftlern, deren Argumente mir auch empirisch einleuchten - seit 17 Jahren gibt es global keinen nennenswerte Erwärmung mehr.

  • Stefan Wehmeier

    21.01.14 (07:00:38)

    Was ist die "Finanzkrise"? "Der Sparer erzeugt mehr Ware, als er selbst kauft, und der Überschuss wird von den Unternehmern mit dem Geld der Sparkassen gekauft und zu neuen Realkapitalien verarbeitet. Aber die Sparer geben das Geld nicht her ohne Zins, und die Unternehmer können keinen Zins bezahlen, wenn das, was sie bauen, nicht wenigstens den gleichen Zins einbringt, den die Sparer fordern. Wird aber eine Zeitlang an der Vermehrung der Häuser, Werkstätten, Schiffe usw. gearbeitet, so fällt naturgemäß der Zins dieser Dinge. Dann können die Unternehmer den von den Sparern geforderten Zins nicht zahlen. Das Geld bleibt in den Sparkassen liegen, und da gerade mit diesem Geld die Warenüberschüsse der Sparer gekauft werden, so fehlt für diese jetzt der Absatz, und die Preise gehen zurück. Die Krise ist da." Silvio Gesell ("Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld", 1916) 20 Jahre später bezeichnete der "Jahrhundertökonom" J. M. Keynes in seiner "Allgemeinen Theorie (der Beschäftigung der Politik)" dieses Phänomen, das sich zwangsläufig aus der Verwendung von hortbarem Geld mit Wertaufbewahrungs(un)funktion (Zinsgeld) ergibt, als "Liquiditätsfalle" – und beschrieb zwei Mittel, um sie hinauszuzögern: Erhöhung der Staatsverschuldung mit Ausgabe des Geldes für Projekte, die den Zinsfuß nicht senken (Löcher graben und wieder zuschaufeln, Kriegsrüstung, etc.), und Geldmengenausweitung. Um aus der Liquiditätsfalle herauszukommen, gibt es bei der weiteren Verwendung von Zinsgeld nur eine Möglichkeit: Eine umfassende Sachkapitalzerstörung muss den Zinsfuß anheben. Diese früher sehr beliebte "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" konnte jedoch nur solange der "Vater aller Dinge" sein, wie es noch keine Atomwaffen gab! Was ist Politik? "Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits." Otto Valentin ("Warum alle bisherige Politik versagen musste", 1949) Was nun? "Ich finde die Zivilisation ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfangen, sie auszuprobieren." Sir Arthur Charles Clarke (1917 - 2008) Der längst überfällige, eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation setzt die Überwindung der Religion voraus, die den Kulturmenschen "wahnsinnig genug" für ein darum bis heute fehlerhaftes Geld machte, lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war: http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/der-wille-zur-macht.html

  • Achim

    21.01.14 (09:19:06)

    Ein Problem dabei sind aber auch ganz klar die Medien und die Geilheit auf einfache, polarisierende Schlagzeilen. Kein ernstzunehmender Wissenschaftler wird jemals eine absolute Aussage treffen. Er kann höchstens sagen mit welcher Wahrscheinlichkeit etwas richtig ist / eintreffen wird, was dafür spricht, was dagegen. Das ist nunmal leider so. Seit Jahrzehnten wird den Leuten von Hollywood eingetrichtert, was die Wissenschaft nicht alles großartiges weiß. Aber vieles weiß man eben noch nicht... sehr vieles weiß man sogar nicht mal ansatzweise. Da ist der Klimawandel ein sehr gutes Beispiel. Über das Verhalten des Klimas weiß man nur sehr wenig. Das CO2 zur Erwärmung der Atmosphäre beiträgt weiß man, das kann man mit Experimenten nachweisen (alle die das bestreiten sind zurecht in der Wissenschaftscommunity außen vor, ein Experiment oder auch nur ein vernünftiges Argument, das die Erwärmung von CO2 durch von der Erde abgestrahlte Wärme in Zweifel zieht, gibt es nicht). Was das jetzt aber genau für das Klima bedeutet, dass der Mensch Tonnenweise CO2 in die Athmosphäre entlädt, darüber gibt es die Streitigkeiten. Warum? Weil das Klima eben ein extrem komplexes System ist und man das nichtmal ansatzweise verstanden hat, was da alles passiert. Deshalb konnte man auch nach langem Suchen keinen Wissenschaftler finden, der sich öffentlich hinstellt und die Stürme auf den Philippinen als vom Klimawandel herbeigeführt bezeichnet. Obwohl viele Wissenschaftler davon überzeugt sind, dass solche Stürme durch die Veränderungen vermehrt auftreten. Mit Sicherheit kann man es bei einem einzelnen Sturm seriös nicht sagen (und wahrscheinlich nie sagen können). Man kann aber auch nicht seriös sagen, dass es nicht so ist (was die meisten Klimaskeptiker aber tun, weshalb sie wiederum in der Wissenschaftscommunity zu Recht diskreditiert sind). Selbst der IPCC sagt in seinen Berichten, dass der Klimawandel zu 90% Menschen gemacht ist, was ihn alleine schon seriöser macht, als die meisten der Skeptiker. Das ist die Wissenschaft. Und die Leute wissen durchaus, wovon sie reden. Aber damit gibt sich weder die Öffentlichkeit noch die Journalisten zufrieden. Da werden Wissenschaftler zu eindeutigen, viel zu stark vereinfachten Aussagen gedrängt. Die sind dann natürlich falsch, weil der Journalist die ganzen (langweiligen) einschränkenden Annahmen weg lässt, insbesondere in der Schlagzeile und dem Teaser. Und dann kommt beim Leser nur an, was der Wissenschaftler wieder für einen Unsinn erzählt hat. Was er ursprünglich aber gar nicht getan hat. Das ist mir selber schon passiert (hat sich zum Glück keiner für interessiert...). Insbesondere die Hochglanzbroschüren von Instituten sind alle voll mit falschen Versprechungen (eine direkte Folge der erzwungenen Selbstvermarktung). Mein Fazit ist: Den Wissenschaftlern kann man ruhig glauben, wenn man es schafft ihnen zu zuhören (das ist auf mehreren Ebenen schwierig). Wenn Journalisten von wissenschaftlichen Erkenntnissen berichten ist Skepsis angebracht. Im Grunde sollte der Mensch aber lernen, dass die Wissenschaft ihm (noch LANGE) nicht alle Fragen beantworten kann. Dafür gibt es aber auch Lösungen z.B. solche hier: http://www.youtube.com/watch?v=zORv8wwiadQ

  • Bettina

    21.01.14 (09:33:21)

    Ich finde es schade, dass dieses interessante und auch wichtige Thema hier in einem polemischen Tonfall behandelt wird. Wenn ich den Originaltext richtig verstanden habe, geht es Nichols weder um „allwissende Experten“ noch um den „Verlust von Respekt und Ehrfurcht“ gegenüber Personen. Und eine Formulierung wie „Provokation von Vertretern der mit dem Internet und seinen partizipativen Eigenschaften fremdelnden alten Elite“ klingt für meine Ohren ziemlich abwertend. Mal davon abgesehen, dass mir diese Schublade in diesem Fall auch reichlich unpassend erscheint. Was Nichols beklagt, ist das Aussterben der Expertise, des Fachwissens, der rationalen, wissenschaftlichen Herangehensweise, die zunehmend – auch, aber nicht nur im Internet – durch schlichte Meinungsäußerung ersetzt wird. Das Internet ist daran nicht „schuld“, sondern bietet durch seine offene Struktur eine ideale Plattform, um sich auch unbeleckt von jeglicher Fachkenntnis in alle möglichen Debatten einzuklinken. Frei nach dem Motto: Alle Ansichten sind gleich viel wert. Aber Meinung und Wissen sind nun mal zwei verschiedene Dinge. Man kann aus subjektiven Erfahrungen keine verallgemeinerbaren Aussagen ableiten. Sachliches, rationales Argumentieren setzt ein Mindestmaß an inhaltlichen Kenntnissen, Methodenwissen und Diskussionskultur voraus. Wissenschaft ist die strukturierte, methodische Suche nach Erkenntnis. Expertentum basiert auf Wissen und auf Erfahrung. Aber, auch wenn es wehtut: Wissenschaft und Experten sind nicht unfehlbar, ja nicht mal immer eindeutig in ihren Ergebnissen. Natürlich gibt es wissenschaftliche Standards. Aber es gibt auch unter Experten unterschiedliche Theorien, Ansätze und Perspektiven, verworfene Hypothesen, revidierte Meinungen, neue Erkenntnisse. Die eine, einzige, immergültige Wahrheit, möglichst noch mit klarer Handlungsmaxime, gibt es nicht, auch oder erst recht nicht in der Wissenschaft. Dass manche das nicht verstehen können oder wollen, und sich in ihrer Enttäuschung dann ganz von der Wissenschaft abwenden, ist sicherlich nicht Schuld der Experten.

  • Martin Lindner

    21.01.14 (09:40:38)

    ich bin dem internen eigenlink gefolgt, blogpost zu Snowden/Manning, und das ist schon ein sehr fischiger "experte". sehr meinungsstark jedenfalls, v.a. was die fortsetzung des kalten kriegs angeht. wenn jemand die zerbröselnde expertenkultur rechtfertigt, dann Nichols selbst.

  • Lästerschwester

    21.01.14 (11:20:53)

    Ich bin Wissenschaftler. Ich bin Experte auf meinem Gebiet. Und natürlich steht es jedem, aber auch wirklich jedem frei, meine wissenschaftlich fundierten bzw. auf jahrelanger Erfahrung basierenden Erkenntnisse zu kritisieren....aber bitte ebenso wissenschaftlich fundiert. Wenn ich mit Laien rede, dann werden Dinge vereinfacht. Es bringt den meisten Menschen nichts, wenn ich ihnen haarklein erzähle, welche Reaktionen ablaufen, wie das quantenmechnisch zusammenpasst oder wie sich dieses Gen auf die biochemische Kaskade danach auswirkt. Die Menschen wollen wissen, was am Ende steht. Das Ergebnis. Ich bin natürlich immer froh, wenn ich Interessierte Menschen habe, die schlaue Fragen stellen. Meist kann ich die beantworten, ab und an auch mal nicht. Wichtig ist nur, dass die Menschen lern- und verständniswillig sind. Mit bestimmten Gruppen lohnt sich eine Diskussion nicht. Mit Kreationisten über die Evolution reden z.B. oder mit Homöopathen über ihre Wunderdrogen. Wenn der andere sich schon lange nicht mehr auf wissenschaftlichem Boden befindet, ist jede Diskussion sinnlos. Hier will man nicht überzeugen, sondern bekehren. Und dann sind da noch die Möchtegernschlauen, die keine Ahnung haben, aber sich ein Oberflächenwissen angelesen haben (was BTW auch schon mit diesen sonderbaren "Büchern" möglich war, bevor es das Internet gab^^). Wissenschaft hat oft das "Problem", dass simple Dinge gar nicht so simpel sind, wie sie am Ende aussehen. Man kommt also schon recht schnell unter die Oberfläche und da ist dann der große und schwer nachzuvollziehende Rest des Wissenseisberges, für den man nicht nur so zum Spaß und für den Titel 5 Jahre studiert und weitere 10 Jahre geforscht hat. Und wenn man dieses Hintergrundwissen nicht hat, verrennt man sich schon mal in falsche Ideen. Das ist nicht schlimm, sondern ein Teil des Prozesses, den alle anderen aber eben schon im Studium durchgemacht haben. Nur weil aus A das B folgt, heißt das eben nicht, dass das ein einziger, gerader Schritt ist. Da können noch 20 weitere im Hintergrund laufen, die dann dafür sorgen, dass auf A-1 gerade nicht B-1 folgt. Es tut einem auch ganz leid, wenn man jemanden trifft, der sich ganz intensiv mit etwas beschäftigt hat und da richtig Zeit investiert hat und einem das dann vorstellt und man in den ersten zwei Minuten merkt, dass der da einen saftigen Fehler drin hat, der seine tollen Erkenntnisse erklärt. Aber da muss man dann einhaken und klarstellen, dass das aus diesen und jenen Gründen nicht klappen kann. Oft erntet man dann Unverständnis oder wird zum Bösewicht, der ja nur nicht "Out-of-the-Box" denken kann, weil er so in seinem System verwurzelt ist. Und das ist vermutlich das, was Nichols meint. Unqualifizierte Ansätze, die aber für sich einfordern, mit den qualifizierten auf eine Stufe gestellt zu werden und auf gleiche Weise diskutiert zu werden. Man muss sich nicht wirklich mit Menschen abgeben, die sich nicht die Mühe machen, ihre Behauptungen mit Fakten zu untermauern, bzw. die mit konstruktiver Kritik und fundierten Gegenbehauptungen nicht adäquat umgehen können. Davon gibt es im Netz deutlich mehr. Und besonders gern nutzen sie die Methode, Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen und neu anzuordnen. Oder sie gleich zu erfinden bzw. falsch zuzuordnen. Aber damit kann ich eigentlich gut umgehen. Andere vielleicht nicht so.

  • Klaus

    21.01.14 (11:50:22)

    Der Slate-Artikel ist passt überhaupt nicht zum Thema hier. Die erwähnten 97% beziehen sich auf die Frage, ob der Mensch in irgendeiner Form zur Erwärmung des Klima beigetragen hat. Da Klimaskeptiker (fast ausschließlich) dem zustimmen, ist das kein auch kein Wunder. Die Position vertreten vom Skeptiker über Lukewarmer bis hin zu Alarmisten alle Beteiligten. Dazu kommt, das diese Arbeit methodisch grauenhaft, wenn nicht gar absichtlich unwissentlich ist und sogar simple Rechenfehler enthält (die 97% sind eigentlich 95% etc.) Die andere Studie, von den 13,926 Artikeln bezieht sich auf die globale Erwärmung und nicht auf einen durch Menschen verursachten Klimawandel. Das sind zwei unterschiedliche Sachen. Das die Erde sich erwärmt hat, steht außer Zweifel, da wird höchstens gestritten, wie hoch sie genau war. Auch Klimaskeptiker, evtl. abgesehen vom lunatic fringe, sehen das genauso. Die Debatte um den Klimawandel bleibt ein gutes Beispiel für die These im Text.

  • Klaus

    21.01.14 (12:35:26)

    Das IPCC hat nie gesagt, dass "der Klimawandel zu 90% Menschen [von] gemacht ist". Er hat gesagt, dass man zu 90% sicher sei, der Mensch habe einen größeren Anteil an der globalen Erwärmung als natürliche Ursachen. Riesenunterschied. Und im übrigen auch eine der umstritten Aussagen des IPCC.

  • Stefan Wehmeier

    21.01.14 (13:17:17)

    "Unqualifizierte Ansätze, die aber für sich einfordern, mit den qualifizierten auf eine Stufe gestellt zu werden..." Die Frage ist: Wer entscheidet darüber, was "qualifiziert" und was "unqualifiziert" ist? Beispielsweise ist alles unqualifiziert, was vom einzig relevanten Grundlagenwerk der Makroökonomie, "Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" (Silvio Gesell, 1916), abweicht. Bis heute ist also die gesamte universitäre Volkswirtschaftslehre vollkommen unqualifiziert. In der Folge sind alle "Wissenschaften", die sich direkt oder indirekt mit dem menschlichen Zusammenleben befassen (Politologie, Soziologie, "Wirtschaftsethik", Philosophie, etc...) tatsächlich keine Wissenschaften, weil die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung, das Geld, seit jeher fehlerhaft ist. Anderes Beispiel: Alles, was hiervon abweicht,... http://www.ggb-lahnstein.de/Dr.Bruker.html ...ist nachweislich als unqualifiziert zu bezeichnen; d. h., fast die gesamte Schulmedizin (bis auf die Unfall-Chirurgie) ist unwissenschaftlich und erzeugt insgesamt mehr Krankheiten als dass sie heilt.

  • Bettina

    21.01.14 (13:55:57)

    Ups, aus dem Gedächtnis zu zitieren ist auch so ein beliebter Fehler... ;-) Es sollte natürlich heißen: "...geht es Nichols weder um 'allwissende Fachleute' noch um den 'Verlust von Respekt oder Ehrfurcht' gegenüber Personen."

  • Martin Weigert

    21.01.14 (17:27:55)

    So wie man es von einem Republikaner eben erwartet ;)

  • Robert Frunzke

    21.01.14 (18:22:30)

    Naja, ganz so einfach wie Du das beschreibst ist es nicht. Aber insgesamt ein interessanter Artikel, gute Denkansätze! "Die Debatte um den Klimawandel ist ein ideales Beispiel." Nicht wirklich ideal als Beispiel... "Doch beide Parteien können nicht gleichzeitig recht behalten." Doch! Beide Parteien können Recht haben. Weil es garnicht um das "absolute Recht behalten" geht! "Entweder ist der Mensch schuld am Klimawandel oder nicht." Die Fragen sind: 0. Gibt es einen Klimawandel? Ja, natürlich, fortwährend, ständig und auch schon bevor es uns Menschen gab. 1. Gibt es einen durch uns Menschen ausgelösten Klimawandel? Ja, natürlich haben unsere Handlungen auch Folgen. Und schon die von Menschenhand angelegten Reisfelder vor tausenden Jahren haben große Mengen CO2 in die Atmosphäre emittiert, und die aktuellen Emittenten kennen wir ja... 2. Wieviel trägt der Mensch zum Klimawandel bei? 3. Hat es (negative) Konsequenzen für uns? 4. Wenn ja, können wir es aufhalten, und wie? Das sind die eigentlichen Fragen. Und für die Experten auf dem Gebiet stellen sich sicherlich noch sehr viele weitere Fragen. Ich bin da nur Laie. Worauf ich hinaus will: dass sich in solchen Diskussionen immer wieder verschiedene konträre Lager etablieren, ist u.a. unserer unendlichen menschlichen Dummheit zu verdanken. Und den Interessen, die die jeweiligen Akteure verfolgen (meist nur schnöder Mammon oder das Ansehen im eigenen sozialen Umfeld bzw. einfach nur Ruhm und Ehre - witzigerweise entspricht das oft genau den Interessen, in die sich Lager immer wieder spalten... zumindest ist das mein laienhafter Eindruck). Übrigens, die Medien sind IMHO nicht die Hauptschuldigen. Sie vereinfachen und schließen sich der Logik der Masse an. Schuld ist unsere eigene Tendenz zum Vereinfachen und Polarisieren, es sind die Urteilsheuristiken und kognitiven Verzerrungen, denen wir Menschen unterliegen (einfach mal bei Wikipedia nachlesen, Gründe, Ursachen und Auswirkungen wurden schon umfangreich wissenschaftlich untersucht, bei tiefergehendem Interesse auch mal was von Kahneman und Tversky lesen, schaden wird es nicht). Wir bekämpfen uns lieber, und wenn es auch nur darum geht Recht zu haben, statt lösungsorientiert zu diskutieren. Das betrifft anscheinend vorallem Laien, aber auch manche Experten. In perfekt lösungsorientierten, fachlichen und sachlichen Diskussionen wären auch Laien für die Experten akzeptabel und würden eine zusätzliche Quelle der Inspiration darstellen :) Aber so sind wir Menschen ja leider nicht gemacht, wir haben lieber Recht, und manchmal auch dann, wenn wir eigentlich keine Ahnung vom Thema haben. Da ist es doch verständlich, dass solche Respektlosigkeit manche Experten frustriert! Nicht wahr?

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