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20.01.14

Vertrauensverlust: Das Ende der allwissenden Fachleute

Ein Professor beklagt, dass Experten von Laien im Internetzeitalter nicht mehr der notwendige Respekt entgegengebracht wird. Was er nicht bedenkt: Schuld daran sind die Experten selbst.

ExperteDas Expertentum stehe vor dem Ende, stellt der US-Professor Tom Nichols in einem längeren Beitrag beim konservativen US-Onlinemagazin The Federalist mit einigem Bedauern fest. Und wer soll schuld sein? Zu einem großen Teil natürlich das Internet, das jedem die Möglichkeiten einräume, eine im schlimmsten Fall äußerst uninformierte Meinung für alle Welt sichtbar zu publizieren. Verlierer dieser Entwicklung sind nach Ansicht Nichols die Fachleute. Menschen, die sich über Jahre oder Jahrzehnt spezielles Wissen angeeignet haben, das jetzt jedoch von x-beliebigen Laien öffentlich in Frage gestellt werden könne. Personen, die noch dazu fordern, dass ihre Perspektive in der Diskussion das gleiche Gewicht erhält wie die von Experten. Fragt man Nichols, ein Unding. Nun lohnt es sich nicht, auf jede Provokation von Vertretern der mit dem Internet und seinen partizipativen Eigenschaften fremdelnden alten Elite einzugehen. Aber Nichols spricht einen interessanten Aspekt an, der - so vermute ich - zahlreiche mit einer Vielzahl von akademischen Abschlüssen, Titeln und Arbeits- sowie Lebenserfahrung bekleideten Menschen vom Fach im digitalen Zeitalter ab und an auf die Palme bringt: Dass ihr sich mühselig erarbeiteter Status heute viel weniger respektiert wird; dass sich User bei Twitter, in Foren oder in Blogs das Recht einräumen, sie auf Basis einer Zehn-Sekunden-Reflektion sowie einer dünnen bis nicht vorhandenen Faktenlage in Frage zu stellen oder zu kritisieren.

Irritation darüber, dass andere die eigenen Meriten einfach ignorieren, ist nur menschlich, und erstreckt sich bis in den privaten Bereich. Wer leidenschaftlich und sehr bekömmlich kocht, wird ohne Scham vorgetragene Ratschläge von für ihre fehlenden Kochkünste bekannten Freunden vielleicht negativ auffassen. Wer sich intensiv mit Vereinsfußball beschäftigt, reagiert mitunter allergisch auf Kollegen, die keinen Hehl aus ihrem Desinteresse für diese Sportart machen, sich dann aber nicht vor besserwisserischen (und augenscheinlich absurden) Kommentaren zum letzten Championsleague-Spiel scheuen.

Nichols' Verärgerung über die durch die Kakophonie und Tendenz zu Implulsäußerungen in sozialen Medien fast zwangsläufig auftretende Abwertung von Expertenurteilen ist durchaus verständlich. Doch ich glaube, er sucht die Verantwortung bei den Falschen. Nicht das Internet oder der unwissende, der Illusion von Kompetenz erliegende Laie sind das Problem, sondern das angeknackte Vertrauen der Öffentlichkeit in Fachleute. Die Zeiten, in denen die Analysen der formellen Kenner maximal von anderen Fachleuten angezweifelt wurden, sind - sofern es sie überhaupt jemals gab - vorbei, weil die Fachleute sich zu oft geirrt haben. Die Öffentlichkeit hat gelernt, dass ein Dr. oder ein Prof. vor dem Namen genauso wenig den Wahrheitsgehalt einer wissenschaftlichen Feststellung oder einer scheinbar fundierten Prognose garantiert wie Dekaden in einer bestimmten Branche. Der Verlust von Respekt oder Ehrfurcht gegenüber diesen Personen ist die natürlich Folge. Erst recht, wenn sie den Anschein geben, eine eigene Fehlbarkeit komplett auszuschließen.

Die Debatte um den Klimawandel ist ein ideales Beispiel. Während das eine Lager von der vom Menschen verursachten Erderwärmung überzeugt ist und allerlei Studien und wissenschaftliche Arbeiten zum Beleg dieser These vorweisen kann, zweifelt das andere Lager an der Verantwortung des Menschen an den aktuellen Klimaveränderungen und präsentiert Untersuchungen, die diese Haltung belegen sollen. Es finden sich also Experten auf beiden Seiten. Doch beide Parteien können nicht gleichzeitig recht behalten. Entweder ist der Mensch schuld am Klimawandel oder nicht. Für Außenstehende heißt das: Einige der Fachleute sind auf dem Holzweg. Trotz beeindruckender Lebensläufe und erreichter fachlicher Meilensteine liegen einige der Spezialisten zwangsläufig daneben. Da kritische Laien nicht beurteilen können, wer recht hat und wer sich irrt, bleibt ihnen nur, generell den Schlüssen der Fachpersonen mit Skepsis gegenüber zu treten. Denn immerhin besteht so etwas wie eine 50-prozentige Chance, dass sie der falschen Fährte folgen. Nachtrag: Marcel Weiss verweist in den Kommentaren auf einen Artikel, der tatsächlich sehr eindeutig aufzuzeigen scheint, wie die überwältigende Mehrheit der seriösen wissenschaftlichen Arbeiten den vom Menschen verursachten Klimawandel bestätigen. Demnach werden Laien bei diesem Thema vor allem durch Desinformation und politische Manipulation durch Schein-Experten verunsichert.

Auch die weltweite Finanzkrise von 2008 hat das Vertrauen der Menschen in das Expertentum zerstört. Denn die Zahl der Wirtschaftsgurus, die den Crash kommen sahen, war trotz - im Nachhinein - einer Vielzahl von Warnsignalen gering. Die Atomkatastrophe von Fukushima wäre ein weiteres Beispiel: Wie viele unterschiedliche Bewertungen und Folgenabschätzungen waren nicht in den Tagen, Wochen und Monaten nach dem Unglück in den Medien zu vernehmen. Das Spektrum reichte von "Alles nur halb so schlimm" bis zu Ankündigungen einer globalen Nuklearverseuchung. Wie sollen Max und Maria Muster beurteilen, wem sie glauben können und wem nicht? Woher sollen sie wissen, wer von der Atomlobby bezahlt wird, wer mit Anti-Atomkraft-Fundamentalisten sympathisiert und wer tatsächlich unabhängig objektive, wissenschaftlich belegte Schlüsse zieht? Es ist unmöglich, weshalb der einzige Ausweg darin besteht, Experten grundsätzlich erst einmal anzuzweifeln.

Das Internet ist mitverantwortlich dafür, dass das Expertenwesen heute stärker in Frage gestellt wird als im vergangenen Jahrhundert. Denn es liefert eine bislang nicht gekannte Transparenz über das, was Fachleute zu beliebigen Themen von sich geben. Diese Transparenz wiederum lässt den Glaube in das Expertenwesen erodieren, weil sie schwarz auf weiß zeigt, dass Kenner der Materie auch nur mit Wasser kochen. Dass Experten von Laien quasi blind geglaubt wurde, nur weil sie lange genug Karriere gemacht und in der formellen Bildung alles erreicht haben, war ein Fehlzustand, der in der Digitalära korrigiert wird. Für Spezialisten bedeutet dies, dass sie häufiger mit Widerworten rechnen müssen - auch schräg von der Seite. Es ist ihre Aufgabe, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass man sie, ihre Arbeiten und ihre Erkenntnisse ernst nehmen sollte. Irgendwann einmal eine renommierte Universität besucht zu haben und später für die richtigen Institutionen tätig gewesen zu sein, reicht in der heutigen, von allseitigem Wandel und dem Hinterfragen vieler Konventionen und Strukturen geprägten Zeit nicht mehr aus, um sich uneingeschränktes Gehör zu verschaffen. Schlecht ist das aber nicht. /mw

(Foto: Doctor or pharmacist holding or recommending a product, Shutterstock)

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