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10.01.14Leser-Kommentare

Verstörende TV-Serie Utopia: Fürchtet euch vor der totalen Überwachung!

Eine britische TV-Serie konkretisiert die noch abstrakt scheinende Gefahr der totalen Überwachung an erschreckenden Beispielen. Was Journalisten seit Monaten versuchen und nicht schaffen, könnte Film und Fernsehen gelingen: uns endlich wach zu rütteln.

UtopiaVergangenen Sommer wanderte ich für zwei Tage den Rotweinwanderweg im nahe gelegene Ahrtal. Auf dem Weg kam ich zufällig am ehemaligen Regierungsbunker vorbei und entschloss mich spontan, in der dortigen Gedenkstätte an einer Führung teilzunehmen. Ein Historiker führte uns durch die stillgelegten Anlagen und schnitt scheinbar immer wieder wahllos geschichtliche Themen an. Als wir am ehemaligen Kino des Bunkers vorbei kamen, hing dort ein alter Filmplan, dort aufgelistet auch der Film "The Day After".

"Das war ja der Film", bemerkte der Historiker en passant, "der zur nuklearen Abrüstung geführt und zum Ende des Kalten Krieges beigetragen hat." Auf meine erstaunte Nachfrage, wie das denn genau passiert sei, beschrieb der Leiter, der damalige US-Präsident Ronald Reagan habe sich den abschreckenden Film 1983 zusammen mit seiner Frau angesehen und sei danach in seiner Politik komplett umgeschwenkt. Statt bis dahin um eine Abschreckung mit Atomwaffen, habe er sich fortan um eine Annäherung zur Sowjetunion und um eine Entspannungspolitik bemüht. Auslöser war der Film.

Nicht erst seitdem denke ich viel darüber nach, ob eindringliche Filme die Bevölkerung und schließlich auch die Politik beeinflussen können. Aber welcher Film wäre das wohl, der uns heute angesichts des längst realen Problems der totalen Überwachung aufrütteln könnte? Vielleicht wäre es kein Film, sondern eine Serie. "1984" wirkt wie in weiter Ferne

In der Schule zeigte man uns noch den Film "1984" von Michael Radford, der George Orwells berühmte, gleichnamige Buchvorlage aufgreift. Die dort gezeigte totale Überwachung durch den Staat fand ich damals durchaus abschreckend. Die dort porträtierte Gesellschaft und das fiktive Land Ozeanien wirken in heutiger Zeit allerdings wenig konkret. Ozeanien ein zerrüttetes, halb verfallenes Land voll desinformierter Arbeitssklaven.

Auch wenn wir heute bei uns Ansätze dessen sehen, ist der Film mit der heutigen Gesellschaft der befriedeten westlichen Welt nicht vereinbar. Er reiht sich ein in die Gesellschaftskritiken "Fahrenheit 451", in der die Feuerwehr Bücher verbrennt, und das schon heute schon deutlich realer wirkende "Uhrwerk Orange". All das sind jedoch Filme aus einer anderen Zeit, bei denen der Zuschauer ganz klar von der heutigen Gesellschaft abstrahieren kann. Die mögliche Gefahr der Überwachung wirkt so, als würde sie nur andere betreffen.

Drastische Gewaltszenen

Hier trifft die britische TV-Serie Utopia, die ich über die Weihnachsfeiertage sah, eigentlich genau ins Schwarze. Gedreht bereits im Jahr 2012 und Anfang 2013 vor Bekanntwerden der NSA-Affäre ausgestrahlt, zeigt die Serie die Folgen der totalen Überwachung mit verstörenden Gewaltszenen. Schauplatz ist diesmal keine fiktive Gesellschaft, sondern das heutige Großbritannien. Hier als kleiner Vorgeschmack die Eröffnungsszene. Achtung, das Video ist nichts für zart besaitete Menschen, der Jugendschutz hat die Serie ab 18 freigegeben, weltfremd wirkt sie deswegen allerdings nicht:

www.youtube.com/watch

Die in der Serie dargestellte Gewalt könnte den einen oder anderen an den Film "Funny Games" erinnern, aber das ist nur eine Nebenerscheinung. Die Serie beschreibt einen kleinen Kreis von Teilnehmern eines Online-Forums, der plötzlich ins Visier einer halb-staatlichen Geheimorganisation gerät, weil er Kenntnis von einer noch nicht veröffentlichen zweiten Auflage des Bildromans "Utopia" erhält. Die Organisation will die Veröffentlichung der Graphic Novel um jeden Preis verhindern und schickt deswegen eiskalte Killer los, um jeden zu töten, der Kenntnis von der Veröffentlichung haben könnte.

Greifbarer als "1984" oder "Fahrenheit 451"

Dabei bedienen sich die wandelnden Tötungsmaschinen der nicht erst seit Prism zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der totalen Überwachung. Funkzellen werden ebenso überwacht und auf Inhalte gefiltert wie IP-Adressen, Anfragen bei Suchmaschinen und Gesichtserkennung von Überwachungskameras werden gnadenlos gegen die Opfer verwendet. Angehörige werden in Sippenhaft genommen; Gewaltverbrechen der Killer, wie ein Schulmassaker, werden einem anderen in die Schuhe geschoben. Die Geschichte der Forenmitglieder, die plötzlich von einem Tag auf den anderen alles zurücklassen und fliehen müssen, wird mit der Erpressung eines ranghohen Beamten im Gesundheitsministerium verwoben. Er soll einen, wie es scheint, völlig nutzlosen Impfstoff durchwinken.

Die höflichen Killer von nebenan

Die sechsteilige Miniserie wurde von den meisten Kritikern gelobt und allenfalls für die drastische Gewaltdarstellung kritisiert. Sie mag zwischendurch ein wenig an Spannung und Glaubwürdigkeit verlieren, bleibt aber größtenteils stringent und endet mit einer faustdicken Überraschung. Es ist das allenfalls leicht überzeichnete Porträt einer heutigen, als stabil und wohlständig geltenden Gesellschaft, das diese Serie so beunruhigend macht. Der Zuschauer sollte spätestens hier merken, dass die totale Überwachung mit Gefahren verbunden ist, jeden treffen und Menschen willkürlich von heute auf morgen aus ihrem stabilen Alltag reißen kann. Es ist eine Serie, die heute besser als "1984" oder "The Day After" in den Schulen gezeigt werden sollte, weil sie auf der Höhe der Zeit ist.

Wie lange, bis sie dich gefunden haben?

Dass TV und Film Menschen und Politik beeinflussen können, ist seit langem erforscht. Nachdem etwa der ehemalige und knapp geschlagene US-Präsidentschaftskandidat Al Gore 2006 Erfolge mit dem umweltpolitischen Dokumentarfilm "An Inconvenient Truth" feierte, verzichtete er später auf eine Rückkehr in die Politik. In einem Interview sagte er damals, mit einem Film könne er weltweit mehr Menschen zum Umdenken bringen als als US-Präsident.

Journalisten und Kolumnisten warnen seit Jahren vor den Gefahren der totalen Überwachung. Sascha Lobo etwa schreibt seit Monaten in seiner wöchentlichen Netzkolumne auf Spiegel Online über nichts anderes mehr. Helfen wird das nichts: Wen das Thema nicht interessiert, der liest es einfach nicht, und wenn sich die Mahnenden heiser schreien. Und auch wenn bei vielen langsam ein Umdenken festzustellen ist, zuckt die Masse weiterhin mit den Schultern. Es ist so ähnlich wie mit der Netzneutralität: Die Menschen verstehen einfach nicht, inwiefern die Überwachung für sie zum Problem werden könnte. Wahrscheinlich muss wirklich erst ein Kinofilm oder eben eine TV-Serie wie Utopia kommen, über die jeder spricht, damit sich das ändert.

Utopia wurde vom britischen TV-Sender Channel 4 produziert, Anfang 2013 erstmals ausgestrahlt und ist im Vereinigten Königreich auf DVD erschienen. In Kürze läuft dort die zweite Staffel an. Auf der offiziellen Website gibt es ein interessantes Tool, mit dem sich jeder ausrechnen kann, wie lange es für ihn dauern würde, bis die Killer ihn finden. In Deutschland wurde die Serie noch nicht ausgestrahlt. Bilder: Channel 4

Kommentare

  • Frank

    10.01.14 (09:05:56)

    "Dass TV und Film Menschen und Politik beeinflussen können, ist seit langem erforscht." Ja, aber wie? Medienwirkungsforschung weiß bis heute eigentlich nichts -nur daß es eine Wirkung von Medien gibt. Wie bei allem. Zudem bleibt ein Film ein Film und die Menschen wissen, meinetwegen auch nur unbewusst, daß es ein Film, eine Geschichte, eine Fiktion ist. Selbst Dokumentationen realer Geschehnisse erzählen von anderen, nicht von uns. Die Erkenntnis persönlicher Betroffenheit dürfte aber mit ein ausschlaggebendes Kriterium für Aufbegehren sein.

  • Michael Gisiger

    10.01.14 (15:13:27)

    *Trigger: Achtung Spoiler* Hast Du alle Folgen gesehen? Wirklich beängstigend ist am Ende nicht die totale Überwachung (der man nämlich doch entgehen kann, wie einige Charaktere im Lauf der Geschichte beweisen), sondern die grossangelegte versteckte Sterilisation eines grossen Teils der Bevölkerung. Ecopop und Co lassen grüssen ...

  • Jürgen Vielmeier

    10.01.14 (15:31:08)

    * Ebenfalls Spoiler Alert * Ja, der Fokus verschiebt sich im Laufe der Staffel. Beängstigender finde ich aber da das in Aussicht gestellte Szenario der Verteilungskriege um die letzten Ressourcen in 20 Jahren. Ist das realistisch? Hab noch nicht getraut, mich darin einzulesen. ;)

  • gast

    12.01.14 (00:16:28)

    "Person of Interest" geht auch in eine ähnliche entwicklung. nur wird es da etwas verhamrlost dargestellt.

  • Daniel Herrmann

    13.01.14 (16:38:31)

    Sorry, aufgrund von empfehlenswerten Sicherheitseinstellungen konnte ich den Film nicht schauen. Allein auf der ersten Seite ca. 14 Drittseiten, die Infos über dich bekommen. Wer mit Ghostery oder RequestPolicy unterwegs ist, dem wird bereits also beim Aufrufen der Seite deutlich, wie ignorant die Filmemacher sind ... kann eigentlich nicht wirklich "was sein" ...

  • malthus

    23.01.14 (23:22:42)

    check mal "An Essay on the Principle of Population" ich lebe noch ;)

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