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01.07.10

Verlust von Privilegien: Bremst Klassendenken die Digitalisierung?

Durch das Web verlieren nicht nur Politiker alte, liebgewonnene Privilegien. Bremst ausgeprägtes Klassendenken die Digitaliserung?

Das Netz sorgt nicht nur für Begeisterung, sondern in Teilen der Gesellschaft auch für Besorgnis. Das kennen wir schon. Über meine Shared Items des Google Reader (wie sonst) bin ich auf diesen Blogbeitrag gestoßen, der einige Zitate des neuen Bundespräsidenten Christian Wulff aus einem Porträt des Deutschlandradio wiedergibt. Wulffs (einige Tage alte) Äußerungen fassen auf sehr schöne Weise zusammen, was ihn an der digitalen Revolution beunruhigt:

"Früher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtig stellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen."

Und weiter:

"Da dann gelassen zu bleiben, das fällt gelegentlich dann auch mal mir schwer."

Er bedauert also, dass er aufgrund des Internets nun keinen Wissensvorsprung mehr vor dem Rest der Welt hat, wie es Philip Banse in einem Tweet auf den Punkt bringt.

Ich finde diese Aussagen hochinteressant, beschreiben sie doch mit wenigen Worten, warum es momentan in vielen Ländern zu gesellschaftlichen Konflikten rund um die Digitalisierung kommt.

Ich hatte diese Situation vor einem Jahr schon einmal im Artikel "Die Elite hat Angst" illustriert und ich denke, Wulffs Zitat ist ein Beleg dafür, dass dem wirklich so ist. Die geistige, politische und wirtschaftliche Elite verliert einen Teil ihrer bisherigen Privilegien. Dass dies nicht ohne Gegenwehr geschieht, ist wenig verwunderlich.

In diesem Kontext stelle ich mir vermehrt Frage, inwieweit Klassendenken und das Vorhandensein von starken hierarchischen Strukturen die Intensität der Konflikte rund um den Siegeszug des Internets in einem Land beeinflusst oder gar verstärkt.

Ich wohne seit vier Jahren in Schweden, einem Land, das im Vergleich zu Deutschland extrem flache Hierarchien hat. Jeder duzt sich, akademische Titel spielen eine geringe Rolle, und selbst wenn es natürlich ein gewisses Bewusstsein dafür gibt, zu welcher Schicht man gehört, so ist es verpönt, dies offen nach außen zu zeigen - das komplette Gegenteil zu Deutschland also, wo gerade die gebildeten (Wichtig: gebildet, nicht wohlhabend - großer Unterschied) Menschen keine Gelegenheit auslassen, sich von "unteren" Klassen zu differenzieren.

Schon die verbreitete Verwendung des Begriffs "Prekariat" - der aus seinem soziologischen Kontext herausgerissen mittlerweile meist von Bessergestellten zur Definition der Benachteiligten verwendet wird - ist ein gutes Beispiel dafür. In Schweden existiert ein solcher Begriff (außerhalb der Soziologie) nicht.

Angesichts der Fähigkeit der digitalen Revolution, die Teile der Gesellschaft hinsichtlich ihrer Möglichkeiten in Bezug auf Kommunikation, persönliche Entfaltung und Partizipation einander näher zu bringen und der Elite eines Landes damit ihre Privilegien zu rauben, führt dies zu der These, dass das Web gerade in solchen Ländern als Bedrohung angesehen wird, in denen Klassendenken besonders ausgeprägt ist. Deutschland und Frankreich wären zwei passende Beispiele.

Im jüngsten Economist-Länderranking zur Stellung der digitalen Wirtschaft landet Schweden auf dem ersten Platz, gefolgt von Dänemark. Finnland rangiert auf Platz 4 und Norwegen auf Platz 6. Unter den sechs Ländern mit den besten Voraussetzungen für eine gelungene Digitalisierung befinden sich damit vier nordische Länder - eine Region, in der Klassendenken und Hierarchien relativ unüblich sind. Zufall? Vielleicht. Deutschland landet übrigens auf dem 18. Platz, gefolgt von der Schweiz und Frankreich. Österreich kann immerhin Platz 14 erringen.

Die Angst der Elite ist hier in Schweden zumindest deutlich weniger zu spüren als in der deutschen Gesellschaft, in der kaum ein Tag vergeht, an dem nicht aus Politik, Medien, Wirtschaft oder Kultur Aussagen zu hören sind, die vor Bewahrertum nur so strotzen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert merkte gestern in seiner Eröffnungsrede zur 14. Bundesversammlung an: "Der Blick nach vorn ist ein Blick in Zuversicht und Hoffnung." Recht hat. Der Blick nach vorne heißt auch, bereit zu sein, alte Privilegien und elitäres Denken abzulegen und sich den Chancen von Veränderungen zu widmen, statt den Risiken. Zeit wird's!

P.S. Ja, den akademischen Titel von Norbert Lammert habe ich in diesem Artikel absichtlich weggelassen.

(Foto: stock.xchng)

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