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14.01.13

Verlinkungen von Individuen: Wieso das Netz eine "Wikipedia für Personen" benötigt

Häufig verlinken Onlinetexte bei der Erwähnung von Personen ganz grundsätzlich auf deren vergängliche Social-Media-Präsenzen. Besser wäre eine kollaborative, nicht gewinnorientierte Datenbank, die sämtliche aktuellen Links zu Personen sammelt.

In vielen unserer Artikel verweisen wir auf Personen mit einer gewissen Sichtbarkeit im Internet. Seien es Unternehmer, Investoren, Journalisten und Blogger, Netzaktivisten oder ganz einfach leidenschaftliche Anhänger des Webs, die nicht nur konsumieren, sondern eigenen Content publizieren oder existierende Inhalte kuratieren. Jedes Mal, wenn es darum geht, auf eine solche Person Bezug zu nehmen, stehen wir vor der Frage, wie dies geschiehen soll. Manchmal reicht die Nennung des Namens und der Rolle eines Individuums. Häufig empfiehlt sich aber eine Verlinkung, etwa wenn Leser uns Hinweise auf interessante Geschichten oder Startups gegeben haben.

Speziell innerhalb der Internet- und Digitalwirtschaft wird in solchen Fällen zumeist auf Twitter-Profile verlinkt - selbst wenn es nicht um einen spezifischen Tweet geht. Wir machen das so und viele Kollegen ebenfalls. Die Gründe hierfür sind offensichtlich: Kaum jemand innerhalb der Branche besitzt kein regelmäßig gepflegtes Twitter-Konto. Zudem werden diese von ihren Besitzern im Gegensatz zu Facebook-Profilen meist als öffentliche Aushängeschilder verwendet. Gleichzeitig beinhaltet das Auffinden einer Person bei Twitter wenig Rechercheaufwand. Der schnellste Weg ist eine Google-Suche nach "site:twitter.com Vorname Nachname". Je nach Häufigkeit eines Namens muss man sich dann zwar durch die Profile einiger Namensvetter klicken, aber meist wird man innerhalb weniger Sekunden fündig.

Doch obwohl die generelle Linksetzung zu persönlichen Twitter-Konten so praktisch ist, würde ich sie gerne vermeiden - zumindest als alternativlose Maßnahme, um auf Netzpersönlichkeiten Bezug zu nehmen. Denn niemand weiß, ob Twitter-URLs in einigen Jahren noch funktionieren werden. Oder ob die jeweiligen Personen auch 2015 noch ihre Präsenz bei dem Microbloggingservice pflegen. Als gewinnorientiertes Unternehmen hat Twitter in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass es mitunter unpopuläre Entscheidungen treffen muss, um seine Firmenziele zu erreichen. Daran ist nichts auszusetzen, so funktioniert die Wirtschaft nunmal. Doch weil die Kontrolle über ein Twitter-Profil in den Händen des kalifornischen Unternehmens und nicht in denen des Nutzers liegt, erscheint es nicht wünschenswert, dass sich das Twitter-Kürzel als primäre Art zur Referenzierung von Menschen im Web entwickelt.

Vorzuziehen wäre stattdessen eine Verlinkung persönlicher Websites. Auch diese garantieren zwar keine Existenz für alle Ewigkeit, aber verhindern wenigstens, dass auf einen Schlag Millionen Verlinkungen ins Leere führen, sollte bei Twitter eines Tages das Licht ausgehen. Aus heutiger Sicht wirkt dies zwar äußerst unwahrscheinlich, aber niemand weiß genau, wie sich die digitale Landschaft in Zukunft verändert.

Private Websites sind Twitter-Profilen unterlegen

Leider besitzen private Websites aus Autorensicht eine Reihe von Nachteilen, weshalb sie im Vergleich zu Twitter-Profilen bei der Verlinkung leicht den Kürzeren ziehen: Nicht jede Netzperson besitzt eine eigene Website außerhalb der Social-Media-Sphäre. Nicht jede Site lässt sich mit wenig Aufwand auffinden. Manche Onlinepräsenzen von Individuen wurden seit Jahren nicht mehr aktualisiert, oder sie bieten so wenig Informationsgehalt, dass sich der Mehrwert einer Verlinkung für die Leser eines Artikels sehr in Grenzen hält. Andere Anwender wiederum betreiben verschiedene Blogs und Websites, weshalb Unklarheit darüber besteht, auf welche ein Verweis zeigen soll. Ganz generell sieht jede Website anders aus und enthält andere Angaben zur Person, wogegen Twitter-Profile eine einheitliche Struktur mit jeweils ähnlichen Informationselementen aufweisen. Zu Guter Letzt bietet Twitter natürlich auch immer die Option, User zu abonnieren und damit einen losen Kontakt zu ihnen herzustellen. Websites besucht man einmal, an dauerhaften, komfortablen Interaktionsmöglichkeiten mangelt es ihnen vom Nischenfeature RSS abgesehen aber.

Kurzum: Solange Twitter die Profile seiner Mitglieder nicht gänzlich auf den Kopf stellt, überwiegen die Vorteile einer Verlinkung von Twitter-Profilen in Onlinetexten oder anderen Webinhalten gegenüber den theoretischen Nachteilen.

Gesucht: eine Wikipedia für Personenprofile

Ein Blick auf die Nachteile der Website zeigt auch, was notwendig wäre, damit doch eine praktikable Alternative zum exzessiven und alleinigen verlinken von Twitter-Profilen (oder anderen Social-Web-Präsenzen) entsteht: eine Art Wikipedia für Personenprofile.

Ein solcher Service würde die Vorzüge von Twitter als persönliche Webvisitenkarte mit den Vorteilen einer nicht gewinnorientierten Betreiberorganisation ähnlich der Wikimedia Foundation vereinen. Ziel wäre die Schaffung einer kollaborativen Datenbank, die für jeden Netznutzer eine kurze, einprägsame Profil-URL bereitstellt, unter der in strukturierter Form im Rahmen eines übersichtlichen, simplen Layouts sämtliche Onlinepräsenzen der Person aufgelistet werden - sowohl die bei kommerziellen Diensten wie Twitter, Facebook und Google als auch private Websites und Blogs. Die jeweiligen User wären selbst dafür verantwortlich, ihre Profile aktuell zu halten, oder können darauf hoffen, dass Mitglieder der Community diese Arbeit für sie übernehmen.

Denkt man die Idee weiter, so könnte ein solches Profil nach einer manuellen Verifizierung durch den Besitzer im zweiten Schritt auch zu einer waschechten Onlineidentität werden, die über OAuth die Authentifizierung auf anderen Websites ermöglicht. Mit OpenID gibt es zwar bereits einen nichtkommerziellen Gegenentwurf zu den externen Login-Lösungen von Facebook, Twitter und Google (der auch zuerst da war), dieser konnte sich jedoch trotz weitreichender Implementationen nie bei den Usern durchsetzen.

Angenommen, die von mir skizzierte "Wikipedia für Personen" würde eine ähnlich große Bekanntheit erreichen wie das beliebte Online-Nachschlagewerk, dann hätte die Etablierung nachgelagerter Dienstleistungen wie eben eine "Online ID" à la OpenID deutlich bessere Chancen, da Nutzer beim Sichten eines entsprechenden Login-Buttons auf einer beliebigen Website oder innerhalb einer App sofort wüssten, worum es sich handelt.

Es existieren unzählige Personensuchmaschinen im Netz. Doch zumeist sind sie mit Werbung überladen und bestücken ihre Resultatseiten mit aus dem Web importierten Personenangaben, die dann ein mehr oder weniger stimmiges Gesamtbild ergeben. Allein die Existenz der Personensuchmaschinen belegt aber, dass die Suche nach Personen eine häufig praktizierte Tätigkeit von Onlinenutzern darstellt. Doch da die meisten User heute auf die ein oder andere Weise eine Präsenz im Netz betreiben, erscheint es sinnvoller, diese direkt zu besuchen, als sich die von Personensuchmaschinen mit einer gewissen Fehleranfälligkeit "zusammengescrappten" und mit Werbung ummantelten Inhalte anzutun. Zumal sich die Resultatseiten ohnehin nicht zum Verlinken aus Onlinetexten eignen.

Ein Beitrag zur Beibehaltung des offenen Internets

Eine gemeinnützige Personendatenbank mit der Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit von Wikipedia, die sich darauf beschränkt, öffentliche Profile eines Individuums an zentraler, werbefreier Stelle zu vereinen, wäre ein schöner Beitrag zur Beibehaltung eines offenen Webs, ohne sich dabei der Illusion hingeben zu müssen, eines Tages würde jeder Partizipierende am Onlinegeschehen eine private Website unter eigener Top-Level-Domain betreiben. Denn das wird nie geschehen.

Da eine Refinanzierung durch Spenden, wie sie von Wikipedia praktiziert wird, bei der beschriebenen Personendatenbank aufgrund des sehr einfachen Contents vermutlich nicht so gut funktionieren würde, könnte auf eine Monetarisierung durch Verifizierungsdienstleistungen zum Zwecke der Kostendeckung gesetzt werden. Vorstellbar wäre, dass Anwender einen einmaligen Betrag zahlen, um ihr Profil in eine geprüfte Onlineidentität umzuwandeln, woraufhin sie anschließend das Login-Verfahren bei Drittanbieterwebsites verwenden dürfen.

Neben der Wikimedia Foundation kämen auch andere Nonprofit-Organisationen als Initiatoren und Betreiber eines derartigen Projekts in Frage, etwa Mozilla, das ohnehin schon an einem Authentifikationsdienst arbeitet. Gleichzeitig würde der nach wie vor ansehnliche Marktanteil des Mozilla-Browsers Firefox dabei helfen, die Datenbank mit den Links zu persönlichen Webpräsenzen bekannt zu machen.

Die sogenannten "Wallen Gardens" der führenden Webgiganten werden sich nicht ohnes Weiteres wieder verdrängen lassen. Bedenkt man, dass erst dank ihnen und ihrer Zielstrebigkeit die Webnutzung zu einem Phänomen der Masse geworden ist - mit allen damit verbundenen Netzwerkeffekten und Vorteilen für alle Menschen - wäre dies auch gar nicht wünschenswert. Wofür man jedoch eintreten sollte, ist die Aufrechterhaltung einer Linkkultur, bei der man von einer alleinigen Verlinkung zu diesen "geschlossenen Gärten" mit ihrer unklaren Halbwertsszeit absieht. Links machen das Netz zu dem, was es ist. Eine schlanke Datenbank unter der Ägide einer nicht gewinnorientierten Organisation, welche dabei hilft, die jeweils gültigen, aktuellsten Profile von Nutzern zu finden - auch dann noch, wenn Twitter und Facebook schon längst nur noch in der Erinnerung existieren - wäre ein wichtiger Schritt zur Beibehaltung des offenen Webs. Es würde Journalisten und Bloggern außerdem die Frage abnehmen, ob sie nun zum Twitter-, Google+- oder Facebook-Profil einer Person linken sollen.

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