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21.06.11

Verlage klagen gegen Tagesschau-App: Ein Akt der Verzweiflung oder Inkompetenz

Acht deutsche Verlage klagen gegen die "textdominante Berichterstattung" in den mobilen Apps der Tagesschau - und offenbaren damit entweder ihre Verzweiflung oder ein fehlendes Verständnis für die technischen Rahmenbedingungen.

 

Über 1,5 Millionen Menschen haben sich die für iPhone, Android und Blackberry angebotene Smartphone-App der Tagesschau seit dem Launch im Dezember bisher heruntergeladen. Ein beeindruckendes Resultat.

Die kostenfreie Anwendung, die Inhalte von tagesschau.de und mobil.tagesschau.de in einer für moderne Smartphones optimierten Oberfläche präsentiert, dürfte damit innerhalb von einem halben Jahr zur führenden mobilen Nachrichten-App im deutschsprachigen Raum avanciert sein. Und zumindest die Bewertungen im iTunes Store lassen auf eine hohe Nutzerzufriedenheit schließen.

Der Veröffentlichung der App vorausgegangen waren heftige Attacken deutscher Medienkonzerne, die ihre eigenen werbefinanzierten Angebote durch die Pläne der Tagesschau benachteiligt sahen.

Die Mobilisierung der Kritiker hat zwar eine Weile gedauert, aber am heutigen Dienstag wurde bekannt, dass sie in Form von acht Zeitungshäusern, darunter wenig überraschend die Axel Springer AG, die Süddeutsche Zeitung GmbH und die Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, bei der Wettbewerbskammer des Landgerichts Köln Klage gegen ARD und NDR eingereicht haben.

In Frage gestellt wird darin die "textdominante Berichterstattung in der Tagesschau-App ohne jeglichen Sendungsbezug". Audio- und Videobeiträge betrifft die Verleger-Kritik angeblich nicht. Die Kläger berufen sich bei ihrem Vorgehen auf den Rundfunkstaatsvertrag der Länder, der nur digitale Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sender zulässt, die einen konkreten Bezug zu einer erfolgten Sendung haben.

Die juristische Bewertung des Schritts müssen andere durchführen, einen Kommentar zum Agieren der Verlage möchte ich mir jedoch nicht nehmen lassen: Sie begehen den großen Fehler, einer "nativen" mobilen Applikation eine Sonderrolle zuzuweisen. Während derartige "echte" Apps zwar aus Anwendersicht deutlich komfortabler erscheinen mögen als browserbasierte Mobilversionen (was seit HTML5 allerdings gar nicht mehr so sein muss), präsentiert die Tagesschau-App die selben Inhalte, wie sie über tagesschau.de und dessen mobiles Interfaces bezogen werden können.

Gegen eine bereits fertig entwickelte und somit keine nennenswerten weiteren Kosten verursachende, aus Sicht der mobilen Gebührenzahler aber die User Experience verbesserende Applikation vorzugehen, offenbart entweder erhebliche Defizite beim Verständnis und der Einsicht über die technischen Rahmenbedingungen der digitalen Inhaltedistribution oder aber die verzweifelte Intention, der fortschreitenden Digitalisierung und dem damit verbundenen Bedeutungsverlust der Presseverlage Steine in den Weg zu legen, wo es nur geht.

Wenn die Medienhäuser ein Problem damit haben, dass tagesschau.de und Konsorten mit eigenen redaktionellen Texten im Netz den Portalen der Zeitungen Konkurrenz machen (was ich nachvollziehen kann), dann sollen sie dagegen rechtlich vorgehen. Eine Differenzierung nach Online-Darstellungsform der ohnehin bereits geschaffenen digitalen Inhalte jedoch ist vollkommen absurd.

Update Freitag 24. Juni: Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer „Public Affairs“ der Axel Springer AG, äußert sich in einem umfangreichen Artikel zur Klage. Er erklärt die Tatsache, dass wegen der Textlastigkeit lediglich gegen die Tagesschau-App aber nicht gegen tagesschau.de vorgegangen wird, mit Eigenheiten des Rundfunkstaatsvertrages, die ein rechtliches Vorgehen gegen ein Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender erschweren, wenn dieses älter als sechs Monate ist.

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