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28.10.14Leser-Kommentare

Verlässliche Informationen: Welches Medium informiert am schnellsten im Katastrophenfall?

Sirenengeheul ist selten geworden im sicheren Mitteleuropa des Jahres 2014. Doch sollte wirklich einmal etwas passieren, stellt sich die Frage, auf welches Medium man im Notfall am ehesten zurückgreifen kann. Wir entdeckten eine Kombination aus Alt und Neu.

Alarm_Flickr

Am Sonntagmorgen um 1:12 Uhr heulten Sirenen im ganzen Bonner Stadtgebiet. Auch ich wachte davon auf und wusste sofort: Das konnte keine Übung sein. Denn die sind nur alle paar Monate samstags um 12 Uhr mittags und verschrecken auch da schon genug Leute. Nein, Sonntagnacht 1:12 Uhr wäre zwar eigentlich die bessere Zeit für eine Übung, aber das würde schon aufgrund der Lärmschutzvorschriften nicht durchgehen.

Ein Alarm um die Zeit konnte nur zwei Dinge bedeuten: der Ernstfall war eingetreten oder - und das ist wahrscheinlicher - da war in der Leitstelle irgendetwas schief gelaufen. So oder so: Informationen mussten her. Wo holt man sich die, schlaftrunken, mitten in der Nacht? Ohne darüber nachzudenken, griff ich instinktiv als erstes zu meinem Smartphone und öffnete die Twitter-App. Schnell aber ohne Infos

Warum gerade Twitter, kann ich im Nachhinein gar nicht genau sagen. Bei mir im Hinterkopf ist das Social Network, das ich seit vielen Jahren benutze, als das schnellste Medium gespeichert. Der Tweet über Notwasserung einer Passagiermaschine auf dem Hudson River war hier im Jahre 2009 mehr als eine halbe Stunde schneller als jedes andere Medium, vom Tode von Michael Jackson erfuhr ich zuerst auf Twitter. Und auch bei lokalen Ereignissen findet sich fast immer jemand, der entweder schnell selbst Bescheid weiß oder Informationen anderer weitergeben kann. Diesmal fand ich gleich drei Tweets von Bekannten, die ebenfalls besorgt fragten, "Sirenen um 1 Uhr nachts? Was ist da los?", aber keine stichhaltigen Informationen dazu lieferten. Ich rief den Twitter-Kanal des Bonner "General Anzeigers" auf, erhielt aber auch dort keine Informationen.

Die nächste Anlaufstelle: das Radio. Da ich mittlerweile kein Radiogerät mehr besitze, suchte ich zunächst auf der Website des lokalen Senders Radio Bonn-Rhein-Sieg (der damals als erster über das Bonner Café Apfelkind und den Rechtsstreit mit Apple berichtet hatte), fand für mein Smartphone keinen funktionierenden Livestream auf der Seite, rief das Programm aber schließlich über eine kompatible Radio-App auf. Leider auch ohne Ergebnis: Der Sender dudelte sein einprogrammiertes Nachtprogramm herunter, keine Ansage dazwischen.

Als nächstes hätte ich wohl die Feuerwehr angerufen, aber da es auf der Straße ruhig war, sich nirgendwo Informationen fanden und es die Nacht der Zeitumstellung war, beschlich mich das Gefühl, dass es sich wohl um einen Fehlalarm handelte. Ich vergewisserte mich kurz, dass im Haus und in der Nähe wirklich kein Brand herrschte und legte mich wieder schlafen.

Keine Entwarnung

Am nächsten Morgen berichteten sowohl Radio Bonn-Rhein-Sieg auf der eigenen Webseite als auch der Bonner Generalanzeiger von einem Fehlalarm aus noch ungeklärter Ursache. Zur Kontrolle rief ich die Facebook-Seite "Bonner helfen Bonnern" auf, ob dort in der Nacht jemand etwas herausgefunden hatte. Doch auf den besorgten Eintrag eines Mitglieds hin meldeten sich nur Scherzkekse mit Verschwörungstheorien und Antworten wie, der Islamische Staat hätte über den Bonner Hafen in die Stadt eingeschmuggelt. Erst am Montagnachmittag erklärte die Stadt, dass einem Mitarbeiter der Feuerwehr offenbar ein Bedienfehler unterlaufen war.

Ein Sprecher der Stadt bestätigte mir am Montag, dass von der Feuerwehr oder der Stadt in der Nacht keine offiziellen Informationen herausgegeben wurden, auch keine Entwarnung. Im Notfall, so heißt es auch auf einer Infoseite der Stadt, seien der lokale Radiosender oder der regionale Sender WDR 2 einzuschalten. Die Behörden können sich im Notfall auf den Sender schalten und dort Warnungen herausgeben. Im Notfall würde es, so der Sprecher, auch ein Info-Popup auf der Startseite von bonn.de geben, dem Infoportal der Stadt. Auf sozialen Kanälen würde allenfalls danach darüber informiert.

Im Ernstfall das Radio einschalten – und Twitter

Erste Anlaufstelle ist also auch noch im Jahr 2014 das Radio. Das Web scheint allerdings auch bei den eher gemächlichen Behörden mittlerweile als Hilfsmittel eingesetzt zu werden. Social Media wäre eigentlich schneller, aber hier gibt es zumindest in meiner Stadt noch keine Strategie. Dass Behörden nicht nur oder auch nur zuerst darauf setzen, die von US-Konzernen geführten Medien zu füttern, die von vielen Bürgern abgelehnt werden, halte ich für nachvollziehbar. Allerdings böte sich hier die Chance, dass Multiplikatoren die Informationen von dort schneller in anderen Medien verbreiten, als die Behörden dies könnten.

Zwei Medien, bei denen zumindest ich in dem Moment nicht einen Gedanken daran verloren habe, dort nach Informationen zu suchen: lokale TV-Sender und WhatsApp. Hier habe ich schlicht nicht erwartet, schnell an verlässliche Informationen zu gelangen. Wäre übrigens wirklich etwas passiert, hätte ich behördliche Ankündigungen ebenfalls am ehesten im Radio-Livestream vermutet, während ich die umfassendsten und schnellsten Informationen von Augenzeugenberichten auf Twitter erwartet hätte. Durch Retweets von Informationen aus erster und zweiter Hand hätte sich auch hier am schnellsten ein umfassendes Bild ergeben.

Bildquelle: Rupert Ganzer, Creative-Commons-Lizenz BY-ND 2.0

Kommentare

  • Mathias

    28.10.14 (12:31:39)

    Ich glaube Radio oder Pager sind bei wirklich schlimmen Dingen wie Stromausfall/Überschwemmung/Erdbeben besser zur Informationsverteilung (broadcast) gedacht als anfällige IP/Mobil-Netze. Ansonsten ist dieses App.net broadcast Feature dafür ganz gut geeignet, sofern es von einer Behörde oder den Einwohnern gefüttert wird.

  • Florian

    28.10.14 (12:51:38)

    Als Mitarbeiter im Katastrophenschutz habe ich es öfter erlebt, dass in Großschadensfällen sehr schnell das Handynetz überlastet ist. Twitter, Radio-Livestream und alles andere was mobiles Internet oder Telefonie benötigt, ist nicht mehr zu verwenden. Der ein oder andere hat es vielleicht auch selber mitbekommen, als Deutschland dieses Jahr Fußball-Weltmeister wurde und in den Städten ausgelassen gefeiert wurde: In vielen Städten war es schier unmöglich, eine Telefonverbindung aufzubauen, geschweige denn eine mobile Internetverbindung zu bekommen, da das Netz überlastet war. Dieses Phänomen war in den Großstädten zu beobachten, aber Katastrophenfälle passieren ja auch in Bereichen, die nicht über so gute ITK-Strukturen verfügt. Da reichen dann auch schon deutlich weniger Benutzer, um das Handynetz lahmzulegen.

  • Dirk

    28.10.14 (21:13:22)

    Beispielsweise informiert @nuernberg_de immer recht zuverlässig und umfassend bei Weltkriegsbombenfunden und den dazugehörenden Evakuierungen via #nbgbombe. Kommt nach wie vor öfter vor in der Stadt.

  • Christian

    31.10.14 (11:08:31)

    In meinem Wohnort hat die Feuerwehr ein Infotelefon. Da läuft in der Regel eine Standardansage, die in "besonderen Situationen" angepasst oder durch Mitarbeiter ersetzt wird. Ansonsten würde ich auch zunächst ans Radio denken ... Übrigens entwickelt das BBK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) derzeit eine Warnungs-App. Zuletzt wurde dort eifrig nach einem Namen gesucht http://www.bbk.bund.de/DE/Namensfindung_App/Namensfindung_Einstieg.html - ich denke, dass es, wenn dieses Verfahren abgeschlossen ist, die entsprechende App bald geben wird.

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