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31.10.12

Verifizierung von User Generated Content: Sandy zeigt, was Journalismus künftig leisten muss

Der Wirbelsturm Sandy hat die Ostküste der USA mit Wasser und das Netz mit Augenzeugenberichten und teilweise atemberaubenden Fotos aus dem Katastrophengebiet überschwemmt - doch nicht alle davon entsprachen der Wirklichkeit. In der Verifizierung von nutzergenerierten Inhalten und "Bürgerjournalismus2 liegt enormes Potenzial.

Während Millionen US-Amerikaner im Zuge des Wirbelsturms Sandy vor allem damit beschäftigt waren, ihre Angehörigen vor der Naturgewalt in Sicherheit zu bringen, führte Sandy uns Europäern eine ganz andere, im Vergleich mit den direkt Betroffenen zwar harmlose, aber dennoch relevante Problematik vor Augen: Desinformation durch nachbearbeitete oder alte, als aktuell deklarierte Fotos.

Allein bei Instagram wurden während des Rekordunwetters bis zu 600 mit dem Hashtag #sandy versehene Bilder pro Minute hochgeladen, hinzu kamen Schnappschüsse, die per Facebook, Twitter oder über andere Kanäle an die Öffentlichkeit drangen. Je kurioser oder spektakulärer eine Aufnahme wirkte, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in Windeseile im Netz verbreitete. Wie etwa das atemberaubende Foto einer spiralenförmigen Wolkenwand, die sich der Freiheitsstatue nähert. Facebook-Nutzer Jason Otts veröffentlichte die Aufnahme in seiner Chronik. Bis zum Mittwochmorgen wurde sie 631.000 Mal von anderen Facebook-Mitgliedern auf ihren Profilen publiziert. Doch schnell stellte sich heraus: Der Schnappschuss ist eine Collage und hat keinerlei Bezug zum Wirbelsturm Sandy. In den Kommentaren zu seinem Foto erklärte Otts, er hätte das Bild von einer Freundin per SMS zugeschickt bekommen, die es von einer anderen Freundin direkt aus New York erhalten habe. Ob dies stimmt und er tatsächlich nicht wusste, dass es sich um eine Fälschung handelt, oder ob er einfach ausprobieren wollte, inwieweit seine 1139 Facebook-Kontakte sich mit einem selbstgebastelten Augenzeugendokument an der Nase herumführen lassen würden, weiß nur er.Je sensationeller das Foto, desto eher ein Fake

Der Fall war nicht der einzige, bei dem die Weltöffentlichkeit mit angeblichen Fotos aus der Unwetterzone konfrontiert wurde, die sich im Nachhinein als gefälscht, nachbearbeitet oder zumindest aus dem Kontext gerissen erwiesen. Frühzeitig erkannte das US-Magazin The Atlantic den Bedarf, die besonders eifrig um die Welt geschickten Fotos aus dem Katastrophengebiet auf ihren Echtheits- und Aktualitätsgrad hin zu überprüfen. Ein kurzer Blick auf die Darbietungen zeigt: Je sensationeller, abgefahrener oder dramatischer ein Foto, desto größer die Möglichkeit, dass es in dieser Form niemals im Zusammenhang des Hurrikans geschossen wurde.

Das Nachbearbeiten und Fälschen von Fotos, im Volksmund "Photoshoppen" genannt, ist ungefähr so alt wie der älteste aller Bildeditoren. Doch erst die Allgegenwärtigkeit von Smartphone-Kameras und mobilem Internet sowie das Vorhandensein einer die blitzschnelle virale Distribution ermöglichenden Social-Media-Infrastruktur liefern die notwendigen Anreize für Trolle, Scherzbolde und Provokateure, bearbeitete oder komplett gefälschte Bilddokumente als aktuelle Aufnahmen vom Ort des Geschehens anzupreisen und im Web in Umlauf zu bringen.

Falschmeldungen, die dank Twitter und Facebook in hoher Geschwindigkeit Millionen Menschen erreichen, noch bevor sich die jeweilige Nachricht oder Behauptung nachprüfen lässt, sind ein alter Hut. Erst vor wenigen Tagen erlebten viele junge Mädchen den Schock ihres Lebens, als sich bei Twitter die Meldung verbreitete, Popstar und Teenie-Idol Justin Bieber sei an Krebs erkrankt. Doch es handelte sich lediglich um einen bösen Scherz der Mitglieder des berühmt-berüchtigten 4chan-Forums. Auch nicht jeder Tweet, der in den letzten Tagen über die aktuelle Lage an der US-Ostküste informierte, skizzierte die Realität: Ein Twitter-Nutzer berichtete von der angeblichen Überflutung der Räumlichkeiten der New Yorker Börse. Der Hedge-Fund-Analyst hatte diese nicht zutreffende Behauptung frei erfunden.

BREAKING:Confirmed flooding on NYSE.The trading floor is flooded under more than 3 feet of water.

— ComfortablySmug (@ComfortablySmug) October 30, 2012

 

Wir glauben eher was wir sehen, als was wir lesen

Doch während jeder halbwegs intelligente, mit den Dynamiken des Internets vertraute User weiß, dass nicht jedes sich in hohem Tempo im Web verbreitende Gerücht immer der vollen Wahrheit entsprechen muss, haben Bilder eine deutlich höhere Glaubwürdigkeit. Was wir mit eigenen Augen sehen, glauben wir eher als das, was uns jemand anderes in Worten berichtet. Und selbst wenn es für niemanden mehr ein Geheimnis ist, dass Fotos sich heute von jedem und jeder Elfjährigen mit minimalem Aufwand modifizieren und manipulieren lassen, so fällt es uns zumindest beim Blick auf einigermaßen realistisch anmutende Fotos leicht, deren Wahrheitsgehalt grundsätzlich zu glauben.

Dass sich unter die Tausenden von an den Orten nachrichtenrelevanter Ereignisse aufgenommenen, anschließend über Social Media distribuierten Fotos der ein oder andere Fake einschleicht und mitunter massive Verbreitung erfährt, wird uns als Phänomen für die Zukunft erhalten bleiben. Der Kick, Onlinenutzern dabei zuzusehen, wie sie einen manipulierten Schnappschuss wie verrückt sharen, und wie im "Idealfall" selbst professionelle Nachrichtenangebote darauf hereinfallen, ist für die Urheber solcher Späße einfach zu groß, als dass sie sich diese Möglichkeiten entgehen lassen würden.

Verifizierung als Chance für den Journalismus

Mindestens genauso groß ist daher der Bedarf an Diensten zur Verifizierung des User Generated Content, der sich nach dramatischen Geschehnissen wie dem Hurrikan Sandy über das Netz ergießt. Bereits heute beschäftigen viele Redaktionen entsprechende Investigatoren, die damit befasst sind, die Echtheit von im Netz kursierenden Gerüchten, Fotos und Videos zu überprüfen, um eine immer etwas peinliche Veröffentlichung von Fälschungen und erfundenen Meldungen ausschließen zu können. Doch eine solche Arbeit ist personalintensiv und damit teuer.

Tom Phillips, Journalist und Macher des Blogs "Is Twitter Wrong?", enttarnt seit August über Social Media in Umlauf gebrachte Enten und nahm auch einige der Sandy-Schnappschüsse unter die Lupe. Bei Fotos reiche es seiner Erfahrung nach häufig aus, eine Google-Bildsuche durchzuführen, um in Erfahrung zu bringen, ob ein Motiv in ähnlicher Form bereits in der Vergangenheit irgendwo im Internet aufgetaucht ist. Viele weitere Maßnahmen zur Bildverifizierung können folgen, kosten dann jedoch schon mehr Zeit.

Bisher mangelt es aber an systematischeren Ansätzen, die weder von Journalisten als Hobby betrieben werden, noch der internen Redaktionsarbeit der führenden Leitmedien vorbehalten bleiben. Was fehlt, ist ein von einem international renommierten Nachrichtenangebot oder einem Startup entwickeltes, rund um den Globus bekanntes Portal zur Verifizierung von nachrichtenrelevantem User Generated Content. Algorithmen, Nutzer und eigene Journalisten kooperieren, um die Echtheit von Behauptungen, Augenzeugenberichten und visuellen Dokumenten zu aktuellen Vorfällen zu verifizieren, Bestätigungen einzuholen und Falschmeldungen zu enttarnen. Ein internes Punkte- und Rankingsystem, eine Identifizierung der partizipierenden Nutzer per Facebook- oder Twitter-Login sowie externe Reputationsindikatoren wie Klout bieten sich an, um Engagement und Seriosität zu gewährleisten. Richtig in Angriff genommen und unter der Voraussetzung einer hochmodernen, leistungsfähigen und intuitiven Benutzeroberfläche, könnte so ein revolutionäres journalistisches Angebot entstehen, eine Art Klout für den Bürgerjournalismus - Geschäftsmodell inklusive: Medien und Unternehmen rund um den Globus erhalten gegen Bezahlung idividualisierbaren Zugriff auf einen Echtzeitstream verifizierter Inhalte.

Einen solchen Dienst auf die Beine zu stellen, gleicht einer Herkulesaufgabe. Doch die Nachfrage ist groß. Die Verifizierungsagentur Storyful bewegt sich jedoch schon in diese Richtung, wenn auch bisher als reines B2B-Modell (Danke Frederic Huwendiek). Und wenn Google eine Billion Websites indexieren und Facebook eine Milliarde Menschen mit personalisierten Inhalten versorgen kann, dann ist auch ein komplexer, algorithmisch-redaktioneller Verifizierungsdienst für Social Media und das Echtzeitweb kein Ding der Unmöglichkeit. Erst recht nicht für die Verlage, die erkannt haben, dass die erfolgreiche Transformation des Journalismus von analog zu digital nur mit maximaler Experimentierfreudigkeit und einem hohen Innovationstempo gemeistert werden kann.

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