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11.11.13Leser-Kommentare

Verändertes Nutzerverhalten im Social Web: Der Newsfeed kommt aus der Mode

Jugendliche wenden sich von Facebook ab, gleichzeitig verbringen Nutzer immer mehr Zeit mit auf die private Kommunikation in kleinen Kreisen spezialisierten Apps. Die Entwicklung wirft die Frage auf, ob der um den Social Graph zentrierte Newsfeed und die nicht interessenspezifische One-To-Many-Kommunikation eine Zukunft haben.

"Esse Frühstück"

Anfang des Jahres konstatierte ich, dass Facebooks einstmals so wegweisender Newsfeed sich überlebt habe. Heute, ein dreiviertel Jahr später, verdichten sich die Anzeichen dafür, dass die Darstellung von Status Updates auf Basis des Social Graphs nur ein temporäres Phänomen darstellen könnte, anstatt sich dauerhaft als elementarer Eckpfeiler der Kommunikation zu etablieren. Oder, um es anders formulieren: Die eher ziellose One-To-Many-Kommunikation von Alltagstrivialitäten über einen Newsfeed mag so schnell an Popularität verlieren, wie sie nach der Einführung des Facebook-Newsfeeds im Jahr 2006 gekommen ist. Private Kommunikation liegt im Trend

Was die These vom verblassenden Reiz eines generalistischen Newsfeeds untermauert, ist der Aufstieg von Smartphone-Anwendungen, bei denen der private Austausch von Texten, Fotos und Videos zwischen einzelnen Nutzern und kleinen Gruppen im Vordergrund steht. Die Namen dieser Protagonisten dürften mittlerweile den meisten Lesern geläufig sein: WhatsApp, Line, WeChat oder Snapchat befinden sich an vorderster Front dieser Entwicklung und können hunderte Millionen Nutzer für sich begeistern. Viele davon gehören der jüngeren Zielgruppe an. Spätestens seit Facebook zuletzt bei der Vorstellung der Quartalszahlen einen Rückgang der Nutzung bei Teenagern eingestand, ist das zuvor bereits mehrfach von Medien verbreitetete Mem Gewissheit: Bei jungen Anwendern hat der Dienst seinen Zenit überschritten. Jugendliche zeigen eindeutige Tendenzen, weniger Zeit bei Facebook zu verbringen und dafür häufiger und länger über Messenger-Apps mit ihren engsten Freunden zu kommunizieren.

Jugendliche sind die Speerspitze der Entwicklung

Eine jährlich von dem Beratungsunternehmen Futures Company durchgeführte Befragung ergab, dass Facebook anders als noch 2012 nicht mehr die beliebteste Website bei Jugendlichen ist. Stattdessen rangiert YouTube nun ganz oben in der Rangliste (mobile Apps wurden nicht berücksichtigt). Und während sich 30 Prozent der Nutzer zwischen 20 und 30 Jahren als "facebooksüchtig" bezeichnen, gilt dies nur für 18,3 Prozent der Teens zwischen 12 und 15 Jahren.

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Noch deutlicher wird die Entwicklung in einem jüngst veröffentlichten Bericht über die Webgewohnheiten US-amerikanischer Teenager. Sahen noch im Herbst 2012 42 Prozent der US-Jugendlichen Facebook als ihr wichtigstes Social-Media-Angbot, sind es heute nur noch 23 Prozent. Ein dramatischer Rückgang. Profiteure der sich verändernden Präferenzen sind Instagram, das von 23 Prozent der US-Teens als bevorzugter Social-Service gesehen wird (12 Prozent im Herbst 2012), sowie Dienste, die sich in die Kategorie "andere" einordnen lassen (17 Prozent heute, 2 Prozent im Herbst 2012). Während die Studie nicht aufschlüsselt, um welche Services es sich handelt, ist naheliegend, dass Messenger-Apps maßgeblich dafür verantwortlich sind. Immerhin haben WhatsApp, Line und WeChat jeweils über 200 Millionen Nutzer. Eine andere Untersuchung kam jüngst zu dem Schluss, dass deutsche Anwender zwischen 18 und 25 Jahren pro Tag mehr Zeit mit WhatsApp verbringen als mit Facebook.

Abschied vom Social-Graph-Feed

Die zwei parallelen Trends einer bröckelnden Sympathie für Facebook innerhalb junger Nutzerkreise und einer Verlagerung des User-Zeitbudgets von Facebook zu Messengern erlauben die Vermutung, dass bei betroffenen Anwendern die Bereitschaft existiert, auf einen Newsfeed im Stile von Facebook ganz zu verzichten. Denn bei sämtlichen Anwendungen für das private Messaging fehlt eine derartige Funktion entweder vollständig, oder sie spielt nur eine untergeordnete Rolle. Bei interessenspezifschen Apps wie Instagram oder Twitter dagegen übernimmt zwar ein Stream eine tragende Rolle, allerdings basieren die darin enthaltenen Inhalte nicht notwendigerweise auf dem Social Graph der User sonder auf ihrem Interest Graph; sie kommen also nicht unbedingt aus ihrem persönlichen Bekannten- oder Verwandtenkreis. Nicht Freunde, Bekannte und Cousins dritten Grades sind zwangsläufig die Urheber der Instagram-Schnappschüsse und Twitter-Kurznachrichten in ihrem Stream, sondern interessante Personen - egal ob es sich dabei um Freunde, Fremde oder Prominente handelt. Es stehen Facebook-Newsfeed mit Updates von der komplizierten Schwiegermutter, dem nervigen Kollegen oder der Ex-Freundin gegen Tweets und Instagram-Fotos von bewusst abonnierten Meinungsführern und inspirierenden Menschen, die jeden noch so unspektakulären Moment in ein visuelles Kunstwerk verwandeln. Dass Facebook hierbei nicht sonderlich gut wegkommt, liegt auf der Hand.

Das soziale Netzwerk bietet zwar Filter, um irrelevante Personen oder Posts aus dem Newsfeed zu verbannen. Diese helfen aber nicht, wenn die wenigen Kontakte, an deren regelmäßigen Alltagsupdates aus dem Privatleben man tatsächlich interessiert ist, selten bis nie eigene Einträge publizieren. Facebook versucht mit seiner neuen Newsfeed-Fassung auch, einen größeren Fokus auf interessenbasierte Feeds zu legen. Doch bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass es sich hierbei um die Lösung für Facebooks Problem handelt.

Stetige Veränderung von Kommunikationsmustern

Das soziale Netz mit seinen Streams, Newsfeeds, Social Graphen und Interest Graphen ist jung und befindet sich in einem stetigen Prozess der Veränderung. Niemand weiß genau, wie sich die Nutzungsmuster und das Kommunikationsverhalten der User in den nächsten Jahren weiterentwickeln. Vielleicht werden auch noch in fünf Jahren viele hundert Millionen Menschen nach dem Aufwachen sofort die Facebook-App auf dem Smartphone aufrufen und minutenlang durch Einträge mit semi-stimulierenden Schilderungen aus dem Leben von Personen scrollen, die sie mitunter schon seit Jahren nicht persönlich gesprochen haben. Deutete man jedoch die jüngsten Verschiebungen im Machtgefüge sozialer Netzwerke, dann gibt es Grund zu der Annahme, dass das Konzept des um den heute für viele User aus mehreren hundert Personen bestehenden Social Graph zentrierten Newsfeed ernsthafte Abnutzungserscheinungen aufweist. Die Anwender, die vermehrt alternative Social-Apps frequentieren, in denen direkte Konversationen mit kleinen Freundeskreisen im Vordergrund stehen, oder die Dienste mit interessenspezifischen Streams verwenden, weisen den Weg. /mw

(Foto: Businessman with tablet and smartphone during breakfast, Shutterstock)

Kommentare

  • Walter Schärer

    11.11.13 (08:41:59)

    Ich beobachte ähnliche Tendenzen. Diese sprechen je länger je mehr gegen das "geschlossene" Facebook-Netzwerk der Freunde und für die "offenen" Google+ und Twitter-Netzwerke der Interessen.

  • mprove

    11.11.13 (09:53:58)

    Es sei als angemerkt, dass Instagram inzwischen Facebook gehört.

  • Mathias

    11.11.13 (10:54:11)

    Kurze Umfrage. Bei wem blinkt (win/chrome) der Xing teilen Knopf ebenso die ganze Zeit? Verhält sich bei Gründerszene genauso. Chromes reload Button flackert und der Prozessor ist stärker ausgelastet. Das ist jetzt schon einige Zeit so.

  • Jonas

    11.11.13 (11:32:35)

    Alles ok hier. Vorschlag: AdBlock herunterladen, für netzwertig.com Ausnahme einstellen :) und dann "xing-share.com" auf die Blacklist setzen. Mit NoScript, Ghostery etc. geht's bestimmt auch.

  • Mathias

    11.11.13 (12:04:21)

    Thx Jonas! Mit Adbloc geht's nicht ohne die Werbung komplett zu deaktivieren. Da ich Beiträge wie diesen auch weiterhin lesen möchte habe ich mir mal ScriptSafe für Chrome installiert und es funktioniert. So langsam sieht man das URL Feld kaum noch vor lauter extensions ;) Thanks.

  • Erna

    11.11.13 (19:53:52)

    Ich beobachte unter meinen Studentenkollegen auch den Trend, dass es out ist zuviel bei Facebook zu posten. Die meisten halten sich nur noch selten auf Facebook auf. Ich kannte da andere Zeiten! Ich hatte mich darüber schon länger gewundert, aber dein ARtikel hat mir das jetzt noch mal richtig klar gemacht.

  • Malte Goesche

    12.11.13 (00:17:36)

    Ich finde ja, dass Instagram und Twitter schon in der selben Kategorie sind. Vor allem wenn man sich anschaut wie viele Leute die FB Updates anderer abonnieren. Und das Messenger-Phänomen gab es schon öfter und ging wieder vorbei (siehe ICQ, GroupMe, Yobongo). Sehe da keinen grossen Trend, sondern nur den üblichen Zyklus der wie immer neue Tools mit hochspült -- und bunte Sticker (!!Yay!!) -- während andere leicht nachlassen und einige schwächere eben verschwinden.

  • Martin Weigert

    12.11.13 (00:20:25)

    Ich denke nicht, dass der Vergleich mit ICQ passt. Denn das Smartphone hat man immer dabei, weshalb Messenger hier eine ganz andere Bedeutung bekommen als die alten Deskop-Instant-Messenger. Und GroupMe und Yonbongo? Die waren doch komplett irrelevant im Vergleich zu Line, WhatsApp und WeChat.

  • @tek

    12.11.13 (01:41:37)

    Ich glaube der Titel stimmt nicht. Junge Leute scheinen FB weniger zu nutzen, aber der Newsfeed kommt deswegen nicht aus der Mode. Diese Zielgruppe sind eh keine Leader sondern Follower. Man nutzt was cool ist, nicht was Mode ist. Ich glaub auch die Kommunikationsmuster blieben gleich, es addieren sich lediglich neue Medien hinzu. Der Newsfeed mag nicht mehr DAS Kommunikationsmedium schlechthin sein, war es wohl auch nie, wird aber bleiben. Funktioniert ja auch überall gut. Kommt lediglich auf die Intention der Kommunikation an. Also passen da auch Dinger wie Snapchat, WhatsApp usw. mit rein.

  • Martin Weigert

    12.11.13 (01:45:00)

    Die haben aber keine Newsfeeds. Verlagern Nutzer nun Teile ihres Zeitbudgets von Facebook zu diesen Apps, führt dies zwangsläufig zu einer verringerten Interaktion mit dem Newsfeed. Oder?

  • @tek

    12.11.13 (04:26:48)

    Genau, aber deswegen is der Newsfeed nicht aus der "Mode" :)

  • Michael

    12.11.13 (14:49:09)

    Vielleicht haben wir ein unterschiedliches Verständnis von Newsfeed. Aber nur weil Facebook etwas zurückgeht, kommt doch der Newsfeed nicht aus der Mode. Mein hauptsächlicher Newsfeed heißt Twitter. Angereichert mit Spiegel Online u.ä, dem Newsreader sowie News Alerts von Google News. Der Newsfeed ist eine unkaputtbare, weil alternativlose Grundfunktion der Onlineinformation - in verschiedensten Ausprägungen.

  • Martin Weigert

    12.11.13 (15:50:28)

    Ich differenziere ja im Text deutlich zwischen Newsfeed auf Basis des Social Graph (Fb) und Streams auf Basis des Interest Graphh (z.B. Twitter).

  • Malte Goesche

    12.11.13 (16:12:55)

    ICQ war nur ein Beispiel, das man auseinandernehmen kann oder auch nicht, denn heute wäre ICQ sicher auch mobil und somit identisch zu Line, etc. Da hat sich im Prinzip nur die Plattform geändert und diese Veränderung hat ja nun jedes Genre (Produktivität, Spiele, Kommunikation, etc.) mitgemacht. Und außer einem semantischen (sozial vs. interessenbasiert), sehe ich hier nicht wirkliche Unterschiede zwischen Twitter und Facebook, denn am Ende kann der Feed ähnlich aussehen , wenn man FB durch Interaktion mit dem jeweiligen Account durch Likes und Kommentare trainiert (inkl. Freunde, Brands, News-Outlets, Ticker). Das liegt vermutlich grössten daran ein User einen Service nutzt.

  • Michael

    13.11.13 (11:25:24)

    Gleichartiges mit verschiedenen Namen zu benennen, ändert ja nichts an seiner Gleichartigkeit. Feed und Stream ist technisch m.W. dasselbe, der Twitterstream ließ sich eine Zeit lang sogar mal als RSS-Feed anzeigen, womöglich auch heute noch. Stream heißt Strom, Feed heißt Füttern - technisch ist das das Selbe, ein Strom wird fortlaufend mit Informations-Partikeln gefüttert. Natürlich kann man die verschiedenen Arten von Feed/Stream verschieden benennen. Mir geht es um das Grundprinzip des einlaufenden Streams. Das ist überall das selbe vorherrschende Grundprinzip der Newsaggregation und kann vorerst nicht aus der Mode kommen, weil es keine besseren Alternativen hat. Woran es bei Onlinenews und sämtlichen anderen Internetseiten allerdings noch fast völlig fehlt, ist die Informationsorganisation. Auch in dieser Hinsicht sind Gadgets, wie im Forum zum Android/iOS-Artikel behauptet, längst noch nicht "Feature complete", das sind sie m.M. auch hardwaremäßig längst noch nicht, aber anderes Thema.

  • Andreas Horn

    14.11.13 (15:56:39)

    Genau richtig. Der thematisch unstrukturierte Newsfeed kommt aus der Mode. Dies hat aber auch mit der Frustration der Privatpersonen und dem Edge-Rank zu tun. Ein Beispiel: Lara hat 200 Freunde bei Facebook. Außerdem wird sie Fan von Britney Spears, Starbucks und einigen weiteren großen FB-Pages (Firmen). Was passiert nun? Die Firmen haben mehr Ressourcen um tolle Posts zu verfassen. Lara liked diese Posts deshalb öfter, als die ihrer Freunde. Da auch ihre Freunde so verfahren, haben die meisten Firmen höhere Edge-Ranks als eine Privatperson. Die Folge: Lara sieht fast nur noch Posts der Firmen. Die Nachrichten ihrer Freunde sieht sie fast gar nicht mehr. Das merken ihre Freunde auch, da sie weniger Likes, und Kommentare bekommen und sind deshalb demotiviert und schreiben folglich keine Posts mehr! Was in der Wirtschaft schon lange passiert geschieht nun auch im Netz: Der Große frisst die kleinen.

  • jonas

    14.11.13 (18:52:22)

    Interessanter und aufschlussreicher Beitrag, allerdings möchte ich folgendes anmerken....wieso setzen Sie so viel auf LINE, wo im Grunde der einzige Unterschied mit Mehrwert darin besteht, dass es eine Timeline gibt, der Sie im obigen Beitrag genau keine Zukunft geben. Das ist für mich irgendwie widersprüchlich. Mir ist klar, dass ein socialgraph gefütterter Newsfeed und eine 1person Timeline nicht exakt gleich sind, aber eben in der Tendenz gehen sie in die gleiche Richtung.

  • Martin Weigert

    14.11.13 (18:56:59)

    Deshalb steht im Artikel "Denn bei sämtlichen Anwendungen für das private Messaging fehlt eine derartige Funktion entweder vollständig, oder sie spielt nur eine untergeordnete Rolle." Wer Line öffnet, landet nicht auf der Timeline, sondern in der Freundes-Übersicht. Wer die Facebook-App öffnet, landet im Newsfeed.

  • Georg

    16.11.13 (20:47:02)

    Genau das hat mir auch die Nutzung von Facebook verdorben. Ich bin jedoch genau deshalb zu den Newsfeeds zurück: Zeitungen, Vereine und Unternehmensblogs aus meinem sozialen Netz entfernt und dafür Feeds von Unternehmensblogs, Zeitungs-Headlines etc. in meinen News-Reader eingebunden. Wer es mir nicht ermöglicht, die Werbung wenigstens mit minimaler Bequemlichkeit lesen zu dürfen, hat Pech gehabt.

  • Tim

    26.12.13 (16:45:12)

    Musste beim Lesen des Artikels gerade an www.grouptime.com denken. Eine Messaging App die mit einem Newsfeed als Inbox funktioniert.

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