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02.09.13

Ideenfabrik Liquid Labs: "Venture Capital ist tot"

Liquid Labs stellt Teams auf Basis eigener Ideen zusammen und unterscheidet sich damit von anderen Inkubatoren. Zwei Exits in zwei Jahren sprechen für das Konzept.

Liquid-Labs-Gründer Paul Jozefak

Es gab einmal eine Zeit, in der versprühten Startups den Charme von Rock'n'Roll. Jeder in der Szene kennt Mark Zuckerberg, Foursquare-Gründer Dennis Crowley oder die Twitter-Gründer Ev Williams und Biz Stone. Wer ein Startup gründet, der erhofft sich meistens auch das: Die Welt verändern, dabei zum gefeierten Star werden und ganz nebenbei noch die eine oder andere Million - ehrlich verdient - aufs Konto scheffeln.

In der Realität werden Startups heute immer öfter in Fabriken hochgezogen. Rocket Internet jongliert mit Ideen wie mit Golfbällen, baut Teams auf, verwirft Konzepte wieder und investiert Millionen im Jahr. Immer häufiger stammen ähnliche Fabriken von großen Konzernen, die mit dem Ziel ins Leben gerufen werden, den oft verstockten Unternehmen neue Impulse zu verleihen. Einer davon ist Liquid Labs, ein Inkubator für die Otto-Gruppe. Dessen Gründer Paul Jozefak verriet uns die Absichten dahinter und warum man anders und erfolgreicher sein will.

 

Das Prinzip von Liquid Labs hat eigentlich nur noch am Rande etwas vom Startup-Geist der vergangenen Jahre zu tun. "Mark Zuckerberg war eher die Ausnahme als die Regel", sagt Jozefak dann auch konsequenterweise. Geboren ist er in der Slowakei, aufgewachsen in den USA, in den letzten Jahren war er hauptsächlich in Deutschland aktiv, unter anderem für SAP Ventures, zuletzt bei Neuhaus Partners. Ende 2011 gründete Jozefak zusammen mit Michael Backes Liquid Labs. Der Inkubator hat sich auf neue Services im Finanzsektor spezialisiert, die bei Erfolg zunächst der Otto-Gruppe angeboten werden. Otto hält 100 Prozent der Anteile an Liquid Labs.

Das Prinzip klingt ein wenig maschinell: Liquid entwickelt eigene Ideen und stellt dafür Teams zusammen, die aus dem eigenen Netzwerk angeworben werden. Das jeweilige Team hat drei Monate Zeit, um einen Prototypen fertigzustellen. Drei weitere Monate später wird bereits Bilanz gezogen: Hat das Konzept so überhaupt Chancen am Markt? Wenn ja, dann geht es weiter und nach 18 bis 24 Monaten wird ein Exit angestrebt. Wenn nicht, wird das Projekt direkt abgeschossen, nur ein halbes Jahr nach der Gründung.

"Gute Startups wird es immer wieder geben"

Liquid_Labs_Logo Für Jozefak ist das nur konsequent: "Die Zeit der großen Exits ist vorbei", so seine Meinung. "Startups werden billiger." So würde der Trend eher in die Richtung gehen, dass junge Unternehmen für einen Preis von 10 bis 50 Millionen Euro oder Dollar verkauft werden, statt für eine Milliardensumme, wie es etwa Instagram beschert war. Das würde auch ein Ende der großen Risiko-Investitionen bedeuten. Startups würden entweder früher verkauft oder eben von einem großen Inkubator hochgezogen, der die Rechte übernimmt. "Venture Capital ist tot", so Jozefak, "Startups wird es aber immer wieder geben."

Man mag dies mit gemischten Gefühlen betrachten. Es wäre das Ende des Traums junger Gründer, die mit einer guten Idee schnell Millionäre werden wollen. Auf der anderen Seite gibt es damit in Zukunft mehrere und gar sicherere Möglichkeiten für junge Menschen, Ideen zu verwirklichen oder an realen Projekten live mitzuerleben, wie es in der Wirtschaft läuft. Für diejenigen, die die nötige Scheu vor einer eigenen Gründung haben oder denen das betriebswirtschaftliche Werkzeug fehlt, wären bei einer festen Infrastruktur wie von Liquid Labs sicher am besten bedient. So gibt man jungen Menschen eine Chance, auch wenn für sie nach wie vor das Risiko bleibt, sich nach einem halben Jahr nach etwas Neuem umsehen zu müssen, wenn es doch schief geht.

"EyeEm hat die Chance verpasst"

Zwei der bisherigen sechs Projekte, die Liquid Labs in den vergangenen anderthalb Jahren hochgezogen hat, haben bereits zu Exits geführt. Bekannt sind die bisherigen drei veröffentlichten Projekte Device Ident, Kreddible und Reskribe. Das Unternehmen stellt die technische Infrastruktur und auch die Räumlichkeiten bereit und kümmert sich um die betriebswirtschaftliche Seite. Eingestellt werden nur Produktentwickler und Ingenieure, solche, die ein Projekt wirklich bauen können. Der nächste Mark Zuckerberg könnte zwar darunter sein, ähnlich berühmt würde er aber nie werden.

Liquid unterscheidet sich damit ein wenig von anderen Inkubatoren, die meist früh bei Jungunternehmen einsteigen statt sie selbst aufzubauen. Insgesamt aber befindet sich der Brutkasten in bester Gesellschaft. Immer mehr Großkonzerne wollen sich auf diese Weise neue Ideen heranzüchten, darunter etwa Tengelmann, Rewe oder ProSieben, um nur einige wenige zu nennen. Selbst Coca Cola soll eine eigene Ideenfabrik aufbauen. Dabei geht es ohnehin eher darum, neue Ideen für starr gewordenen Großkonzerne zu entwerfen. Große Exits sind dabei nicht zu erwarten. Für die fehlt Gründern und Investoren in Deutschland ohnehin das Gespür, wie Jozefak glaubt: "Hätte EyeEm in der Welle des Instagram-Hypes zur richtigen Zeit den Exit gewagt, wären 100 Millionen drin gewesen."

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