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05.07.13

US-Internetüberwachung: Wo bleibt die massive Imagekampagne hiesiger Onlinedienste?

Der stetig größere Ausmaße annehmende Überwachungsskandal sorgt für wachsende Skepsis bei Nutzern führender US-amerikanischer Internetkonzerne. Doch Datensicherheit in den Mittelpunkt stellende Startups aus dem deutschsprachigen Raum versäumen es bisher völlig, daraus Profit zu schlagen. Wo bleibt die gemeinsame PR- und Imagekampagne?

AktionDer Überwachungsskandal hält seit Wochen die Öffentlichkeit in Atmen, angetrieben von immer neuen Enthüllungen und einem wachsenden Interesse auch in Bevölkerungsteilen, die sonst wenig empfänglich für technisch eingefärbte Debatten rund um das digitale Geschehen sind. Profiteure der Ereignisse sind Webanbieter, deren Server nicht im US-amerikanischen Raum und damit außerhalb des unmittelbaren Einflussbereichs der NSA stehen, und die im besten Fall durch zusätzliche Verschlüsselungsmaßnahmen die jetzt gerade von Millionen Menschen nachgefragten erhöhten Sicherheitsmaßnahmen bieten können. Einige derartige Angebote hatten wir in diesem Beitrag vorgestellt. Die im Vergleich zu den USA deutlich schärfen Datenschutzgesetze in Deutschland und der Schweiz verschaffen hiesigen Cloudservices zweifelsohne einen enormen Kommunikationsvorteil. Zum ersten Mal überhaupt, sehen viele Internetfirmen aus dem deutschsprachigen Raum diese Gesetze doch sonst eher als hinderlich für ihre Angebote.

Leider versäumen es hiesige Webangebote vollkommen, diese bisher einmalige Sensibilität von Usern rund um den Globus für die Thematik der sicheren, die persönliche Integrität und Privatsphäre wahrende Internetanwendung für ihre eigenen Zwecke zu nutzen und das Attribut "Security made in Germany", "Security made in Switzerland" oder "Security made in Europe" global ins Rampenlicht zu befördern. Einfallslosigkeit statt Kreativität

Das Einzige, was hiesige Onlinedienste bisher zustande bringen, sind Blogposts und Pressemitteilungen, in denen sie betonen, dass ihre Server auf deutschem, schweizerischem oder europäischem Boden stehen und deshalb nicht direkt von der NSA überwacht werden können. Und womöglich sind sie sogar TÜV-geprüft! Das ist toll, aber reicht bei weitem nicht aus, um eine wirkliche Welle zu machen. Die Blogs der Startups liest ohnehin kaum jemand, und Redakteure und Journalisten wünschen sich kraftvolle, kreative Initiativen anstelle von Mitteilungen, die nur wiederholen, was schon seit vielen Jahren gilt. Sicher, auch der schnöde Verweis auf generell hohe Sicherheitsstandards kann die ein oder andere Presseerwähnung nach sich ziehen, lässt aber massiv Potenzial ungenutzt. Dabei sind Journalisten, Blogger und Nutzer derzeit empfänglicher denn je für Stories, die konstruktive Antwortansätze auf die Spähaktivitäten von Regierungen und Geheimdiensten liefern, anstatt sie lediglich zum Jammern zum verdammen.

Konzertierte Aktion

Sinnvoll wäre eine konzertierte Aktion, bei der eine Reihe von nachgewiesenermaßen hohe Sicherheitsstandards erfüllenden Onlinefirmen aus dem Social-Networking-, Messaging-, Kollaborations- und Storagesektor gemeinsam für Wahrnehmung trommeln. Realisierbar wäre dies etwa durch eine Aufmersamkeit erregende Kampagne mit eigener Microsite, Videos und anderen viralen Gimmicks. In Frage kämen auch komfortable, speziell für den aktuellen Zweck konzipierte Tools zum Informieren und Einladen von Freunden. Je provokativer und die jetzt entblößten Schwächen der US-Clouds pointierter aufs Korn nehmend, desto besser. Ziel sollte es dabei sei, sich sowoh in der D-A-CH-Region als auch bei Internetusern in aller Welt ins Gespräch zu bringen. Denn die Frustration darüber, wie das Surfen im Web zunehmend zu einem gläsernen Vorgang wird, vereint bewusste Konsumenten in allen Ländern. Selbst in den USA wächst die Verärgerung über das Vorgehen der Behörden. Am gestrigen Unabhängigkeitstag protestierten eine Reihe von dortigen Onlineangeboten gegen die Überwachung durch die NSA.

Von US-Diensten lernen

In den USA scheint diese zweckgebundene, temporäre Liäson von Webfirmen besser zu funktionieren als bei uns. Wir erinnern uns noch an das SOPA-Blackout im Januar 2012. Die Erkenntnis, dass man gemeinsam mehr erreichen kann als alleine, scheint zu hiesigen Startups noch nicht so richtig durchgedrungen zu sein. Eine löbliche Ausnahme stellte vor einigen Jahren eine Kampagne der Schweizer Jungunternehmen Doodle, Wuala und Memonic dar. Die drei Firmen kreierten ein als "erstes Online Schweizer Taschenmesser" vermarktetes Produktbundle, um auf diese Weise ihre kostenpflichtigen Premiumvarianten anzupreisen.

Genau eine derartige Initiative böte sich nun erneut an, nur mit einem anderen Zweck und einer idealerweise größeren Zahl an partizipierenden Firmen. Warum dies nicht geschieht? Vielleicht zweifeln die hiesigen Startups und Webunternehmen daran, ein in alle Welt hinausposauntes Versprechen größtmöglicher Sicherheit tatsächlich halten zu können? Immerhin tendiert auch die Politik in Deutschland und der Schweiz zu mehr Überwachung statt zu weniger. Womöglich mangelt es auch an Ressourcen und Kooperationswille. Damit eine gemeinsame Imagekampagne mit internationaler Reichweite zu einem Erfolg wird, reicht es nicht aus, zwei Praktikanten zwei Tage Zeit zu geben, um sich ein virales GIF auszudenken. Vielleicht bleibt der große PR-Coup der Branche aber auch einfach deshalb aus, weil bisher niemand auf die Idee gekommen ist. Die gute Nachricht: Noch ist es nicht zu spät. Das bevorstehende Sommerloch garantiert weiterhin offene Ohren vieler Redaktionen.

Es wäre doch schade, wenn ausgerechnet der nicht gerade als leidenschaftlicher Internetvorkämpfer geltende deutschen Innenminister Hans-Peter Friedrich die Lobbyarbeit für hiesige Onlineangebote übernehmen muss.

Illustration: March, Shutterstock

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