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07.10.14Kommentieren

Urnengang im digitalen Zeitalter: Die Qual der Wahl

Eine deutsche Studie fand heraus, dass sich der Zugang zu Breitbandinternet tendenziell negativ auf die Wahlbeteiligung auswirkt. Die genauen Gründe wurden in der Studie nicht geklärt und so bietet die Feststellung Anlass zur Spekulation.

WahlenÜblicherweise werden leere Wahlversprechen, wenig charismatische Politiker und fragwürdige politische Entscheidungen als Gründe einer allerorts sinkenden Wahlbeteiligung genannt. Dennoch will eine im Sommer veröffentlichte Studie zusätzlich dazu in Deutschland einen unbestreitbaren Zusammenhang zwischen sinkender Wahlbeteiligung und der Verfügbarkeit von Internet hergestellt haben.

Im Wesentlichen erläutern die Autoren von „E-lections: Voting Behavior and the Internet“ (PDF), Oliver Falck, Robert Gold und Stephan Heblich, das Ergebnis ihrer Studie so: Das Internet werde deutlich öfter für Unterhaltungskonsum als für politische Informationsbeschaffung genutzt und verdränge das bisher prominenteste politische Informationsmedium, das Fernsehen. Im Unterschied zum Internet wird man dort in einer Art Frontalunterricht adressiert: Auf den meisten Sendern gibt es zu fixen Zeiten Nachrichten. Das Ansehen selbiger ist ein seit Beginn der Fernsehgeschichte eingeübtes Ritual, einst bestand das Programm der Fernsehanstalten aus nicht viel mehr als Nachrichten. Das Internet ist hingegen auf Interaktivität statt Belehrung ausgelegt und lässt dem Nutzer die Wahl, wann und insbesondere wie Nachrichten konsumiert werden. So dürfte die technische Möglichkeit, per Mausklick alles Unbehagliche zu entfernen und mit kurzweiliger Unterhaltung aus dem Sinn zu spülen, dazu führen, dass sich weniger Menschen ins aktuelle Weltgeschehen vertieft fühlen und sich in der Folge weniger für Politik im klassischen Sinne interessieren. Die Vermutung liegt nahe, dass insbesondere jüngere, schlechter gebildete, wenngleich mit dem Internet aufgewachsene Menschen klickend der Realität entfliehen und sich von den zahllosen Krisen und ihrem eigenen Mitbestimmungsrecht abkapseln. Ein Weg des geringsten Widerstandes wird gegangen, denn Unterhaltung ist weniger anstrengend als Information über komplexe und undurchschaubare Krisen.

Nachlassendes Vertrauen in Politik als Problemlöser

Online werden Nachrichten vor allem über Zeitungen kommuniziert. In der Art, wie dort die politischen Neuigkeiten aufbereitet werden, könnte ein weiterer Grund für den erforschten Zusammenhang zwischen Internetverfügbarkeit und Wahlbeteiligung liegen. Erstens finden im Internet Nachrichten nicht bloß – wie im Fernsehen der Fall – zu festgesetzten Uhrzeiten, sondern immer statt; und zweitens werden im Sinne der Verkaufbarkeit alle Negativschlagzeilen über positive Meldungen gereiht: „If it bleeds, it leads“. Das Dauerbombardement hinterlässt bei manchen vielleicht den Eindruck, dass sich die Weltlage ohnehin immer zum Schlechteren entwickelt, was in der Folge die Geste des Wählens nicht länger nützlich erscheinen lässt. Fatalismus macht sich breit und man sucht Zuflucht in der strukturierten, vereinfachenden Unterhaltung; aber auch jene, die diesem Fluchtreflex widerstehen, suchen die Lösung gesamtgesellschaftlicher Probleme nicht mehr unbedingt in der Politik, wie zum Beispiel der Niederländer Boyan Slat.

Dieser hat mit wachsendem Schrecken die Plastikverschmutzung der Meere und die dahingehende Tatenlosigkeit der Weltpolitik verfolgt und sich als Siebzehnjähriger entschlossen, selbst aktiv zu werden. Über das Internet bewarb und finanzierte er den Bau eines Apparats, der mit Hilfe natürlicher Strömungen das Plastik aus dem Ozean filtert. Das herausgefischte Plastik wird eingeschmolzen und wieder zu Öl verarbeitet, was Slats Unternehmen unterm Strich rentabel macht.

In der Welt, wie sie heute beschaffen ist, kann also durchaus etwas erzielt werden, ohne mit Parteien oder klassischen Arenen der Politik in Berührung zu kommen. Das Internet fungiert als Ersatzschauplatz zu trägen Parlamenten und eine aktive, weltweite Nutzerschaft scheint offenkundige Probleme selbst anzugehen. Was wiederum die Frage legitimiert: Wenn Politiker nicht mehr für die Problemlösung zuständig sind, wieso sollte man sie dann noch wählen?

Wahlen als gefühlter Anachronismus

Die eingeübte Musterantwort, dass es ein Privileg ist, in einer Demokratie zu leben und der Urnengang die Demokratie erhält, ist zwar wahr, aber deutet auch auf den öden Beigeschmack der Prophylaxe und den Hauch von elterlicher Verordnung hin, der dem Akt des Wählens innewohnt. Zudem ist das Wählen nach wie vor an die physische Wirklichkeit gebunden und erscheint als solches vielleicht anachronistisch. Onlinewelten locken mit Belohnung, Erlebnis und Abenteuer. Die virtuelle Sphäre bietet neue Möglichkeiten und macht ehemals anstrengende und umständliche Erledigungen wie das Einkaufen, Briefwechsel oder Banküberweisungen zu hürdenlosen Angelegenheiten.

Im Angesicht dieser virtuellen, schwerelosen Idylle erscheint das Wählen doch wie ein größerer Aufwand: Man muss sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen zumeist nicht besonders einladenden Ort begeben, wartet dort in der Schlange, wird penibel kontrolliert, gibt die Stimme ab und... nichts passiert. Ohne Veränderung, ohne Ergebnis jeglicher Art verlässt man das Lokal. Wer die Wahl gewinnt, oder ob die Probleme der Welt gelöst werden, hängt, so scheint es an der Oberfläche des Bewusstseins, nicht von der eigenen Stimmabgabe ab.

Wo bleibt die Belohnung?

Dieses Prozedere könnte einigen vielleicht auch deswegen zu blöd sein, weil man aus dem Internet eine Art Belohnungsstruktur gewohnt ist: Beinahe jede Aktion wird im Hinblick auf Belohnung ausgeführt, insbesondere Soziale Netzwerke funktionieren über die Anregung des Belohnungszentrums. Wählen hingegen bringt keine Entlohnung, weil nichts Unmittelbares zurückkommt, die eigene Stimme läuft in der unmittelbaren Wahrnehmung ins Leere und der eigene Aufwand bleibt unentschädigt. So wirkt Wählen wie eine unkapitalistische Geste in einem kapitalistischen System, eine Geste, die gar der Erhaltung dieses Systems dient aber nicht unter seinen üblichen Gesichtspunkten funktioniert.

Kein Wunder, dass Menschen, die ohnehin frustriert sind von der Politik und die das Gefühl haben, auf der Verliererseite der meisten politischen Entscheidungen zu stehen, sich durch willkommene Reize aus dem Internet vom Wählen abhalten lassen. Online gut aufgehoben, verschwindet die alte, physische Welt hinterm digitalen Horizont. Das Web ist ein alternativer, in sich geschlossener Lebensraum; und Wahlen betreffen vor allem die blanke, zurückgelassene Realität, zielen sie doch auf Politiker ab, die sich zumeist nicht durch besondere Technik-Affinität und Internet-Gewandtheit auszeichnen. Vielleicht empfinden es manche zudem als unangebracht, in einer Welt zu wählen, in der sie nicht länger leben; erst recht, wo online jeder Mitbestimmungsrecht und Gestaltungsraum hat, und über Twitter und Co. statt Warhols lahmen 'fifteen minutes' ganze 'fifteen gigabytes of fame' einfordern kann. So gesehen kann das Nicht-wählen als Loslassen einer alten Welt und als Ablegen einer alten Geste verstanden werden, die in der Anarchie des Internets nichts mehr zählt.

Vielleicht würde es der Wahlbeteiligung helfen, wenn Wählen über das Internet möglich wäre und so die Politik der realen Welt mit der virtuellen Sphäre verknüpft werden könnte. Dazu müssten jedoch erst sämtliche Sicherheitsfragen und -probleme geklärt werden, bisher bleiben die meisten Staaten bei dem Entschluss, dass „E-Voting“ unter den derzeitigen Bedingungen vor allem auf Bundesebene nicht möglich sei.

(Grafik: European urn symbol on white background, Shutterstock)

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