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14.02.12

Urheberrecht: Was Pinterest für Onlinetexte bedeutet

Wenn es vertretbar sein soll, dass Pinterest-Nutzer urheberrechtlich geschützte Fotos weiterverbreiten - gilt dies dann auch für andere Inhalteformen? Es kommt darauf an, wie und wieso.

 

Mein gestriger Artikel zu den möglichen Auswirkungen eines weiterhin rasant wachsenden Pinterest auf die aktuelle Urheberrechtsdebatte hat zu interessanten Kommentaren geführt. Auf ein von zwei Lesern angebrachtes Argument möchte ich an dieser Stelle eingehen, weil ich es für sehr wichtig halte.

Die Leser Michael und Vlad zogen eine Parallele zwischen dem Treiben von Pinterest und dem systematischen Auslesen von bei netzwertig.com (oder auf einer beliebigen anderen Website) veröffentlichten Inhalten, die dann auf einer eigenen Website publiziert und durch eine Werbevermarktung monetarisiert werden.

Erst einmal ist dieser Vergleich spannend, da er verdeutlicht, wie bei Urheberrechtsfragen im Digitalen keine Isolierung der einzelnen Facetten möglich ist: Die Grundlage aller Inhalte im Internet sind Daten, und diese Daten - egal ob es sich dabei um Fotos, Videos, Klänge oder Texte handelt - lassen sich ohne Qualitätsverlust beliebig oft kopieren. Genau aus diesem Grund steht die Gesellschaft überhaupt erst vor der Frage, wie ein modernes Urheberrecht aussehen soll - weil die Kopie sich qualitativ nicht mehr vom Original unterscheidet und weil sie mit minimalem Aufwand erstellt, verbreitet und abgerufen werden kann.

An dieser Stelle sei sicherheitshalber nochmals auf den entscheidenden Unterschied zum Diebstahl physischer Produkte hingewiesen: Dieser führt zu einer Wegnahme des Originals und damit zu einem unmittelbaren (finanziellen) Verlust für den Eigentümer. Im Falle von Urheberrechtsverletzungen bei immateriellen Gütern hingegen bleibt das Original an seinem angestammten Ort.

Doch zurück zu dem Vergleich des bei Pinterest erfolgenden, durch Nutzer initiierten Speicherns urheberrechtlich geschützter Bilder aus dem Netz und dem eigenmächtigen Veröffentlichen urheberrechtlich geschützter Texte an anderer Stelle im Web. Aus zwei Gründen halte ich eine Differenzierung für notwendig.

1. Systematisches Kopieren vs. selektives Zitieren

Leser Martin schreibt: "Darf ich deinen Blog auslesen, damit eine eigene Seite füllen und versuchen Werbung drumherum zu verkaufen und damit Geld zu machen?" Er vergleicht damit ein einzelnes bei Pinterest gespeichertes, urheberrechtlich geschütztes Foto mit dem systematischen Kopieren von Blogartikeln (zu kommerziellen Zwecken).

Abgesehen von der Tatsache, dass Pinterest keine Werbung anzeigt und sein Geld stattdessen mit Affiliate-Links im Kontext von Produktfotos verdient, sehe ich nicht die Übernahme kompletter Artikel durch einen Anwender zum Zwecke der Umsatzgenerierung als Text-Pendant zu Pinterest, sondern die Zitierung einzelner Artikelpassagen oder das Speichern und Weiterempfehlen eines netzwertig.com-Artikels bei Webdiensten wie Instapaper oder Quote.fm - und damit haben wir keinerlei Problem. Quote.fm ist im Prinzip eine Art Pinterest für Texte.

Fazit: Zitate und die Übernahme einzelner oder mehrerer Textpassagen auf externen Seiten, solange ein Link zum Originalartikel angegeben ist: gern. Systematische Komplettübernahme unserer Inhalte: nein - was aber bei Pinterest auch nicht stattfindet.

2. Direkte vs indirekte Wertschöpfung

Bei redaktionellen Websites, die regelmäßig journalistische Texte publizieren, erfolgt in den meisten Fällen eine direkte Wertschöpfung durch im Umfeld der Texte veröffentlichte Anzeigen. Das Gros der im Netz veröffentlichten Fotos hingegen dient abgesehen von Stock-Foto-Portalen wie Getty Images nicht einer unmittelbaren Wertschöpfung sondern lediglich der visuellen Illustration oder - sofern es sich um die persönlichen Homepages von Fotografen handelt - repräsentativen Zwecken.

Ich wage deshalb die Behauptung, dass durch das Publizieren von urheberrechtlich geschützten Fotos bei Pinterest in 99,99 Prozent aller Fälle keinerlei direkter oder indirekter Schaden für die Urheber der Bilder entsteht. Trotzdem gibt es ein Gesetz, das einen derartigen Dienst untersagt und damit ein bürokratisches Monstrum mit der allgegenwärtigen Abmahngefahr für Privatpersonen errichtet, die niemals Urheber in irgendeiner Form ernsthaft in ihrer Freiheit oder Existenzfähigkeit eingeschränkt haben.

Fazit: Die meisten bei Pinterest publizierten Fotos sind auf ihren Originalquellen in den meisten Fällen "Beiwerk", das nicht unmittelbar zur Monetarisierung beiträgt. Redaktionelle (Nachrichten)texte dagegen sind Kernprodukt, das unmittelbar zur Monetarisierung beiträgt.

Gedankenspiele

Auch wenn ich hoffentlich deutlich machen konnte, warum sich die Nutzeraktivität bei Pinterest von dem systematischen Kopieren ganzer Texte hinsichtlich des tatsächlich verursachten Schadens unterscheidet, halte ich für sinnvoll, dass sich gewerbliche Onlinemedien mit Möglichkeiten auseinandersetzen, welche die Weiterverwendung ihrer Inhalte durch Dritte unter bestimmten Voraussetzungen genehmigt. Schon aus dem Grund, dass eines Tages durchaus ein "Pinterest für Texte" das Licht der digitalen Welt erblicken könnte.

Wir haben dazu intern intensive Diskussionen geführt. Unser Favorit wäre eine Creative-Commons-Lizenz für die nicht-kommerzielle Nutzung. Das Problem, das sich dadurch jedoch ergibt, ist erheblicher bürokratischer Mehraufwand: Denn dann müssten wir jeweils überprüfen, ob bei einer Wiederveröffentlichung auf einer externen Website tatsächlich keine kommerzielle Intention vorliegt. Dazu fehlen uns die Ressourcen.

Deutlich weniger aufwändig wäre ein kompletter Freibrief, der sowohl die private als auch gewerbliche Nutzung unserer Artikel gestattet. Doch dieser Schritt ist einer, der mehr als nur ein wenig Mut und Experimentierfreude erfordert. An diesem Punkt sind wir noch nicht.

Marcel Weiss hat gerade in einem lesenswerten Artikel beschrieben, wie er sich ein modernes Urheberrecht vorstellt. Wer sich für das Thema interessiert, sollte seine Ausführungen lesen.

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