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27.07.10

Untersuchungen zu Tech- und Netzthemen: 4 von 4 Studien sind fragwürdig

Die Tech- und Web-Berichterstattung wird überschwemmt von Studien. Oft entpuppen sich diese als Luftnummern.

 

Womöglich liegt es am Sommerloch und der damit verbundenen Nachrichtenebbe. Oder es ist auf die Nachfrage der Leser nach prägnanten Aussagen zurückzuführen. Vielleicht liegt es auch an der erhöhten Viralität. Oder es ist einfach nur Zufall. In jedem Fall wird die Berichterstattung rund um Web- und Tech-Themen derzeit mit so genannten Studien überschwemmt.

Und auch wenn mich womöglich nur meine subjektive Wahrnehmung an der Nase herumführt, so bekomme ich verstärkt den Eindruck, als würde kaum noch eine der publizierten "Studien" das halten, was man von einer wissenschaftlich durchgeführten Untersuchung eigentlich erwartet. Hier sind vier aktuelle Beispiele, die verdeutlichen, warum es mir schwer fällt, Untersuchungen rund um Netz- und Technologie-Themen überhaupt noch ernst zu nehmen.

 

Vier Kategorien fragwürdiger Studien

1. Studien, die inkorrekt sind oder fehlerhaft wiedergegeben werden

Am Wochenende kursierte die Nachricht einer Studie des Marktforschungsunternehmens Yankee Group, die besagte, dass 77 Prozent aller iPhone-Besitzer den Kauf eines neuen iPhones ins Auge fassen, während lediglich 20 Prozent aller Konsumenten mit einem Android-Handy als nächstes Gerät wieder ein Mobiltelefon mit dem Android-Betriebssystem erwerben würden.

Doch dieses Ergebnis stellte sich später als falsch heraus. Die 20-Prozent-Zahl bezog sich nicht auf Besitzer eines Android-Smartphones, sondern auf sämtliche Smartphone-Nutzer, und ist somit nicht mit den 77 Prozent iPhone-Wiederkäufern vergleichbar. Offenbar hat CNN Money, das als Erster über die Zahlen berichtete, bei deren Interpretation einen Fehler gemacht, wie auch dieser Blogeintrag der Yankee Group nahelegt .

2. Studien, die mit gesundem Menschenverstand widerlegt werden können

Gestern publizierte FAZ-Netzökonom Holger Schmidt einige Auszüge aus einer jährlichen Studie der USC Annenberg School for Communication & Journalism. Als Aufhänger verwies er darauf, dass laut der Untersuchung 49 Prozent der Amerikaner Microblogging-Seiten wie Twitter nutzen würden, aber exakt 0 Prozent bereit seien, für die Nutzung des Dienstes zu zahlen.

Leider finde ich in der im Artikel verlinkten PDF-Zusammenfassung der Studie keinen Hinweis auf diese Erkenntnis Update: Hier ist der richtige Link zur PDF-Zusammenfassung . Es fehlen Informationen zur Repräsentativität und Erhebungsweise der Untersuchungsergebnisse. Man muss kein Statistik-Experte sein, um zu erahnen, dass eine Studie, bei der ein Prozentwert von "null" herauskommt, mit Vorsicht zu genießen ist.

Selbst bei Befragungen zu den absurdesten Themen gibt es in der Regel keinen Nullwert. Zumal es sich hierbei nicht um eine völlig absurde, wenn auch etwas überflüssige Frage handelt. Wer kann ausschließen, dass Antworten auf die "Würden Sie zahlen?"-Frage nicht durch Wunschdenken und die Hoffnung der Teilnehmer verfälscht werden, eventuelle zukünftige Veränderungen am Preismodell beeinflussen zu können?

Wie auch immer - dass nicht einmal ein einziges Prozent der Twitter-Nutzer in den USA bereit ist, für den Service zu zahlen, klingt nach einem Märchen und stellt die Glaubwürdigkeit der Studie in Frage. Selbst wenn der tatsächliche Wert sicher nicht sehr hoch wäre.

3. Studien, deren Aussagekraft unklar ist

Eine Psychologin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat mit einem Team 103 Profilseiten auf studiVZ untersucht und kommt zu dem Schluss, dass Profile bei sozialen Netzwerke nicht lügen, sondern die Wahrheit über ihre Besitzer erzählen.

Das ist ein durchaus spannendes Ergebnis, wird doch gern behauptet, dass sich Nutzer in Communities anders geben als im "realen Leben". Doch wie aussagekräftig ist das Resultat? Eine Repräsentativität ist in der Regel erst ab 1000 zufällig ausgewählten Testpersonen gegeben (Update: Bei einer niedrigen Grundgesamtheit auch etwas darunter).

Nun können qualitative Untersuchungen wie diese natürlich auch wichtige Erkenntnisse liefern, aber anhand von 103-studiVZ-Profilen auf die Gesamtheit aller Social-Networking-Nutzer zu schließen, halte ich für falsch. In Wirklichkeit dürfte die Übereinstimmung von tatsächlicher und dargestellter Persönlichkeit von Netzwerk zu Netzwerk unterschiedlich sein. Bei Facebook und studiVZ ist sie sicherlich höher als beispielsweise bei MySpace.

4. Studien, die Erkenntnisse verbreiten, die jedes Kind erraten könnte

Während die ersten drei Kategorien fragwürdiger Studien immerhin eine schmissige Schlagzeile liefern, sorgen Untersuchungsergebnisse, die nichts anders machen, als Vorhersehbares zu belegen, bei mir meist nur für ein müdes Gähnen. Beispiel von gestern: "Mobile User sind meist Smartphone-Besitzer" - wer hätte das gedacht?!

Natürlich ist es schön, schwarz auf weiß zu haben, was man sonst nur vermuten, aber nicht beweisen kann. Dass derartige Studien aber dennoch inhaltlich überall aufgegriffen werden, wundert mich. Ihr Neuigkeitswert ist jedenfalls minimal, sofern man die offensichtlichste Erkenntnis als Aufhänger verwendet.

Fazit

Ergebnisse von Studien - egal auf welche Weise sie entstanden sind - kommen bei Lesern oft gut an. Das wissen auch wir, haben wir doch selbst schon über Untersuchungen berichtet, die viele Reaktionen nach sich gezogen, aber im Nachhinein Zweifel offen gelassen haben. Ich nehme mich von der Kritik nicht aus.

Es ist offensichtlich, dass die Berichterstattung rund um Web- und Tech-Studien eine neue Sorgfalt erfordert. Angesichts des allgemeinen Zeitdrucks und dem Ziel, eine Meldung als Erster zu veöffentlichen, ist das mitunter schwierig. Sofern das Vertrauen in Studien aber nicht weiter bröckeln soll, gibt es keine Alternative. Es ist einfach schade, wenn man bei jeder Untersuchung anfänglich davon ausgehen muss, irgendwo eine Ungereimtheit zu entdecken.

Illustration: stock.xchng

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