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18.09.07

Unternehmensgründungen: Timing ist entscheidend

Oft wird bei Diskussionen über Unternehmertum darüber gestritten, welches der wichtigste Erfolgsfaktor für ein Startup ist: Ist es die Idee? Das Geschäftsmodell? Die Technologie? Das Gründerteam? Die Investoren?

Häufig wird ein Faktor übersehen, der schwer zu greifen und zu beeinflussen ist, aber einen ganz entscheidenden Einfluss auf Überleben und Erfolg einer neuen Firma hat: Das richtige Timing. Spezifisch: Der Zeitpunkt, an dem eine Firma in den Markt eintritt. Man beobachtet in vielen (Technologie-)Märkten, dass die erfolgreichen Firmen alle in einem Zeitfenster von 2-3 Jahren entstanden sind.

Als Beispiel: Ich habe mal analysiert, wann die Firmen im Konkurrenzumfeld meiner "alten" Firma namics AG gegründet wurden. Ergebnis: Bis auf ein oder zwei Ausnahmen sind alle erfolgreichen Internet-Dienstleister zwischen 1995 und 1997 gegründet worden. Nicht später, aber auch nicht früher. Auch starke internationale Firmen, die später in den deutschsprachigen Markt eintreten wollten, sind fast ausnahmslos gescheitert.

Anderes Beispiel: Erinnert sich noch jemand an die Website SixDegrees.com? Das war das erste Social Network, gegründet 1997. SixDegrees war seiner Zeit voraus, und zwar um etwa sechs Jahre. Die heute dominierenden Social Networks (MySpace, Facebook, LinkedIn, Xing) wurden 2003 oder 2004 gegründet. Erst da war die Zeit offenbar reif.

Und noch eins: Für meine Master's Thesis am MIT habe ich eine Auswahl von 108 Firmen im Bereich "Software as a Service" untersucht, also Anbieter von web-basierter Unternehmenssoftware. Ergebnis: Es gab zwei grosse Gründungswellen, nämlich 1999 und 2005.

Die bisher erfolgreichen Firmen (z.B. Salesforce.com, RightNow, NetSuite, 37signals) sind alle 1997-99 entstanden. Die Startups der zweiten Welle müssen erst noch beweisen, dass sie überleben können.

Auch scheinbare Ausnahmen sind oft nur Ausreisser nach unten oder oben. Klar, Google war nicht die erste Suchmaschine. Aber alle noch heute erfolgreichen Suchmaschinen sind zwischen 1996 und 1998 gegründet worden, Google halt nur am Ende dieser Zeitspanne. Danach kamen bisher keine erfolgreichen Firmen mehr in den Markt.

Nun, die Erkenntnis, dass Timing eine entscheidende Rolle spielt, ist ja schön und gut, aber noch interessanter wäre es natürlich, diesen Faktor einigermassen zuverlässig vorhersagen zu können. Das ist natürlich ausgesprochen schwer. Aber es gibt ein paar beobachtbare Faktoren, die man in Erwägung ziehen sollte:

- Konjunkturzyklen: Alle Firmen, aber besonders stark Startups, werden von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage beeinflusst. Es ist erheblich leichter, neue Kunden zu finden, wenn die Wirtschaft brummt. Den Konsumenten sitzt das Geld lockerer in der Tasche, und Firmen investieren lieber in unerprobte Ideen. In einer Rezession zu starten, ist ungleich schwerer. Am leichtesten haben es Firmen, die am Beginn einer Aufschwungphase in den Markt eintreten.

- Investment-Klima: Eng an die Konkunktur gekoppelt, aber oft zeitlich ein bisschen vorgelagert, ist die Stimmung der Investoren, sei es im Venture-Capital-Bereich oder an der Börse. Da VCs immer nach einem Exit in den nächsten fünf Jahren suchen, sind sie ebenfalls am Anfang einer starken Börsenphase deutlich investitionsfreudiger. Gegen den Höhepunkt einer Phase, wie zum Beispiel gerade jetzt, werden sie langsam nervös, und im Abschwung sind sie kaum von Investments zu überzeugen. Das hat nicht mal viel mit den eigentlichen Startup-Projekten zu tun. VCs wissen, dass ihr eigener Erfolg mindestens so stark vom Timing abhängt wie von der Qualität der finanzierten Ideen. Für Startups wird es darum erheblich schwieriger, an Geld zu kommen.

- Konkurrenzlage: Entgegen einer oft gehörten Meinung ist es für ein Startup ausgesprochen schlecht, keine Konkurrenten zu haben. Wenn man nämlich der Welt ganz allein klarmachen muss, warum ein neuartiges Produkt nützlich sein könnte, hat man es schwer. Ideal ist eine Lage wie damals beim Start von Google: Etwa zehn Konkurrenten, aber niemand, der es wirklich gut macht. Umgekehrt: Wenn sich Dutzende von rivalisierenden Firmen mit sehr ähnlichen Angeboten im gleichen Markt drängeln, wird es schwer, sich abzuheben. Mit anderen Worten: Man sollte nie der absolute Pionier sein, aber doch zu den ersten zwanzig Firmen gehören, die in einen Markt eintreten.

- Adoptionskurve: Auch auf Kundenseite gilt: Ideal ist der Zeitpunkt für einen Markteintritt, wenn schon erste Kunden sich für einen neuen Produkttyp begeistern konnten (und sei es für das Produkt der Konkurrenz), aber die breite Masse noch nicht eingestiegen ist. Die finanziell interessantesten Kunden sind nicht die innovationsfreudigen Pioniere, sondern die Gruppen direkt danach, also die "Early Adopters" und die "Early Majority". Das Problem dabei ist, den Zustand des Marktes herauszufinden. Ernsthafte Marktforschung setzt meistens erst ein, wenn der Markt schon eine gewisse Grösse hat. Darum: Wenn Marktforschungsunternehmen schon Studien über die Zielgruppe anbieten, ist man meistens zu spät dran. Es führt darum kein Weg daran vorbei, in einer frühen Phase selbst mit potentiellen Kunden zu reden.

Diese Faktoren sind also ein ziemlich komplexer Mix aus makroökonomischen und marktspezifischen Einflüssen. Genaue Entwicklungskurven sind immer schwer vorherzusagen, aber man kann trotzdem mit diesen Überlegungen recht gut entscheiden, ob ein Zeitpunkt für die Unternehmensgründung eher vorteilhaft oder problematisch ist.

Aber was tun, wenn man nun wirklich eine gute Geschäftsidee hat, aber das Timing nicht gut aussieht? Sollte man die ganze Sache dann einfach abblasen? Nicht unbedingt. Aber man muss seine Strategie den Realitäten anpassen und nicht einfach nach dem Prinzip Hoffnung agieren. Beispielsweise muss man sich in einem schwierigen Investment-Klima halt alternative Geldquellen suchen, statt auf Venture Capital zu hoffen. Und auch die Wachstumskurve einer Firma sollte so ausgelegt werden, dass sie die Marktlage reflektiert.

Wo stehen wir derzeit in der makroökonomischen Entwicklung? Nun, in den USA häufen sich langsam die Stimmen, die von einer baldigen Abkühlung ausgehen. Venture Capitalist Fred Wilson (del.icio.us, Feedburner, Twitter etc.) beschreibt das in einem neuen Beitrag sehr treffend. Europa und Asien reagieren meistens zeitversetzt. Dort sieht die wirtschaftliche Entwicklung derzeit noch positiv aus, aber erfahrungsgemäss dauert es selten mehr als ein Jahr, bis sich die Konjunktur in eine ähnliche Richtung entwickelt.

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