<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

07.11.14

Umstrittene Lesebestätigung bei WhatsApp: Ein blauer Haken ärgert das Ego

WhatsApp-Nutzer erfahren dank einer neuen Funktion sofort, wenn ihre Nachrichten gelesen wurden. Das Vorgehen sorgt für Kritik, bietet aber eigentlich eine gute Gelegenheit, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Denn im Raum steht die Furcht, durch Nicht-Beachtung verletzt zu werden.

WhatsApp“Nobody is perfect” dürfte eines der zutreffendsten Sprichwörter aller Zeiten sein. Wir Menschen besitzen allerlei Persönlichkeitszüge und Charaktereigenschaften, die nicht ganz zu unserem Wunsch-Selbstbild von konsistenten, rationalen, immer bewusst in unserem besten Interesse handelnden Wesen passen. Moderne Technologie hält uns verstärkt den Spiegel vor und zwingt uns dazu, sich mit diesen Schwächen - die oft als Teil der Kultur von Generation zu Generation weitergegeben werden - auseinanderzusetzen.

Ein Paradebeispiel hierfür liefert ein kleiner blauer Haken, der unter WhatsApp-Usern gerade für Aufruhr sorgt. Wie im Prinzip jedes deutschsprachige Nachrichtenangebot am Donnerstag berichtete, zeigt WhatsApp Nutzern ab sofort mit besagtem Häkchen an, wenn ihre Mitteilung vom Empfänger gelesen wurde. Der Dienst folgt damit dem Gros der Chat-Apps, die entsprechende Funktionalität schon länger mitbringen. Laut einschlägiger Medienberichte reagieren viele WhatsApp-Nutzer in sozialen Medien mit Kritik und Protest - gar vom “Beziehungskiller WhatsApp” ist die Rede. Derartige Momentaufnahmen, bei denen ein paar sorgsam ausgesuchte Tweets ein allgemeines Meinungsbild illustrieren sollen, sind freilich nicht repräsentativ. Dennoch darf man angesichts der Intensität der Berichterstattung und der Vielzahl der herausgepickten negativen Einzelkommentare davon ausgehen, dass tatsächlich viele Nutzer Probleme mit der neuen Funktion haben.

Bei genauerer Betrachtung allerdings erscheinen die Situation und der Aufruhr über die Lesebestätigungen sehr bizarr.

 

Man muss sich dies einmal auf der Zunge zergehen lassen: Anwender wollen zwar ihren Freunden und Bekannten Chat-Nachrichten zukommen lassen. Sie wollen aber nicht erfahren, ob die Empfänger die Nachricht gelesen haben.

Was sie wollen, ist eine Antwort; und zwar am besten sofort, sobald die Empfänger ihre Mitteilung gelesen haben.

Beim Auseinandernehmen dieses Vorgangs wird deutlich, worum es hier geht: Menschen haben Angst davor, verletzt zu werden. Verletzt dadurch, erkennen zu müssen, dass ihre Nachricht gelesen, aber nicht sofort beantwortet wurde. Dass sie und ihr Anliegen auf Empfängerseite womöglich nicht oberste Priorität haben. Es geht um das Ego, um Stolz und darum, dass die Aufrechterhaltung einer Illusion (“vermutlich hat er/sie meine Nachricht noch gar nicht gelesen”) der Wahrheit vorgezogen wird. Fehlendes Selbstwertgefühl soll dadurch kompensiert werden, dass andere einen ganz oben auf der Liste der wichtigen Personen haben. Dieses fragile Konstrukt zerbricht mit Lesebestätigungen. Denn es finden sich einfach zu viele Alltagssituationen, in denen sofortiges Antworten nicht möglich ist - egal welchen Stellenwert ein Chatpartner im eigenen Leben hat.

Dieser Mechanismus wirkt sich auch auf die Empfänger von Nachrichten aus. Denn sie wissen, wie sich ein verzögertes Beantworten auf die Stimmungslage der Gesprächspartner auswirken kann. Also fühlen sie sich unter Druck gesetzt, schnell antworten zu müssen, was Stress produziert. Oder sie nutzen diese psychologische Dynamik für gezielte Manipulation, indem sie Gesprächspartner bewusst warten lassen.

An dieser Stelle sollte aber klar werden, wo das Problem liegt: Nicht bei dem Medium, das Lesebestätigungen anzeigt (Briefeschreiber von früher ohne das Geld für ständige Telegramme hätten sich gefreut, über die Ankunft benachrichtigt zu werden), und auch nicht beim Empfänger, der aus einem von unbegrenzt vielen möglichen Gründen nicht sofort antworten kann oder will. Das Problem liegt bei Absendern, die aufgrund von Schwächen in der Persönlichkeitsstruktur permanente Selbstbestätigung im Chatverhalten der Gesprächspartner suchen.

Noch vor anderthalb Jahren gehörte ich zu der Fraktion, die sich öffentlich gegen aufgezwungene Lesebestätigungen aussprach. Doch mittlerweile habe ich meine Position geändert, meine eigenen Gedanken während des Chatprozesses beobachtet und mich von der Vorstellung gelöst, dass ein “gelesen”-Hinweis ohne unmittelbar erfolgte Antwort in irgendeiner Form eine mangelnde Wertschätzung oder fehlenden Respekt mir gegenüber bedeutet. Am Ende ist es nämlich alles eine Frage der Einstellung und Anspruchshaltung.

Das Schöne ist, dass wir in der Lage sind, an uns zu arbeiten und negative, destruktive Eigenschaften über Bord zu werfen. Das muss man natürlich wollen, und man muss es erkennen - was nicht immer leicht ist. Deshalb begrüße ich es, wenn Technologie uns die Gelegenheit gibt, unsere eigenen Denkmuster zu hinterfragen.

Sicherlich kann man WhatsApp ankreiden, dass es keinen Opt-Out für die Lesebestätigung anbietet - was möglicherweise mit einem Update nachgeholt wird. Und so lange man sich als Empfänger noch Gedanken machen muss, dass ein späteres Beantworten die Person gegenüber zu tiefer Grübelei bewegt, werden Lesebestätigungen in Messengern weiterhin einen Stressfaktor darstellen, den man gerne umgeht. Grundsätzlich aber ist es nicht schlecht, dass wir Menschen von digitalen Anwendungen ein bisschen gefordert werden. Das berühmte, oft zitierte “lebenslange Lernen” bedeutet auch, uns selbst besser zu verstehen. /mw

Screenshot: @lebolukewarm  

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer