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29.01.08

Ulrich Tilgner verlässt das ZDF: Eingriffe und Bündnisrücksichten

Wer in den letzten Jahren politische Nachrichtensendungen geguckt hat, kennt ihn: Ulrich Tilgner, Nahostkorrespondent und bis anhin Leiter des ZDF-Büros in Teheran. Nun aber will er nur noch für das Schweizer Fernsehen berichten, da er sich in Deutschland in seiner Arbeit zunehmend eingeschränkt fühlt.

Das von den Nachrichtenagenturen aufgenommene Interview (1. Teil zum Irak / 2. Teil zum ZDF) führte das Migros-Magazin. Was einigermassen überraschend ist, denn das Migros-Magazin ist eine in Grossauflage verteilte Gratiszeitung eines Lebensmittelhändlers wie Lidl oder Aldi. Was aber zeigt, dass interessante Inhalte nicht von einer Marke abhängig sind. Sie können überall zu finden sein.

Erschreckend ist vor allem Tilgners Begründung, warum er seine Zusammenarbeit mit dem ZDF nicht verlängern möchte:

Tilgner begründet seinen Schritt gegenüber dem Migros-Magazin damit, dass er sich in Deutschland in seiner Arbeit zunehmend eingeschränkt fühlt, «gerade auch was die Berichterstattung aus Afghanistan angeht, jetzt, wo dort deutsche Soldaten sterben».

Es gebe Bündnisrücksichten, die sich in der redaktionellen Unabhängigkeit der Sender widerspiegelten. Gleichzeitig werde Politik immer mehr in Nischen verdrängt. «In der Schweiz hingegen sind Sendungen wie ?Tagesschau? oder ?10vor10? Institutionen.» Dort habe er noch keine Eingriffe in seine Arbeit erlebt.

Das klingt schon fast skandalös. Haben sich nicht alle fast die Haare ausgerissen während dem Irakkrieg? Wegen den embedded journalists, die nicht frei berichten können, sondern der PR-Propaganda der US-Armee ausgesetzt sind?

Und nun kommt einer der renommiertesten Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland (Hanns-Joachim-Friedrich-Preis für Fernsehjournalismus 2003) und erzählt mal kurz von "Eingriffen" in seine Arbeit? Dass die Politik in Nischen verdrängt werde? Dass er sich in Deutschland "eingeschränkt" fühlt?

Update am 31.01.2008, 9:30 Uhr: Hans Leyendecker und Christopher Keil fassen den Konflikt auf sueddeutsche.de im Text " Wundgerieben " zusammen. Lesenswert! Besonders bemerkenswert diese Passage:

Mit der Regierung des Gerhard Schröder habe der eingebettete Journalismus in Deutschland angefangen, und Steinmeier setze die Tradition durch, sagt Tilgner schon mal Vertrauten.

Es kann passieren, dass in Kabul deutsche Militärs nicht mit ihm reden, weil gerade die Politik exklusiv was mit einem Boulevard-Blatt macht. Längst ist nach seiner Wahrnehmung ein geschlossener Kreislauf entstanden, in dem Journalisten die Adressaten symbolischer Politik sind und die Wahrheit auf der Strecke bleibt. In Kabul ist Tilgner neulich von deutschen Diensten abgehört worden - Vorsicht, da redet einer, der nicht dazugehört.

Update am 06.02.2008, 13:10 Uhr: Dem kosmopolitischen Migros-Magazin folgt die weltbekannte Neue Osnabrücker Zeitung - wer sich heute informieren will, muss wohl auch an den Rändern suchen. In einem Telefongespräch zwischen Teheran und Osnabrück mit Joachim Schmitz legt Tilgner nochmals Gründe dar, die ihn dazu gebracht haben, den Vertrag mit dem ZDF nicht zu verlängern:

Normale Kritik gibt es immer, aber die Arbeit eines Korrespondenten hat sich deutlich verändert. Vor sechs oder acht Jahren wollte man wissen: Was haben die Leute vor Ort zu sagen? Heute werden Beiträge nur zu oft in den Redaktionen zusammengebaut und der Sendeablauf wird designed. Vergleichen Sie einfach nur die Dauer der Berichte: Früher habe ich Stücke von vier oder gar fünf Minuten machen können, heute sind sie nur noch gut halb so lang. Da muss ich die Verhältnisse vor Ort immer oberflächlicher zeigen.

Zudem sieht er sich zu einer "Art journalistischer Folklore" degradiert, während seine Kollegen, embedded in the Bundeswehr, zuständig sind für die "politische Berichterstattung".

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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