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15.05.13Leser-Kommentar

Überstrapazierter Begriff: Rettet den "Serial Entrepreneur"

Schon junge, unerfahrene Gründer bezeichnen sich heute als "Serial Entrepreneurs". Damit verliert der Begriff seinen einstigen Glanz und seine positiven Assoziationen.

Serial EntrepreneurGestern besuchte ich die Seedcamp Week Berlin, eine Veranstaltung des in London ansässigen Startup-Accelerators Seedcamp. 20 junge Technologiefirmen aus einer Vielzahl europäischer Länder präsentierten in jeweils drei Minuten ihre Geschäftsideen. Die Pitches waren dabei zumeist sehr solide und deutlich besser als das, was man auf manchen rein deutschen Events geboten bekommt. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass viele der präsenten Gründer nicht ganz unbeschriebene Bücher waren, was Erfahrungen in der Startup-Welt und im Bereich der Unternehmensgründungen angeht. Mindestens einer stellte sich auch gleich als "Serial Entrepreneur" vor. Ich erinnere mich nicht mehr, wer genau, aber das spielt auch keine Rolle. Entscheidend ist, dass ich in diesem Moment stutzig wurde. Denn das Label "Serienunternehmer" ist zumindest in meine Augen im heutigen Websektor isoliert betrachtet nicht mehr länger eine besondere Auszeichnung. Zu inflationär wird es verwendet, zu wenig sagt es über die tatsächliche Erfahrung einer Person und ihre Qualitäten als Gründer aus. Zwei Pivots und ein Firesale, fertig ist der Serienunternehmer

Nun möchte ich freilich nicht die Erfolge der wirklichen Serienunternehmer in Frage stellen, also derjenigen, die über viele Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg immer wieder Unternehmen gegründet, erfolgreich aufgebaut, veräußert und daraufhin wieder von vorne begonnen haben. Es gibt sie ja, diese Persönlichkeiten, die einfach keine Ruhe finden, solange sie nicht stetig in neuen Märkten neue Herausfordungen meistern, und die weniger der große Reichtum antreibt als Abenteuerlust, Risikofreude und das Verlangen, die eigenen Grenzen zu erkunden. Suche ich bei LinkedIn nach "Serial Entrepreneur", finde ich 12.003 Profile, in denen der Begriff auftaucht, darunter zahlreiche bekannte Köpfe aus der Netzwelt, die sich ohne Zweifel diesen Titel anheften können. Doch da sich heute quasi jeder blutjunge Gründer mit der Bezeichnung des Serienunternehmers schmückt, sobald zwei Pivots und ein Firesale hinter sich gebracht wurden, hat der Begriff in letzter Zeit deutlich an Glanz verloren.

Gründen ist einfacher denn je

Dass der Begriff des Seriengründers im Jahr 2013 nicht mehr die selbe Ausstrahlung hat wie früher, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass es heute weitaus einfacher ist, Firmen zu verwirklichen, und das auch wiederholte Male. Weder der gesellschaftliche Widerstand noch die bürokratischen und organisatorischen Hürden sind heute mit denen in der Vergangenheit zu vergleichen. Im Gegenteil: Besonders in den USA gelten Entrepreneure als die neuen Rockstars, wodurch allerlei strukturelle und mentale Limitierungen verschwinden, mit denen sich die Unternehmer der Vergangenheit noch herumplagen mussten (und die im weniger unternehmerfreundlichen Deutschland zum Teil noch existieren). Zudem sind auch die finanziellen Barrieren für Startup-Gründungen weitgehend aus dem Weg geräumt worden, seit dank Cloud Computing und reichlich vorhandenen, das Ökosystem unterstützenden Dienstleistern die Kosten für das Unternehmertum deutlich sanken.

Insofern denke ich, dass heutige Gründer im Onlinesegment geringere Risiken eingehen müssen als die Serienentrepreneure der vergangen Dekaden. Während der gesellschaftliche Status des Gründers sukzessive und erfreulicherweise aufgewertet wird, verliert der Titel des "Serienunternehmers" als Indikator für Leistungsfähigkeit und Erfolg an Aussagekraft. Anders formuliert: Die Serial Entrepreneurs von damals konnten sich dieses Prädikat allein durch langfristigen Erfolg erwerben und dadurch, niemals mit dem Kämpfen aufgegeben zu haben. Heute indes schaffen es auch eigentlich für das Gründerdasein denkbar ungeeignete Individuen, sich mittels Seedrunden, Lean-Startup-Strategien, eines Händchens für PR-Arbeit und eines guten Netzwerks, über Jahre in der Startup-Landschaft über Wasser zu halten und im besten Fall eine ganze Reihe von kurzlebigen "Projekten" und kleineren Unternehmen zu lancieren. Und schon steht auf ihrer Visitenkarte "Serial Entrepreneur".

Unrealistischer Fokus auf Blitzerfolge

Ein negativer Nebeneffekt des allgemeinen Strebens nach dem Status "Serial Entrepreneur" ist auch, dass dabei die Schnell- und Kurzlebigkeit des Unternehmertums anstelle von Langfristigkeit und Nachhaltigkeit betont wird. Blitzerfolge wie Groupon sowie Instagram, das nach anderthalb Jahren für 730 Millionen Dollar an Facebook veräußert wurde, suggerieren, die optimale und typische Dauer von der Gründung bis zum Mega-Exit oder IPO seien zwei bis drei Jahre. Doch in der Realität vergehen eher zehn, von zahlreichen Aufs und Abs geprägte Jahre. Demnach würde es drei Jahrzehnte dauern, bis aus einem Entrepreneur ein Serial Entrepreneur wird. Wer schon nach kürzester Zeit eine ganze Hand benötigt, um die selbst gegründeten Firmen aufzuzählen, der hat zwangsläufig noch nicht alle Phasen des Unternehmertums durchgemacht und offenbart eher mangelndes Durchhaltevermögen anstatt unternehmerischer Exzellenz.

Es ist per se nichts falsch daran, am laufenden Band neue Firmen zu gründen und diese noch in sehr frühen Phasen hinter sich zu lassen, egal in welcher Form dies geschieht. Doch die altehrwürdigen Serienunternehmer, die für den Titel noch mehr getan haben, als sich drei Jahre lang mit ihren Laptops in Szenecafés und auf Networking Parties herumzutreiben, sollten versuchen, die Ehre des Begriffs zu retten und für eine sparsamere Verwendung eintreten. Denn sonst wird es nicht mehr lange dauern, bis alle nur noch mit den Schultern zucken, wenn sich jemand als Serial Entrepreneur vorstellt.  /mw

Foto: Amazon

Kommentare

  • Klaus Kramer

    19.05.13 (09:52:57)

    Junge "sogenannte" Serial Entrepreneure die Unternehmen in Serie gruenden unterliegen der Illusion einer aufgeblasenen hippen Zeiterscheinung. Die heutige Zeit wird zwangsweise immer kurzlebiger und generiert schillernde Blasen. Wie sich die meisten fragilen Blasen verhalten, weiss man nur zu gut. Sie sehen zwar im Augenblick schoen aus, zerplatzen aber schnell wie ein Traum. Man soll seinen Traum leben, und nicht sein Leben traumhaft verbringen. Ich zucke schon seit laengerer Zeit mit den Schultern wenn ich den Begriff Serial Entrepreneur hoere.

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