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05.01.10

Übernahmen im Web: Drei Beispiele für verpasste Chancen

Während sich manch eine Akquisition im Web als Flop herausstellt, wäre an anderer Stelle ein Zusammengehen zweier Dienste wünschenswert gewesen. Drei Beispiele für verpasste Chancen.

Übernahmen sind die Triebkraft für junge Startups. Irgendwann von Google, Microsoft oder einem anderen Internet- bzw. Medienkonzern übernommen zu werden, ist der Traum vieler Gründer. Doch nicht nur auf das Bankkonto von Investoren sowie Unternehmern wirkt sich eine Akquisition positiv aus, sondern durch Synergien und eine Kombination der Funktionen häufig auch auf die angebotenen Dienste und Produkte.

Manchmal jedoch verpassen Onlineanbieter den Exit, sprich den Verkauf. Oder sie gehen an einen Käufer, der eigentlich gar nicht zu ihnen passt. Hier sind drei Beispiele für vergebene Chancen mit deutscher Beteiligung.

Xing und LinkedIn

Xing ist Deutschlands erfolgreichster Dienst der Web-2.0-Ära und noch dazu profitabel. Dennoch wirkt das Hamburger Unternehmen mit acht Millionen Mitgliedern gegenüber seinem US-Konkurrenten LinkedIn wie ein Zwerg. LinkedIn hat über 50 Millionen Mitglieder und dominiert in den meisten westlichen Ländern den Markt der Geschäftsnetzwerke. Die Ausnahme sind einige "Inseln" in Europa, auf denen Xing vorne liegt entweder vorne liegt oder zumindest eine nennenswerte Rolle spielt. Neben dem deutschsprachigen Raum gehören dazu die Türkei und Spanien, wo Xing durch Übernahmen lokaler Anbieter gewachsen ist.

Langfristig dürfte die David-gegen-Goliath-Strategie für Xing zum Problem werden. Eine globalisierte Wirtschaft führt zu länderübergreifenden Kontakten. Während Xing in Deutschland den Ton angibt und die meisten hiesigen Geschäftskontakte dort ein Profil haben, führt für internationales Networking kein Weg an LinkedIn vorbei.

Gerüchte über ein Interesse von LinkedIn an Xing gab es zwar, aber am Ende war es der Medienkonzern Burda, der im November 2009 ein Viertel der Anteile an dem börsennotierten Unternehmen aus Hamburg übernahm . Ob LinkedIn, das sich im deutschen Sprachraum durchaus schwer tut, vielleicht doch etwas neidisch auf Burda geschaut hat, ist nicht überliefert.

Aus Nutzersicht wäre ein vereintes Xing-LinkedIn aufgrund der dann vollständig grenzüberschreitenden Networking-Möglichkeiten definitiv eine gute Sache. Aus internetwirtschaftlichen Gesichtspunkten hingegen wäre es schon etwas schade, wenn Deutschland auch noch sein Social-Web-Flagschiff "verlieren" würde. Aber vorläufig sieht es danach ja ohnehin nicht aus.

Facebook und studiVZ

Gemunkelt wurde schon oft, dass Facebook seinen deutschen Klon übernehmen könnte. Zuletzt vor rund einem Jahr, als wir einen heißen Tipp erhielten, der sich dann aber doch eher als lauwarm entpuppte. Unser Beitrag zur Übernahme war schon fertig geschrieben, um schnell reagieren zu können, Grund zur Veröffentlichung gab es jedoch bis heute nicht - und mittlerweile dürfte das Thema vom Tisch sein.

Während die VZ-Gruppe mit ihren zusammen 15 Millionen Mitgliedern nach wie vor den deutschen Social-Networking-Markt anführt und das Innovationstempo merklich angezogen hat, kann sich Facebook über das Erreichen der notwendigen kritischen Masse in Deutschland freuen. Rund fünf Millionen aktive Nutzer hat das Netzwerk hierzulande mittlerweile, und es wächst stetig. Eine Akquisition von studiVZ, die eine umständliche und mit vielen Fallstricken versehene Integration in Facebook nach sich ziehen würde, dürfte für Mark Zuckerberg als Option nicht mehr interessant sein.

Nun wird Holtzbrinck seine VZ-Netzwerke für immer gegen Facebook verteidigen müssen. studiVZ-CEO Markus Berger-de León sieht die Möglichkeit, dass beide Dienste friedlich koexistieren können, wie er uns vor einigen Wochen in einem Interview verriet. Besser wäre ein Verkauf meiner Ansicht nach dennoch gewesen. Aber nun ist es dafür zu spät, und studiVZ wird versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

News Corp. (MySpace) und Last.fm

Last.fm war über Jahre hinweg das weltweit führende Social Music Network und noch dazu ein Produkt vier junger Gründer aus Deutschland und Österreich. Im Mai 2007 wurde Last.fm vom US-amerkanischen Medienkonzern CBS für 280 Millionen Dollar übernommen. Seitdem ging es für das in London ansässige Unternehmern eher bergab als bergauf. Wettbewerber wie imeem und iLike erhielten immer mehr Aufmerksamkeit und Nutzer (iLike wurde zur führenden Musikapplikation bei Facebook), gleichzeitig fiel Last.fm durch Performance-Probleme, lizenzbedingte Einschnitte in die Funktionalität sowie einen undurchsichtigen Skandal über eine angebliche Herausgabe von Nutzerdaten an die Musikindustrie negativ auf.

Zeitgleich zur Übernahme von Last.fm durch CBS begann der Niedergang von MySpace als globaler Community-Marktführer. Lange dauerte es für die MySpace-Mutter News Corp., bis sie erkannte, dass die Zukunft von MySpace nicht im Social Networking, sondern im Bereich von Musik und Entertainment liegt. In den USA ging mit Myspace Music ein kostenloser Streaming-Dienst an den Start, und vor wenigen Wochen übernahm MySpace den früheren Last.fm-Konkurrenten imeem - dank imeems schlechter wirtschaftlicher Verfassung für Peanuts (relativ gesehen).

MySpace und Last.fm hätten nicht schlecht zueinander gepasst. Zwei Netzwerke mit einer musikaffinen Zielgruppe, bei der eine Seite die Interpreten und ihre Profile mitgebracht hätte (MySpace), die andere Seite die Technologie zum "Scrobblen" sowie die zur Erstellung von Charts samt einiger Verträge mit den Labels. MySpace hätte früher den Schnitt und sich zusammen mit Last.fm zu einer internationalen Macht im Bereich der Musikplattformen machen können. Ob News Corps' Rupert Murdoch bereit gewesen wäre, 280 Millionen Dollar für Last.fm zu zahlen, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Einen spannenden Dienst mit viel Potenzial hätte ein Zusammenschluss in jedem Fall ergeben.

(Illustration: stock.xchng)

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