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10.12.10

Übernahme von amiando: Xing auf Schnäppchenjagd

Xing übernimmt die Münchner Eventplattform amiando für bis zu 10,35 Millionen Euro. Ein Schnäppchenpreis, der Fragen aufwirft.

 

Update am Ende

Die für eine Akquisition gezahlte Summe zu beurteilen, ohne Einsicht in die exakten Kennzahlen zu haben, ist reine Spekulation. Also lasst uns spekulieren! Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass die am Donnerstagabend bekannt gegebene Übernahme der Münchner Veranstaltungsplattform amiando durch Xing ein echtes Schnäppchen für das börsennotierte Geschäftsnetzwerk aus Hamburg ist.

5,1 Millionen Euro zahlt Xing im ersten Schritt für die Übernahme. Eine weitere Überweisung von bis zu 5,25 Millionen Euro soll am 31. März 2013 erfolgen - die genaue Höhe hängt von verschiedenen Voraussetzungen wie dem Verbleib des bisherigen Management-Teams von amiando sowie dem Erreichen bestimmter Umsatz- und Ergebnisziele ab. Der finale Kaufpreis beläuft sich damit maximal auf 10,35 Millionen Euro, kann jedoch auch darunter liegen.

amiando bezeichnet sich als führender Anbieter für Online-Eventmanagement und -Ticketing in Europa. Rund 100.000 Events wurden im Jahr 2009 erfolgreich organisiert und abgewickelt - jeder Veranstalter zahlt eine Provision von 5,9 Prozent vom Umsatz verkaufter Tickets sowie 0,99 Euro pro Teilnehmer. Im August dieses Jahres veränderte amiando sein Preismodell - Veranstalter kostenfreier Events können den Dienst gratis nutzen. Nur wer Tickets verkauft, muss zahlen.

amiando beschäftigt 35 Mitarbeiter, die alle von Xing übernommen werden. Auch CEO Felix Haas bleibt weiter am Steuer.

Das 2006 gegründete amiando gehört zu den wenigen Internetunternehmen aus Deutschland, die sich auch auf internationaler Bühne einen Namen gemacht haben. So hat selbst TechCrunch seinen Ticketverkauf für Events schon über amiando statt über dessen großen US-Konkurrenten Eventbrite abgewickelt.

Ein Blick auf Google Trends zeigt, dass zwar ein Großteil der amiando-Nutzer aus Deutschland kommt, jedoch auch nennenswerte Zugriffe aus Frankreich, Spanien, Großbritannien und den USA erfolgen. Im Herbst 2009 erzielte amiando laut Firmenchef Felix Haas mehr als 55 Prozent des Umsatzes außerhalb des deutschsprachigen Marktes. Vor einem Jahr wurde das Startup vom Weltwirtschaftsforum als einer von 26 Technologie-Pionieren auserkoren.

Aktuelle Angaben zum Umsatz gibt es zwar keine, aber schon im Jahr 2009 laut Firmenchef Felix Haas im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Das Volumen vertriebener Tickets lag dabei im niedrigen zweistelligen Millionenbereich - bei über 100.000 abgewickelten Veranstaltungen auch nicht verwunderlich. Im September vergangenen Jahres prognostizierte Felix Haas das Erreichen der Profitabilität für 2010. Ob dies geklappt hat, ist unklar.

Ausgehend von einem mindestens ähnlich dynamischen Wachstum wie in der Vergangenheit erscheint ein Umsatz in der Nähe der 10-Millionen-Euro-Marke nicht unwahrscheinlich (Update dazu am Artikelende). Xing zahlt demnach für das Startup aus Bayern kaum mehr als den einmaligen amiando-Jahresumsatz, maximal das Zweifache dessen. Es ist zwar kein fairer Vergleich, aber im Falle von Groupon war Google bereit, das Vierfache des für das Folgejahr erwarteten Jahresumsatzes zu zahlen (was der Shoppingplattform bekanntlich nicht einmal gereicht hat). Für den Display-Vermarkter Doubleclick legte Google gar das Zehnfache der Jahreserlöse auf den Tisch.

Nun ist amiando sicherlich kein Groupon und Xing kein Google. Aber es existieren auch keine offensichtlichen Gründe, welche amiando eine zweifelhafte Zukunft attestieren würden (die manche Beobachter bei Groupon durchaus sehen). In Europa ist amaindo ungefährdeter Marktführer mit weiterem Wachstumspotenzial, und abgesehen vom Achtungserfolg in den USA gibt es noch viele weitere Länder, in denen sich die in Sachen Internationalisierung erprobte Plattform versuchen könnte.

Ein anderer Aspekt, in dessen Lichte der Übernahmepreis wie ein Schnäppchen wirkt, ist die perfekte Passform von amiando für Xing. Beide Dienste richten sich vorrangig an Business-Kunden, bei beiden liegen die Kernmärkte im deutschsprachigen Raum, Frankreich und Spanien (Xing ist dazu noch in der Türkei sehr präsent), und das Veranstaltungsfeature bei Xing ist ein von vielen Mitgliedern aktiv genutztes Tool.

Xing bietet bereits seit einigen Monaten eine Integration von amiando in das Event-Feature zur Abwicklung von Ticket-Verkäufen. Die Aussicht, ín Zukunft statt Affiliate-Verdiensten die gesamte Provision einstreichen zu können, muss für Xing äußerst attraktiv erscheinen.

Insgesamt entsteht der Eindruck einer klugen Übernahme mit erheblichen Synergie- und Wachstumsaussichten. Der Preis hingegen wirkt eher wie ein Panikverkauf oder "Fire Sale". Wirklich zufrieden können amiandos Geldgeber, zu denen unter anderem Wellington Partners, Team Europe Ventures, AdInvest und Stefan Glänzer gehören, mit dem Return on Investment nicht sein. Was nochmals die Frage aufwirft, wieso sie (und die Gründer) amiando zu diesen Konditionen überhaupt aus der Hand gegeben haben.

Update: Reuters beziffert den Jahresumsatz von amiando auf 1,5 Millionen Euro, nennt jedoch keine Quelle und auch nicht, welches Geschäftsjahr dies betrifft. Sofern diese Zahl stimmt und für 2010 Gültigkeit hat, würde dies quasi eine Stagnation des Umsatzes im Vergleich zu 2009 bedeuten ("niedriger einstelliger Millionenbereich"). Für ein auf Wachstum ausgelegtes und mit Venturekapital finanziertes Startup wäre dies speziell aus Investorensicht natürlich keine erfreuliche Entwicklung. Dann hätten wir auch ein mögliches Motiv für die auf den ersten Blick gering erscheinende Kaufsumme (die sich in solch einem Fall auf mehr als das Sechsfache des amiando-Jahresumsatzes belaufen würde).

Update 2: Auch Gründerszene-Chefredakteur Joel Kaczmarek ist der Meinung, dass amiando "gefühlt unter Wert verkauft wurde". Er hatte amiando-Chef Felix Haas am Hörer, mehr als Aussagen im Stile von "alles perfekt" bekam er jedoch nicht zu hören.

Update 3: Meine Umsatzschätzung für 2010 basierte auf der Aussage von amiando-CEO Felix Haas aus dem Vorjahr, 2009 einen Umsatz im "niedrigen einstelligen Millionenbereich" erzielt zu haben, sowie auf der Tatsache, dass 2009 rund 100.000 Events abgewickelt worden sind (laut Xing-Pressemitteilung) mit Provisionen von 5,9 Prozent pro verkauftem Ticket und 0,99 Euro pro Teilnehmer für amiando.

Eine Präsentation zur Akquisition von amiando zeigt nun jedoch, dass sich der Umsatz 2009 lediglich auf 0,77 Millionen Euro belief, und dass für 2010 tatsächlich "nur" 1,5 Millionen Euro Umsatz erwartet wird. Die Aussage von Haas zum Umsatz 2009 war damit nicht ganz zutreffend. amiando ist es offenbar gelungen, in den vergangenen Jahren nach außen ein deutlich erfolgreicheres Bild abzugeben, als dies aus wirtschaftlicher Sicht gerechtfertigt war.

In diesem Lichte erscheint der Kaufpreis objektiv betrachtet weniger abwegig. Angesichts der sehr guten Synergieeffekte zwischen amiando und Xing, dem internationalen Standing der Event-Plattform sowie der Markenbekanntheit von amiando halte ich den Preis aus Xing-Sicht dennoch für ein Schnäppchen. Eine kluge Akquisition!

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