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10.03.11Leser-Kommentare

Überhitzung der Internetwirtschaft: Warten auf die Korrektur

Steuert die Internetwirtschaft (wieder einmal) auf eine Überhitzung zu? Es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten. Eine baldige Korrektur ist wahrscheinlich.

 

Mutmaßungen und Analysen darüber, ob sich die globale Internetwirtschaft rund elf Jahre nach dem Platzen der New-Economy-Blase erneut in einen Zustand der Überhitzung bewegt, sind mittlerweile wieder elementarer Bestandteil des Branchendiskurses. Meist erreicht die Debatte einen temporären Höhepunkt, um dann abzuebben und einige Tage oder Wochen später erneut aufzuflammen. Mit diesem Post gieße ich ein wenig Öl ins Feuer.

Vor einigen Tagen habe ich mir Inside Job angeschaut, einen Dokumentarfilm des US-Filmemachers Charles Ferguson über die sich ab 2007 nähernde und 2008 ihren Höhepunkt erreichende Finanzkrise. Das Werk, das gerade mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, beleuchtet die Hintergründe der Krise, erklärt, wie sie durch eine Dekaden zuvor eingeleitete Deregulierung der Finanzmärkte möglich wurde und zeigt auf, wie viele Schlüsselpersonen der US-amerikanischen Finanzwelt und politischen Sphäre eindeutige Anzeichen für einen bevorstehenden Zusammenbruch der Märkte ignorierten.

Was der Film auf anschauliche Weise unterstreicht: Wenn große Geldsummen im Spiel sind, nimmt bei manchen Menschen die Gier überhand, was zu irrationalen und unvernünftigen Entscheidungen führt sowie eine Eigendynamik entwickelt, die nur schwer zu kontrollieren ist. Diese Erkenntnis ist bei weitem nicht neu, erhalten aber ein ganz anders Gewicht, wenn man sie an einem plastischen Beispiel vorgeführt bekommt.

Der Film regte mich zum Nachdenken an; weniger über die Praktiken der Investmentbanken und Versicherungen, die bei den dramatischen Ereignissen vom Herbst 2008 eine Schlüsselrolle spielten, sondern mehr über die generellen Beschaffenheiten und Auswirkungen eines dauerhaften, Begehrlichkeiten weckenden Wachstums - wie wir es gerade im Netz auf breiter Front bewundern können.

Obwohl ich keine Zweifel an der mittel- bis langfristigen Bedeutung von Facebook hege und auch eine schnelle Vervielfachung der Umsätze des Social Networks für realistisch halte , möchte ich nicht leugnen, dass mich angesichts einer Bewertung des Ausnahmeunternehmens von aktuell 75 Milliarden Dollar auf dem Sekundärmarkt doch auch die Frage umtreibt, inwieweit eine solch astronomische Summe überhaupt in irgendeiner Form für ein einzelnes soziales Netzwerk zu rechtfertigen ist.

In diesem Kontext nicht gerade beruhigend wirken da auch die Bestrebungen führender US-Investmentbanken, ihren Anlegern über spezielle Technologie-Fonds die Möglichkeit zu geben, in einschlägige Internetfirmen zu investieren. Nach der heftigen Beteiligung von Goldman Sachs an Facebook werden Konkurrent JP Morgan ähnliche Pläne nachgesagt - zwei Firmen also, die wie andere Wall-Street-Akteure eine erhebliche Verantwortung für den Finanzcrash von vor zwei Jahren tragen.

Die von den Bankgiganten eingerichteten Fonds ermuntern Milliardäre und Millionäre, die nur wenig oder gar keine Ahnung von der Webwirtschaft und ihren Eigenheiten haben, zu Investments in Internet-Shooting-Stars. Den Sprung auf den theoretisch hohe Renditen in Aussicht stellenden Facebook-, Twitter- oder Groupon-Zug will sich natürlich niemand entgehen lassen.

Stichwort Groupon: Auch das kaum noch kontrollierbare Wachstum der Rabattplattform ist ein mögliches Teil des bisher unvollständigen Puzzles, welches ein einer neuen Internetblase ähnliches Gesamtbild ergeben könnte.

Wer nach Anzeichen für eine ungesunde Entwicklung sucht, findet diese auch abseits der Aufmerksamkeit magisch anziehenden Branchenriesen: Von dem Versprechen des populären US-Startup-Inkubators Y Combinator, zusammen mit DST pauschal in jedes für das Programm akzeptierte Jungunternehmen 150.000 Dollar zu investieren, über die steigende Zahl so genannter Talentakquisitionen, bei denen Firmen (i.d.R. Facebook und Google) für Millionenbeträge junge Startups kaufen, nur um ihre Gründer und Angestellte zu übernehmen, bis hin zu überdimensioniert wirkenden Finanzierungsrunden wie der jüngsten -Acht-Millionen-Dollar-Kapitalspritze für den mobilen Chatdienst Kik (der zwar überzeugt, aber in einem extrem überfüllten und zudem von Facebook bedrohten Markt agiert) lassen sich viele weitere eventuelle Teile für unser Puzzle finden.

Am Ende ist es die Lehre aus der Finanzkrise und nicht die aus der ersten Internetblase - deren Rahmenbedingungen mit der heutigen Situation kaum vergleichbar sind - die bei mir zu der Vermutung führt, dass wir demnächst eine nennenswerte Korrektur in Bezug auf die Bewertungen von jungen und vor allem etablierten Internetfirmen und Social-Web-Diensten erleben werden:

"Wenn große Geldsummen im Spiel sind, nimmt bei manchen Menschen die Gier Überhand, was zu irrationalen und unvernünftigen Entscheidungen führt sowie eine Eigendynamik entwickelt, die nur schwer zu kontrollieren ist." Das schrieb ich weiter oben. Ich wüsste nicht, warum es beim derzeitigen Onlineboom anders sein sollte, auch wenn es keine rein faktischen Parallelen zwischen dem letztlich zum Crash führenden Boom im US-Immobilien-, Versicherungs- und Finanzmarkt sowie der aktuelle Euphorie rund um die Internetwirtschaft gibt.

Deswegen glaube ich auch nicht, dass wir einen Knall oder das Platzen einer Blase erleben werden, wobei Webdienste und Investoren wie Dominosteine umfallen. Aber deutliche Korrekturen bei der Bewertung einzelner Anbieter sowie eine neue Sorgfalt und Selektion bei der Wahl der Investmenobjekte in Folge schmerzhafter Verluste und schlechter Erfahrungen sind wahrscheinlich.

Im Vergleich zur Finanzbranche neigen viele dazu, den Startup- und Internetsektor als besser, nachhaltiger und ehrlicher darzustellen - eine Branche, bei der "Awesomeness" an oberster Stelle steht, nicht der Profit. Natürlich ist dem nicht so. Das Geld, mit denen heute vielversprechende Firmen im digitalen Bereich finanziert werden, stammt mitunter von den selben Leuten, die durch den spekulativen Handel mit Derivaten ein Vermögen gemacht und damit den Einbruch der Märkte 2008 mit verursacht haben. Und sobald erneut Milliarden auf der Tischkante liegen, wäre es verwunderlich, wenn dies nicht bei manchen Beteiligten erneut die Vernunft ausschalten und die Spekulationslust einschalten würde.

(Illustration: stock.xchng)

Kommentare

  • Stefan @ Startup-Journey

    10.03.11 (13:48:40)

    Sehr schöner Artikel! Ähnliche Gedanken habe ich auch schon seit längerem. Ich frage mich bei den riesigen Summen, von denen man ja auch in Deutschland immer wieder hört, wieviele von den VC-finanzierten Startups tatsächlich profitabel arbeiten. Oftmals scheint es weniger das Ziel zu sein, ein Unternehmen profitabel zu führen als vielmehr die Bewertung soweit hochzutreiben, dass der Verkauf für Millionen letztlich lohnt. Aber kann sowas auf Dauer gut gehen? Manchmal hab ich da so meine Zweifel.

  • ck

    10.03.11 (16:07:59)

    Der Film regte mich zum Nachdenken an; weniger über die Praktiken der Investmentbanken und Versicherungen, die bei den dramatischen Ereignissen vom Herbst 2008 eine Schlüsselrolle spielten, sondern mehr über die generellen Beschaffenheiten und Auswirkungen eines dauerhaften, Begehrlichkeiten weckenden Wachstums... Genau das ist eigentliche Problem! Ich denke wir sollten sowas hier mal probieren...

  • Walter

    10.03.11 (19:34:51)

    Ich denke auch, dass wir die Anfänge einer neuen Blase sehen. Voraussichtlich geht es aber noch eine gute Weile aufwärts und Spekulanten werden auf der Welle mitreiten. Interessant wäre eine Art "Hype-Index": Aus Bewertungsniveaus (war Facebook nicht erst vor 3 Monaten 25 Milliarden weniger wert?), der Anzahl bestimmter Erwähnungen, Expertenmeinungen, etc. müsste doch ein Mass für die Blase errechenbar sein?

  • Martin Weigert

    10.03.11 (20:39:41)

    Das wäre definitiv was für die Wissenschaft. Ich nehme mal an, Ansätze existieren auch schon.

  • jp

    11.03.11 (00:47:47)

    Ich kann ja das Wort Blase im wirtschaftlichen Zusammenhang nicht mehr hören. Was wurde denn aus der stinknormalen Überbewertung? Überall hört(liest) man nur Blase, Blase, Blase,... Wenn heute meine Großmutter von Blasenschwäche spricht, dann weiß ich gar nicht mehr, ob sie medizinische Probleme meint, oder vielleicht doch ihr Venture-Capital-Depot. Für mich wirft der Artikel mehr Fragen auf, als er beantwortet: Wie kam es denn zur aktuellen Facebook-Bewertung? Welchen Anteil daran hat denn der Sekundärmarkt, und wieviel wird dort gehandelt? Kann man allgemein von einer Überhitzung des Venture-Capital Marktes sprechen, oder sind hiervon nur Internet-Unternehmen betroffen? Mit meinen Fragen bin ich in einem Techblog wahrscheinlich an der falschen Adresse und vielleicht beschreibt das Wort Blase den aktuellen Zustand ja tatsächlich am besten. Mir kommen aber Vergleiche mit Dot-Com-Bubble und vor allem Finanzkrise einfach zu dramatisch vor.

  • Martin Weigert

    11.03.11 (06:48:32)

    Deswegen habe ich zumindest an einigen zentralen Punkten das Wort "Überhitzung" verwendet (was imo den Zustand besser beschreibt). Grundsätzlich teile ich deine Abneigung gegenüber dem B-Wort.

  • Jan Beckers

    17.03.11 (10:03:16)

    Es wird hier eine Überbewertung vor allem am Beispiel von Facebook diskutiert ohne sich einmal kalkulatorisch mit den Bewertungen im Vergleich zu Gewinnpotentialen auseinanderzusetzen. Facebook hat in absehbarer Zeit 1 Mrd. Mitglieder. Google macht mit weit geringerem Log-In der User und mehr Konkurrenz ca. $20 Umsatz / User. Wenn Facebook nur gleichzieht haben sie auch 20 Mrd Umsatz. Wg. der wie ein Monopol wirkenden Netzwerkeffekte sind Margen zwischen 40-50% realistisch. (Google: ca. 30-35%) Es ergeben sich 8-10 $ Mrd Gewinn wenn Facebook in der Monetarisierung nur gleichzieht. Selbst ein nichtwachsendes Unternehmen wäre dann an der Börse ca. 100 Mrd. wert. Facebook wird aber noch darüber hinaus wachsen. Ich habe daher letztes Jahr zweimal in Facebook-Mitarbeiteranteile investiert und glaube, dass Anleger mit mittelfristigem Horizont auch auf der aktuellen $75Mrd. Bewertung noch solide Renditen erzielen werden.

  • Martin Weigert

    18.03.11 (08:29:47)

    Deine Rechnung basiert aber auf dem Best Case Scenario und blendet sämtliche vorhandenen Risiken aus. Es kann so kommen wie du beschreibst. Eine Garantie dafür gibt es aber bei weitem nicht, und auch wenn ich der letzte bin, der irgendwelche Parallelen zwischen Friendster, MySpace und Facebook zieht, so ist die aktuelle Popularität von Facebook nicht für alle Ewigkeit in Stein gemeisselt. Bis zum Erreichen eines Gewinns von 8-10 $ Mrd ist es ja im Falle von Facebook auch wirklich noch ein gutes Stück hin. Gelingt es Facebook, sich mind zehn Jahre als dominanter Player im (Social) Web zu behaupten, dann sind Kalkulationen wie deine absolut nachvollziehbar. Persönlich möchte ich aber nicht die Gefahr ausblenden, dass Facebook dies doch nicht gelingt. Jedoch scheint sich diese Möglichkeit/Gefahr in der Bewertung nicht widerzuspielen. Oder? Am Ende ist es pure Spekulation auf einem sehr hohen Niveau, abhängig von der individuellen Erfahrung sowie Prognose über die zukünftige Entwicklung. Spekulation kann funktionieren, aber wie die Vergangenheit gezeigt hat, kann sie eben auch ordentlich in die Hose gehen.

  • Jan Beckers

    18.03.11 (15:23:19)

    Du hast Recht, natürlich kann noch etwas schief gehen. Das Schöne an Facebook`s Business Case ist aber, dass man das Wachstum für die nächsten Jahre mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen kann. Und als Internet-Insider bekommt man frühzeitig mit, falls doch Probleme auftauchen und kann dann verkaufen bevor es sich im "Kurs" niederschlägt. Ich bin daher ziemlich optimistisch und glaube Facebook kann mittel/langfristig sogar in Apples Bewertungsdimensionen vorstossen... Warten wir`s ab und schauen in 2-3 Jahren nochmal wie sich der Wert entwickelt hat!

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