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23.01.13

Einbetten von Tweets: Twitter sägt am Urheberrecht

In Websites eingebettete Tweets zeigen nun automatisch sämtliche multimedialen Inhalte aus Twitter Cards. Damit führt der Microbloggingdienst das geltende Urheberrecht ad absurdum.

Ein striktes Urheberrecht, moderne IT und das Internet passen einfach nicht zueinander. Mit der Loslösung medialer Inhalte von physischen Trägern, der Kopierbarkeit in Sekundenschnelle ohne Qualitätsverlust und der globalen, grenzüberschreitenden Vernetzung in einer von multinationalen Webplattformen, aber nationalen Rechtsprechungen geprägten Welt wird die bisherige Sicht auf die Schutzmaßnahmen immaterieller Güter Tag für Tag aufs neue in Frage gestellt. Nicht aus Boswilligkeit oder weil einzelne Akteure den Urhebern ihren Verdienst nicht gönnen, sondern als logische Folge des technischen Fortschritts, der im analogen Zeitalter entstandene juristische Konstruktionen plötzlich praxisuntauglich macht.

Ein ganz aktuelles Beispiel dafür liefert Twitter. Seit dem vergangenen Jahr erlaubt der Microbloggingdienst in seinen Tweets die Darstellung zusätzlicher multimedialer Inhalte, genannt wird dies "Twitter Cards". Von Nutzern publizierte Tweets mit Links zu für Twitter Cards freigeschalteten Websites beinhalten weiterführende Informationen zum Content, etwa Textanrisse, Fotos oder Videos. Im Oktober waren mehr als 2000 Anbieter für Twitter Cards aktiviert, darunter diverse Nachrichtenportale und Onlineplattformen wie Tumblr, Flickr oder YouTube. Die normalen, über einen 140-Zeichen-Tweet hinausgehenden Twitter-Card-Inhalte ließen sich bisher schon über in externe Seiten wie etwa Blogposts integrierte Tweets abrufen. Allerdings mussten Nutzer den Content dafür im eingebetteten Tweet manuell ausklappen, mit Ausnahme von YouTube-Videos. Eine Aktualisierung des Einbetten-Werkzeugs hat nun zur Folge, dass sämtliche interaktiven Inhalte aus Twitter Cards automatisch in eingebetteten Tweets erscheinen. Und damit schafft Twitter eine weitere Lücke im ohnehin schon einem Schweizer Käse gleichenden Urheberrecht.

Denn die Option, mittels eines integrierten Tweets multimediale Inhalte von Drittwebseiten auf das eigene Angebot zu holen, erlaubt das elegante, legale Umgehen sonst gültiger Nutzungsbeschränkungen. Am einfachsten erklärt sich dies an einem praktischen Beispiel: Angenommen, ich möchte dieses bei Flickr gespeicherte Foto in einen Blogbeitrag einbauen, so untersagt mir die vom Fotografen gewählte Lizenz "All Rights Reserved" leider eine derartige Maßnahme. Ich könnte mit ihm in Kontakt treten und ihn darum bitten, mir Nutzungsrechte einzuräumen. Auf die Antwort müsste ich womöglich lange warten, und teuer würde es vielleicht auch. Twitter macht es mir viel einfacher: Ich publiziere einfach einen Tweet mit dem Link zu dem Bild. Da Flickr sich dazu entschlossen hat, die Twitter-Card-Funktion zu nutzen, taucht das Foto - mein Objekt der Begierde - direkt im Tweet auf. Ein Klick auf "More" liefert mir dann den Quellcode, um den Tweet in diesen Beitrag einzufügen. Voilà, da ist das Foto, gehostet direkt bei Twitter mit expliziter Gestattung durch Twitter-Card-Partner Flickr (in diesem Beispiel habe ich einen Tweet von Flickr eingebettet, nicht einen von mir).

Love the #symmetry in this museum #photo @v_and_a flickr.com/photos/olovech…

— Flickr (@Flickr) January 23, 2013

Ein derartiges Vorgehen ist laut Twitter vollkommen legal, und es verdeutlicht eindrucksvoll, warum die hierzulande häufig anzutreffenden Hardliner-Positionen zum Urheberrecht so realitätsfremd wirken. Twitter sowie dessen Partner übernehmen die Verantwortung für etwas, was bei einem direkten Kopieren und Hochladen auf den eigenen Server ein zumindest in Deutschland klar rechtswidriges Vergehen wäre. Ob Nutzer von Flickr oder anderen, an das Twitter-Card-System angeschlossenen Diensten gegen die Darstellung ihrer Inhalte in Twitter Cards vorgehen werden, muss sich zeigen. Bisher jedoch blieben Proteststürme von Urhebern gegen Twitter Cards aus.

#Bahr im #Interview: Was #FDP, Dschungelcamp und McDonald's gemeinsam haben on.welt.de/Xv40UM

— DIE WELT (@welt) January 23, 2013

 

Auch einige deutsche Nachrichtenportale haben Twitter Cards aktiviert, so etwa Die Welt oder Focus Online. Deren Nachrichtenhäppchen lassen sich dank der überarbeiteten Funktion zum Einbetten nun vollständig auf externen Websites oder Blogs einbauen, inklusive Textanriss und Vorschaubild. Daraus resultiert im Lichte der Verlagsforderungen nach einem Leistungsschutzrecht eine wichtige Frage:

Was hieße es für gewerbliche Blogger, wenn sie einen Tweet von Welt Online oder Focus Online bei sich integrieren? Das Leistungsschutzrecht sieht eine Lizenzzahlung vor, sofern es zu einer automatischen Aggregation von Verlagsinhalten kommt. Da der Import der Überschriften und Textanrisse automatisiert erfolgt, könnten Nutzer ohne Jurastudium schlussfolgern, dass ihr Verhalten unter das Leistungsschutzrecht fiele - auch wenn die Inhalte ganz klar auf Twitters Servern liegen, nicht bei ihnen.

Genau hier zeigt sich eine der größten, oft monierten Schwächen des Leistungsschutzrechtes: die Schaffung einer enormen Rechtsunsicherheit, die Personen zu allerlei im Endeffekt womöglich überflüssigen Präventivmaßnahmen und Einschränkungen bewegt. Das Leistungsschutzrecht würde abseits von Suchmaschinen und Aggregatoren ein juristisches Minenfeld schaffen, und Twitters einbettbare Multimedia-Tweets unterstreichen diese Befürchtung.

Die Debatte um das Urheberrecht im digitalen Zeitalter ist kein Wunschkonzert, sondern muss der durch Technologie und Globalisierung massiv gestiegenen Komplexität des Gesamtsystems Rechnung tragen. Das Beispiel Twitter zeigt, wieso.

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