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21.04.14

Uber und die Taxibranche: Wie myTaxi unfreiwillig zum Verteidiger des Establishments wird

Ungewohnte Situation für myTaxi aus Hamburg: Weil die Taxibranche mit Uber ein neues Feindbild hat, wird der innovative Dienst der Norddeutschen plötzlich zum Vertreter und Verteidiger des Establishments.

myTaxiDas US-Beförderungsstartup Uber hat mit der im vergangenen Jahr eingeleiteten Expansion nach Berlin in ein Wespennest gestochen. Lokale Taxiunternehmer beobachten den Neuling argwöhnisch, weil dieser "taxiähnliche" Dienstleistungen anbietet, ohne die dafür gemäß Personenbeförderungsgesetz notwendige Erlaubnis vorweisen zu können. Mit einer kürzlich vom Taxiunternehmer Richard Leipold erwirkten einstweiligen Verfügung droht den Kaliforniern, die mittlerweile in Metropolen von 35 Ländern die spontane Bestellung von Limousinen und kleineren Fahrzeugen inklusive Chauffeur anbieten, ein vorläufiger Stopp der Berlin-Aktivitäten - auch wenn Uber in der Spreestadt erst einmal weitermachen und "alle zur Verfügung stehenden Rechtsmittel ausschöpfen" will, um die Verfügung anzufechten. Vor Uber war myTaxi der ungeliebte Eindringling

Der eskalierende Konflikt zwischen der Taxibranche und dem millionenschweren Eindringling aus Übersee erinnert an eine ähnliche Situation zwischen den etablierten Akteuren und einem anderen, das Individual-Beförderungswesen mittels mobiler Technologie herausforderndem Startup, nämlich myTaxi. Als das junge Unternehmen aus Hamburg, das im Gegensatz zu Uber nur offizielle Taxis per Smartphone vermittelt, vor einigen Jahren sukzessive in immer mehr Städten in Deutschland und Europa debütierte, sah es sich mit erheblichem Widerstand von Taxizentralen konfrontiert. Denn myTaxis Direktvermittlung von Aufträgen an die Fahrer machte sämtliche angebotenen Callcenter-Services obsolet. Neben juristischen Angriffen und Brandbriefen gegen die Norddeutschen griffen einigen Taxiunternehmer auch zu ethisch fragwürdigen Methoden, um den ungeliebten Newcomer zu verdrängen. Sowohl vor Drückermethoden als auch Internet-Hetzkampagnen schreckte man nicht zurück.

Früher Revolutionär, jetzt Partner

Mittlerweile hat sich die Aufregung über myTaxi gelegt, selbst wenn die Elbstädter zu Jahresbeginn mit der Einführung eines Auktionsmodells Fahrer und Taxiunternehmen in Rage versetzten. Am Ende und nach einer Tarifkorrektur seitens myTaxi stimmten dennoch fast alle an den Dienst angeschlossenen Fahrer dem neuen System zu. Richard Leipold, der 1. Vorsitzende des Berliner Taxivereinigung e.V. und Initiator des Vorgehens gegen Uber, kommentierte die Pläne von myTaxi im Januar mit folgenden Worten: "Wir entscheiden jetzt, ob MyTaxi uns dient, oder ob wir das Risikokapital der Investoren dieser Firma refinanzieren". In einem offenen Brief zum Fall Uber führte Leipold myTaxi als Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit des Berliner Taxigewerbes mit innovativen Unternehmen an. Die Zeiten, in denen die Taxiwirtschaft das Hamburger Startup vor allem als Bedrohung sah, sind also vorbei. An diese Stelle ist nun Uber getreten.

Vertreter des Establishments

Daraus ergibt sich eine interessante Frage: Wie positioniert sich myTaxi künftig in einer Branche, in der es eigentlich die Rolle des das Establishment in Frage stellenden Revolutionärs inne hatte, sich nun aber plötzlich in einer Position wiederfindet, in der es das Estalishment verteidigen muss? Denn im Vergleich zu Uber oder anderen On-Demand-Befördungsservices wie Lyft oder Wundercar, die keine Taxis nutzen, wirkt myTaxi ziemlich konventionell. Während bei den anderen Services Limousinen-Chauffeure oder gar Privatpersonen als Fahrer zum Einsatz kommen, ist myTaxi bei der "Rekrutierung" auf Fahrer mit Taxikonzession beschränkt und generell auf das Wohlwollen der Alteingesessenen angewiesen. Eine E-Mail-Anfrage an die myTaxi-Pressestelle zur Haltung des Unternehmens in Bezug auf Uber blieb bisher leider unbeantwortet, aber man darf davon ausgehen, dass der neue Umstand von den myTaxi-Macher nicht unbedingt als Grund zum Feiern angesehen wird. Denn in der globalen Digitalökonomie haben systematische Regelbrecher, die keine Rücksicht auf die Belange der Vertreter etablierter Strukturen nehmen müssen, in Hinsicht auf ihre Wachstumsaussichten meist deutlich besseren Karten.

Eine komplett unrepräsentative Spontanumfrage auf Twitter ergab, dass myTaxi in Deutschland trotz der Präsenz von Uber in Berlin und München hohe Sympathien genießt und zufriedene Nutzer hat, was zu einem gewissen Teil natürlich auf ein hierzulande funktionierendes, zuverlässiges Taxigewerbe zurückzuführen ist - nicht zuletzt auch in Folge einer gelungenen Regulierung. In vielen anderen Ländern jedoch sieht die Sache anders aus. Dort stehen Taxis nicht selten für Unzuverlässigkeit, Unseriosität und Abzocke. Ein Unternehmen wie Uber, das nicht gezwungen ist, auf das existierende, von allerlei Problemen geplagte Ökosystem zurückzugreifen, hat dort einen Vorteil. Auch die 300 Millionen Dollar Risikokapital, die das US-Startup einsammeln konnte, lassen myTaxi wie einen Zwerg wirken.

Nicht nur der Ausgang des Disputs um die Zukunft von Uber in Berlin und anderen deutschen Städten wird spannend zu beobachten sein, sondern auch die nächsten Schritte von myTaxi. Bislang galt der Dienst als eines der Vorzeige-Startups aus Deutschland. Doch 2014 stehen die Hamburger vor der schwierigen Frage, wie sie von hier an weitermachen: sich in einer Liäson mit dem Taxigewerbe gegen alle die bisherigen (guten wie schlechten) Konventionen in Frage stellenden Dienste stemmen oder das eigene Geschäftsmodell selbst in Richtung Uber-Konkurrenz erweitern, auf das Risiko hin, die hart erkämpfte Unterstützung der Taxilobby und damit das bisherige Konzept aufs Spiel zu setzen?

Die Spannungen, die sich vor zwei bis drei Jahren zwischen myTaxi und der Beförderungswirtschaft entluden, stellten nur die erste Phase eines länger andauernden Konfliktes dar. Jetzt geht er in Runde zwei. Doch die Schlagzeilen dominiert diesmal ein anderes Unternehmen. /mw

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