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19.09.14

U2 und Grönemeyer contra Streaming: Altehrwürdigen Musikern steht ihre Nostalgie im Weg

Die Band U2 will zusammen mit Apple ein neues Musikformat entwickeln, das Hörer wieder zu Käufern macht. Auch Branchenkollege Herbert Grönemeyer stört sich am Streaming-Modell. Altehrwürdige Musiker glauben noch immer, die Uhren zurückdrehen zu können.

MusikDas Flatrate-Modell von Musikstreaming-Diensten, bei dem Nutzer einen niedrigen monatlichen Pauschalbetrag zahlen und dafür unbegrenzten Zugriff auf viele Millionen Musikstücke erhalten, ist manchen Musikern schon immer ein Dorn im Auge. Denn im direkten Vergleich mit den Einnahmen aus Musikverkäufen fallen die Streaming-Erlöse üblicherweise mickrig aus.

Besonders kritisch wird das All-You-Can-Eat-Konzept von ergrauenden Branchenikonen gesehen, die es aus der Vergangenheit gewohnt sind, allein mit dem Vertrieb eines neuen Albums Millionen zu erwirtschaften. Die irische Rockband U2 etwa will sich nicht damit abfinden, dass der digitale Musikkonsum vom Kauf- zum Mietmodell geht (nichts anderes sind Streaming-Flatrates). Zusammen mit Apple plant sie die Entwicklung eines neuen Musikformats, das Konsumenten wieder in Käufer von Singles und Alben verwandeln soll. Es gehe um ein “interaktives, audiovisuelles Musikformat mit Piracy-Schutz". Totz aller gescheiterten Versuche und offensichtlichen Nachteile für Hörer sieht die Band die Rettung der Musikindustrie also noch immer in DRM. Die 100 Millionen Dollar, die Bono und Kollegen gerade für ihre missglückte Alben-Verschenk-Aktion von Apple kassiert haben sollen, scheint an ihrer Haltung, dass Musiker wirtschaftlich besser gestellt werden müssen, nichts zu ändern. Grönemeyer ist Streaming zu billig

Auch Herbert Grönemeyer, welcher der gleichen Künstlergeneration wie U2 angehört, hält nichts von Streaming: “Streaming muss teurer sein, oder auf eine gewisse Anzahl von Stücken limitiert werden”, erklärte der 58-Jährige der dpa. Sein neues Album werde man nicht im Netz streamen können. Die Aktion von U2 kritisierte Grönemeyer - allerdings nicht aus den Gründen, welche iTunes-Nutzer in Rage versetzten. Er finde es gegenüber den “hart arbeitenden Kollegen” respektlos, dass eine solche Band, deren Mitglieder alle Millionäre sind, sich für so eine Aktion mit den größten Unternehmen der Welt gemeinmacht. Das klingt, als ärgert es ihn, dass Apple mit ihm nicht einen ähnlichen Deal vereinbart hat.

Trotz der unterschiedlichen Sichtweise auf den Apple-Coup vereint U2, Grönemeyer und zahlreiche andere Interpreten, die ihren Aufstieg vor der Zeit des Internets feierten, eine romantisierende Sicht auf die Musikindustrie und ihr eigenes Treiben. Schön illustriert wird dies durch Grönemeyers folgende Feststellung: “Wir reißen uns den Arsch auf, um ein neues Album zu machen und etwas Schönes zu schaffen”.

Die Aufmerksamkeitsökonomie schafft neue Spielregeln

Diese Perspektive stellt das eigene, selbstbestimmte Schaffen in den Mittelpunkt, nicht das Vorhandensein einer tatsächlichen Nachfrage. Es gilt die Annahme, dass nur weil jemand mit Aufwand und idealerweise - aber nicht immer garantiertem - Herzblut ein kreatives Produkt auf die Beine stellt, daraus automatisch ein Anrecht resultiert, dieses Produkt hunderttausendfach oder häufiger verkaufen zu können.

So mag das auch tatsächlich in den 80ern und 90ern funktioniert haben. Doch heute herrscht die Aufmerksamkeitsökonomie. In dieser ist das Angebot an mit einem Klick erreichbaren interaktiven Medieninhalten schier unbegrenzt, wodurch bei den Medienkonsumenten der subjektiv empfundene Wert für einzelne Inhalte dramatisch sinkt. Konkurrierte ein Album von Grönemeyer vor 25 Jahren nur mit dem Album von U2, Radio und zwei Fernsehsendern, muss es sich heute gegen YouTube, Apps, Millionen anderer Songs, Netflix, Videospiele etc. behaupten. Einfach zu sagen, “Hier ist mein Album, kauft!, funktioniert da schlicht nicht mehr. Daran werden auch neue Musikformate, restriktivere Kopierschutzmaßnahmen oder härtere Strafen für illegale Downloader nichts ändern.

Dass die altehrwürdige Musikerelite diese neue Situation als unerfreulich wahrnimmt und sich voller Sehnsucht und Nostalgie an die gute alte Zeit erinnert, in der ihr Renommee genügte, um quasi jede halbwegs akzeptable Platte zu einem Verkaufshit zu machen, ist durchaus nachvollziehbar. Ihre zum Scheitern verurteilten Versuche aber, die Uhren zurückzudrehen, lassen sie wie Ewiggestrige wirken, die sich weigern, mit der Zeit zu gehen.

Man muss Veränderung nicht immer mögen. Aber man sollte erkennen, wann es an der Zeit ist, diese zu akzeptieren. Das gilt übrigens auch für Apple, das beim Musikvertrieb bisher anders als sonst für das Unternehmen üblich keine echte Bereitschaft zur offiziellen Kannibalisierung der iTunes-Musikverkäufe gezeigt hat. Die gemeinsam mit U2 ausgeheckten Pläne bestätigen dies abermals. /mw

Foto: Shopping for music concept with CDs and shopping trolley, Shutterstock

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