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16.06.08Leser-Kommentare

Tyler Brûlé prophezeit: Entweder primitiv oder supersmart

Tyler Brûlé (Monocle) vermutet in zwanzig Jahren nur noch zwei Arten von Publikationen: Primitiver Boulevardtrash mit gigantischer Auflage und elitä­re Presse mit klugen Analysen und Meinungen.

Tyler Brule (Bild Keystone/Walter Bieri)Tyler Brûlé kann auch nichts für seinen "parfümiert und künstlich" klingenden Namen: "Ja ja, und dann bin ich noch homosexuell. Ich hab mir den Namen nicht ausgesucht" sagt er auf die entsprechende Nachfrage von Magazin-Chefredaktor Finn Canonica.

Im zweiten Teil des Interviews macht er dann bemerkenswerte Aussagen über die Zukunft der Printmedien:

Seit Jahren wird von Medienexperten das Ende des Printjournalismus prophezeit. Es heisst, wir würden künftig nur noch Medien über Internet konsumieren. Das ist nur die Hälfte der Wahrheit. In zwanzig Jahren wird es noch zwei Arten von Publikationen geben: Boulevardtrash mit gigantischer Auflage und elitä­re Tageszeitungen und Magazine mit klugen Analysen und Meinungen. Alles, was publizistisch dazwischen ist, bricht weg. Überleben werden die primitiven oder supersmarten Printprodukte.

Das ist nicht abwegig: Die ersten Entwicklungen, wie für lange Zeit als seriös geltende Marken ihren Ruf zerstören, in dem sie Internetportale setzen, die alles dafür tun, um zu ihren Klicks zu kommen und auf Gratiszeitungen, die sich als komplett beliebig erweisen, sind schon länger zu beobachten.

Es bedeutet aber noch mehr: Falls wirklich alles, was dazwischen liegt, wegbricht, dann bricht sehr viel weg. Es wäre dies der Tod aller Regionalzeitungen, vom Eberswalder Blitz bis zum Boten der Urschweiz. Doch vielleicht ist das gar nicht so schlimm, wenn nicht jeder Regionalredaktor seine Leser mit seiner Sicht der weltpolitischen Lage beglückt. Dafür gibt es ja Blogs...

Doch Brûlé möchte Meinungen lesen, gerade auf Papier:

Ich möchte Meinungen lesen, eindeutig. Eine starke Meinung zwingt mich zum Nachdenken, auch wenn ich sie nicht teile. Und längerfristig ist es doch dieses Gefühl, das einen an eine Zeitung bindet. Man möchte als Leser intellektuell gefordert werden, reine News liefert das Internet besser und schneller. Und dann müssen Magazine und Zeitungen unterhalten, das kann man meiner Meinung nach auf zwei Arten tun: Entweder man ist wirklich lustig oder man verführt den Leser, zeigt ihm Gedankenwelten oder durchaus auch materielle Welten, die er noch nicht kennt.

Zum Schluss outet er sich auch noch als Jolly Journalist und meint, Journalisten sollten allgemein besserer Laune sein:

Der Job ist doch gut, oder nicht?

Mehr zu Tyler Brûlé und Monocle auf medienlese.com:

Kommentare

  • christof

    16.06.08 (17:47:12)

    was ist daran aufregend? wer die medienbranche analysiert, kann nur zu diesem schluss kommen.

  • Ronnie Grob

    16.06.08 (17:54:23)

    @Christof: Na dann analysieren vielleicht die Regionalverleger und Regionaljournalisten die Medienbranche nicht? Ob die Aussage aufregend ist, kann ich nicht sagen, aber weitreichend ist sie schon. Ist nicht ein Grossteil der Printpresse irgendwo in der Mitte angesiedelt?

  • Florian Steglich

    17.06.08 (06:39:51)

    Die Antwort auf die Frage nach seinem Namen ist merkwürdig - ich dachte bislang, er habe den Nachnamen von «Brule» zu «Brûlé" stilisiert.

  • Ronnie Grob

    17.06.08 (06:44:12)

    @Florian: Ja, so steht das auch in einer Anmerkung zu seinem Vater Paul Brule im Wikipedia-Eintrag: "Brûlé's father does not appear to have used any diacritical marks or accents on the family surname."

  • christof

    17.06.08 (11:24:17)

    @ ronnie: man analysiert sich halt nicht gern in die bedeutungslosigkeit. beim tagi wird man weitermachen wie bisher, bis es zu spät ist. bei der bz ist es schon zu spät, den rest verfolge ich zu wenig kontinuierlich. von den tageszeitungen in heutiger form wird nur die nzz überleben.

  • jean-claude

    17.06.08 (13:29:43)

    Tyler Brûlé's (oder einfach Brule's?) Analyse halte ich auch für ziemlich flach. Kann man so an auf jedem Provinzpodium zum Thema "Medien wohin?" hören. Grundsätzlich scheint es logisch: Rascher, unterhaltsamer Trash in Massenauflage und womöglich gratis auf der einen Seite hat gute Chancen und meinungs- und faktenstarker Qualitätsjournalismus in gepflegte Sprache auf der andern Seite (Tages- und Wochenmedien). Die Titelvielfalt - heute unübersehbar - muss und wird deutlich schrumpfen. Dafür wird das Werbevolumen für einzelne Titel deutlich grösser. Ist das ein Nachteil? Wenn ich die Schweiz als Beispiel nehme: Ueberregionale Tageszeitungs-Titel von nationaler Bedeutung gibts gerade zwei : NZZ und Blick. Das ist sozusagen die Vorwegnahme der überaus grandiosen Br^ulé'schen Vision. Da hat schon noch die eine und andere, gut gemachte, wirklich überregionale Zeitung Platz. Andere müssen dafür untergehen oder ganz auf "regional" schalten. Dass eine weitere überregionale Alternative nicht der "Tages-Anzeiger" in seiner heutigen Form sein kann und wird, scheint mir auch klar: den zerreisst es früher oder später zwischen Zürcher Hurrahpatriotismus, Pfnüselküstenidylle und nationalem Anspruch. Alles abdecken wollen, ist die falsche Zukunftsstrategie. Umgekehrt muss sich die NZZ aus Kostengründen im regionalen Bereich auf das Wesentlichste beschränken. Zwiscen diesen Modellen aber gibt es noch das unendlich weite Feld des total Lokalen, wo es für andere Medien, insbesondere das web zu kleinräumig wird. Dort wird der Print mit Sicherheit überleben, aber in anderer, attraktiverer Form als heute und eng vernetzt mit dem web bez. mit Lokal-TV und -Radio. Beispiel: die Gemeinderatssitzung, Wahlveranstaltungen, Lokalsport, Ausgehtips, Vereinsanlässe via Internet etc. interaktiv und koordiniert von der lokalen Presse. Dort ist das Synergiepotential - da bezahlbar - nahezu unerschöpflich und noch viel zu wenig ausgenützt. Für moderierte Blogs ein Dorado! Im unmittelbaren Lebensumfeld ist das Interesse an Interaktivität enorm. Das gilt für Städte wie für gut organisierte Landregionen. Aber es wird "Kleinklein" sein und bleiben müssen. Dann ist es in der genannten Kombination auch für die lokale Werbung attraktiv. Da kommt dann auch mehr Geld zusammen, um inhaltlich attraktivere Produkte zu liefern. Grosse, kostenfressende Apparate sind dazu auch nicht mehr nötig. In der Selbstbeschränkung und Konzentration auf das Lokale liegt der Schlüssel. Zur Finanzierung braucht es keine Riesenauflage mehr, die es allen recht machen will. Und am Schluss niemandem wirklich. @)Christof: Mich würde interessieren: Warum ist es jetzt schon bei der bz (Berner Zeitung) zu spät? Welche Anzeichen meinst du?

  • Ronnie Grob

    17.06.08 (15:44:03)

    @Jean-Claude: Ich glaube, dass regionale Printangebote gute Chancen haben, auch in Zukunft. Aber sie müssen sich radikal auf ihre Stärke besinnen, den aufwändigen Regionaljournalismus. Nationales oder gar internationales können andere einfach besser. Es ist schade um das dafür eingesetzte Geld.

  • jean-claude

    17.06.08 (17:36:50)

    @Ronnie Grob: Ja! Dieser Trend läuft eigentlich schon und wird sich in nächster Zeit sicher verstärken. Ein Irrweg sind nach meiner Meinung sog. Kopfblätter, wie sie überall aus dem Boden schiessen, d.h. ein "Mantel" für Ausland, Politik, Wirtschaft etc. und Dutzende von gesplitteten, unübersichtlichen und unpersönlichen Regional- und Lokalteilen. Diese Kombination ist häufig weder Fisch noch Vogel, wirkt oft fabrikmässig gestanzt und langweilig. Die Auflagen sind zwar oft hoch, aber die Leser desertieren. Ich glaube an die Renaissance der kleinen, starken Lokalzeitung, und zwar total lokal, in enger Vernetzung mit web, Blogs, Lokal-TV- und -Radio. Das setzt eine kleine, professionelle Redaktion voraus, die alle Medien gleichzeitig bedient und integriert. Im lokalen Bereich ist das möglich (Reporter mit Videokamera, Tonband, Fotoapparat) und sogar spannend für die einzelnen Journalisten, die nebenher noch ein Blog moderieren. Auf überregionaler Ebene halte ich das für Mumpiz. Im Ringier-Lab in Zürich zum Beispiel arbeitet man so, aber ich halte es für ausgeschlossen, dass das auf überregionaler Ebene funktionieren kann. Dieses Lokal-Spektrum wird von Machern völlig unterschätzt. Dabei können daraus sehr spannende Dinge entstehen. Da ist auch eine ganze Menge Geld zu verdienen. Und das wiederum bedeutet: Man kann mehr Geld in die eigentliche Substanz, den Journalismus, stecken. Es muss also nicht zwangsläufig bedeuten, dass man die häufig massiv unter Produktionsdruck stehenden Lokaljournalisten noch mehr auspresst. Im Gegenteil: Man kann ihnen so Raum schaffen für originäre, eigene Geschichten, die dann mehrfach auswertbar sind, ein grösserer ideeller Aufwand sich also rechnet. Für das Ueberregionale, das Ausland, für Politik, Feuilleton etc. braucht es dann die Grossen Titel. Mit denen können starke Lokalblätter (die lokal und wirklich nur lokal sind) ins Geschäft kommen, z.B. in der Kombination von Abos. Wer das Lokalblatt abonniert, kriegt zugleich günstge Sonderkonditionen z.B. für die FAZ, NZZ, SZ, Welt etc. nach seiner Wahl. Das kann sich auch für die Grossen rechnen: Sie kommen mit geringem Aufwand zu neuen Abonnenten, was die Auflageziffern erheblich beeinflussen kann. Und die Lokalzeitung verdient Geld, indem sie Anzeigen auf sehr viel breiteren, lokal betriebenen Plattformen schalten kann (TV, Radio und vor allem web). Die Investitionen im Lokalbereich sind überschaubar. Den Druck muss man vollständig auslagern. Nur Publizistik. Nichts sonst. Letztlich gewinnt der Leser: Er wird professioneller bedient. Die Amys kennen einen treffenden Spruch: All business is local. Just think about.

  • Ronnie Grob

    17.06.08 (17:49:59)

    @Jean-Claude: Der Informationsbedarf, was das Regionale anbetrifft, wird tatsächlich unterschätzt. Mir gefällt besonders deine Idee von den Regionalzeitungen, die sich zu beiderseits günstigen Konditionen mit Weltblättern kombinieren lassen. Das, liebe Verleger, könntet ihr uns Lesern mal anbieten. Stattdessen zwingen sie ihren Regional(mantel)blatt-Lesern eine Sonntagszeitung auf, die man fressen muss, wenn man nicht das gesamte Blatt kündigen möchte (MittellandZeitung / Sonntag).

  • jean-claude

    17.06.08 (18:28:04)

    @ Ronnie Grob: Small is beautyfull. Wenn man kleine, starke Lokalzeitungen von allem unnötigen und teuren Balast befreit (warum muss eine Lokalzeitung jeden Tag ein eigenes TV-Programm drucken?), sie wirklich aufs lokale konzentriert, könnte das einen weiteren Effekt auslösen: Die heute ungesunde Monopolsituation, wo es in einer Region oder Stadt, selbst in Grosstädten, nur noch eine einzige Zeitung gibt, könnte aufgebrochen werden. Dann wären plötzlich wieder zwei oder drei Zeitungen möglich, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Solche Zeitungen wären wieder finanzierbar, ohne dass sie eine riesen Auflage benötigen. Das Meinungspektrum würde sich auch stark erweitern, weil die im Abo-Kombi gelieferten "Gross-Zeitungen" sich gleichfalls Konkurrenz machen würden. Attraktive Perspektiven noch und noch. Mit Jammern aufhören! Machen!

  • Jan

    18.06.08 (09:22:05)

    Ja, ich dachte auch mal, dass im Regionalen die letzte Chance für Zeitungen läge. Aber tatsächlich ist doch gerade das Lokale und Regionale für ein Blog oder ein anderes Web-Projekt besonders einfach abzudecken ? sehr viel einfacher als nationale und internationale Themen. Man sitzt vor Ort, fährt zu Terminen, spricht mit Leuten ? so läuft das doch im Lokalen. Ich weiß, wovon ich spreche, war ich doch jahrelang Lokalreporter ;-) Das Web ist schneller und multimedial. Dazu kann es eine Fülle bieten, mit der keine Zeitung mitkommt. Nicht zuletzt die Möglichkeit der Interaktion mit dem Leser, die besonders im Lokalen wichtig ist. Eigentlich würde eine gut gemachte lokale Web-Zeitung jeden Papier-Konkurrenten um Längen schlagen und dabei auch noch billiger zu produzieren sein. Warum passiert es dann nicht? Weil es heute noch keine gesicherte Einnahmequelle dafür gibt. Verlage müssten massiv in Vorleistung gehen, was sie natürlich nicht tun, weil sie ja an ihren Papier-Zeitungen noch immer genügend verdienen. Warum sich dieses Geschäft selbst zerstören? Für andere ist der Einstieg aber eben schwer, weil man über Jahre hinweg reinbuttern müsste. Es hängt mal wieder am fehlenden Werbegeld im Netz, denn rein von den Möglichkeiten her wäre das Web dem Papier gerade im Lokalen und Regionalen haushoch überlegen. Ich habe gedanklich verschiedene Modelle durchgespielt, mit denen einen Papier-Zeitung auch in 20 Jahren noch bestehen könnte, aber keines könnte sich meiner Meinung nach gegen entsprechende Web-Angebote halten. Die einzige Chance, die ich momentan sehe: Die Leser bleiben dem Papier als Medium treu. Wie wahrscheinlich das ist, muss jeder selbst entscheiden. Schaut man sich das Mediennutzungsverhalten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen heute an, würde ich mir da als Papier-Verlag allerdings keine großen Hoffnungen machen.

  • jean-claude

    18.06.08 (15:50:28)

    @) Jan, ich bin nicht so pessimistisch. Das wird schon noch kommen. Irgendwann als e-paper oder immer noch gedruckt? Das ist eine offenbar ewig währende Diskussion, ist meiner Meinung nach aber nicht so wichtig. Eine reine Web-Zeitung ohne begleitenden Print wie z.B bei spon, funktioniert nach meiner Kenntnis nirgendwo wirklich. Lass mich aber gern belehren. Im Lokalen - und generell bei Medien - spielt Psychologie eine grosse und erstaunlicherweise wenig beachtete Rolle. Gerade im Lokalen ist spürbare Nähe wichtig - und das heisst u.a. : Anfassen! Ob e-paper oder Holzfaser ist dabei völlig wurscht. Der Blättereffekt zwischen den Fingern ist etwas fundamental Wichtiges. Klingt naiv, aber ich bin überzeugt, dass solche Befindlichkeiten darüber entscheiden, was sich leztlich durchsetzt. Im entscheidenden Punkt sind wir uns aber völlig einig: Gerade im Lokalen sind die Chancen und Synergien zwischen den einzelnen Medienformen riesig und ebenso mach- wie bezahlbar - im Gegensatz zu vielen andern Träumereien, die man uns vorschwärmt.

  • Jan

    19.06.08 (16:35:29)

    @Jean-Claude "Der Blättereffekt zwischen den Fingern ist etwas fundamental Wichtiges. Klingt naiv, aber ich bin überzeugt, dass solche Befindlichkeiten darüber entscheiden, was sich leztlich durchsetzt." Ja und diese von Dir beschriebene Befindlichkeit gibt es in der Generation nicht mehr, die mit dem Netz aufgewachsen ist. Und dazu kann man alle bis etwa 30 Jahre zählen. Je jünger, desto ausgeprägter. Das zeigen entsprechende Studien. Käme die Zeitung heute als neues Medienprodukt auf den Markt, hätte sie im Wettbewerb mit Fernsehen, Radio und Internet keine Chance. Sie ist unaktuell und extrem unflexibel. Man kann die Beiträge nicht abspeichern, nicht weiterleiten und nicht verlinken. Man kann sie sich nicht nach den eigenen Interessen zusammenstellen. Sie bietet deutlich weniger Inhalte. Und dafür soll ich auch noch Geld bezahlen? Ich bin selbst ein Fan von Magazinen und Zeitschriften und denke, dass es in diese Bereich genügend Möglichkeiten für gedruckte Produkte gibt. Bei den Tageszeitungen bin ich mir da nicht so sicher. Sie werden noch lange leben können, weil die Papier-Generation noch viele Jahrzehnte groß genug ist und das Blättern mag, weil sie es so gewöhnt ist. Aber sie wird eben nach und nach wegsterben. Und dennoch: Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir in einigen Jahren von einer "Renaissance des Gedruckten" lesen werden. Wir werden sehen. Aber ich persönlich würde mich schon freuen, wenn die Verlage so massiv in journalistische Online-Produkte investieren würden, wie sie heute in social networks und anderen verlagsfernen Kram investieren...

  • jean-claude

    19.06.08 (18:35:44)

    @) Jan: Bill Gates sagte 1997 beim World Economic Forum in Dallas das Ende der Zeitungen für das Jahr 2000 voraus - wörtlich und nachweisbar. Heute gehen die Prognosen klugerweise auf das Jahr 2050. Da kann dann von den heutigen Propheten niemand mehr festgenagelt werden. Wie auch immer. wir müssen diese Frage ja nicht entscheiden. Ich bin einfach nicht so pessmistisch. Eine kleine Geschichte: Als ich meinen Militärdienst absolvierte, kriegten wir jeweils beim Mittagscamp irgendwo im Feld vom Feldweibel die Post verteilt. Da konnte man genau sehen, wer ein Tagsezeitungs-Abo bezog und somit regelmässig Zeitung las: Von meiner Einheit mit etwa 140 Rekruten (ohne Offiziere) waren es genau vier. Das war in den siebziger Jahren. Die übrigen blätterten vielleicht abneds in der Kneipe ein wenig. Die meisten lasen gar nix. Heute wird unvergleichlich viel mehr gelesen denn je. Junge, die heute keine Zeitung anrühren, werden später eine Zeitung lesen, wie es auch bei meiner - nicht mehr ganz taufrischen - Generaton der Fall war. Ob als e-paper oder Holzmedium macht in diesem Zusammenhang wirklich keinen Unterschied. Aber die Art der Zeitung - inklusive dem Blättern - wird ein eigenes Medium bleiben, zumindest noch sehr sehr lange. Davon bin ich überzeugt. Und Billy Gates wird dann schon lange, lange im virtuellen Nirwana für seinen Irrtum von Dallas gebüsst haben.

  • arbiter

    19.06.08 (19:58:36)

    @ JEAN-PAUL: Woher die hübsche Prognosezahl 2050 für den Papiertod? Hat er nicht am 04.06.08 im Washington Post-Interview glasklar dem Printmedium Zeitung noch 10 Jahre zugebilligt, der Software-Garagenmitbesitzer Steve Ballmer, quasi als Stimme seines fehlbaren Herrn? Also fest im Terminkalender das Beisetzungsdatum notieren: 04. Juni 2018. Im Wendekreis des Zwillings könnte allerdings auch Gegenteiliges möglich sein. Fact ist, Verlage/Verleger und Blogger haben immer noch kein praktikables Geschäftsmodell. Ob Lokalblatt oder überregionale Zeitung, gehe ich von meinen Methusalem-Gewohnheiten aus, wird mich die tollste Web 2.0-Produktion nicht dazu verlocken können, täglich 1 bis 2 Stunden ab Monitor zu konsumieren, ganz abgesehen vom Wochenendaufwand oder zwischendurch ein Magazin. Menschen, die ohnehin beruflich täglich das Eckige im Blick haben, denke ich, sind für die Haptik des Printmediums um so dankbarer. Zeitung lebt, trotz `Qualitätsjournalismus´ der Neuzeit. Ihre Überlebenschancen bewegen sich ungefähr in Augenhöhe mit Büropapier, das trotz aller Prognosen anstatt zu verschwinden, sich verdreißigfacht hat.

  • jean-claude

    20.06.08 (06:58:33)

    @)Arbiter: Die Quelle ist ein Interview mit Timothy Balding, Geschäftsführer der World Associations of Newspaers in der neusten Ausgabe der Fachzeitschrift "Journalist" 07/08, Seite 40 ff: "Print ist nicht tot. Das ist weltweit eine der grössten Lügen. Einige innerhalb der Online-Welt wünschen sich, dass Print stirbt, aber das wird nicht passieren. Zeitungen sind innovativ. Ihre Verkäufe steigern sich in den meisten Ländern sogar oder bleiben zumindest stabil. Die meisten Menschen bevorzugen noch immer gedruckte Nachrichten anstatt des Lesens im internet (....)Tut mir leid Bill, Sie haben sich geirrt. Nun haben sich die Dinge geändert. Die Vorhersagen (gemeint: des absolut sichern Zeitungstods) beziehen sich jetzt auf das Jahr 2050, so dass nicht mehr so schnell die Richtigkeit überprüft werden soll." Mr. Balding ist natürlich ein Interessenvertreter. Anderseits kann man aber auch einfach sagen: Man muss sich mit den neuen Medien dauernd bewegen. Aber man muss sich nicht verrückt machen lassen von irgendwelchen vagen Langzeit- Voraussagen - gerade, wenn sie von Bill Gates stammen....

  • arbiter

    20.06.08 (08:13:35)

    @ JEAN-CLAUDE: Die Fachzeitschrift `Journalist´gehört nicht in den bunten Strauß meiner Lesegewohnheit. Aber gerade daß es einen "Strauß" gibt, spricht ganz unmd gar nicht gegen Print. Den ins Web gesetzt, auf Web 2.0 formatiert oder sonstwie gefummelt? Das wird auch bis 2050 nichts! Andererseits, Schirrmacher und/oder Vilmar wollen unsereinen da ja gar nicht sehen. -Können sie natürlich auch nicht.- Selbstverständlich ändert sich die Medienlandschaft. Wann hätte sie das je nicht getan? Momentan schaut es so aus, als wüchsen für jedes Blatt, das eingeht, mindestens zwei nach. Ist derzeit wie bei den Autobauern, die gut 20 Jahre lang keine Cabrios gebaut haben, jetzt für jede Modellreihe eines anbieten, keine Niesche unbesetzt lassen. Das sagt ja noch nichts über den Erfolg der einzelnen Modelle und ihre Gewinnträchtigkeit. Jedenfalls hat sich in den vergangenen fünf Jahren die Menge der `Nachrichten´, die aus unserem Haushalt zu entsorgen sind, verdreifacht, allerdings mehr durch `kostenlose´Prints und unerbetene Zustellung. Als der zuständige `Entsorgungstechniker´kann ich das nicht übersehen. Viel bedenklicher sind die Veränderungen im journalistischen Bereich. Reichweite, Quote, Anzeigengeschäft killen Qualität. Internationalisierte Medienkonzerne killen publizistische und demokratische Freiheit. Bestes Beispiel derzeit Springers Kurs zur EM in Polen und Deutschland. Durch Medienkampangen im Ausland lassen sich Innen- und Außenpolitik ganzer Nationen emotionalisieren und lenken. Jugoslawien war der Test, Afghanistan der Anfang und Irak der erste Versuch am lebenden Objekt. Wieso Tibet nur halbherzig durchgezogen wurde, ist noch ein Rätsel. Sicher aber sind die Prognosen speziell aus der Softwaregarage so sicher, wie die dort produzierte Software, der auch nach SP 3 jede Sicherheit fehlt, mit jedem Update unsicherer wird. Schließlich arbeiten die dort mit einem Regierungsetat daran, den weltweiten Bankenverkehr nicht länger nur so`n bißchen über SWIFT zu kontrollieren. In keinem Medium hat die Auftragsvergabe durch die Bush-Administration übrigens Protest hervorgerufen. Das Prinzip Print wirds überleben, und sei es als Datenliste.

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