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15.09.10Leser-Kommentare

Twitters neue Weboberfläche: Eine Bedrohung für alle Twitter-Clients

Twitter präsentiert eine überarbeitete Weboberfläche, die aus twitter.com endlich eine ernstzunehmende Twitter-Anwendung macht. Für existierende Clients von Drittanbietern entsteht akuter Handlungsbedarf.

 

Als der beliebte Twitter-Client Seesmic vor einigen Tagen die neueste Version seiner Desktop-Software vorstellte, stand für das US-Startup vor allem eines im Mittelpunkt: sich durch die Integration von über 40 anderen Webservices weniger abhängig von Twitter zu machen.

Denn anders als in seinen ersten Jahren hat Twitter in den letzten Monaten nicht nur das Innovationstempo deutlich angezogen, sondern mit neuen Features und Tools verstärkt in Domänen eingegriffen, die bisher von externen Applikationen kontrolliert wurden. Man denke hier nur an die offiziellen Twitter-Anwendungen für iPhone, Android, BlackBerry und iPad.

Die neue Strategie im Hause Twitter, essenzielle Funktionalität verstärkt selbst bereitzustellen und sich diesbezüglich nicht mehr auf Drittanbieter zu verlassen, vereinheitlicht das Benutzererlebnis über verschiedene Plattformen hinweg und erspart es Nutzern, für bestimmte Features extra zu einer inoffiziellen App zu wechseln.

Gleichzeitig sorgt der Ansatz nicht gerade für Freude in der Entwickler-Community. Dieser wird durch Twitters Sinneswandel die scheinbare Sicherheit genommen, mit Twitter-Applikationen ein nachhaltiges Produkt auf die Beine stellen zu können. Immerhin gibt es stets eine latente Gefahr, direkte Konkurrenz durch eine Eigenentwicklung von Twitter zu bekommen.

Dass Twitter seinen eingeschlagenen Weg unbeirrt weitergeht, verdeutlicht eine neue Benutzeroberfläche für twitter.com, die in der Nacht im Twitter-Hauptquartier in San Francisco vorgestellt wurde und in den nächsten Stunden und Tagen für alle 160 Millionen Twitter-Konten zur Verfügung gestellt wird.

Twitters eigene Weboberfläche blieb seit jeher weit hinter ihren Möglichkeiten zurück - und das, obwohl sie die mit Abstand meistgenutzte App zum Zwitschern ist. Die Funktionalität beschränkte sich bisher auf das Mindeste und ließ viel Raum für Verbesserungen, die von Drittanbietern wie Brizzly oder Seesmic Web dankend umgesetzt wurden. Das bedeutet, dass Nutzer, die direkt aus dem Browser twittern wollten, besser damit bedient waren, externe Apps zu verwenden statt Twitters eigene Webanwendung.

Auch angesichts der Tatsache, dass twitter.com für sämtliche der 370.000 neuen Twitter-Mitglieder pro Tag das Erste ist, mit dem sie in Kontakt kommen, und ebenfalls in Hinblick auf die überdurchschnittlich hohen Einstiegshürden des Dienstes war dies ein fast schon peinliches Versäumnis. Doch rund vier Jahre, nachdem der Microblogging-Pionier das Licht der digitalen Welt erblickt hat, beendet er diese Misere mit einer neuen, moderneren, benutzerfreundlicheren und vielseitig einsetzbaren Weboberfläche.

Wir haben noch keinen Zugriff auf die neue Website, aber den Aussagen der zahlreichen US-Blogger nach zu urteilen, die bereits einen Blick auf sie werfen konnten, erinnert das von grundauf neu programmierte twitter.com stark an Desktop- oder iPad-Apps, ist endlich auch in der Lage, Videos und Fotos (von 16 Partnern wie YouTube, Flickr und Twitpic) direkt innerhalb von Tweets anzuzeigen und lässt sich über Tastatur-Shortcuts bedienen.

Twitter

Twitter macht mit dem Schritt Browserclients von Drittanbietern obsolet. Aber womöglich nicht nur diese. Mashable sieht das überarbeitete twitter.com mit seinem Ansatz, verlinkte Medieninhalte direkt innerhalb der Website zu konsumieren, sogar als Bedrohung für sämtliche Desktop-Applikationen: "Das neue Twitter ist eine vollwertige Desktop-Applikation ohne den Download".

Ohne twitter.com ausprobiert zu haben, fällt es mir schwer, diese Aussage zu kommentieren. Zwei Aspekte fehlen aber in jedem Fall noch, um mit Desktop-Clients wie TweetDeck, Seesmic oder Twitterrific mithalten zu können: Gelegentliche Popups neuer Tweets sind bei einer Browseranwendung in der Regel bisher nicht möglich. Zudem fehlt twitter.com der neue Echtzeitstream (den zumindest TweetDeck und Seesmic unterstützen). Beide Funktionen möchte ich persönlich nicht missen.

Aber dennoch: Twitters jüngstes Werk lässt keinen Zweifel daran, dass die Zeiten für externe Twitter-Clients schwerer werden und dass eine Differenzierung Not tut - entweder durch eine Integration möglichst vieler anderer Services, wie es Seesmic versucht, oder durch fortgeschrittene Features mit stärkerer Team-, Business- und Monitoringkomponente, wie man es bei HootSuite oder CoTweet vorfindet.

Egal wie man zu Twitters Tendenz steht, einigen App-Entwicklern in die Parade zu fahren: Im Prinzip holt der Dienst nur das nach, was er anfänglich (durch die Konzentration auf das lange Zeit unlösbar erscheinende Problem der Skalierbarkeit) vernachlässigt hat, und was bei jedem anderen Webservice zur Grundausrüstung gehört: Die Bereitstellung vernünftiger Web- und Smartphone-Anwendungen mit eigenem Branding.

Sehr viel weiter wird Twitter mit großer Wahrscheinlich nicht gehen. Für kreative Entwickler bleibt damit viel Raum für innovative Apps auf Basis der Twitter-APIs. Twitter-Investor Fred Wilson hatte dazu im April diverse Vorschläge.

Screenshot via

Kommentare

  • Stefan Wolpers

    15.09.10 (05:43:55)

    Habe den Eindruck, dass die neue Version sich weniger gegen die Twitter-Clients wenden, als vielmehr neue Vermarktungsmöglichkeiten eröffnet. Inside Facebook hat das gut zusammengefasst: „And, if the tweet includes links from any of 16 companies who have signed business deals with Twitter, you’ll also have the option to view the content of the link in the right-hand pane.“ http://www.insidefacebook.com/2010/09/14/twitters-site-upgrade-reveals-new-social-transaction-possibilities-for-third-parties/ Es gibt jetzt einfach mehr „Verkaufsfläche“, die zur direkten Interaktion ermuntert – für jedes Live-Shopping-Konzept eine Freude. Twitter letztlich doch nur eine weitere Coupon-Plattform?

  • Martin Weigert

    15.09.10 (05:53:37)

    Ja klar, Twitters Motivation ist es sicher nicht, externe Clients zu killen. Aber als Nebenprodukt eines anderen Ziels (wie dem von dir beschriebenen) kann es dennoch passieren.

  • Stefan Wolpers

    15.09.10 (06:48:21)

    Yub. Wie heißt es schön: "billigend in Kauf genommen". Das Twitter-Ökosystem hat seine Schuldigkeit getan, das Twitter-Ökosystem darf bleiben. Oder auch geh'n. Hauptsache, seine Anwesenheit beeinträchtigt die Monetarisierungsbestrebungen nicht.

  • mh

    15.09.10 (09:09:27)

    das twitter-ökosystem ist für uns als endkunden nahezu genial. wenn das außenherum überleben will, muss es sich stetig weiterentwickeln und zugleich muss twitter nachziehen und versuchen die user auf sich zu konzentrieren. eine innovationsförderndere konkurrenzsituation kann man kaum aufbauen. zumal jeder mit zeit und einer guten idee mitspielen darf. und ja natürlich.. da fallen ständig angebote weg und raus. es gibt auch immer wieder neue, mit anderen ansätzen. mfg mh

  • Philipp

    15.09.10 (14:42:57)

    Twitter muss ja auch Geld verdienen, wenn alles Offline in fremd Applikationen läuft lässt sich dies nur schlecht kontrollieren bzw. eventuell kommen irgendwann Werbe Tweets, welche eine Fremdsoftware filtern könnte.

  • singo

    16.09.10 (13:07:01)

    Wann kommt denn das Update nach Deutschland? War es nicht für gestern angekündigt?

  • Martin Weigert

    16.09.10 (13:11:22)

    Rollout sollte innerhalb der kommenden Tage stattfinden.

  • Flokass

    16.09.10 (14:08:52)

    Ich habe auch vorher schon nur twitter.com und Tweetie (jetzt bekannt als Twitter for iPhone) genommen. Werde mit TweetDeck und Co nicht warm... Meine Tweets lasse ich automatisch von Twitter auch auf Google Buzz und Facebook pushen. Soviel zur Unterstützung von anderen Diensten.

  • âne

    31.10.10 (11:21:05)

    Habe diese Testphase versehentlich verlassen... Gibts eine Moeglichkeit dies rueckgaengig zu machen? :<

  • Meeresbiologe

    31.10.10 (12:02:26)

    Twitter-Clients werden von Twitter erst dann merklich bedroht werden, wenn sie deren eigentlichen Zweck erfüllen - nämlich wenn man in einem Twitter-Account die Timelines mehrerer, d.h. weiterer eigener Twitter-Accounts anzeigen lassen kann. So ist die Abmelderei und Anmelderei zwischen verschiedenen Accounts doch ziemlich mühsam. UND wenn man in Twitter mehr als nur 20 Listen anlegen kann. Twitter ist ein Maschinchen zu Aggregation für alles und jedes. Da sind 20 Listen-Labels allein viel zu wenig, wenn es diesen Zweck erfüllen soll. Wenn man nur mal allein daran denkt, wieviel Ordner man in eigenen Lesezeichen hat ... Ganz zu schweigen davon, dass Twitter es langsam mal einrichten könnte, dass man diese Listen alphabetisch anzeigen kann. So sucht man sich häufig bereits nach den Listen selbst einen Wolf. Und von der Startseite sind die Listenlabels in der neuen Twitterversion leider auch verschwunden. Fazit: Interessante Neuerungen mit durchmischten und weiter optimierbaren Ergebnissen.

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