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16.02.12

"Twitterifikation": Facebook will Twitter verdrängen

Mit seiner Abonnieren-Funktion und dem zugrunde liegenden, asymmetrischen Follower-Prinzip versucht Facebook, Twitter zu verdrängen. Zugpferd dieser Entwicklung sollen Prominente sein.

 

Facebook scheint sich zunehmend das Ziel gesetzt zu haben, den Konkurrenten Twitter komplett überflüssig zu machen. Zwar besteht zwischen beiden kalifornischen Unternehmen schon seit vielen Jahren ein vor sich hin brodelnder Wettbewerb um die User, aber bisher konnten beide aus einem großen Pool bisher nicht oder kaum im Social Web aktiver Nutzer fischen. Mittlerweile jedoch stößt Facebook in immer mehr Märkten an eine Wachstumsgrenze, weshalb das Umwerben der Nutzer des Kontrahenten sowie deren Zeitbudgets für das soziale Netzwerk an Attraktivität gewinnt.

Im Herbst veröffentlichte Facebook deshalb den Abonnieren-Button, der es Mitgliedern erlaubt, die öffentlichen Status-Updates anderer Nutzer in ihrem Feed zu beziehen, selbst wenn man mit diesen nicht über die Plattform "befreundet" ist. Ähnlich wie man bei Twitter mit einem Klick den Mitteilungen einzelner Anwender folgen kann, funktioniert dies seitdem auch bei Facebook - vorausgesetzt, Nutzer haben den "Subscribe"-Knopf für ihr Profil aktiviert und publizieren öffentliche Inhalte.

Einige Monate später dann präsentierte das Social Network den Abonnieren-Button zum Einbau in externe Websites - ein Angebot, das sich speziell für Blogger, Autoren und Journalisten eignet, die ihre Leserschaft an ihr privates Facebook-Konto binden möchten (und nicht an die Facebook Page der jeweilige Site, für die sie schreiben).

Pseudonyme für Prominente

Laut einem Bericht von TechCrunch folgt nun der nächste Vorstoß von Facebook, um dem Abonnieren-Feature noch mehr Sichtbarkeit einzuräumen und damit Twitter ein Stück mehr in die Enge zu treiben: Seit jeher sind es Prominente, die bei dem Microbloggingdienst die meisten Follower besitzen, und Twitter-Neulinge starten häufig damit, den Streams von Berühmtheiten zu folgen, bevor sie ihrer Twitter-Nutzung eine individuellere Note geben.

Genau deshalb wird Facebook künftig prominenten Nutzern die Gelegenheit einräumen, nicht nur ihren Geburts- sondern auch ihren Künstlernamen auf ihrem privaten Facebook-Profil anzuzeigen und über diesen bevorzugt in Facebooks Vorschlagslisten für zu abonnierende User gefunden zu werden. Erforderlich ist dafür eine einmalige Bestätigung ihrer Identität mittels des Uploads einer Ausweiskopie.

Die privaten Accounts von Promis und Personen des öffentlichen Interesses können somit in Zukunft über ihre Pseudonym in der Facebook-Suche gefunden werden. Sofern sie ihren Abonnieren-Button freigeschaltet haben, erlaubt dies Fans und Interessierten, die öffentlichen Updates dieser Person zu abonnieren. Das Recht auf Pseudonyme gilt ausdrücklich nur für prominente Anwender. Für den "Normalnutzer" besteht weiterhin die Klarnamenpflicht.

Verwechslungsgefahr durch Pages und öffentliche Profile

Facebooks Intention ist eindeutig: Es möchte seinen 850 Millionen Anwender sämtliche Anreize nehmen, ihre Aufmerksamkeit zwischen Facebook und Twitter aufzuteilen. Dennoch bahnt sich mit dem Schritt ein potenzieller Konflikt an: Denn Promis, die von der neuen Option Gebrauch machen, werden dann künftig mit zwei verschiedenen Präsenzen bei Facebook vertreten sein - ihrem privaten Profil, das von jedem Anwender abonniert werden kann, sowie mit ihrer offiziellen Fanpage, deren Updates sich per Klick auf den Like-Button beziehen lassen.

Während Fanpages in der Regel von einer Agentur oder einem PR-Experten befüllte, eher offizielle Informationen enthalten, werden die öffentlichen Updates des privaten Kontos persönliche Inhalte verbreiten. In der Theorie erscheint diese Unterscheidung nachvollziehbar, in der Praxis könnte sie jedoch bei Anwendern zu Verwirrung führen - sollen sie nun Lady Gagas Facebook-Seite oder Lady Gagas persönliche Updates ihres Nutzerprofils abonnieren, oder beides?

Einmal mehr gestalten sich die Bedingungen bei Facebook deutlich komplizierter als die bei Twitter. Letztgenannter Dienst kennt keine Unterscheidung zwischen Seiten und Profilen. Es existiert ein Konto von Lady Gaga, das im Optimalfall sowohl offizielle als auch persönliche Mitteilungen enthält. Simpel und ummissverständlich.

Vermischung externer und privater Kommunikation birgt Risiko

Ein zweites Problem könnte sich aus der Tatsache ergeben, dass Berühmtheiten, die ihr privates Facebook-Konto zur Interaktion mit der Anhängerschaft nutzen, sehr genau aufpassen müssen, mit wem sie Inhalte teilen. Bedenkt man, dass sich ein versehentlich mit der Öffentlichkeit geteiltes, kontroverses Partyfoto oder -video bei Persönlichkeiten mit Millionen von Followern schnell zu einem ausgewachsenen Skandal entwickeln kann, erscheint eine Vermischung von externer und privater Kommunikation für Promis nicht gerade risikolos.

Eine Stärke von Facebook ist es seit jeher, mit neuen Funktionen zu experimentieren. Das soziale Netzwerk folgt mit der anhaltenden "Twitterifikation" dieser Linie. Vielleicht klappt es ja. Ganz unproblematisch ist der gewählte Weg jedoch nicht.

Vergessen darf man auch nicht, dass die Standard-Version von Facebooks Newsfeed algorithmisch ausgewählte Highlights aus dem eigenen Netzwerk anzeigt. Vergleichbar mit Twitters-Echtzeitstream ist jedoch die fakultative Sortierfunktion "Neueste Meldungen". Solange diese nicht zum Standard wird, kann Facebook ohnehin nicht vollständig in Twitters Schuhe treten. Im Jahr 2009 aktivierte Facebook übrigens für einige Monate den Echtzeitstream als Hauptfeed, was jedoch bei Nutzern gar nicht gut ankam . Kurze Zeit später war wieder alles beim Alten.

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